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Full text of "Sabbatai Zewi [microform] der Messias von Ismir"

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UNIVERSITY 
OF CHICAGO 
V LIBRABY 7 




Gift of 
Mrs . Lowy 



JOSEF KASTEIN 

SABBATAI ZEWI 

DER MESSIAS VON 
ISMIR 



1930 

ERNST ROWOHLT VERLAG • BERLIN 










COPYRIGHT 1930 



BY ERNST ROWOHLT VERLAG, K. G. A. A., BERLIN W 50 



MARTIN BUBER 

DEM WIRKENDEN MENSCHEN 

ZUGEEIGNET 



ERSTES KAPITEL 

SINNGEBUNG EINER ZEIT 




fSABJETHA Sebx lüdeöruTwR'ex^ imirnmt'tniAsia natus amn's 40. 
Sabbtha Sbsi Coni^ck der Jodtjehoren te.Smirna in^ia p.taercn out. 



'Cermite ^Mey/tentjcu^tir 









ERSTES KAPITEL 9 

UMDIEWENDEDES17.JAHRHÜNDERTSLEBTINISMIR, 

dem heutigen Smyrna, ein kleiner jüdischer Händler, 
Mardochai Zewi. Er ist ein romaniotischer Jude, 
stammt aus Morea und ernährt durch einen Handel 
mit Geflügel schlecht und recht eine Frau und drei 
Söhne : Elias, Josef und Sabbatai . Von dem letzteren, 
Sabbatai Zewi, handelt dieses Buch. Um ihn zu be- 
greifen und zu verstehen, daß ein über die ganze Erde 
verstreutes Volk ihn als Mittelpunkt und Erlöser sei- 
ner Hoffnungen annahm, ist es nötig, sich ihre Situ- 
ation in der Welt und der Zeit gegenwärtig zu machen . 
Damals hatte das Galuth, die Zerstreuung der Juden, 
einen Höhepunkt erreicht . In die große Wanderungs- 
bewegung, die schon mit der Zerstörung des zweiten 
Tempels eingesetzt hatte, war ein Stillstand gekom- 
men. Die letzte große Sprengung eines jüdischen Zen- 
trums, dieAustreibung der Juden aus Spanien, lag um 
hundert Jahre zurück. Schon hatte der Osten sich zu 
einem neuen Sammelbecken aufgetan . Polen und die 
Ukraine hatten den rückflutenden Wanderstrom auf- 
gefangen, der einmal auf der Suche nach Nahrung, 
nach Lebensmöglichkeit bis nach Sibirien vorgestos- 
sen war. 

Das Gesetz dieser Wanderung wurde ihnen von der 
nackten Lebensnot diktiert. Den Raum, den sie zürn 
lieben brauchten, mußten sie der Umgebung abrin- 
gen und ablisten . Darum lagen ihre Möglichkeiten 
immer da, wo ein Wirtschaftsleben ihnen den gering- 
sten Widerstand entgegensetzte. Gedeihen konnten 
sie nur, wo sie Gelegenheit hatten, eine Lücke in ei- 
nem Wirtschaftssystem auszufüllen. Sie trieben aus 
ökonomischen Ursachen. Dergeistige Status der Um- 
gebung ging sie unmittelbar nichts an. 



10 ERSTES KAPITEL 

Es war ein unsicheres Leben, aber es war ein Leben. 
Zuweilen wurden sie reich dabei. Aber es blieb ein 
schwebender Reichtum. Sie hatten keinen Ort, kei- 
nen Winkel, in den sie sich zum Genuß ihrer Güter 
friedlich und ungefährdet zurückziehen konnten . Sie 
waren und blieben in der Fremde. Es konnten dabei 
keine reichen Geschlechter entstehen, kein Adel des 
Besitzes . Sie gaben Geld für die Armen , die das Wan- 
dern nicht aufgegeben hatten ; sie schickten Geld nach 
Jerusalem, weil dort arme Beter saßen; sie zahlten 
der Obrigkeit und den Behörden für ihr Recht auf 
Siedlung, auf Arbeit, für ihr Recht, in den Formen 
ihres Glaubens zu leben, für die Reisen, die sie mach- 
ten, und für den Bart, den sie trugen. Während sie 
mit allen freien Dingen der Welt handelten , handelte 
die Welt mit ihnen . Kaiser verkauften sie und die 
Einnahmen, die sie boten, an Fürsten. Fürsten tra- 
ten sie an Städte ab . Sie waren Wertgegenstand ge- 
worden . 

Oft mußten sie ihren Ort wechseln, wie Gegenstän- 
de ihn wechseln. Es brauchte etwa ein Regent oder 
ein Land oder eine Stadt Geld. Dann wurden sie un- 
ter Konfiszierung ihrer Güter vertrieben und gegen 
hohe Zahlungen wieder zugelassen . Wer nicht weiß , 
ob er morgen noch besitzen wird, rafft leicht vom 
heute mehr und mit minder abgewägten Mitteln zu- 
sammen als er braucht, was ihm aber morgen als 
Lösegeld dienen kann. Das erzeugt in der Umwelt 
Feindschaften , die wieder zu neuen Angriffen und Ver- 
treibungen, wieder zu übermäßiger Vorsorge für den 
nächsten Tag führen. So war die Kette von Druck 
und Gegenwirkung geschlossen. 
Aber zuweilen ging es ihnen ihres Besitzes willen 
gut, weil sie, wie in Deutschland während des Drei- 



SINNGEBUNG EINER ZEIT II 

ßigjährigen Krieges, als Finanziers für die Kriegs - 
kassen dringend benötigt und daher unter besonderen 
Schutz gestellt wurden. Aber eines lernten sie bei 
diesem wechselvollen Schicksal: Besitz ist alles und 
nichts zugleich. Er ist zum Leben nötig, aber er ga- 
rantiert es nicht. Es ist alles auf Zeit und für Zeit 
gegeben. Ihr Besitz hatte keinen Ort^ keine Heimat, 
Über diese soziologische Fremdheit hinaus brachte 
ihre Wanderung sie - mit der einen Ausnahme Spa- 
nien - in Welten, in denen es keine geistigen Treff- 
punkte für sie gab. Da wurden Dinge gedacht, Lie- 
der gesungen, Märchen erzählt, Feste gefeiert und 
Zufriedenheiten empfunden, die nicht die ihren wa- 
ren . Sie kamen nicht mehr aus dem geistigen Wachs- 
tum, sondern aus der geistigen Überreife. Die geisti- 
gen Kontroversen der Zeit betrafen nicht ihre Pro- 
bleme. In den blutigen Kriegen wurde nicht um ihre 
Güter gekämpft. Sie hatten für das, was sie als le- 
bendige Menschen zu den Dingen jenseits von Tag 
und Werken zu sagen hatten, keine Zuhörer und folg- 
lich auch kein Echo . Weder für das Gute noch für 
das Böse, das aus einem ungesicherten Alltag er- 
wächst, hatten sie außerhalb ihrer vier Wände einen 
Lebensraum. Ihre Geis ti^keit hatte keinen Ort, 
Es schied sie von allen Welten, die sie betraten, mehr 
noch als Wirtschaft und Denkform die Art ihres 
Glaubens. Da waren sie selbst es, die sich in die Ab- 
sonderung begaben. Aber die Welt trat an sie mit 
dem seltsamen Anspruch heran , daß sie diesen Glau- 
ben aufgeben sollten. Und da, wo die Duldung ein- 
mal am größten war, wurde die Nötigung am grau- 
samsten: in Spanien. Die Welt machte die Freund- 
schaft oder Feindschaft ihres Verhaltens den Juden 
gegenüber von dem Verzicht auf einen alten, viel 



1 2 ERSTES KAPITEL 

älteren Glauben abhängig. Und als gar die Glaubens- 
formen der Umgebung sich spalteten , standen sie 
vier Ansprüchen von vier unter sich verfeindeten Be- 
kenntnissen gegenüber: mohammedanisch, römisch- 
katholisch, griechisch-katholisch und protestantisch. 
Völker, die einmal Religion aus sich geschaffen und 
sie lebendig gelebt haben, haben jedem Bekehrungs- 
versuch gegenüber die verständliche Selbstsicherheit 
des Besitzes. Nur war es jetzt und hier ein Besitz, 
der für seine Formen und Wirkungen, für seine Wi- 
derstände und Anregungen keinen Boden im nackten 
Sinne des Wortes hatte. Religion wächst als höhere 
Lebensform über Boden und Gemeinschaft, Jenseits 
davon wächst nur die quellgetrennte Tradition . Ihr 
Glaube hatte keinen Ort, 

In einer Welt, die räumlich sehr groß war, weil kein 
Mittel der Technik die natürlichen Entfernungen ver- 
minderte, war alle Weite mit dem Stigma der Fremd- 
heit versehen . Der Mohr aus dem Morgenland und 
der Jude aus aller Welt her waren Gegenstand /des 
Staunens. Wenn Staunen mit Unkenntnis von Sit- 
ten und Gebräuchen zusammentrifft, entsteht daraus 
der ablehnende Hochmut, der Dünkel der eigenen 
Überlegenheit . Aber wenn solche Fremdgestalt nicht 
nur sich auf Jahrmärkten gelegentlich zur Schau 
stellt, sondern sich in aller Nähe für die Dauer nieder- 
läßt, wachsen aus der Fremdartigkeit die Feindselig- 
keiten, gemischt mit einem geheimen Grauen. Man 
zeichnete die Fremden, wie man Aussätzige zeich- 
net. Sie trugen das Merkmal ihrer Absonderung bei 
jedem Schritt. Ihr Volkstum hatte keinen Ort, 
Ein Volk ohne Ort, 

Aber einen Ort muß der Mensch haben. Es kann 
kein Mensch ohne einen Ort und ohne eine Heimat 



SINNGEBUNG EINER ZEIT 13 

leben. Wenn die Welt ihm den Ort versagt, ver- 
legt er die Heimat in sich selbst. Wenn die Wirk- 
lichkeit sich verschließt, greift er zur Fiktion. So- 
lange der Wille zum Leben noch nicht gebrochen 
ist, kann der Mensch an etwas Einmaligem bauen: 
an dem inneren Ort. 

In den Juden verwirklichte sich diese einmalige Er- 
scheinung. Darum würde ihre Situation einzigartig. 
Sie kann nur aus sich selbst und aus keinem Ver- 
gleich begriffen werden . 

An diesem inneren Ort häuften sie alles auf, was 
ihnen in der Gegenwart versagt war, also das, was 
sie von früher her schon besaßen : ihre Kenntnis von 
den vorhergehenden Geschlechtern , von ihren Schick- 
salen, ihren Ideen und Hoffnungen; weiter zurück 
bis zu ihrem Ursprung, bis zu dem geistigen Um- 
kreis, in dem sie geworden und gescheitert waren. 
Ihr innerer Ort war angefüllt mit Geschichte, mit 
Erinnerungen . Sie lebten die Gegenwart mit den Mit- 
teln der Vergangenheit. 

Das hatte zwei Folgen, die für das Geschehen, von 
dem hier berichtet werden soll, von größter Bedeu- 
tung sind. Das, was ihnen als Erinnerung dienen 
konnte, war keiner zufälligen Wandlung, und Ver- 
änderung mehr überlassen. Es war in einer unver- 
lierbaren und durch ihre Heiligkeit unverletzlichen 
Form aufgezeichnet in den Büchern der Bibel, in 
Thora, Propheten und Schriften. Es war erweitert 
und bereichert durch den Talmud, den großen Ver- 
such, die ständig wechselnde Gegenwart mit Sinn 
und Inhalt der Bibel in Einklang zu bringen. Hier 
waren ihre philosophischen Werke, ihre juristischen 
Kompendien, ihre Märchenbücher, ihre Lesefibeln, 
ihre Legenden, Mythen, Anekdoten, ihre Liebes- 



14 ERSTES KAPITEL 

lieder und ihre historischen Berichte. Die Kinder 
wuchsen auf mit dem, was vor Jahrtausenden ge- 
schehen war. Von dem Stadt Wächter am Tor kann- 
ten sie bestenfalls das Gesicht, das bunte Gewand 
und die schreckliche Hellebarde. Aber vom Erzvater 
Abraham kannten sie jede, auch die intimste Einzel- 
heit seines Lebens. An der Politik der Zeit hatten 
sie nur als Objekte Anteil und ein Interesse nur, so- 
weit es ihre Existenz für den nächsten Tag betraf. 
Aber die Frage, ob Israel gut daran getan habe, auf 
die Institution der Richter zu verzichten und statt 
ihrer Könige zu wählen, war von einer leidenschaft- 
lichen Aktualität. Ob der Grundherr ein Tyrann sein 
dürfe und der Bauer ein Sklave sein müsse, ging sie 
nichts an. Wichtig war für diese Menschen ohne Bo- 
den allein die Frage, wieviel der Jude auf dem Acker 
als Nachlese für die Armen stehen lassen müsse. Ihre 
Aktualität war zweitausend Jahre alt und spielte sich 
im vorgestellten Raum der Heimat ab, aus der sie 
vertrieben worden waren. Da sie mit solcher Tradi- 
tion lebten, lebten sie auch mit dem Milieu, in dem 
sie entstanden war. Sie hatten nicht aufgehört^ im 
Orient 'zu leben. 

Ihre Geschichte war aber nicht nur eine Aufeinander- 
folge von Tatsachen, etwa von Kriegen, Königen und 
Orts wechseln , sondern eine Verflechtung innerer und 
äußerer Vorgänge. Da war eine Volks werdung und 
zugleich eine Religions werdung . Es war die erste 
Gemeinschaft der Welt, die nicht aus klimatischen 
und soziologischen Ursachen allein wuchs, sondern 
zugleich zum Träger einer religiösen Idee berufen 
wurde. Lange vor ihrer Seßhaftigkeit wurde ihnen 
um solcher Berufung willen schon ein Land ver- 
heißen. Schon vor der Bildung eines festen, entwick- 



SINNGEBUNG EINER ZEIT 15 

lungsfähigen Volkskörpers wurde ihnen die Ewigkeit 
ihrer Dauer verheißen. Ehe sie sich noch des reli- 
giösen Auftrags würdig gezeigt hatten, wurde ihnen 
verheißen, daß sie ihren Glauben einmal über alle 
Welt ausbreiten würden . So wuchs das Volk mit 
einer Reihe von Verheißungen auf, lebte . . . und 
versagte immer wieder. Es versagte im Laufe seiner 
Geschichte vor dem Auftrag, den es bekommen hatte, 
so oft, daß es endlich mit der Strafe der Zerstreuung 
belegt wurde. Aber da es nur Strafe und nicht Ver- 
nichtung sein sollte, wurde ihnen eine neue, die 
letzte Verheißung gegeben; die der Erlösung durch 
einen Messias . 

Solche Idee scheint dem heutigen Menschen nur als 
etwas sehr Hohes und Fernes, als etwas Mystisches 
und Jenseitiges, als das unverständlich Wunderbare 
begreiflich . Dem Juden von damals war der Begriff 
Messias nicht fremder und ferner als jede Gestalt 
aus der Bibel. Auch der Messias, als der wesent- 
liche Bestandteil ihrer gegenwärtigen Vergangenheit, 
gehörte zu ihrem Alltag. Alle Wunder, die mit sei- 
nem Erscheinen verknüpft waren , waren Dinge, 
die sie mit aller Selbstverständlichkeit erwarteten . Es 
war seelischer Hausrät. Ste begriffen das Wunder als 
einen Bestandteil ihres alltäglichen Lebens, 
So lebten sie ihre Zeit und ihre Erinnerungen. . . 
und es erfüllte sich an ihnen das Gesetz der Über- 
dehnung von Zeit . Zu lange , zu weit waren sie von 
ihrem Ursprung getrennt. Sie vergaßen den Ur- 
sprung nicht, aber sie trugen ihn doch wie eine Pflan- 
ze in sich, die keinen Mutterboden mehr hat, und die 
in einem fremden Klima gedeihen soll . Da wollte et- 
was in ihnen alt werden und sterben . Aber sie durf- 
ten es nicht sterben lassen, da sie doch nichts anderes 



l6 ERSTES KAPITEL 

hatten , um den Hunger ihres inneren Lebens zu stil- 
len . Aber auf der anderen Seite hatten sie auch keine - 
Möglichkeit, aus ihren Erinnerungen eine Wirklich- 
keit zu machen j heim zu wandern und ein neues Leben 
aufzubauen . Wohin mit dem gefährdeten Gut ? 
Die als geistige Hüter des Volkes bestellt waren, die 
Rabbiner, fanden einen Weg. Sie verlangten das 
Leben vom Herzen in das Gehirn . Sie häuften auf 
die Erinnerungen eine endlose Summe von Ausle- 
gungen, Erwägungen, Spekulationen, Theorien. Sie- 
wußten: ein Herz kann in seinem Schlag müde wer- 
den, aber ein Gehirn kann unerschöpflich arbeiten. 
Sie sahen mit Recht die Existenz des Judentums vom 
Herzen her bedroht. Darum drängten sie es von der 
Quelle ab, von der es sich ständig nährte: von der 
Bibel. Sie schufen die Halacha, das Gesetz. Bis zum 
zwanzigsten Lebensjahre war es den jungen Men- 
schen verboten, die Bibel zu lesen. Sie hatten ja den 
Talmud . . Wenn sie erst reif waren , durften sie das 
gefährliche, die Existenz des Judentums in der Zer-; 
Streuung bedrohende heilige Werk lesen . 
Dagegen stand das Volk mit seinem Bedürfnis nach 
Ursprünglichkeit, nach lebendiger Nahrung für den 
inneren Ort . Gegen die Halacha stellten sie die Hag- 
gada, die Legende. In dem stillen Kampf zwischen 
Halacha und Haggada, zwischen bewehrtem Hirn 
und gefährdetem Herzen, verläuft die innere Krise 
des damaligen Judentums . Eine Gefahrensituation in 
Permanenz. Dort drohte die endgültige Erstarrung, 
hier der Untergang in Mystizismus. Das Zünglein 
an der Wage hieß: Heimatlosigkeit. 
Ein gefährlicher, grandioser Versuch ist gemacht wor- 
den, aus diesem bedrohten Gleichgewicht die Ent- 
scheidung zu erzwingen: in den Werken der Kabbala* 




Saloniki 











Smyrna 
2 



SINNGEBUNG EINER ZEIT 17 

Die Kabbala ist eine Denkform und ein Schrifttum 
zugleich; zur selben Zeit Theorie und Weltauffas- 
sung, ein Leben in der Zeit, mit dem Ziele, das Leben 
in der Ewigkeit zu begreifen. Die Kabbala ist der 
Versuch, das Lehen eines Volkes, das einmal eine 
Religion geschaffen hat, fortzusetzen; es fortzu- 
setzen durch das Hineinhorchen in die Zusammen- 
hänge zwischen Weltschicksal und Weltschöpfung. 
Sie ist ein mystisches Erleben der All weit, beschwert 
um die Frage, warum eine göttliche Schöpfung un- 
vollkommen sein könne, und tief durchzittert von der 
Sehnsucht, die Einheit zwischen der Vollkommen- 
heit des Schöpfungsaktes und der Unvollkommen- 
heit des gelebten Lebens herzustellen. 
Die Kabbala ist der Niederschlag von Geistern, die 
das Welträtsel lösen wollen und damit zugleich die 
Einzigartigkeit des Geschickes, das ihnen als Juden 
zugewiesen ist. Gott und die Welt sind auseinander 
gefallen . Ein Land und ein Volk sind auseinander ge- 
fallen. Es gibt die Heimkehr der Welt zu Gott. Es 
gibt die Heimkehr des Juden zu seinem Heiligtum . 
Gottes reine Strahlen sind in der Unreinheit der Ma- 
terie verfangen. Man muß die göttlichen Ausstrah- 
lungen erlösen, sammeln und sie zu Gott hinauftra- 
gen. Gottes Volk ist in die vier Winde und unter 
fremde Völker zerstreut. Man muß es sammeln von 
den vier Enden der Welt her und es zum Dienst an 
Gott zurückbringen in die alte Heimat. 
Die Welt soll erlöst werden . Ein Volk soll erlöst wer- 
den: Messianismus . 

Nicht alle Juden folgen den immer mehr verschlun- 
genen Irrwegen der Kabbala. Aber sie glauben alle 
an einen Messias. Der Kabbalismus hat heftige, lei- 
denschaftliche Gegner . Da sind Parteien , die sich bös- 

2 Kasteia Zewi 



l8 ERSTES KAPITEL 

artig und skrupellos bekämpfen. Aber das ist nur ein 
Streit über den Weg und über die Methode. Das 
Ziel ist das gleiche, die Hoffnung dieselbe: das Kom- 
men des Messias. 

Sie warten mit einer verhängnisvollen Ungeduld. Sie 
haben immer, wie blinde Tiere der Tiefsee, Fühler 
ausgestreckt . Vor der körperlichen Nähe dessen , was 
ihnen zur Nahrung dienen kann , beginnen sie zu zit- 
tern . Der Magnetismus der Dinge und Erscheinun- 
gen pflanzt sich bis zu ihiien hin fort. Es ist ein ein- 
zigartiges Organ, das den Juden in seiner Konstitu- 
tion von allen anderen Völkern unterschied und heute 
noch, wenn auch verkümmert, unterscheidet. In sol- 
cher seelischen Situation begeben sich die Dinge, von 
denen jetzt zu berichten ist. 



ZWEITES KAPITEL 

EINE JUGEND 



2* 



ZWEITES KAPITEL 21 

SABBATAI ZEWI WURDE GEBORE^f IM JULI 1626, 
an dem Tage, der nach dem jüdischen Kalender dem 
9. Ab entspricht; das heißt: dem Tage, an dem vor 
Zeiten der zweite Tempel zerstört wurde. 
Sein Vater, Mardochai Zewi, der arme Geflügelhänd- 
ler, ist etwas schwächlich in der Gesundheit und wird 
bis an sein Lebensende von allerhand Krankheiten ge- 
plagt. Aber daß er drei Söhne hat, empfindet er als 
einen Segen, der ihm das Leben leichter macht. Wie 
dieKinder heranwachsen , bestimmt er zwei von ihnen , 
Josefund Elias, gleichfalls für den Handel, den sie 
fortan gemeinsam betreiben. Den Ältesten, Sabbatai, 
bestimmt er für das Studium. 
Was für ein Studium ? Es handelt sich hier um keine 
der wissenschaftlichen Disziplinen, an die man denkt, 
wenn man sonst von Studium spricht. Studium heißt 
hier die ausschließliche und gründige Beschäftigung 
mit den Büchern der Bibel und dem Talmud . Das 
ist eine leben verzehrende Beschäftigung und doch 
kein Beruf. Gelegentlich überträgt wohl einer dieses 
sein Wissen auf ein Amt und wird Rabbiner. Dann 
hat er ein Auskommen, um das er nicht immer zu 
beneiden ist, denn auch kleine Gemeinden leisten sich 
den Luxus eines geistigen Oberhauptes, und sie fin- 
den reichlich Anwärter auf einen Posten, der mora- 
lische Macht und eine gesicherte Armut in sich ver- 
einigt. 

Für die große Überzahl solcher Studierenden gibt es 
keine praktische Verwendung. Sozial gesehen ist es 
eine unverantwortliche Verschwendung, wenn ein är- 
mer Händler sich zeitlebens mitMer Last eines Kin- 
des beschwert, das aller Voraussicht nach nie im Le- 
ben einen Heller eigenen Geldes verdienen wird . Er 



22 ZWEITES KAPITEL 

leistet sich da das, was das Vorrecht begüterter Bür- 
ger oder Adliger ist . 

Es würde aber ein Mann wie Mardochai Zewi für 
eine solche Erwägung, wenn man sie ihm vorhielte, 
kein Verständnis haben. Sie trifft nicht die Ebene, 
auf der er denkt. Er ist ein kleiner, belangloser Jude 
um die Wende des 17. Jahrhunderts, und wir müs- 
sen die dreihundert Jahre zurückdenken, die uns von 
ihm und seinesgleichen trennen. Dann stoßen wir 
auf eine Geistigkeit, die wir als heroisch oder idea- 
listisch bezeichnen könnten, und die doch für jene 
Zeit und jene Menschen nur eine schlichte, alltäg- 
lich-lebendige Haltung ist. Sie ist das einfache, pri- 
mitive Bekenntnis: für den Tag tun, was für den 
Tag nötig ist. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. 
Der freie Rest an Kraft gehört der anderen Seite des 
Tages: Gott. 

So wird also Sabbatai Zewi in dasLehrhaus, diejeschi- 
bah, gebracht, die unter der Leitung des Rabbi Joseph 
Escapa steht. Joseph Escapa ist ein eifriger Lehrerund 
Sabbatai ein eifriger Schüler, Er ist ein stilles, etwas 
abseitiges Kind, ein ernsthafter kleiner orientalischer 
Jude , dem das Lernen nicht schwer fällt .Er begreift so- 
gar auffällig schnell , und was er einmal gelernt hat, ver- 
gißt er nicht wieder. Dadurch sammelt sich bei ihm eine 
ungeheure Menge Wissensstoff an , den er beherrscht 
wie etwas, das man seit langem kennt. Und was man 
seit langem kennt, wird nicht gerade mit dem größte^n 
Respekt behandelt. Darum fängt er nicht nur früh- 
zeitig an, sich seine eigenen Gedanken zu machen 
und kritisch zu werden, sondern er bemängelt auch 
hier und da die Form, in der ihm der Wissensstoff 
dargeboten wird, die hebräische Sprache nämlich. 
Er liebt diese Sprache, aber es scheint ihm, sie habe 



EINE JUGEND 23 

auf dem Wege ihrer Entwicklung von einst bis heute 
ein unreines und fleckiges Gesicht .bekommen. Er 
ist ein kleiner Pathetiker, auf die klare und gewaltige 
Sprache der Propheten versessen, und möchte, daß 
sie wieder zu Ehren und in Gebrauch komme. Er 
prahlt öffentlich damit, er werde dereinst das reine 
und klassische Hebräisch wieder herstellen. 
Man lächelt nicht einmal über diese Wichtigkeit, die 
er sich gibt . Jüdische Kinder mit klugem Kopf ge- 
nießen in seinen Kreisen viel Nachsicht und Respekt, 
und Sabbatai hat immerhin die ungewöhnliche Lei- 
stung aufzuweisen, daß er mit fünfzehn Jahren das 
gesamte talmudische und rabbinische Schrifttum be- 
arbeitet und bewältigt hat. Dazu brauchen andere 
ein ganzes Leben . Er schafft es , während er noch an 
der Grenze der Kindheit steht. Er müßte jetzt, wenn 
er in den Spuren des Herkömmlichen bleiben wollte, 
diesen Wissensstoff noch einmal und immer wieder 
von neuern durcharbeiten, immer neue Feinheiten, 
Möglichkeiten und Auslegungen entdecken, Ent- 
scheidungen über sehr subtile Fragen des religiösen 
Rechts fällen und sich daniit den Posten einer Autori- 
tät auf dem Gebiete der jüdischen Gelehrsamkeit er- 
ringen. 

Aber das kann er nicht. Dazu hat er nicht die innere 
Ruhe und den inneren Gleichmut . Schon die Schnel- 
ligkeit, mit der er den traditionellen Lehrstoff be- 
wältigt hat, beweist, daß hier eine Unruhe am Wer- 
ke ist, eine Hast, ein Getrieben werden von dem Be- 
dürfnis , andere und neue Dinge zu erfahren . Da ist 
eine innere Bewegung im Fluß, die etwas sucht und 
das Ziel noch nicht kennt. Darum kann er nicht re- 
petieren. Repetieren ist etwas für die Menschen, die 
nur fleißig sind. Sabbatai Zewi ist nicht fleißig. Er 



24 ZWEITES KAPITEL 

ist hungrig und neugierig. Er ist an dem obligaten 
Wissensstoff weder satt noch zufrieden geworden. 
Er steht vor einem leeren Räume, 
Es ist nicht sein Verstand, der hier revoltiert, denn 
wo gäbe es für das Gehirn mehr Nahrung als in den 
Labyrinthen des Talmud, in denen ein Volk das 
ablagerte, was ihm in der schöpferischen Wirklich- 
keit einer Gemeinschaft auf eigenem Boden versagt 
war? Mehr ist es schon das Herz, das hier nicht zu 
seiner Befriedigung kommt . Aber auch nicht eigent- 
lich das Herz allein, sondern jenes Zwischenreich 
zwischen Gehirn und Gefühl, zwischen Geist und 
Trieb, zwischen geistiger Reizbarkeit und Empfäng- 
lichkeit für Affekte, jene Ebene der Phantasie im 
Gestalten und der Suggestion im Erdulden, die dar- 
nach verlangt, belebt zu werden. 
Das kann der Talmud diesem frühreifen Kinde nicht 
geben . Im Talmud gibt es nur eine gedankliche Wirk- 
lichkeit, und Wirklichkeit ist etwas, was Sabbatai 
nicht kennt. Wirklichkeit erlernen und erdulden Kin- 
der, wenn sie spielen, oder Jünglinge, wenn man sie 
mit einem Beruf vor das Leben stellt. Man hat Sab- 
batai nicht spielen, geschweige denn sich im Alltag 
bemühen lassen . Aber da der Mensch doch auf der 
Erde lebt und die Welt in tausend Erscheinungsfor- 
men auf ihn eindringt, muß er eine Wirklichkeit ha- 
ben, sei es auch nur diejenige, die einer sich selbst er- 
findet. 

Nun lebt ganz in seiner Nähe eine Wirklichkeit, die 
sich zwar mit den Händen nicht greifen läßt, die aber 
auch von den Realitäten des Daseins nicht angetastet 
und erschüttert werden kann, und die gerade darum 
besonders stark ist: die Welt der Kabbala. Das ist 
eine Wunderwelt. Die Geschichte des Volkes, alle 



EINE JUGEND 25 

Verheißungen, aller Sinn von Schöpfung und Welt 
sind darin eingefangen . Alle Geheimhisse von Sünde 
und Erlösung sind da aufgedeckt, freilich nur für den, 
der den Sinn zu deuten und das Wort richtig zu lesen 
versteht. Da wird die starre Folgerichtigkeit .tal- 
mudischen Denkens aufgelöst zu stoßweisen, zucken- 
den, mit Ekstase behangenen Erkenntnisseh oder Er- 
gebnissen . 

Also Neuland, in dem man sich verlieren kann, Land 
auch, das noch nicht so schwer von Tradition durch- 
setzt und so zwangsläufig und unbeweglich gemacht 
worden ist. Dafür ist die Entwicklung noch zu jung. 
Zwar gibt es auch hi^r rein gedankliche Arbeit zu 
verrichten, in dem theosophischen, dem theoretischen 
System der Kabbala, der Kabbala Jjunit; aber dann 
gibt es das theurgische, das praktische System, die 
Kabbala Maassit . Aber in einem wie im anderen liegt 
eine völlig andere Welt als im Talmudischen und im 
Rabbinischen. Man muß hier nicht mit Einbruchs- 
werkzeügen vor einem Gewölbe von einzelnen Din- 
gen, Theorien, Erkenntnissen, Auslegungen und Ent- 
scheidungen stehen, sondern man ist an dem, was 
die Kabbala enthält, notwendig als Mensch und Per- 
sönlichkeit beteiligt, wenn überhaupt man sich zu ihr 
bekennt. 

In der Kabbala kreist alles Denken und Erwägen um 
die Erwartung, daß einmal ein Mensch komme, der 
die innere Ordnung der gestörten Welt wieder her- 
stelle: ein Messias. Er ist nötig, denn die urselischeh 
Elemente, die Nizuzoth, sind gefallen, zerfallen, in 
die Fesseln des Urbösen geraten, weil die Geister, 
die göttlichen Elemente, die Schebirath Hakelim, 
gefallen sind . Sie müssen wieder von einander getrennt 
oder das Böse muß vernichtet werden , Dann wird 



26 ZWEITES KAPITEL 

die Welt wieder gut. Die Gnade kann dann auf den 
vielfachen Ausstrahlungen Gottes, den Sefiroth, wie- 
der die Erde berieseln . Dann beginnt die geordnete 
Welt, die Olam ha-Tikkun. Jeder, der gerecht ist 
und eine reine Seele hat, kann dazu beitragen, wenn 
er nur begreift, welche Zusammenhänge zwischen 
der Welt von oben und der Welt von unten bestehen, 
und wenn er die Kawanot, die Bußübungen erfüllt, 
die in der praktischen Kabbala vorgeschrieben sind. 
Jeder kann es, aber mit letzter Kraft und Sicherheit 
wird es der Messias können, der verkörperte Ur- 
mensch, der Adam Kadmon, der selbst ein Teil der 
Gottheit ist. 

Man sieht also : hier wird dem einzelnen eine Mög- 
lichkeit gegeben und eine Aufgabe gestellt . Hier wird 
jeder angerufen. Jeder, der sich mit dieser Lehre be- 
faßt, ist persönlich gemeint. Es wird ihm anheimge- 
geben, den Schlüssel zu suchen und sich zu bpmühen . 
Iri diese Welt wächst jetzt der junge Sabbatai Zewi 
hinein, und man begreift, daß er das System nur 
durchfliegt, um schnellstens dort zu landen, wo das 
Bewegte, das Greifbare ist, wo er selber gemeint ist, 
und wo er tun darf, was die geheimnisvolle Idee von 
ihm erwartet . Kein Gefühl für Jugend und Kindheit 
hindert ihn daran, sich in solcher Welt zu verlieren. 
Die Welt, die da eröffnet wird, ist hart und sehr 
lebensfeindlich. Da gibt es Kasteiungen aller Arten 
und Grade, da gibt es Gebete, Fasten, Bußübungen 
und Tauchbäder, Dinge, die eine mönchische Ent- 
haltsamkeit fordern und den Körper abtöten sollen. 
Aber dafür verleihen sie eine unerhörte Klarheit des 
Geistes und eine gesteigerte Aufnahmefähigkeit des 
Gemütes für die überirdischen und übersinnlichen 
Dinge, Dadurch wird einer in den Stand gesetzt, zu 



EINE JUGEND 27 

Gott und den Engeln in nahe, vernehmbare und wahr- 
nehmbare Beziehung zu treten, den Gang der Welt- 
ereignisse vorauszuschauen und Dinge zu bewirken , 
yon denen die schlichteren Menschen bekennen müs- 
sen, daß sie Wunder seien. 

Auf dieseni Wege ist also eine ungewöhnliche Stei-^ 
gerung der Persönlichkeit möglich. Sabbatai er- 
fährt sie in dem Maße, in dem er in dieses neue 
Reich eindringt. Er, der junge, unausgereifte 
Mensch, kommt sehr bald in den Ruf, ein großer 
und kenntnisreicher Kabbaiist zu sein . Es nähern 
sich ihm Menschen, die von seinen Kenntnissen pro- 
fitieren möchten, und die darum bereit sind, sich 
von ihm belehren zu lassen . Das bedeutet etwas für 
einen Mensc|ien in so jungen Jahren, Das gibt ihm 
ein besonderes Gefühl des Wertes und der Bedeut- 
samkeit. Er erfährt und begreift daraus, daß er etwas 
gilt und d.aß er abseits und über dem Durchschnitt 
der Gleichaltrigen steht. Er ist gerade achtzehn Jahre 
alt, da erteilen ihm die Rabbiner seiner Stadt schon 
den Ehrentitel eines Chacham, eines Weisen. 
Es ist ein alter Brauch, daß um einen Gelehrten sich 
Menschen scharen, die von ihm lernen wollen, die 
sich ihm geistig unterordnen und die Gedanken ihres 
Meisters zu ihren eigenen machen . Da Sabbatai nun 
ein Chacham geworden ist, darf es nicht fehlen, daß 
auch er einen Kreis von Menschen um sich hat, die 
sich in geistige Abhängigkeit von ihm begeben . Aber 
dazu taugen ihm nicht die Älteren, Erwachsenen, die 
da kommen, um sich eine Frage beantworten oder 
ein Geheimnis erklären zu lassen, und dann mit Dank 
und respektvolleni Kopfschütteln fortgehen . Er will 
nicht die um sich haben, die wieder fortlaufen; er 
will die haben, die bei ihm bleiben, die ihm durch 



äS zweites KAPITEL 

ihre ständige Anwesenheit bestätigen, daß er der jun- 
ge Chachäm, der ungewöhnliche und auffallende 
Mensch ist. Er braucht jugendliche Menschen, in 
denen wie bei ihm die Neugierde und der Hunger 
sind, die Gläubigen, die Pathetiker, die Enthusia- 
sten. Es gibt ihrer genug. Man muß sie nur aus- 
wählen, sie an sich heranziehen, sie in Andeutungen 
ahnen lassen, daß er, der Chacham Sabbatai Zewi, 
es sein wird, der ihnen auf erregenden und geheimnis- 
vollen und wunderbaren Wegen vorangeht. Er weiß: 
er hat so Vieles und so Tiefes in sich, daß er Hunder- 
ten von ihnen abgeben kann. 
So wählt er aus dem Kreise derer, die mit ihm ar- 
beiten, und die mit Fragen zu ihm kommen, eine be- 
sondere Schar aus, zu deren Führer und Lehrer er 
sich macht. Was er da sucht, sind nicht Freund- 
schaften, obgleich nichts mehr als Wissen und Ju- 
gend dazu befähigen. Er ist nie der Freund irgend 
eines Menschen gewesen . Zeit seines Lebens haben 
sich für ihn die Menschen aufgeteilt in Gegner und 
Anhänger. Der Grund dazu wächst in diesen Jahren, 
in denen er vonseinem Übermaß geben will, und in 
denen er verlangt, daß man vor ihm stehe und an- 
nehme. Er sucht nicht Menschen, er sucht Jünger. 
Indeni er sie in geistige Abhängigkeit von sich bringt, 
befriedigt er sein frühes Bedürfnis nach persönlicher 
Anhängerschaft. Sie müssen ihm das ersetzen^ woran 
Kinder sonst ihr Bewußtsein vom Ich üben : Spiele, in 
denen sie Führer sind . Jetzt macht er ein Amt daraus . 
Er ist in diesem Amt sehr selbstherrlich, aber auch 
sehr ernst. Er verlängt von seinen Jüngern unge- 
wöhnlich schwere Bußübungen und Kasteiungen. Er 
geht ihnen darin als großes Beispiel voran . Zuweilen 
fastet er über eine ganze Woche hin . Den Ritus des 



EINE JUGEND 29 

Tauchbades vollzieht er in jeder Jahreszeit und bei 
jedem Wetter im Meere an der Küste. Oft ist er 
lange in Gebeten zurückgezogen, und man kann hö- 
ren, wie er mit seiner sehr klangschönen Stimme die 
messianischen Hymnen des Israel Nadschara singt. 
Seine Stimme ist eines der Zaubermittel, über die er 
für seine persönliche Wirkung verfügt, und er macht 
oft und gerne von dem sinnlichen Reiz Gebrauch, 
der darin liegt. Es ist nicht seine Klugheit alleine, 
die seine Wirkung auf andere Menschen ausmacht. 
Es geht ein Fluidum von seiner ganzen Erscheinung 
aus, das mit den Jahren wächst. Es ist kein Zweifel, 
daß er, als Mensch, den es immer zu Wirkungen und 
zur Beherrschung anderer Menschen gedrängt, über- 
haupt ausreichend um den Eindruck seiner äußeren 
Erscheinung gewußt habe. Darin sind Freund und 
Feind sich einig, daß er ein sehr schöner Mensch sei. 
Er war schlank und ebenmäßig gewachsen, hatte tiefe, 
dunkle Augen, einen vollen, sinnlich betonten Mund 
und viel Grazie in Haltung und Bewegung . Alle Be- 
richte stimmen in der seltsamen Bemerkung überein, 
daß von seinem Körper ein überaus angenehmer Ge- 
ruch ausgegangen sei. Kam er von seinen Bußübungen , 
»so glänzte sein Angesicht wie das Antlitz eines über- 
irdischen Wesens «. Noch in den hilflosen Stichen und 
Drucken seiner Zeit sind Mund und Augen von be- 
tonter Größe und Lebendigkeit . 
Man belegt seinen Ausdruck und sein Wesen viel- 
fach mit dem Begriff »schwärmerisch«. Aber sol- 
ches Wort verschleiert nur den Unwillen, das Tun 
eines Menschen und den Richtungssinn seiner Hand- 
lungen genau zu umschreiben. Mag sein, daß Sab- 
batai ein schwärmerischer junger Mensch ist, aber 
was er tut, ist greifbar und verständlich und hat sei- 



30 ZWEITES KAPITEL 

nen Sinn, Wenn er nicht für sich und mit seinen 
Bußübungen beschäftigt ist, geht er im Kreise seiner 
Jünger nächtlich vor die Tore der Stadt. Er ahmt 
da ein fremdes Vorbild nach: den großen Kabba- 
listen Chaim Vital Calabrese aus Safed. Draußen, 
unter dem Sternenhimmel, wird Wort um Wort, Ge- 
danke um Gedanke und Gefühl um Gefühl der In- 
halt der großen Geheimnisse abgetastet und abgewo- 
gen. Das ist nicht Schwärmerei. Das ist Betätigung 
einer Neigung, die Erbteil aus seinem Volke her ist. 
Schon als sie noch Nomaden waren, haben die Juden 
diese Abseitigkeit vom Tage vor den Zelten und auf 
freier Ebene kennen gelernt, diese Einsamkeit, aus 
der die Umwandlung aller Begegnungen in Erleb- 
nisse des Geistes kommt. Es ist nur die besondere 
Form, in der ein Volk seine Beziehung zur Natur 
ausdrückt und auslebt : das Hinnehmen des Seienden 
in der ehrfürchtigen Anerkennung des Geistes. So 
wie der Jude der Erde oder dem Baum keine Frucht 
entnimmt, ohne seine Demut vor dem geschaffenen 
Stück Natur durch einen Segensspruch zu bekennen . 
Was Sabbatai da treibt, ist Gottesdienst in der Natur, 
schlichter Vorgang, in dem er sich nicht einmal vom 
Spott der Türken, die das nicht verstehen, stören 
läßt. Er weiß, wie wichtig das ist, was er da tut* 
Wüßte er es nicht selbst, so müßte es ihm die Aner- 
kennung seiner Umgebung beweisen . Besonders sein 
Vater kann sich nicht genug darin tun, zu erzählen 
und zu beweisen, wie sehr das Verhalten dieses Soh- 
nes gottgefällig sei, und wie sichtbar Gott ihn, Mar- 
dochai Zewi, für seinen Entschluß belohnt habe, eines 
seiner Kinder dem Studium göttlicher Dinge zu über- 
lassen. Und das kam so: 
Zu jener Zeit fand ein wiederholter und von heftigen 



EINE JUGEND 31 

inneren Erschütterungen begleiteter Macht- und 
Thronwechsel in der Türkei statt. Gerade war 
Sultan Ibrahim zur Regierung gekommen, und eine 
seiner ersten außenpolitischen Taten bestand in der 
Kriegsführung mit der mächtigen Republik Venedig. 
Bis dahin waren Konstantinopel und Saloniki die Han- 
delszentren der Türkei gewesen . Der Krieg unter- 
bricht die Handels wege, und die Mehrheit der Kauf- 
mannschaft, Engländer, Franzosen, Holländer und 
Italiener, die nicht gewillt sind, sich durch die Fehde 
zwischen dem Sultan und Venedig in ihren Geschäf- 
ten stören zu lassen, verlegen kurzerhand den Sitz 
ihrer Firmen und ihres Handels nach Ismir. 
Das verändert fast über Nacht das Aussehen und die 
Bedeutung dieser Stadt. Insbesondere für die Juden 
bricht eine neue Zeit an. Bisher haben dort nur sehr 
wenige gelebt, und sie waren kaum wohlhabender 
als der armselige Händler Mardochai Zewi. Jetzt 
strömt der ganze Handel der Levante in Ismir zu- 
sammen und verlangt Arbeitskräfte. Drei-, viermal im 
Jahre kommen die großen Karawanenzüge aus In- 
dien, Persien, Armenien, Medien und Anatolien. 
Sie bringen ihre Landesprodukte, Gewürze, Stoffe, 
Seidengewebe, Häute, Felle, Schmucksachen, und 
empfangen dafür Metalle, Werkzeuge, Waffen und 
Gerätschaften. Es entstehen Karawansereien und 
Kontore. Es werden Menschen gesucht, die die 
Sprachen der Eingeborenen verstehen und als Ver- 
mittler und Verwalter tauglich sind. Auch an Mar- 
dochai Zewi tritt ein großes englisches Handelshaus 
heran und nimmt ihn als ihren Bevollmächtigten und 
Vertreter in ihre Dienste. Aus dem armen Geflügel- 
händler wird auf diese Weise in kurzer Zeit ein sehr 
angesehener und wohlhabender Kaufmann. 



32 ZWEITES KAPITEL 

Es bringt ihn nicht aus dem Gleichgewicht. Sein Ver- 
halten ist ein Beweis dafür, daß nicht nur Armut 
gläubig macht. In seinem Reichtum sieht er nur den 
Lohn seiner Gläubigkeit . Gewiß : politische und wirt- 
schaftliche Umlagerungen haben ihn und die überr 
schnell wachsende Judengemeinde von Ismir reich 
gemacht. Aber was sind Politik und Wirtschaft.? 
Nichts, wenn Gott sie nicht zum Strafen oder zum 
Lohnen so gefügt hat. Und hier ist ein offensicht- 
licher Zusammenhang gegeben : die fromme Lebens- 
führung des Chacham Sabbatai Zewi hat ihren Segen 
über seinen Vater und über die ganze Gemeinde ge- 
bracht . Man muß das verkünden und bekennen . Man 
kann es nicht oft und nicht laut genug tun, und da er 
sich an Menschen wendet, die wie er über Nacht 
von dem Hereinbrechen des äußeren Glückes über- 
rascht worden sind, fehlt es nicht an Glauben und Zu- 
stimmung. 

So wird Sabbatai Zewi von neuem in das Zentrum 
der Aufmerksamkeit und einer, wenn auch beschränk- 
ten Anerkennung gerückt. Seine Bedeutsamkeit vor 
sich selbst bekommt Nahrung . Sein bisheriges Tun 
bekommt Gewicht , Er kann schon etwas bewirken . 
Schon hat seine geistige Kraft das Glück einer gan- 
zen Gemeinde begründet . Man versichert es ihm täg- 
lich, und er hat keinen Grund, es nicht zu glauben. 
Wenn er der Ursache dieser wachsenden Bedeutung 
nachgeht, kann er nur immer wieder zu der Über- 
zeugung kommen, daß die Dinge, die er treibt, eben 
dieses Wachstum des Menschen an Wert und Be- 
deutung in sich tragen .Es ist die Kabbala, ihre Lehre 
von der Ordnung der Welt, von der Erlösung des 
Bösen, von der Beglückung der Welt, die in ihm zi: 
wirken und zu wachsen beginnt. Und wer weiß 



EINE JUGEND 33 

wohin einer kommt, wenn er tiefer, viel tiefer noch 
in dieses Wissen und diese Zusammenhänge hinein- 
wächst. Vielleicht ist es ein Bemühen, das ungeahnte 
Früchte trägt. 

Er beginnt, sich noch mehr als bislang abzusondern. 
Nahm er früher noch seine Gefährten zu den Tauch- 
übungen im Meer mit sich, so verwehrt er ihnen das 
jetzt. Er will, wenn er den symbolischen Akt der 
Reinigung immer erneut vollzieht, ganz alleine sein, 
alleine mit sich und vielleicht auch mit seinem Gott. 
Es kann ja nicht ausbleiben, daß in ihm eine gestei- 
gerte Erwartung ist. Junger Gelehrter, Chacham, 
Führer von Jüngern, Glückbringer für Tausende, 
Mensch starker und bewußter persönlicher Wirkung : 
das können nicht Erfüllungen sein, das sind Ver- 
heißungen. Es sind nur die ersten Proben einer rei- 
fenden Kraft. Er sucht jetzt in der Einsamkeit nach 
der Erleuchtung oder der Eingebung oder dem Phan- 
tasiebild, das ihm neue Wege der Wirksamkeit er- 
schließen kann . 

Es gibt da nicht viele Wege, denn es darf nicht ver- 
gessen werden, aus welchem geistigen Bezirk er 
kommt. Mensch und Gott, Volk und Land: das 
sind Ausgang und Ziel, und zwischen beiden steht 
... der Messias. 

Eine tollkühne, sinnlose, größenwahnsinnige Fol- 
gerung. Aber doch ein Schluß, der Sinn hat, und dem 
man nicht aus weichen kann . Welche andere Möglich- 
keit gibt es denn, als die, daß zwischen den getrennt 
ten Heiligkeiten von Welt und Gott und den ge- 
trennten Wirklichkeiten von Volk und Land als Ver- 
mittler der Messias stände? Nur noch die eine Mög- 
lichkeit, daß dort der demütige, bußfertige und die- 
nende Mensch steht. So stehen gewiß viele Tausende 

3 Kastein Zewi 



34 ZWEITES KAPITEL 

zwischen Ausgang und Ziel. Aber immer ist einer 
in der Zeit berufen, mehr zu sein als Diener. Es ist 
derjenige, dem das Führeramt anvertraut und durch 
Zeichen angewiesen wird. Und wenn Sabbatai die 
Summe dessen zieht, was er bisher bewirkt hat, dann 
regt sich in ihm nichts an Bescheidenheit und Ver- 
zagtheit. Dann ist es nur das Warten auf mehr und 
auf andere Bestätigung. Er braucht Nahrung für 
seine Erwartungen . 

Diese Erwartung macht ihn blind und taub für alles, 
was in seiner Umgebung vor sich geht. In der Hal- 
tung, mit der er sich von den Menschen abschließt, 
liegt ein stiller Hochmut, das wortlose Pochen auf 
den besonderen Grad seiher Heiligkeit. Seine Um- 
gebung versagt ihm dafür nicht die Anerkennung, 
aber da sie nicht den geheimen Gang seiner Gedanken 
kennen, rücken sie ihn auch nicht aus der Sphäre 
ihres Alltags heraus und stellen ihn nicht außerhalb der 
Sitten und Gebräuche ihrer Zeit und ihres Glaubens . 
Der Vater beschließt vielmehr, da doch der Junge 
heranwächst und vor dem Gesetze schon ein Mann 
geworden ist, ihn zu verheiraten. Früh heiraten ist 
ein religiöses Gebot, und von der Kabbala her strömt 
diesem Vorgang ein besonderer mystischer Gedanke 
zu: vor der Erlösung, und damit sie vollkommen sein 
kann, müssen alle Seelen, die noch nicht geboren 
worden sind, in die Welt eingehen. Der Messias 
kann jeden Tag kommen; morgen schon. Und darum 
soll man die Kinder verheiraten, sobald sie mannbar 
geworden sind. 

Bei dem Ruf, den Sabbatai Zewi genießt, und bei 
der geachteten sozialen Stellung, die sein Vater in- 
zwischen erworben hat, kann es nicht fehlen, daß 
als Braut eines der schönsten und reichsten Mäd- 



EINE JUGEND 35 

chen der Stadt gefunden wird. Die Hochzeit wird 
mit allem Pomp gefeiert. Das Glück der Familien ist 
groß. 

Wenige Wochen nach der Eheschließung erscheint 
die junge Frau mit einer seltsamen Klage vor dem 
Rabbinatsgericht . Sie klagt, sie sei Frau und doch 
nicht Frau, denn Sabbatai Zewi habe sie nie zu sich 
genommen. Sie sei mit ihm verheiratet, aber er halte 
sich von ihr fern . 

Die Rabbiner sind bestürzt. Wann ist ein solcher 
Fall je vorgekommen ? Sie schicken zu Sabbatai Zewi 
und fordern ihn auf, vor Gericht zu erscheinen und 
sich zu rechtfertigen. Sabbatai erscheint . Er gibt den 
Sachverhalt zu, aber er kann nichts zu seiner Recht- 
fertigung angeben. Da es nicht Sache der Rabbiner 
ist, zu erforschen, warum der Beklagte sich von seiner 
Frau fernhält, da aber das Recht der Frau feststeht, 
müssen sie zu einem Urteil kommen. Sie entschei- 
den: Sabbatai Zewi hat die Pflichten zu erfüllen, die 
ihm seiner Frau gegenüber begründet sind, oder er 
muß den Get, den Scheidebrief geben , da man nicht 
von ihr verlangen darf, nur neben einem Manne zu 
leben . 

Sabbatai nimmt das Urteil entgegen und erfüllt es, 
indem er seiner Frau den Scheidebrief ausstellt. Er 
setzt das einsame Leben, das er nie unterbrochen hat, 
im Kreise seiner neun Jünger fort. Die Familie und 
seine Umgebung begreifen nichts von diesem Ver- 
lauf der Dinge. Sie sind ehrlich betrübt darüber. Sie 
können als Grund nur verstehen, daß er an gerade 
diesem Mädchen keinen Gefallen gefunden hat. Man 
wird folglich auf die Suche nach einem anderen Mäd- 
chen gehen müssen, das alle Eigenschaften hat, die 
man von einer guten Frau erwarten kann. 



36 ZWEITES KAPITEL 

Eine solche Braut wird gefunden, und zum anderen 
Male wird Hochzeit gefeiert* Und wieder steht nach 
kurzen Wochen auch diese Frau vor dem Rabbinats- 
gerichte und klagt, was ihre Vorgängerin geklagt hat: 
sie blieb unberührt ! 

Zum anderen Male steht Sabbatai geständig und doch 
ohne Erklärung vor dem Richter. Auch dieser Frau 
muß er den Scheidebrief ausstellen . Aber um ihn her 
sammeln sich Miß wollen und Argwohn. Es ist zu 
begreifen, daß ein Mann eine Frau verstößt, wenn er 
mit ihr zusammen gelebt und sie kennen gelernt hat, 
und wenn er dann einsieht, daß er sie nicht lieben 
kann, oder sie Eigenschaften hat, die ihn abstoßen. 
Aber zweimal eine Frau heiraten, und sich vom er- 
sten Augenblick an weigern, sich ihr zu nähern, führt 
zu dunklen, unreinen Vermutungen. Sabbatai spürt 
das, und er weiß, daß er sein seltsames Verhalten 
rechtfertigen muß. Er rechtfertigt sich mit einer Be- 
gründung, für die er Verständnis erwarten kann: der 
heilige Geist, Ruach Ha'kodesch, habe ihm verkün- 
det, daß ihm keine dieser beiden Frauen vom Him- 
mel bestimmt sei . 

Man glaubt ihm . Nichts liegt diesen Menschen näher, 
als hinzunehmen, daß göttliche Stimmen zu einem 
so frommen Menschen sprechen können, und nichts 
liegt ihnen ferner, als Erwägungen darüber anzu- 
stellen, ob etwa hier ein überaus asketisches Leben 
die gerade und normale Kraft des Trieblebens ver- 
drängt und verkümmert, oder ob dieser Trieb gar in 
der engen Gemeinschaft mit Jüngern einen Weg ein- 
geschlagen habe, der Sünde ist . . . 
Aber in dieser Erklärung liegt eine viel größere Be- 
deutung eingeschlossen als nur die der Rechtferti- 
gung . Zum ersten Male in seinem Leben hat er das 



EINE JUGEND 37 

klare Bekenntnis abgelegt, daß er in^seinem abgeson- 
derten Tun die Verbindung mit einer überirdischen 
Welt Hergestellt habe. Er stellt erstmalig hier die 
Behauptung auf, daß sein Geschick, aus Wahrheit 
öder Dichtung, einbezogen sei in einen engen realen 
Zusammenhang mit dem göttlichen Willen. Der Bo- 
gen, den er bislang um sich gezogen hat, beginnt ein 
Kreis zu werden. Daß dieser Kreis auch noch in der 
letzten Lücke der unbestimmten Erwartung, der 
planlosen Hoffnung und der steigenden Selbstein- 
schätzung geschlossen werde, bewirken jetzt die Din- 
ge, die er von außen her erfährt, aus einer Welt, 
die ihm bislang verschlossen war. 
An die kleine, abgesonderte, in ihrem engen Rahmen 
lebende Gemeinschaft der Juden von Ismir ist über 
Nacht durch die einfache Tatsache, daß ein Wirt- 
schaftszentrum sich verlagert hat, eine andere Welt 
herangetreten, von deren Existenz sie bisher nur eine 
geringe Vorstellung hatte. Durch das tägliche enge 
Zusammensein mit Vertretern dieser neuen Welt er- 
fahren sie Zusammenhänge, die ihnen bisher fremd 
waren, Zusammenhänge, liicht Dinge. Das Innere, 
nicht das Äußere dieser neuen Welt. Das Äußere 
sehen sie ja jetzt im alltäglichen Verkehr sich ab- 
spielen. Es berührt den Juden nicht. Er kennt seine 
Lebensform als etwas so Angewachsenes, daß er sie 
lebt, ohne sie zu betrachten, und daß er folglich nicht 
vergleicht. Er fragt nicht: was tut Ihr? Er fragt: 
was denkt Ihr .? Die Neugierde des Juden ist un- 
sachlich. 

Mardochai Zewi ist durch seinen neuen Beruf in 
ständiger Fühlung mit den Vertretern dieser neuen 
Außenwelt, insbesondere mit dem Engländer, dessen 
Interessen er wahrnimmt. Dabei ergibt sich, daß die- 



38 ZWEITES KAPITEL 

ser Engländer zugleich Puritaner ist, daß also für ihn 
außer Handel und Geldverdienen noch ein geistiges 
Problem, eine Frage des Glaubens und der Lebens- 
haltung aus dem Glauben her besteht. Das sind für 
einen Mann wie Mardochai vertraute Töne und Ge- 
danken. Er muß zudem die Feststellung machen, daß 
dieser Stockengländer über allen nationalen Hoch- 
mut hinaus eine erhebliche Kenntnis der Bibel, der 
religiösen Grundlage des Judentums besitzt. Also ist 
es möglich, sich zu verständigen. 
Wenn beide dem Endziel ihres Glaubens und ihrer 
Hoffnungen nachgehen, kommen sie aufgetrennten 
Wegen und von völlig verschiedenen Vorstellungen 
her zu dem gleichen überraschenden Ergebnis: zu 
der Erwartung eines Messias, eines Erlösers der 
Welt. Der Puritaner hat dabei vor dem Juden sogar 
noch voraus, daß er sich in einer aktiven, letztlich 
auf das Ziel schon hinweisenden Haltung befindet. 
In seiner Heimat spielen sich gerade die Kämpfe ab , 
in denen die »Rundköpfe« unter Cromwells Führung 
gegen die Unduldsamkeit der Bischöfe und autokra- 
tisches Königtum unter Waffen stehen, um sich die 
Freiheit ihres Glaubens und ihrer Lebensgestaltung 
in Staat und Umwelt zu erkämpfen. Sie sind dabei 
von einer ungewöhnlichen Freiheit in Haltung und 
Auffassung. Sie erstreben die Freiheit des Geistes und 
des Glaubens nicht nur für sich, sondern schlecht- 
hin für jeden Menschen und jede Gemeinschaft, de- 
nen die religiöse Existenz wichtig ist. Sie halten das 
um so mehr für nötig, weil auch ihnen, gleich dem 
Juden, der Alltag real und wirksam durchsetzt ist 
mit Elementen des Glaubens . Die Bibel , insbeson- 
dere das alte Testament, ist für sie kein Buch, in dem 
man nur liest, sondern eine göttliche Satzung, um 



EINE JUGEND 39 

deren Erfüllung man sich zu bemühen hat. Sie leben 
in der erregenden Nähe einer Heilser Wartung. Die 
ganze puritanische Bewegung, Crom well an der 
Spitze, wurzelt in ihrer Struktur, in der Unmittel- 
barkeit ihres Handelns, der Innigkeit ihres Glau- 
bens, sehr tief und ursprünglich im Lebensraum des 
alten Testamentes. Sie fühlen sich selber als Gestal- 
ten aus dem Buche »Richter«, mit der Aufgabe be- 
lehnt, ein unterdrücktes Volk zu befreien. Sie befan- 
den sich in einer dem damaligen historischen Ge- 
schehen völlig analogen Position. Es war auch aus 
diesem Grunde ihre Beziehung zu den Juden eine 
sehr nahe und teilnehmende, und es blieb nur das 
Bedauern, daß jedes Volk einen anderen Messias er- 
wartete. Crom well sagt: »Groß ist mein Mitleiden 
mit diesem armen Volke, welches Gott erwählt und 
dem er sein Gesetz gegeben hat. Jesus verwerfen sie , 
weil sie ihn nicht als Messias anerkennen.« Es bleibt 
ihm die Hoffnung und der Wunsch, daß altes und 
neues Testament sich einmal versöhnen und Juden 
und Puritaner zusammengehen werden . 
So heben zwischen dem Talmudjuden und dem Pu- 
ritaner die Diskussionen an über die kommenden Din- 
ge. Wenn der Jude geheimnisvoll darauf hinweisen 
kann, wie sehr in seinem eigenen Kreise, ja in seinem 
eigenen Hause mit den Mitteln der religiösen Übun- 
gen an der Vollendung der Zeit gearbeitet wird, kann 
der Puritaner, Gläubiger und Praktiker zugleich, zu- 
frieden darauf hinweisen, daß in seinem Lande längst 
die Nutzanwendung diskutiert und propagiert werde . 
Da ist zum Beispiel die verpflichtende Heiligkeit des 
Sabbath nachgewiesen und die Forderung erhoben 
worden, ihn an die Stelle des Sonntages zu setzen. 
Da laufen Vorschläge, das englische Parlament in sei- 



40 ZWEITES KAPITEL 

ner bisherigen Struktur aufzulösen, und es so zusam- 
mentreten zu lassen, wie früher das jüdische Synhe- 
drin tagte. Da ist insbesondere von der ultrarepu- 
blikanischen Gruppe der Levelers Bibel und Bibel- 
gläubigkeit so in den Vordergrund gedrängt und die 
Einsetzung der Thora als allgemeines Staatsgesetz so 
dringend befürwortet worden, daß Crom well als vor- 
sichtiger Mann in einer Parlamentsrede zu derÄuße- 
rung genötigt war: »When they teil us, not that we 
are to reguläte Law, but that Law is to be abrogated 
and subverted and perhaps wish to bring in Judaical 
Law. . . « 

So liegen die Dinge in England, und so weit sind sie 
schon gediehen. Aber was das Gedeihen anbelangt, 
braucht sich der Jude vom Puritaner nicht übertreffen 
zu lassen. Er lächelt. Er kann zwar nicht solche 
parlamentarischen Demarchen aufweisen, aber er 
kann seinem englischen Freunde eine viel größere 
und viel bedeutendere Wirklichkeit verraten: eine 
Prophezeiung aus dem Sohar, dem großen Grund- 
werk der kabbalistischen Welt. Der Sohar verkün- 
det: im nächsten Jahrtausend, nach Ablauf von 408 
Jahren, werden alle Bewohner der Unterwelt zu 
neuem Leben erweckt werden. Das Jahrtausend, das 
hier gemeint ist, ist das fünfte der jüdischen Zeit- 
rechnung. Es geht also um das Jahr 5408, und das 
entspricht dem Jahre 1648 der christlichen Zeit- 
rechnung. In diesem Jahre werden sich entschei- 
dende Dinge begeben. Die Schrift sagt: \n diesem 
Halljahre wird ein jeder zu seinem Erbbesitz zu- 
rückkehren . 

Das Jahr ist erwähnt und aufgeschrieben? fragt der 
Engländer. Mardochai muß ihn sanft belehren: in 
der hebräischen Sprache hat jeder Buchstabe zu- 



EINE JUGEND 4I 

gleich seinen Zahlen wert. Und darvcs doch bei der 
Kabbala um die Geheimnisse der Verheißung geht, 
die nur dem Schauenden und Eindringenden sich 
offenbaren sollen, ist alles, Buchstabe und Zahl, 
Wort und verborgener Sinn, innig miteinander ver- 
knüpft. Wenn der Sohar sagt: in diesem Jahre, so 
legt er auf das Wort »dieses« besonderes Gewicht. 
Man muß nachspüren . »Dieses« heißt im Hebräischen 
ha'soth. Der Zahlwert beträgt 5408. Das eben be- 
deutet das Jahr 1648 der gegenwärtigen Zeit. Es 
geht um die Tage der allernächsten Zukunft. Nach 
der Auslegung der Weisen wird im Jahre 5408 der 
Messias selbst erscheinen i 

Weder das Faktum noch die Art, in der der Jude es 
ermittelt, entlocken dem Engländer ein Lächeln der 
Überlegenheit. Er ist vollkommen mit dem Juden 
einig, insbesondere was die nahe Zukunft der Ereig- 
nisse angeht. Dagegen weicht er mit Hartnäckigkeit 
von ihm ab in der Bestimmung des Jahres . Es wird 
nicht das Jahr 1648 sein, sondern das Jahr 1666. 
Wenn der Jude den Sohar hat, so hat der christliche 
Sektirer die Offenbarung Johannis. Aus dieser ist 
zu berechnen und ist von vielen Theologen berech- 
net worden, daß in dieses Jahr die Wiederkehr Christi 
und der Beginn des Tausendjährigen Reiches fallen 
werde. Allerdings ist das nicht die letzte und end- 
gültige Erlösung. Es ist nur ein Zwischenreich, es 
ist die chiliastische Idee der »Fünften Monarchie« 
im Sinne der Apokalypse. Es beginnt dann, aus der 
Sprache des Buches Daniel gefaßt, die Herrschaft der 
Heiligen . Uralte Sektirer-Ideen feiern hier Aufer- 
stehung. . Eine breite, unterströmige Schicht von 
Menschen erwartet auch in der christlichen Welt die- 
ses messianische Ereignis, das sich in dem alten heili- 



42 ZWEITES KAPITEL 

gen Lande vollziehen wird und zu dessen Durch- 
führung die Mitwirkung der Juden unbedingt not- 
wendig ist. Zwei Welten, die sich aus dem Glauben 
her nicht verstehen können, wollen sich im Glauben 
treffen. Hüben und drüben bezwingen Herzen für 
eine Sekunde ihren Schlag und horchen in das All 
hinein. 

Wenn Mardochai Zewi von solchem Gedankenaus- 
tausch heimkommt, muß es für den Sohn eine selt- 
same Erregung sein, aus anderen Winkeln der Welt 
her von Dingen zu hören, die seit langem Inhalt sei- 
nes Tuns und Denkens sind. Bestätigungen dringen 
auf ihn ein, die eine unerhörte Gewalt haben. Träu- 
me, Erwartungen, Gebilde aus dem Herzen und der 
Phantasie haben da draußen längst ihre eigenlebige 
Gestalt angenommen . Es gibt also alle diese Dinge in 
der wirklichsten Wirklichkeit. Man braucht sich mit 
seinen Ideen, die zuweilen doch zum Erschrecken 
nötigen, nicht mehr in die Einsamkeit zu flüchten. 
Man darf schon an ihre faßbare Gestalt glauben, darf 
davon reden, darf sich dazu bekennen, wenn auch 
erst in tastenden Andeutungen. Die entscheidende 
Erkenntnis ist diese: er treibt Dinge, die in einer er- 
schreckenden Nähe und Endlichkeit liegen . Er treibt 
nicht Fernes und Zukünftiges . Er ist mit seinem Tun 
in die Gegenwart gesetzt. Was er heute tut, denkt, 
erdichtet, ersehnt, kann morgen Gestalt werden. Die 
Welterlösung ist angesagt . Es ist das Amt dessen zu 
vergeben, der die Führung dazu in die Hand nimmt: 
das Amt des Messias. Die Welt wartet auf einen 
Messias ... 



DRITTES KAPITEL 

GEMETZEL 



DRITTES KAPITEL 45 

WÄHREND DAS LEBEN IN SEINER NÄCHSTEN 
Umgebung sich in Gläubigkeit, aber auch in wachsen- 
dem Behagen und Wohlstand ausdehnt und bewegt, 
verdichten sich in Sabbatai Zewi unmäßige Erwartun- 
gen zu einer Spannung sondergleichen . Die kabba- 
listischen Bücher und Begriffe und Vorschriften ha- 
ben ihre Schuldigkeit getan . Sie haben ihn zur Be- 
reitschaft geführt. Aber weiter nützen sie in diesem 
Augenblick nichts. Jetzt braucht er das Geschehen, 
das Ereignis. Die Welt schuldet ihm den Vorgang, 
der den aufgespeicherten Sprengstoff zu Entladung 
und Wirkung bringt. Er verlangt das Unmögliche, 
weil er es für sich braucht. Geschieht denn nichts 
in der Welt, was sinnlos, ungewöhnlich und erre- 
gend genug ist, daß er es zu sich heranziehen und 
auf sich selbst als Bestätigung beziehen kann } Doch . 
Es scheint, als ob dort oben in Europa, in Polen und 
in der Ukraine , wo die Massen der gelehrten und 
reichen Juden sitzen, kleine, zuckende, unruhige Be- 
wegungen entstanden wären. Man weiß es von den 
Spendensammlern, die dort das Geld für die Ar- 
men im heiligen Lande zusammenholen . Es sind teils 
unbestimmte Gerüchte, teils aus dem Zusammen- 
hang gerissene Vorfälle. Da schlägt ein Kosak einen 
Juden tot, und der polnische Grundherr, der seine 
Güter von eben diesem Juden verwalten ließ, läßt 
wiederum den Kosaken totschlagen . Man vernimmt 
es, vergißt es, legt es zum Übrigen . Nicht so Sabba- 
tai. Er sammelt das Geschehen in sich. . 
Dann kommt über Konstantinopel eine Nachricht, 
die im ersten Augenblick kein Mensch so recht be- 
greift: von der Krim aus werden der Gemeinde Kon- 
stantinopel fünfhundert Juden zum Kauf angeboten . 



46 DRITTES KAPITEL 

Was denn ? Sind die Zeiten des Sklavenhandels wie- 
der gekommen ? Handelt man jetzt nicht nur mit 
Mohren, sondern auch mit Juden? Nein, nicht so. 
Es sind Kriegsgefangene. Kriegsgefangene Juden aus 
Polen und der Ukraine. Aber auch das ist nicht recht 
zu begreifen . Wo und seit wann führt der Jude Krieg ? 
Krieg führen nur Menschen, die ein eigenes Land 
haben, oder die zur Seßhaftmachung kein anderes Mit- 
tel kennen . Aber der Jude im Galuth will doch nur 
Raum; kein Land. Er will Existenz; kaum Leben. 
Er braucht den Frieden, aber nicht den Krieg. 
Auf den langen Wegen , die Nachrichten gehen , ent- 
hüllt es sich langsam : es ist kein Krieg, den die Juden 
führen, sondern einer, den der polnische Kleinbauer, 
verbündet mit Kosaken und Tataren, gegen den Ju- 
den führt; und noch präziser: nicht eigentlich gegen 
den Juden, sondern gegen den polnischen Groß- 
grundbesitz und gegen den Adel . In diesem Konflikt 
stellt der Jude die Beute dar. Jetzt bietet der Sieger 
ihn zum Kauf, zur Auslösung an. 
Die jüdische Welt beginnt aufzuhorchen . Man weiß 
sehr bald: es sind nicht nur Juden erbeutet worden. 
Es werden auch Juden getötet. Es sollen schon an 
die tausend sein. Man versteht die tieferen Gründe 
nicht. Braucht auch nicht zu verstehen, denn wenn 
Juden sterben, straft Gott. Und man braucht nur 
zu wissen, daß er ein Mittel in Bewegung setzt; 
nicht, wie er es tut. Aber aus dieser Haltung kommt 
zugleich eine dumpfe Hilflosigkeit. Man ist ausge- 
liefert. In die Gebete hinein kommen unablässig neue 
Nachrichten : es sind zehntausend Juden erschlagen . 
Von vielen ist das Schicksal noch ungewiß. Es kom- 
men neue Kaufangebote aus der Krim : tausend Ju- 
den zu verkaufen, zweitausend, dreitausend . Es sind 



GEMETZEL 47 

nicht zehntausend Juden erschlagen, es sind schon 
dreißigtausend. Und man weiß nicht, wie es weiter 
gehen wird. 

Und eines Tages treten in Blicknähe der westlichen 
Juden erschreckende Erscheinungen : Flüchtlinge aus 
dem Osten. Hunderte, Tausende wanken durch die 
Gassen von Frankfurt, Amsterdam, Livorno, er- 
schreckt, gehetzt, verarmt und abgerissen, das Grau- 
en noch in Miene, Haltung und Gebärde. Sie wollen 
nicht rasten ; sie können nicht rasten . Die Panik sitzt 
ihnen noch im Nacken. Wer spricht von dreißig'- 
tausend Toten ? Es sind längst mehr als sechzigtau- 
send. Und auch das wird eine kindliche Zahl, wie die 
Wochen und die Monate dahingehen, und wie es 
nicht mehr zweifelhaft sein kann, daß das große Sam- 
melbecken des östlichen Judentums explodiert ist, 
so vehement, daß es jetzt seine Trümmer über die 
ganze bewohnte Erde streut. Die letzte hoffnungs- 
reiche Judensiedlung im Galuth zerbricht. Die Trüm- 
mer schwimmen im Blut. Hunderttausend Tote. 
Eine neue Zerstreuung hebt an . Zweihunderttausend 
Tote. Sie lassen stöhnend die Köpfe sinken. In die 
Gedankenleere dieser dumpfien Verzweiflung dringt, 
kaum noch erfaßt und richtig abgeschätzt, eine etwa 
abschließende Ziffer: dreihunderttausend Tote. 
Wo lag der historische Anlaß zu solchem Geschehen ? 
Dort, von wo seit zweitausend Jahren die geschichts- 
bildenden Anlässe erwachsen: in der Heimatlosig- 
keit; in' jener Situation, in der ein Volk nicht nur 
sein eigenes Geschick zu erdulden hat, sondern auch 
das seiner Umgebung. In Polen fand sich die dich- 
teste Judensiedlung der damaligen Welt. Sie war 
straff nach innen organisiert . Sie verfügte über die 
schattenhafte Nachahmung einer Gemeinschaft. Sie 



48 DRITTES KAPITEL 

hatte ihre eigenen Angelegenheiten zu ordnen, hat- 
te ihr geistiges Leben, ihre Autorität im religiösen 
Bezirk, ihre Gerichtsbarkeit. Sie belieferte die jü- 
dische Welt mit Auslegungen der Gesetze und mit 
Rabbinern . Zu einer Zeit, in der die Entwicklung des 
jüdischen Geistes verhängnisvoll unterbrochen war, 
hielt sie den Zersetzungsprozeß durch eine Bewegt- 
heit des Gehirns auf , die die Müdigkeit des Herzens 
vergessen ließ . 

Dabei schien ihnen die Sicherheit ihrer Existenz eini- 
germaßen garantiert. Sie hatten in die Lücken der 
kaum entwickelten polnischen Wirtschaft so früh- 
zeitig eingegriffen, daß sie sich ohne greifbare und 
sichtbare Not vermehren konnten . Es ging ihnen im 
allgemeinen gut. Aber es erfüllte sich an ihnen hier 
wie überall in der Welt das ökonomische Gesetz, daß 
sie ihre Stellung nur so lange behaupten konnten, bis 
ihre Umgebung ihnen in der Erkenntnis des wirt- 
schaftlich Notwendigen gefolgt war. Dann erwies 
sich ihre Eigenschaft als Fremde: sie wurden be- 
drängt. So war es jetzt auch in Polen. Die Juden 
waren Schrittmacher der wirtschaftlichen Entwick- 
lung gewesen . Jetzt standen ihre Schüler ihnen in der 
wachsenden Organisationsform von Kaufmannsgilden, 
Handwerkerzünften und städtischen Ständen gegen- 
über. Es versteht sich, daß auch die katholische Geist- 
lichkeit des Landes, insbesondere die erstarkenden Je- 
suiten , zu ihren Gegnern und Bedrängern gehörten . 
Aber diesen Druck konnten sie einstweilen ohne un- 
mittelbare Gefahr ertragen, denn noch brauchte man 
sie, noch waren wichtige Instanzen des polnischen 
Reiches an ihnen interessiert: die Krone und der 
Adel. Jene, weil der Jude als Ziffer ini Haushalt der 
Regierung überhaupt nicht zu entbehren war; dieser. 



GEMETZEL 4.^ 

weil er für die Verwaltung und Ausbeutung seines 
Großgrundbesitzes einen Verwalter brauchte, der 
ihm^ die kostspielige Existenz eines feudalen Nichts- 
tuers sicherte. 

So stand also der Jude jetzt schon zwischen erwachen- 
dem Bürgertum und Krone und Adel, Darüber hin- 
aus mußte er noch die Spannung aushalten, die sich 
zwischen Polen und Russen, zwischen Adligen und 
Leibeigenen, zwischen Städtern und Kleinbauern, 
zwischen polnischen Katholiken und russischen Or- 
thodoxen ergab, und die fortschreitend zu einer Ka- 
tastrophe drängte. Der Schauplatz dieser Spannungs- 
kämpfe war die Ukraine, das Stromgebiet des Dnjepr 
und Dnjestr, mit Kiew als Mittelpunkt, Wolhynien 
und Podolien im Westen und Tschernigow und Pol- 
tawa im Osten. Noch nicht hundert Jahre gehörte 
- dieses Gebiet zu Polen , und schon drängten die Zu- 
stände zur Entladung. Die polnischen Könige übten 
politisch eine schrankenlose Macht aus. Der pol- 
nische Adel beherrschte das Neuland wirtschaftlich 
durch seinen Grundbesitz und durch den Umstand, 
daß alle Bewohner seines Besitzes ihm als Leibeigene 
zugewiesen waren. Der Pole sah in dem Russen 
ein fremdes, verächtliches, asiatisches Element, Der 
Katholik haßte und bekämpfte den griechisch-katho- 
lischen Kleinrussen, von dessen Religion er als der 
Religion der Knechte sprach . Und der Jude war in 
diese Differenzen, die ihn an sich nichts angingen, 
dadurch einbezogen, daß sich der Adel vorwiegend 
seiner zur Verwaltung der Güter bediente, womit er 
nach außen hin, dem bedrückten Ukrainer gegenüber, 
als derjenige in die Erscheinung trat, der die tatsäch- 
liche Gewalt ausübte. Es verschlug nichts, daß er nur 
Beauftragter war. Er war Fremder, also verhaßt. Er 

4 Kastein Zewi 



50 DRITTES KAPITEL 

war ausübendes Organ einer tyrannischen Macht, 
also doppelt verhaßt. Weil der Adel vom Leibeigenen 
eine Gebühr für die Benützung der Kirche erhob, 
mußte er, wenn er etwa heiraten wollte, zum Ver- 
walter, zum Juden gehen und sich gegen Erlegung 
der Gebühr vom Juden die Kirchentüre aufschließen 
lassen. Wurden Abgaben nicht gezahlt, die der 
Grundherr gebieterisch von seinem Verwalter for- 
derte, dann war es der Jude, der dem Leibeigenen 
die letzte Kuh aus dem Stall holte. Der Herr blieb 
unsichtbar . Gegen ihn richtete sich der Trieb des Be- 
drückten zur Auflehnung und Befreiung. Aber gegen 
den Juden richtete sich das Gelüste nach Marter und 
Totschlag . 

So verdichteten sich unter den gedrückten Ukrainern 
Losung und Feldgeschrei zu der Formel: »Gegen 
Panen und Juden.« Eine Organisation, die die Kräfte 
der einzelnen zusammenfassen und wirksam machen 
konnte, stand ihnen schon von langen Zeiten her zur 
Verfügung. Die Nähe der großen, unkontrollier- 
baren Steppe, die sich bis zur Krim ausdehnte und 
aus deren Raumfreiheit immer wieder schweifende 
Stämme, insbesondere Tataren, in das Ackergebiet 
diesseits der Ströme einbrachen, hatten zur Bildung 
einer halb militärischen, halb bäuerlichen, auf Ver- 
teidigung und Abwehr gerichteten Gemeinschaft, 
dem Kosakentum geführt. Und jenseits der Strom- 
schnellen des Dnjepr gab es noch Kosakengemein- 
schaften, die völlig frei und unabhängig waren. In 
ihnen, den Saporoger Kosaken, sahen die unter- 
drückten Ukrainer den nationalen Vortrupp, und von 
ihnen gingen die ersten Erhebungen aus . Entlaufene 
Leibeigene, Sträflinge und freibeuternde Abenteurer 
bildeten den gefährlichen Kern. 



GEMETZEL 51 

Der erste Versuch wurde schon im Jahre 1637 ge- 
macht. Der Kosakenhäuptling Pawlynk bricht in das 
Gebiet von Poltawa ein, reißt die Bauern mit sich, 
verheert das Land, bricht in Lubny und Lochwiza 
ein, verbrennt katholische Kirchen und Synagogen, 
tötet katholische Geistliche und Juden. Ein polni- 
sches Heer tritt ihm entgegen . Seine Truppen wer- 
den besiegt. Der Aufstand bricht zusammen. Ver- 
schärfte Bestimmungen über den Umfang der Leib- 
eigenschaft sind die Folge. ' 
Zehn Jahre später, 1648, wird ein zweiter Versuch 
gemacht, besser vorbereitet und organisiert, mit ei- 
nem Hetman an der Spitze, dem persönlich erfahrenes 
Unrecht die auf Befreiung gerichtete Leidenschaft 
stärkt: Bogdan Chmelnicky, kurz Chmel genannt. 
Er hat ein Programm, zu dessen Durchführung er 
zum heiligen Krieg aufruft . Er erstrebt Ausbreitung 
des rechten Glaubens, Freiheit der Kosaken und Ver- 
nichtung von Panen und Juden. Die ehemaligen 
Feinde, die Krimer Tataren, werden seine Bundes- 
genossen. Im April 1648 brechen die verbündeten 
Heere auf. In zwei großen Schlachten werden die 
polnischen Truppen vernichtet. Mit einem Schlag 
ist das ganze östliche Dnjeprland dem Aufruhr aus- 
geliefert. Die Städte und die jüdischen Gemeinden 
sind schutzlos preisgegeben. Perejaslaw, Pirjatin, 
Lochwitza, Lubny werden zerstört, ausgeplündert, 
entvölkert. Es bleibt nur leben, wer seinen Übertritt 
zum orthodoxen Glauben erklärt. 
Diese Erfolge machen Mut . Der Aufstand greift auf 
das Gebiet von Kiew über. Eine Welle von Schrek- 
ken und Blut geht über das Land. Im Mai 1648 
stirbt Wlädislaw IV. von Polen. Damit wird dem 
Widerstand jede Führung und Organisation ge- 

4* 



52 DRITTES KAPITEL 

nommen . Wölhynien und Podölien werden in den 
Aufstand einbezogen. Die Juden räumen das flache 
Land und suchen Zuflucht in den festen Städten. 
Sie fallen teils durch List der Kosaken, teils durch 
Verrat der Polen, die sich durch Preisgabe der Juden 
Schonung erkaufen wollen und dann doch nieder- 
gemacht werden. So fällt Nemirow durch List, so 
fällt Tulczyn durch Verrat, so Bar trotz gemeinsamer 
Verteidigung durch Polen und Juden vor der Über- 
macht. Auch Polonnoje fällt durch Verrat. 12.000 
Juden hatten sich dorthin geflüchtet. Wer nicht in 
die Gefangenschaft der Tataren gerät oder sich taufen 
läßt, wird getötet. Wilder und verzweifelter wird 
die Flucht. Ostrog, Saslawl, Dubno nehmen zu kur- 
zer Rast an die fünfzigtausend flüchtige Juden auf. 
Die Landstraßen sind buchstäblich übersät mit Wa- 
gen, Gegenständen, maroden Menschen. Was sich 
in Städten oder auf der freien Landstraße noch er- 
reichen läßt, wird getötet. In Konstantino w wird ge- 
metzelt. Heeresgruppen trennen sich ab und betäti- 
gen sich in Litauen und Weißrußland. Reste der 
flüchtigen Gemeinden von Pinsk, Brest, Tscherni- 
gow, Starodub werden vernichtet. In Homel wird 
ganze Arbeit geleistet. Zamosc, Lublin, Narol, To- 
maszow, Szczebreszin und viele, viele andere Städte 
bereichern den Katalog eines Mordens, das kaum in 
der Geschichte seinesgleichen hat. 
Denn hier wurde nicht nur Krieg geführt. Hier 
wurden Leidenschaften ausgetragen und Triebe des 
Blutes zutiefst und hemmungslos befriedigt. Religiö- 
ses Bestreben und tierischer Blutdurst treffen sich da 
in einer erschreckenden Wiederholung anderen histo- 
rischen Geschehens. Kein Dekalog, kein Gebot des 
Nicht-töten-sollens hindert den Orthodoxen, den 



GEMETZEL 53 

Gegner vor die Alternative : Bekehrung oder Tod zu 
stellen . Hin und wieder hatten die Kosaken mit sol- 
cher Alternative wenigstens einen augenblicklichen 
Erfolg. Es traten hier und da Juden zu ihrem Glau- 
ben über, um ihr Leben zu retten. Aber an den mei- 
sten Orten trafen sie auf einen Heroismus der Ableh- 
nung und der Standhaftigkeit, den sie, hätte er sich 
in ihren Reihen ereignet, als höchstes Heldentum 
durch alle Traditionen hin gefeiert und besungen 
hätten, der aber, von diesen elenden und verachteten 
Juden aufgebracht, nur durch Mord beantwortet 
werden konnte. Die Geschichte und das Schicksal 
der Juden haben einen besonderen Begriff entstehen 
lassen, den Kiddusch haschem, das bedeutet: die 
Heiligung des göttlichen Namens, das Besiegeln der 
Treue zu ihrem Gott durch das Erdulden von Marter 
'und Sterben. Auch andere Völker haben Märtyrer. 
Keinem aber ward das Schicksal, für zwei Jahr- 
tausende das Martyrium zum Bestandteil ihres Le- 
bens und ihrer Geschichte erheben zu müssen. 
So kommen Ereignisse wie diese zustande: in Nemi- 
row stellt der Hetman Ganja an die Juden das An- 
sinnen, seinen Glauben anzunehmen. Der Leiter des 
jüdischen Lehrhauses Jechiel-Michel ben Elieser da- 
gegen ruft seine Gemeinde zum Kiddusch haschem 
auf. Am 10. Juni 1648 nehmen an die 6000 Juden 
den Märtyrertod auf sich . 

Tulczyn in Podolien wird von dem Ataman Kriwo- 
noß besetzt . Er läßt die Juden auf einen freien Platz 
zusammentreiben und fordert Bekehrung. Sie leh- 
nen ab . 1 5.000 Juden lassen sich töten . 
In Polonnoje hat die Flucht mehr als zehntausend 
Juden zusammengetrieben. Sie sind schon zermürbt, 
und einige greifen zur Bekehrung. Aber die über- 



54 DRITTES KAPITEL 

wiegend größte Zahl erkennt die Treue als verbind- 
licher an und wählt den Tod. In Ostropol sammelt 
der Kabbaiist Simson dreihundert seiner Getreuen 
in Sterbemänteln um sich in der Synagoge und beant- 
wortet den Übertritt durch Gebete . Sie werden im 
Gebet getötet. 

In Homel will Chmelnicky selbst die Eroberung für 
seinen Glauben machen. Das geistliche Oberhaupt 
der Juden, Rabbi Elieser, braucht nur zu mahnen: 
»Gedenket, Brüder, des Todes unserer Stammesge- 
nossen, die sich um der Heiligkeit des Namens willen 
geopfert haben. <( Das genügt. Die Juden bitten ein- 
ander um Vergebung und überantworten ihre Seele 
Gott. Dann werden mehr als 2000 erschlagen. 
Und es ist kein leichtes Sterben, das ihnen da be- 
schieden ist. Wohl denen, die in die Hände der be- 
rüchtigten Tataren fallen. Denen geschieht nichts. 
Die Tataren machen nur Gefangene und verkaufen 
sie an die Juden in der übrigen Welt. Ganze Ge- 
meinden ziehen den Tataren entgegen, um sich frei- 
willig in ihre Gefangenschaft zu begeben . Wer dem 
Kosaken begegnet, hat nichts mehr zu hoffen . Ein ge- 
treuer, zu peinlich auf die Einzelheit bedachter 
Chronist, Nathan Hannover, vermerkt aus der Fülle 
dessen, was er gesehen, Dinge wie diese: »Den einen 
zogen die Kosaken die Haut ab, um das Fleisch 
den Hunden vorzuwerfen. Den anderen brachten 
sie schwere Wunden bei, ohne ihnen jedoch den 
Gnadenstoß zu versetzen , und warfen sie sodann auf 
die Straße hinaus, um ihre Todesqual zu verlängern. 
Andere wieder wurden bei lebendigem Leibe be- 
graben. Sie erdolchten Säuglinge in den Armen der 
Mütter und rissen viele wie einen Fisch in Stücke. 
Schwangeren Frauen schlitzte man den Bauch auf. 



GEMETZEL 55 

riß die Frucht aus dem Leibe und schleuderte sie der 
Mutter ins Gesicht. Anderen preßte man lebende 
Katzen in den Leib hinein, nähte ihn dann wieder 
zu und hieb den Unglücklichen die Arme ab , damit 
sie sich nicht helfen könnten. Säuglinge wurden auf 
der Brust ihrer Mütter aufgehängt. Manche wurden 
auf Lanzen aufgespießt, gebraten und den Müttern 
gereicht, damit sie ihr Fleisch kosten mögen. Mit- 
unter warf man Haufen jüdischer Kinder ins Was- 
ser, um die Furten zu ebnen . . . « 
Neben diesen nervenverzehrenden Feststellungen ge- 
hen die kleinen Berichte von der Eschet chajil, der 
heldenhaften Frau. Da hat ein Kosak ein schönes 
Judenmädchen aufgefangen und will sie zu seiner 
Frau machen. Sie scherzt mit ihm und verrät ihm, 
daß sie gegen Kugeln gefeit sei. So erreicht sie, daß 
er auf sie schießt und sie tötet. Eine andere, die ein 
Kosak zur Ehe zwingen will, ist unter der Bedingung 
einverstanden, daß sie in der Kirche jenseits des 
Flusses getraut werden . Auf dem Wege dorthin 
springt sie von der Brücke in den Fluß. 
Aber das Heldentum der einzelnen und der Tau- 
sende vermag nicht die Lähmung zu beheben, die 
die jüdische Welt angesichts dieser Gemetzel an- 
kriecht. Acht Monate hat die Sturmflut gedauert, 
von April bis November 1648. Keine Kreuzzüge, 
keine schwarze Pest haben so unter den Juden ge- 
wütet. Was diese Menschen aus der Not und der 
Ungunst des Alltags gesündigt haben, haben sie so 
tief und teuer bezahlt, wie es sonst in der Welt nicht 
Brauch ist. 

Die ganze jüdische Welt hält den Atem an. Noch ist 
dieses Unglück nicht voll begriffen . Zu schnell und 
turbulent war der Ablauf, zu plötzlich alle Verbin- 



56 DRITTES KAPITEL 

düngen unterbrochen, als daß sich ein umfassendes 
Bild hätte gestalten können . In dieses schweigende 
Erwarten dringen jetzt Erscheinungen und Rufe, 
Menschen und Schriften. Da sind die Flüchtlinge 
in den jüdischen Zentren Westeuropas und der Tür- 
kei. Da ziehen, wie sonst für die Armen in Palästina, 
jetzt Sendboten durch das Land und veranstalten 
Kollekten zum Loskauf derer, die in Gefangenschaft 
der Tataren geraten sind. Sie sammeln in Ismir, 
Saloniki, Konstantinopel, Venedig, Livorno, Ham- 
burg, Amsterdam, Frankfurt. Männer von Gelehr- 
samkeit und Autorität unterziehen sich diesem Hilfs- 
werk. Von Konstantinopel aus leitet es der angesehe- 
ne David de Carcassoni. Er macht sich selbst auf 
die Reise nach Venedig, mit Berichten und Doku- 
menten versehen. Von dort bekommt er Empfeh- 
lungsschreiben an Saul Morteira, den Rabbiner der 
portugiesischen Gemeinde in Amsterdam. Wohin er 
kommt, findet er das gleiche Bild; nichts interessiert 
die Juden mehr, als allein die bange Frage nach dem 
Sinn und Ausmaß dieses Geschehens . Ihre Geschichte 
hat ihnen eine besondere Denkform vermittelt. Sie 
begreifen weder wirtschaftliche Zusammenhänge, 
noch die politische, religiöse und rassenmäßige 
Spannung, aus der heraus das polnische Judentum 
zwischen Hammer und Amboß geraten mußte . Sie 
haben es mit der Auswirkung auf ihre eigene Ge- 
schichte zu tun, und da ist die Auslegung eindeutig: 
ihr letztes Zentrum in der Diaspora ist zerstört. Zu 
den zahllosen Zerstreuungen, in denen ihr Schick- 
sal ablief, ist eine neue hinzugefügt, verbunden mit 
dem Sterben von Hunderttausenden, vermehrt um 
eine maßlose Not und Verelendung der Überleben- 
den. Es ist der augenfällige, blutige Beweis geliefert. 



GEMETZEL 57 

daß die Kette ihrer Leiden noch nicht beendet ist. 
Wenn aber das Leid in einem Volke zu einer stän- 
digen Begleiterscheinung wird, so bekommt es auch 
seinen vertieften Sinn . Es muß einen vertieften Sinn 
bekommen, wenn es ein Volk nicht stumpf und ge- 
fühllos machen soll. Hier setzt der Sinn ihre Ge- 
schichte in der Zerstreuung fort: alles Leiden dient 
der Prüfung und der Läuterung. Alles Leiden ist die 
Vorstufe ihrer endlichen Erlösung. An diese Erlö- 
sung glauben sie schon 1600 Jahre lang. Immer dach- 
ten sie, jetzt sei es genug; jetzt würden sie für reif 
befunden. Und doch war es immer noch nicht ge- 
nug. Immer noch gab es eine Fortsetzung. Dieses- 
mal aber revoltiert die jüdische Seele tief von innen 
heraus. Es geht ein gewaltiges, schmerzliches Sich- 
auflehnen durch die Geister; ein hemmungsloser, 
V begehrender Schrei durch die Gemüter, der gegen den 
himmlischen Thron anrennt: dieses Mal muß es ge- 
nug sein! Es kann nichts mehr kommen, als die Er- 
lösung. W^enn dieses Leid nicht diesen Sinn hat, so 
trägt es überhaupt keinen Sinn . Dann ist es sinnlose 
Grausamkeit, sinnwidriges Schicksal, ein gedanken- 
loses Verworfensein und Vergessen werden von Gott. 
Und da sie wieder das nicht glauben können, da es 
doch die Grundlagen ihres Lebens annagt, kehren sie 
mit einem unendlichen Willen zum Leben und zur 
Erfüllung ihrer Sendung wieder zur Hoffnung zu- 
rück: es sind die letzten, die endgültigen Schläge des 
Schicksals gewesen . Da diese gequälten Seelen nicht 
die Vorstellung einer neuen Zerstreuung ertragen , be- 
greifen sie sie nur als den Beginn der Sammlung. 
Dieser^^Gedanke an die endgültige Erlösung erfuhr 
durch die polnischen Gemetzel nicht etwa den ent- 
scheidenden Anstoß, sondern nur die entscheidende 



58 DRITTES KAPITEL 

Vermehrung. Die Vorgänge in Polen gaben dem la- 
tenten Messianismus nur eine schaurige Aktualität. 
Aber auch der latente Messianismus war zu jener 
Zeit mit ungewöhnlicher Spannung geladen. Man 
befand sich doch in dem Jahre, das nach vielen 
Arten der Auslegung, aus vielen Quellen der geheim- 
nisvollen Ausdeutung als das messianische Jahr err- 
kannt und berechnet war; 1648 . Die Tage des Mes- 
sias sollten doch anbrechen ! Und was war statt des- 
sen geschehen ? Es klagt der Krakauer Rabbiner Lipp- 
man Heller in der Vorrede zu einer Elegie: »Im 
Jahre 408 (1648), dem wir alle als einem Garten 
göttlicher Pracht, als der Zeit der Rückkehr Israels^ 
in seine Heimat entgegen sahen, wurde mein Blut in 
Strömen vergossen . « Der Posener Rabbiner Scheftel 
Horowitz fragt in Empörung und Erschütterung 
seinen Gott, ob er es etwa mit Absicht habe ge- 
schehen lassen, daß das größte Gemetzel sich im 
Monat Siwan zugetragen habe, in eben jenem Mo- 
nat, in dem die Juden die Thora empfangen haben. 
Auch er klagt um die Verheißung: »Im Jahre 408, 
da ich meine Freiheit wieder zu erlangen hoffte, taten 
sich die Missetäter zusammen, um Dein Volk aus- 
zurotten . « 

So geht diese vorwurfsvolle Klage durch viele Lieder 
und Bußgebete, durch Kinnoth und Selichoth, so 
gehen sie in die Reihenfolge der Gebete über, so ver- 
bindet sich von neuem das Leid mit der Liturgie, so 
werden morgen Kinder im frühesten Alter beten und 
lernen , um wieviel an Schmerz und Hoffnung ihre Ge- 
schichte über Nacht bereichert worden ist, so wird 
die Gegenwärtigkeit ihrer Vergangenheit wieder be- 
stätigt, und aus der Trauer um den Verlust des Zen- 
trums der Gelehrsamkeit ringt sich ein böses Wort- 



GEMETZEL 59 

Spiel. Aus Polonia wird: po Ion jah. Hier ruhte 
Gott. 

Der latente Messianismus ist an dem Punkte ange- 
langt, in dem die Theorie ihre Grenzen sprengt und 
der Gedanke bereit ist, sich in die Wirklichkeit des 
Daseins zu begeben. Sie sind entschlossen, dieses 
grauenhafte Jahr als den Beginn des messianischen 
Jahres zu wollen. Auf das Titelblatt seiner Chronik 
Je wen Mezula, der tiefste Abgrund, schreibt Nathan 
Hannover die Worte: Bi* schnath biathha'moschiach, 
im Jahre der Ankunft des Messias. Und er entdeckt, 
daß der Name des großen Peinigers Chmel nur eine 
Abkürzung ist für die Worte : Cheble moschiach jabo 
le'olam, Geburtswehen der Welt, die den Messias 
gebärt. Und Cheble moschiach ist das,^ wovon 
die jüdische Mystik schon seit langem zu berichten 
weiß, und wenn es andere nicht entdeckt haben, so 
enthüllt es jetzt Rabbi Ephraim aus Wreschen: die- 
ses Wort hat den Zahl wert des Jahres 1648. 
So wollen sie mit allen Fasern ihrer Seele den Mes- 
sias . 

Dieses Wollen tastet nun den Raum des Möglichen 
ab . Sie haben nur eine Möglichkeit : den Angriff auf 
Gott. Es gibt eine Möglichkeit, näher zu Gott zu 
kommen, ein Mehr an Würdigkeit und Anspruch zu 
erringen . Es gibt eine Stufe der Selbsterziehung , der 
Selbsterläuterung und der Heiligkeit. Die Kabbala 
hat ihnen die Wege gewiesen. Was in Safed, der 
Hochburg des Kabbalismus, ihre leidenschaftlichen 
Vertreter Ari und Vital gelehrt, geträumt und ge- 
T^^eissagt haben, bleibt nicht mehr nur auf den Be- 
zirktes Orients beschränkt. Es erobert Schritt für 
Schritt die jüdische Welt . Die innere und äußere 
Not hat den Juden reif gemacht für Lehre und Ver- 



6o DRITTES KAPITEL 

heißung der Kabbala. Sie wird eine WafFe in ihrer 
Hand zum Angriff auf ihren Gott. Sie fasten, büßen, 
kasteien sich, läutern und reinigen sich. Sie tun es 
längst nicht mehr um ihres persönlichen Vorteils, um 
ihrer individuellen Erlösung willen . Sie denken dabei 
an das ganze Volk, an die Gesamtheit. Der Messias 
soll kommen. Sie wollen ihm den Weg ebnen. Sie 
beten aus Synagogen und Stuben und von den Grä- 
bern ihrer großen Vorfahren her, Tag und Nacht, aus 
allen Teilen der Welt, unablässig, mit einer gesteiger- 
ten, ekstatischen Hartnäckigkeit. Sie haben den Ge- 
neralangriff auf Gott begonnen .Er muß nachgeben 1 - 
Was hier im Bezirk der Wirklichkeit und desEksta- ^ 
tischen geschieht, ist für viele erschreckend neu, für ' 
manche wohl bekannt, aber für einen Menschen er- 
hofft, erwartet, ersehnt, mit aller Inbrunst herbei ge- 
wünscht: für Sabbatai Zewi. Nicht, daß er auf das 
Elend seines Volkes wartet. Aber da doch die Welt 
auf einen Messias wartet, kann es nicht anders sein, 
als daß ihr das Leid geschieht, das ihr vor dem Kom^- 
men des Messias geschehen muß . Daß es aber so 
kommen würde, so wirklich, so völlig als Not des 
nackten Leibes und nicht nur der Seele, daß es so 
massenweise und brutal auftreten würde, konnte auch 
er nicht erwarten . Das verschiebt seine ganz auf Idee, 
auf Spekulation und Seele gestimmte Haltung auf das 
entscheidendste. Was nützt hier die Verheißung ei- 
ner Vereinigung mit Gott, wenn überall Menschen 
unterwegs sind, die nirgends zur Ruhe kommen kön- 
nen ? Für die Toten und die Verschmachteten braucht 
man keinen Himmel einzurennen . Es genügt ein 
Stück Erde für die Lebenden. Die Seelen erlösen? 
Ja. Aber erst das Volk erlösen. Jeden Tag sieht er 
die flüchtenden und die losgekauften Menschen . Un- 



GEMEtZEi: 6l 

ablässig finden neue Berichte den Weg in das Han- 
delszentrum Ismir. Immer neue Schriften mit Be- 
richten von grauenhaften Einzelheiten werden ge- 
druckt und verbreitet. Von Gemeinde zu Gemeinde 
in der Welt gehen Nachrichten von Büß werk undmes- 
sianischer Hoffnung. 

Es schlägt alles in ihm und über ihm zusammen. 
Kann man da nicht helfen? Muß man da nicht hel- 
fen? Wie darf man hier schweigen, da doch alles Ge- 
schehen und alles übervolle Leid sehnsüchtig sich 
hinwendet zu jenen Verheißungen, die sein tägliches 
Denken und Bemühen sind? Was nützt ihm aller 
Glaube, er stände als Mensch besonderer Begnadung 
inmitten der geheimnisvollen Erkenntnisse, die auf 
die Erlösung gehen, wenn er nicht imstande ist, 
daraus den Schluß zu ziehen und zu antworten: ich 
weiß, wie euch zu helfen ist? Zwar die Idee, die er 
bislang begriffen hat, war nicht auf so viel Wirklich- 
keit gerichtet. An die Seelen hat er gedacht, an ihreii 
mystischen, religiösen Bezirk; Aber jetzt kommen 
Menschen, die aus wirklichen körperlichen Wunden 
bluten, und rufen nach Erlösung, weil sie nicht wol- 
len, daß man sie ewig der feindlichen Welt aussetzt 
und sie alle, alle totschlägt. Der mystische Messia- 
nismus ist mit der realen Not des Tages durchtränkt 
und zu einem politischen, zu einem nationalen gewor- 
den. 

Er sieht endlich ein, daß man diese beiden Formen 
der Erlösung nicht trennen könne, daß man sie als 
eine Einheit nehmen müsse. Aber indem er das be- 
gre^ft^bleibt ihm die Prüfung nicht erspart, was er 
über das Begreifen hinaus hier tun kann. Muß er 
selbst etwas dabei tun? Er muß* Er begreift sich 
nicht mehr anders denn als Mensch, der vom Ge- 



62 DRITTES KAPITEL 

schick in den Vordergrund der Dinge gestellt ist. 
Er steht schon zu lange und zu brennend dort, um 
noch einer aus der Masse sein zu können . Wenn 
bis heute alles dazu gedient hat, ihn zu isolieren, ihn 
bedeutsam zu machen , ihn seine Sonderstellung er- 
kennen zu lassen, warum sollte denn allein dieses ent- 
scheidende Geschehen nicht dazu dienen? Die Zeit 
schreit. Vielleicht ist der Ruf an ihn gerichtet . - 
Er wird noch einsamer und verschlossener. Er kriecht 
in sich hinein und sucht den Zusammenhang zwi- 
schen sich und dem Geschehen. Vor seinen Ohren 
sind die Rufe um Erlösung. Sie gewinnen in der 
Einsamkeit verpflichtende Kraft. Immer muß doch 
^/«Mensch in der Zeit sein, welcher antwortet. Er, 
Sabbatai, könnte es sein, wenn es genügte, daß Men- 
schen nach einem Messias rufen . Es darf aber nur 
antworten, wen Gott zum Messias ernannt hat. Daß 
die Zeit und alles Geschehen in der Zeit übermächtig 
nach ihm rufen, ist ihm bald nicht mehr zweifelhaft. 
Aber das Recht zur Antwort ist ihm noch nicht ge- 
geben. Nichts und niemand hat ihn befugt. Er ist ein 
Anwärter auf das Amt des Messias aus eigenem 
Recht. Niemand sagt zu ihm: Du bist es! 
Er beginnt, vorsichtig seine Schüler zu befragen, 
welchen Rang in der Welt und in der Zeit sie ihm 
wohl zuerkennen mögen. Er fragt wie der Messias 
aus Galiläa: »Wer glaubt Ihr, daß ich sei?« Und sie 
erkennen ihm jeden Rang der Gelehrsamkeit und 
Weisheit und Heiligkeit zu. Aber keiner sagt: »Du 
bist der Messias. « Das erschüttert und erschreckt ihn 
tief. Alle Dinge und Ereignisse haben ihn bisher be- 
stätigt. Jetzt bleibt die Bestätigung aus. Er versucht 
es auf anderem Wege . Wenn er aus den Verloren- 
heiten seiner Gebete zu seinen Freunden zurück- 



GEMETZEL 63 

findet, wie wenn er aus einer Wolke zur Erde her- 
nieder stiege, fragt er sie: »Habt Ihr gesehen, daß 
ich gleich dem Messias in der Verheißung des Jesaja 
auf Wolken einhergefahren bin?« Sie schweigen er- 
schreckt und verneinen, aber sie gewöhnen sich an 
seine Berichte, Fragen und Auslegungen. Wenn er 
bei den nächtlichen Spaziergängen Lichter sieht, die 
auf ihn zukommen, oder geheimnisvolle Stimmen vom 
Meere hört, die auf ihn einreden, sehen auch sie das 
Licht und hören die Stimmen. Wenn er ihnen die 
heuesteil Berichte aus aller Welt vermittelt, geschüt- 
telt von Entsetzen und Mitleid und dem gehüteten 
Geheimnis des Anrufes, glauben sie ihm, wenn er 
den Vers des Jesaja auf sich bezieht: »In meinem 
Herzen ist der Tag der Ahndung angebrochen, und 
das Jahr meiner Erlösung ist gekommen.« 
Während er sie Schritt für Schritt leitet, ihm zu ver- 
trauen und ihm dereinst das noch Verhüllte zu glau- 
ben, gangelt er gleichzeitig sich selbst an seiner über- 
großen Bereitschaft, sich als Messias anrufen zu las- 
sen . Bald ist da keine Grenze mehr zwischen Wunsch 
und Wirklichkeit. Für ihn steht schon alles Kommen- 
de so fest, daß man es getrost vorweg nehmen darf. 
Er ist wie ein Mensch, der schon heute über einen Ge- 
genstandverfügt, den man ihm selbst morgen erst schen- 
ken soll. Er glaubt, daß er es darf. Sein Vertrauen zu 
dem, was er erwartet, ist blind. Daß er aber unge- 
wöhnliche Verantwortung auf sich lädt, bedenkt er 
nicht. Aus solcher Haltung wächst der Verbrecher 
aus Unterlassung, nicht aus Tat. - 
So muß es kommen, daß er sich eines Tages, noch im 
AblauFdes Jahres 164 8, seinen engsten Freunden nach 
vielen Andeutungen und geheimnisvollen Auslegungen 
als Messias bekennt. Und Schweigen verlangt. 



64 DRITTES KAPITEL 

Sie erschrecken nicht mehr. Ihre Gläubigkeit und Be- 
reitwilligkeit ist sehr groß. Sie erkennen ihn an. Da 
sie als erste der Offenbarung gewürdigt worden sind, 
ist ihre Anhänglichkeit ohne Grenzen . Sie bilden seine 
erste verborgene Gemeinde, 



VIERTES KAPITEL 

ANRUFUNG DES NAMENS 



5 Kaßtein Zewi 



VIERTES KAPITEL 67 

DAS JAHR 1648, DAS JAHR DER MESSIANISCHEN VER- 
heißung, geht seinem Ende zu. Von den vier Enden 
der Welt her wächst in einem Volke die Bereitschaft 
und die Vorbereitung. Aber es geschieht nichts, was 
sich als Erhörung und Erfüllung deuten läßt. Kein 
Anzeichen läßt sich wahrnehmen. Es weiß niemand, 
daß zu dieser Zeit sich in Ismir ein junger Kabbaiist 
von 22 Jahren seinen engsten Freunden als Messias 
bekannt hat. Die Spannung ist straff bis zum Zer- 
reißen. 

Auch Sabbatai bewegt sich an der äußersten Grenze 
zwischen Erwartung und Ausgeliefertsein an die Bil- 
der seiner Vorstellungen. Wenn jetzt noch einige 
Wochen vergehen, dann hat das Schicksal alle Er- 
wartungen und Verheißungen Lügen gestraft. Dann 
bricht mit dem Ablauf des Jahres alle Sicherheit des 
Glaubens zusammen. Das ist so unvorstellbar, daß 
es schlechthin nicht sein darf. Da der Messias ver- 
heißen ist, muß er kommen. Und da nirgends in der 
Welt einer aufsteht und sagt: »Ich bin es«, so geht 
es immer wieder ihn selbst an, ist er immer wieder 
von neuem und jetzt dringender als je vor die Frage 
gestellt: »Wenn nicht ich, wer sonst .f^« 
Möglich, daß ein anderer als er berufen ist. Aber er 
bekennt sich nicht. Warum nicht? Fehlt es ihm an 
der letzten Bestätigung von oben? Dann wird jener 
vermeinte andere wohl nicht der wahre Messias sein. 
Dann bleibt es doch wohl bei ihm haften, bei Sab- 
batai Zewi . Zwar ist auch bei ihm noch nicht alles 
gekl^xtjund die letzte Eindeutigkeit des Anrufes noch 
nicht erfolgt. Aber er hat doch schon einen Versuch 
gemacht, hat das Göttliche herausgefordert und ist 
von keinem Blitzstrahl als Lästerer erschlagen wor- 
5* 



68 VIERTES KAPITEL 

den. Er hat sich in der Heimlichkeit bekannt und 
gewann dadurch nur neues Vertrauen in sich selbst. 
Vielleicht braucht es zu allem nur noch das Bekennen 
in der hellen Öffentlichkeit. Die Zeit drängt. Es ist 
kein Verbrechen, wenn man ihre Not aufnimmt und 
ihr antwortet. Es mag sein, daß es ihn zerschlägt 
und für sein Leben vernichtet. Aber es muß gewagt 
werden . 

Stammelnd, erschüttert und aufgewühlt wankt Sab- 
batai unter der halben Erkenntnis einher, wankt durch 
die Nächte und die Gassen, unwiderstehlich hinge- 
zogen zur Synagoge, wo die täglichen Bekenntnisse 
und Gebete aufsteigen in den Raum, der keine Ant- 
wort gibt. Er steht da, den Blick auf die verhüllten 
Betenden gerichtet, zerberstend unter dem Wider- 
streit von Furcht und dem Drang nach einer erlösen- 
den Manifestation, und während alle Dinge und 
Menschen sich zu einem wirren Haufen von blenden- 
dem Licht vor ihm zusammenballen, betritt er den 
Almemor, den erhöhten Platz, von dem aus die hei- 
lige Schrift vorgelesen wird, und schreit hemmungs- 
los den vollen, nie in der Zerstreuung ausgesproche- 
nen Namen Gottes in das Gewirr der Stimmen hinein. 
Es wird mit einem Schlage grabstill . Was war das ? 
Das war doch der Schem ha'mforasch, der volle Na- 
me Gottes, den allein in Jerusalem und an der Tem- 
pelstätte der Hohe Priester aussprechen durfte ! Und 
dann darf man ihn noch aussprechen, wenn man sich 
um der Heiligung eben dieses Namens willen dem 
Geschick des Märtyrers ausliefert. Aber dieser junge 
Chacham ist doch kein Dummkopf, daß er diese Ge-< 
böte nicht kennt! Also ein Lästerer seines Gottes? 
Unvorstellbar, denn in der allgemeinen Frömmig- 
keit der Zeit ist er der Frommsten einer. Aber sie 



ANRUFUNG DES NAMENS 69 

wissen, daß die Zeit nicht nur fromm, sondern auch 
übermäßig von innen her erregt ist. Vielleicht hat es 
den jungen Menschen auf dem Almemor überrannt 
und umgestoßen, daß er nicht weiß, was er tut und 
folglich nichts zu verantworten hat. Aber wie dem 
auch sei : es bleibt ein Verstoß von unvorstellbarer 
Schwere. Es ist vielleicht nicht ihre Aufgabe, in 
einer so zerrissenen Zeit das Amt des Richters zu 
übernehmen. Mag Gott sich selber wehren, wenn 
er sich hier zu Unrecht angerufen und beschworen 
fühlt. Es ist eine Beschwörung, denn wer den vollen 
Namen Gottes ausspricht, ruft ihn bei seinem Wesen 
an, zwingt ihn herbei, beschwört ihn. Der Priester 
darf es, denn er ist dazu eingesetzt. Der Märtyrer 
darf es, denn es ist seine letzte Heimkehr. Und ein- 
mal wird es der Messias dürfen, weil dann sein Ruf 
nur Antwort auf die Ernennung durch Gott ist. Da 
dieser junge Mensch aber alles drei nicht ist, muß es 
böse Folgen geben. Sie haben Angst davor. Man darf 
diesen Vorgang nicht laut werden lassen. Man muß 
ihn unterdrücken, damit es draußen nicht Aufsehen 
und Unruhe gibt. Man muß sich blind und taub 
stellen, vertuschen, weiter beten, vergessen, was da 
geschehen ist. Und die Stimmen der Beter erfüllen 
von neuem und mit lauteren Gesängen den Raum 
der Synagoge. Es ist nichts geschehen. Es darf nichts 
geschehen sein . Einige Jünger Sabbatais heben er- 
regt die Hände und wollen etwas rufen. Aber das 
tote Schweigen lähmt sie; der turbulente Lärm der 
Gebete erdrückt sie. Sie schweigen. - 
Da isfeiner unter den Betenden, Isaac Sylveyra, der 
genau so wie die anderen Beter die drei Möglichkei- 
ten durchdenkt, und den es doch bei der dritten wie 
eine plötzliche Erkenntnis durchzuckt : dieser Mensch 



70 VIERTES KAPITEL 

da sieht aus wie einer, der das Recht auf solches Be- 
kenntnis hat ! Er sieht zu ihm auf und fragt ver- 
schüchtert: »Messias?« Seine Worte sind im auf- 
brausenden Chorus der Gebete nicht zu verstehen, 
aber Sabbatai, dessen Augen gierig an jedem Ge- 
sicht hängen, versteht aus der Formung der Lippen, 
daß wenigstens einer ihn verstanden, wenigstens ei- 
ner das Symbol seines Bekenntnisses richtig aufge- 
nommen hat. Vielleicht sind da noch andere, die 
glauben möchten , und die sich doch feige an der Offen- 
barung vorbeischleichen . Sie beten laut und schreien 
nach einem Messias, und vor dem, der sich ihnen dort 
auf dem Almemor anbietet, schließen sie die Augen. 
Eine wilde Bitternis ist in Sabbatai Zewi. Ist alle 
Selbstzucht, ist alles Beten, Kasteien, Sich-härmen, 
Zweifein und Ringen nur dafür gewesen, um dieses 
laute, ablehnende Schweigen zu ernten? Er bedenkt 
nicht, ob dieses Verneinen der Menschen nicht eine 
Antwort sei, die von dem untrüglichen Instinkt ge- 
geben ist, und die er folglich demütig hinnehmen muß . 
Er ist kein demütiger Mensch. Er ist hochmütig, 
weil er seine Anerkennung fordert. Er fühlt sich als 
ein verkannter Messias. Der wahre Messias, weiß 
er, wird von den Menschen verleugnet werden. Da- 
rum fühlt er sich doppelt als Messias . Darin ist Trotz. 
Er wird sie zur Anerkennung zwingen , wie er schon 
den einen, Isaac Silveyra gezwungen hat. Dieser ist 
sein erster Anhänger. Und diesem gibt er später zum 
Lohn eine Krone, 

Es gibt eine Erzählung voll tiefen Sinnes aus j ener Zeit : 
in einem Lehrhaus sitzen junge Menschen um einen 
Tisch und fragen einen berühmten Rabbi: »Woran 
erkennt man den Messias? Daran, daß er Wunder 
tut?« Der alte Rabbi zieht erstaunt die Augenbrauen 



ANRUFUNG DES NAMENS 71 

hoch. «Wunder? Wunder hat auch der Jehoschuah 
aus Nazareth getan. Und er ist doch nicht unser 
Messias gewesen. Den Messias erkennt man daran, 
daß alle an ihn glauben und keiner an ihm zweifelt. « 
Nach dem ekstatischen Bekenntnis in der Synagoge zu 
Ismir verläuft Sabbatais Tagewerk nun in den kleinen 
Beniühungen, eben dieses Ziel zu erreichen, daß alle 
an ihn glauben und keiner an ihm zweifelt . Die große 
Gebärde vor der Masse der Betenden war ein Schlag 
ins Leere. Dieser Augenblick war vielleicht der ehr- 
lichste und ungewollteste in seinem Leben. Aber da 
es nach solchem Augenblick kein Zurück gibt und sol- 
che Ekstase nicht willkürlich von neuem herbeigerufen 
werden kann, muß er sich auf die nüchterne, sach- 
liche, wühlende und unterminierende Kleinarbeit be- 
schränken. Silveyra bringt ihm zwei andere, bedeu- 
tende Anhänger, den Mose Calmari und den Mose 
Pinheiro, den Schwager des großen italienischen Rab- 
biners und Kabbalisten Joseph Ergas. Sie bilden den 
Kern eines Konventikels, der Sabbatai ohne Frage 
und Voraussetzung als den berufenen Messias an- 
erkennt. Sie sind darauf bedacht, ihren Kreis lang- 
sam, aber mit unbedingt gläubigen und zuverlässigen 
Menschen zu erweitern. Dafür ist es vor allem nötig, 
daß nichts geschieht, was sie in den Augen der großen 
Masse verdächtig oder bedenklich macht. Sie machen 
sich daher strenge Beobachtung aller Gesetzesvor- 
, Schriften zur Pflicht . Man könnte sie nach ihrem Ver- 
halten in dieser Zeit für eine Gruppe besonders from- 
mer Menschen halten, wenn von ihnen nicht immer 
wiedertleine Bewegungen und Unruhen ausgingen. 
Es sind insbesondere die Armen , denen sie ihre Auf- 
merksamkeit zuwenden . Arme gibt es in dieser Zeit 
der Not selbst in der wohlhabenden Stadt Ismir, denn 



72 VIERTES KAPITEL 

es drängen sich zu viele dorthin, die an dem Aufblü- 
hen der Stadt und der Gemeinde teilhaben wollen. 
Besonders aus dem nahen Palästina kommen von der 
Not getriebene Menschen . Denn bis dahin wirkt sich 
die Ungunst der Zeit aus . Der Strom der Spenden 
aus Polen ist unterbrochen . Die einst Almosen gaben, 
brauchen jetzt selber Unterstützung. Die Sammlun- 
gen in der jüdischen Welt werden zugunsten der ta- 
tarischen Gefangenen veranstaltet. In der heiligen 
Stadt Jerusalem ist Hungersnot ausgebrochen . Und 
an diese Menschen, die der Hunger vertrieben hat, 
wendet sich Sabbatai, Denn die müssen am ersten 
verstehen, daß es etwas Ungeheuerliches ist, wenn 
Juden in dieser Zeit selbst von dort noch vertrieben 
werden, wohin sie zurückkehren sollen. Solche Di- 
aspora ist nur vor dem letzten Ende, vor der endgül- 
tigen Sammlung möglich. 

Er findet Anhänger unter ihnen, und zuweilen, wenn 
seine Tröstungen und Verheißungen sehr eindring- 
lich sind, brechen kleine Tumulte aus. Sie gehen in 
die Synagogen und Lehrstätten und wollen die an- 
deren aufrütteln und sie für das Erkennen des Mes- 
sias zugänglich machen. Es gibt Dispute, die sehr 
heftig werden und in Streitigkeiten ausarten . Es ent- 
stehen daraus Spannungen und Feindschaften, die 
den Frieden der Gemeinde gefährden. 
Die Rabbiner haben auf dieses Treiben ein sehr wach- 
sames Auge. Sie lassen sich jede Einzelheit berich- 
ten, die in dem Kreise um Sabbatai vor sich geht. 
Bei ihnen ist die Aussprechung des Schem ha'mfo- 
rasch nicht vergessen. Insbesondere Escapa, der ehe- 
malige Lehrer des Sabbatai, kennt seinen Schüler sehr 
gut; zu gut, um nicht zu wissen, daß es ihm nicht 
darauf ankommt, eine Wirklichkeit mit einem Phan- 



ANRUFUNG DES NAMENS 73 

tasiebilde ZU vermengen . Er weiß, daß Sabbatai nicht 
nur ein frommer Mensch ist, sondern auch ein ehr- 
geiziger. Ehrgeiz ist aber das Gegenteil von Fröm- 
.migkeit . Zwar wird im Augenblick von Sabbatai nur 
die gesteigerte Frömmigkeit sichtbar, und so muß Es- 
capa sich angesichts der kleinen Unruhen, die um 
seinen ehemaligen Schüler entstehen, darauf be- 
schränken , ihm eine Verwarnung zugehen zu lassen . 
Er solle Ruhe geben . Die Zeit sei unruhig genug. Sie 
bipdürfe keiner besonderen Erregung mehr . 
Und in der Tat setzten die Erregungen aus dem tat- 
sächlichen Geschehen nicht aus . Im November 1648, 
als Jan Kasimir, der Kardinal und Primas von Gne- 
sen, als Nachfolger Wladimirs IV. zum König von 
Polen gewählt worden war, hatte er Friedensver- 
handlungen mit Chmelnicky eingeleitet, und das Ge- 
metzel hatte für kurze Zeit geruht. Dann begann es 
im Sommer 1649 von neuem. Zwar wurde Chrhel- 
nicky von den reorganisierten polnischen Truppen 
geschlagen, aber doch fand er im folgenden Jahre er- 
neute Gelegenheit zum Angriff auf Polen und Juden. 
Langsam begann die Zahl der jüdischen Opfer sich 
der Kontrolle zu entziehen . Aber es schien der letzte 
Anprall des Sturmes gewesen zu sein. Mit einem 
Male wurde es still. Mit der tragischen Anpassungs- 
fähigkeit, die sie sich im Laufe ihrer Geschichte er- 
worben hatten, richteten die geduckten Juden sich 
wieder auf. Sie sahen : Jan Kasimir hat den Chmel- 
nicky entscheidend geschlagen, mindestens ihn für 
lange^Zeit unschädlich gemacht. Ihr Leben und ihre 
Existenz waren für heute und morgen garantiert . Und 
schon sahen sie wieder Zukunft und Lebensmöglich- 
keiten. Sie begannen sogleich, ihre Organisation, das 
Rückgrat ihrer Existenz, wieder aufzubauen. Sie he^- 



74 VIERTES KAPITEL 

riefen für das Jahr 1650 nach Lublin die Vertreter 
der vier polnischen Länder, den Vier-Länder- Waad, 
und bauten die zertrümmerte Ordnung und den zer- 
brochenen Zusammenhang wieder auf. Sie erwirkten 
von Jan Kasimir, daß die unter den Drohungen zum 
Christentum Übergetretenen wieder zum Judentum 
zurückkehren durften. Sie bewirkten die Frei- 
lassung der gefangenen Frauen und Kinder. Sie 
kauften mit ihren letzten Mitteln die Gefangenen von 
den Tataren los . Sie vermehrten die Zahl ihrer 
schwarzen Gedenktage um den Fasttag des 20. Si- 
wan, den Tag der Zerstörung von Nemirow. Sie 
untersagten einander, um das Andenken der Mär- 
tyrer zu ehren, für die Dauer von drei Jahren Bro- 
kat und Samt oder Seide zu trägen. Sie beginnen 
schon wieder mit der Dauer zu rechnen . Sie beginnen 
schon wieder, alles Leid in Gedichten und Klage- 
liedern und Gebeten zu sublimieren. Ihre Begabung 
für das Leben ist nicht geringer als die für das Ster- 
ben . 

Etwas von diesem ungewöhnlichen Willen zum Le- 
ben und zur Wirklichkeit geht auch auf die übrige 
jüdische Welt über. Zwar kommen die messianischen 
Ideen nicht zur Ruhe, weil sie immer latent vorhan- 
den sind. Aber da die erregenden Vorgänge ih der 
Außenwelt stiller werden, bleibt auch die Idee im 
Geistigen verhaftet und drängt nicht übermäßig nach 
ihrer Gestaltung. Nur ein Mensch wie Sabbatai Zewi 
kann sich mit diesem Zustand der Dinge nicht ab- 
finden. Er hat den Schritt jenseits der Grenze ge- 
macht. Er ist nicht bereit, ihn zurückzunehmen. Er 
übersieht ganz klar die Einmaligkeit dieser Konstel- 
lation , daß der latente Messianismus vor der Explo- 
sion steht, daß Hunderttausende trotz allem bereit 



ANRUFUNG DES NAMENS 75 

sind , einen Messias in aller Wirklichkeit anzunehmen , 
wenn er sich darbietet. Vor der Zeit, die nach 
einem erlösenden Menschen sucht, steht ein Mensch, 
der nach einer aufnahmebereiten Zeit sucht. Die bei- 
den können sich begegnen und eine große Bewegung 
auslösen. Sabbatai ist bereit, das Seinige dazu zu 
tun. 

Aber seine Umgebung ist nicht bereit, das zu dul- 
den. Sie erkennt an, daß ein Messias kommen muß. 
Aber sie anerkennt nicht diesen jungen Menschen, 
der unter ihren Augen aufgewachsen ist, dessen Klug- 
heit sie bewundert, dessen Sonderbarkeit sie belä- 
chelt, dem sie insgeheim nachträgt, daß er sich mit 
Geheimnis umgibt, dem sie die frevelhafte Ausspre- 
chung des heiligen Namens noch nicht verziehen hat, 
und dem sie es sehr verargt, daß er sich der Armen 
bemächtigt und Unruhe unter ihnen stiftet. Er hat 
sich zwar noch nicht offen als Messias bekannt, son- 
dern hat es bei der symbolischen Demonstration be- 
wenden lassen. Aber daß er eines Tages Ernst mit 
seinem Anspruch machen wird, steht sicher zu er- 
warten. Und dem wollen sie vorbeugen; nicht nur, 
weil sie ihm persönlich den Anspruch streitig ma- 
chen, sondern auch, weil sie einen klugen, wägenden, 
kaufmännisch rechnenden Instinkt für die Zeit haben. 
Diese Zeit braucht außen und innen Ruhe, Ruhe um 
jeden Preis, damit die offenen Wunden heilen kön- 
nen. Wer diesen Heilungsprozeß stört, zieht sich die 
Feindschaft derer zu, die über das Wohl des Volkes 
wach€ai_der Rabbiner. 

Sabbatai weiß das. Er hält sich zurück, vermeidet 
jedes offene und demonstrative Auftreten und wirkt 
unter der Oberfläche und im kleinen Kreise weiter. 
Da sind seine Erfolge allerdings beträchtlich . Es muß 



76 VIERTES KAPITEL 

schwer gewesen sein, ihm zu widerstehen, wenn er 
einen Menschen überzeugen wollte. Und anderer- 
seits hat er einen großen Bundesgenossen: die Er- 
wartung der Menschen. Er nützt sie aus, um seine 
Anerkennung zu mehren. Wie ein Krämer sammelt 
er Anhänger um Anhänger, bis seine Gefolgschaft so 
groß sein wird, daß er sich ohne Gefahr des Mißlin- 
gens nach außen hin bekennen kann . In ihm ist nichts 
mehr von der leidenschaftlichen Geste, aus der er die 
Aussprechung des heiligen Namens gewagt hat. Er 
ist so verhalten, daß er den Eindruck der Feigheit 
macht, und er duckt und versteckt sich vor den Rab- 
binern. 

Sie verfolgen und beobachten ihn so scharf, daß sie 
endlich genug Material in Händen haben, um einen 
entscheidenden Schlag gegen ihn zu führen . Sie tun 
ihm nicht die Ehre an, ihn als Messias zu bekämpfen ; 
sondern sie verhängen über ihn als Unruhestifter und 
als Verbreiter von Irrlehren den Bann , den Cherem . 
Sie sprechen gegen ihn die großen Verwünschungen 
aus, die eigentlich ein Schrei der Notwehr sind, die 
eine gefährdete Gemeinschaft ausstößt: »Nach dem 
Beschluß der Engel und dem Urteil der Heiligen ban- 
nen, verstoßen, verwünschen und verfluchen wir Sab- 
batai Zewi, mit der Zustimmung des heiligen Gottes 
und dieser ganzen Gemeinde, vor der heiligen Thora 
mit den sechshundertdreizehn Vorschriften, die in 
ihr verzeichnet sind, mit dem Fluche, mit dem 
Elias die Knaben verfluchte, und mit allen den Ver- 
wünschungen, die im Gesetz geschrieben sind. Ver- 
flucht sei er am Tage, und verflucht sei er bei Nacht; 
verflucht, wenn er sich niederlegt, und verflucht, 
wenn er aufsteht; verflucht, wenn er ausgeht, und 
verflucht, wenn er heimkehrt. Gott soll ihm nicht 



ANRUFUNG DES NAMENS 77 

verzeihen . Zorn und Grimm Gottes sollen gegen 
ihn entbrennen und über ihn alle Flüche bringen , von 
denen im Gesetz geschrieben steht. Verlöscht werde 
; sein Name unter dem Himmel und sein Andenken 
ausgeschieden aus der Gemeinschaft Israels. Und soll 
niemand mit ihm umgehen, nicht mündlich, nicht 
schriftlich, niemand ihm eine Gunst erweisen, nie- 
mand unter einem Dache oder vier Ellen in seinem 
Umkreis weilen, und niemand eine Schrift von seiner 
Hand lesen . « 

Wenn die Rabbiner von Ismir um die Wirkung ihres 
Bannspruches gewußt hätten , dann wäre er unaus- 
gesprochen geblieben. Sie hätten Sabbatai sich selbst 
und seinem kleinen konspiratorischen Wirken über- 
lassen, bis seine Bemühungen sich verzettelt und er- 
schöpft hätten . Aber so haben sie in sein Leben das 
Element gebracht, aus dem er fortan weiter lebt, und 
das ihm zu einem unaufhaltsamen Aufstieg verhilft : 
das Angestoßen werden durch eine Kraft von außen, 
die Passivität, die die Dinge mit fast weiblicher In- 
brunst aufnimmt und sie im feigen Erdulden und Un- 
terordnen zu einer Macht verarbeitet und umwandelt. 
Das hat der Urheber dieses Bannspruches, sein Leh- 
rer Escapa, sehr wohl bedacht, denn erkannte nicht 
nur das Gehirn, sondern auch das Gemüt seines Schü- 
lers. Darum war der Rat, den er den Rabbinern zur 
Beseitigung dieses Ärgernisses gegeben hatte, auf 
rjichts weniger gegangen als auf die Beseitigung Sab- 
batais. Man konnte ihm daraus nicht einmal einen 
Vorwurf machen, denn das jüdische Gesetz verhäng- 
te über den, der den heiligen Namen unbefugt aus- 
sprach, die Todesstrafe. Das Bußgeld, schlug Es- 
capa vor, solle die Gemeinde übernehmen, und die 
Rabbiner sollten dem Täter, weil er ein gutes Werk 



78 VIERTES KAPITEL 

verrichtete, im voraus die Sünde verzeihen. Aber das 
schien den anderen ein Mittel, das in keinem Ver- 
hältnis zur Wirkung stand. Sie entschieden sich für 
den Bann und damit im Ergebnis, für den Beginn der 
größten messianischen Bewegung, die das Judentum 
je in der Zerstreuung erlebt hat. 
Die Schwere, die in einem Bannfluch liegt, berührt 
Sabbatai nicht im mindesten . Verständlich wird ihm 
dagegen sehr, daß ihm Gefahr drohe, und daß seines 
Bleibens in Ismir nicht länger sei. Er weiß, daß dieser 
Bann nur ein gemindertes Todesurteil ist, und er hat 
weder die Kraft noch den Willen zu einer trotzigen 
Haltung. Er beschließt vielmehr, auszuweichen, zu 
fliehen . Aber selbst dieses Ausweichen und Fliehen 
wird für ihn sogleich zur Quelle eines neuen Erlebens . 
Mag Escapa den Bann begründen wie er will : Sab- 
batai weiß, daß man in ihm den Messias treflFen will. 
Mit tiefer Genugtuung stellt er fest, daß die Welt auf 
sein Tun reagiert. Es wird ihm damit der Beweis 
geliefert, wie wichtig sein Tun ist. Und weil es so 
wichtig ist, muß er die Folgen auf sich nehmen . Und 
diese Folgen - man sieht förmlich, wie sich alles in 
Zufriedenheit überschlägt - sind das Leid; jenes 
Leid, das dem Messias von alten Zeiten her ver- 
heißen ist, jenes Leid, das sehr tief im Messiasgedan- 
ken wurzelt. Der Messias wird verkannt und ver- 
folgt und muß leiden. Das ist eines der Zeichen, an 
denen man ihn erkennt. Und diese Zeichen offen- 
baren sich jetzt sichtbar im Schicksal des Sabbatai 
Ze wi . Der Fluch wird ihm zum Segen . 
Ehe er Ismir verläßt, gibt er in vertrautem Kreise 
bekannt, was er weiß : diese Stadt, die ihn heute ver- 
jagt, wird ihn eines Tages wie einen König empfan- 
gen. Es mag Jahre dauern, bis er wieder kommt, 



ANRUFUNG DES NAMENS 79 

aber er kommt wieder. Und in dieser Gewißheit er- 
nennt er für seine zukünftige Residenz zwei seiner 
Schüler als Stellvertreter: Chaim Dow aus Saloniki 
und Schalom Israel aus Isinir. Vor ihnen bekennt er 
sich feierlich als der wahre und berufene Messias. 
Von ihnen verlangt er, daß sie für die Dauer seiner 
Verbannung für ihn und in seinem Sinne wirken . 
Dann begibt er sich auf Reisen, reich ausgestattet mit 
Geldern seines Vaters und seiner Brüder. Ein neuer 
Anstoß hat ihn getroffen. Tiefer wird das Verharren 
bei dem Amte, das er auf sich genommen hat. Sein 
Glaube an sich selbst wird wie Stahl. Jetzt hat die 
Welt tatsächlich einen Messias bekommen. 
In dem Wege, den er jetzt einschlägt, liegt kein klarer 
und vorbedachter Plan , und die vielen Abweichungen 
der Quellen über die Reiseroute machen es wahr- 
scheinlich, daß es ein hin und her, ein hierhin und 
dorthin gewesen ist, wie der Zufall von Begegnun- 
gen, von Zustimmung oder Ablehnung es gerade füg- 
te . Aber immer ist er darauf aus , zu wirken , für 
sich zu werben, seinen Anspruch vorzulegen und An- 
erkennung und Gefolgschaft zu verlangen, Da sein 
Vater und seine Brüder an ihn glauben, wird es die 
Verwandtschaft nicht minder tun. Folglich begibt 
er sich nach Morea. Dort weiß man von ihm. Dort 
erfährt er zum ersten Male die tiefe Genugtuung, daß 
Gerüchte und halb legendäre Erzählungen ihm schon 
vorausgeeilt sind . Darum hält es ihn hier nicht lange . 
Wenn schon die kleinen, abgelegenen Orte von ihm 
wissen ,<!;5rerden es die großen Zentren des Judentums 
um so mehr. Vor allem schwebt ihm Jerusalem vor. 
Aber dieser Ort hat eine so verpflichtende Kraft zu 
Handlungen und letzten Entscheidungen, daß er sich 
lieber erst am Rande des Kreises versucht. Er taucht 



8o VIERTES KAPITEL 

in einer Reihe griechischer Städte auf, ohne daß greif- 
bare Ereignisse zu verzeichnen sind. In Athen wird 
er als gelehrter Mann freundlich empfangen, aber so- 
bald die Nachricht von dem verhängten Bann be- 
kannt wird, isoliert man ihn, so daß ihm nichts bleibt, 
als abzureisen . 

Er ist keineswegs entmutigt . Da die Umstände ihn 
dauernd in Bewegung halten , bleibt er auch innerlich 
in Bewegung. Er kalkuliert richtig, daß an sein Er- 
scheinen doch überall Erinnerungen verbleiben wer- 
den, deren Summe eines Tages die Anerkennung sein 
kann . Schon daß seine reichen Geldmittel ihm ein 
pomphaftes Auftreten ermöglichen, ist wichtig und 
eindrucksvoll. Von diesem Umstand macht er aus- 
giebig Gebrauch, wie er sich jetzt entschließt, in Sa- 
loniki, der Hauptstadt Mazedoniens, die Probe aufs 
Exempel zu machen . 

Saloniki ist eine überaus wohlhabende und gelehrte 
Judenstadt, beherbergt lo.ooo Türken und 4000 
Griechen, aber 22.000 Juden, Frauen und Kinder 
nicht mitgerechnet. Dreißig Synagogen sind in der 
Stadt und zwei große Lehrhäuser mit Tausenden von 
Schülern aus dem ganzen Orient her. Hier hat die 
Lehre der Kabbala sich eine Hochburg errichtet, und 
hier kann Sabbatai auf Verständnis hoffen , Aber die 
Erfahrungen haben ihn klug gemacht. Er hält mit 
seiner Offenbarung und mit seinem Anspruch zurück, 
weil er erst feststellen muß, wieweit diese Menschen 
bereit sind, der Idee eines lebendigen Messias ihre 
Zustimmung zu geben. So sagt er, wie er die Rab- 
biner besucht, nichts über sein Messiastum. Er 
kommt schlechthin als ein Gelehrter, und als solcher 
kann er überall gute Aufnahme erwarten. Dennoch 
ist er für die Rabbiner von Saloniki kein unbeschrie- 



ANRUFUNG DES NAMENS 8l 

benes Blatt. Vielleicht wissen sie nichts von dem 
Bann, bestimmt aber wissen sie, daß er vor Jahren 
einmal öffentlich in der Synagoge den Sehern ha *mfo- 
rasch ausgesprochen hat. Und sie begehren von ihm 
zu wissen, warum er es getan hat. 
Damit ist ihm eine einzigartige Möglichkeit gegeben, 
zu bekennen: ich durfte es, weil ich der Messias bin. 
Er macht keinen Gebrauch davon . Er fühlt sich wohl 
noch zu isoliert . Darum weicht er mit ernst abwehren- 
der Gebärde aus : das sei ein Geheimnis , das er eines 
Tages enthüllen werde, wenn die Zeit dafür gekom- 
men sei. 

Aber wenn er schon nicht den Mut hat, zu bekennen, 
so kann er andererseits doch nicht darauf verzichten, 
sich in einer symbolischen Handlung zu entladen und 
abzuwarten , ob die anderen ihn nicht von selbst ver- 
stehen und ihm nicht spontan aus dem Begreifen zu- 
rufen: »Du bist der Messias«. So wie er es in Ismir 
getan hat, wo ihm ein Mensch antwortete . Vielleicht 
antworten hier mehrere. 

Er lädt die Rabbiner der Stadt zu einem großen und 
prunkvollen Fest ein . Während sie essen und trinken 
und weise Gespräche führen, ^ erhebt sich Sabbatai 
plötzlich und nimmt hinter einem Vorhang her eine 
Thorarolle. Alle sehen ihn erstaunt an. Was wird 
da kommen ? Sabbatai tritt vor sie hin , glühend im 
Gesicht, die Rolle des Gesetzes dicht an sich ge- 
drückt, als halte er einen Menschen, und verlangt, 
daß die Rabbiner zwischen ihm und der Thora die 
Eheschließung vollziehen ! 

Werden sie aufspringen, das Symbol verstehen und 
ihm zurufen, was er erwartet .f" Nichts dergleichen ge- 
schieht. Er stößt auf verlegenes, befremdetes, un- 
williges Schweigen . Vom Ende der Tafel kommt eine 

6 Kastein Zewi 



82 VIERTES KAPITEL 

verärgerte, verächtliche Stimme: »Der Mensch ist 
verrückt!« Und die anderen nicken ihm zu: Ja. Sie 
erheben sich und wollen gehen. Da lacht Sabbatai 
kalt und höhnisch hinter ihnen her, daß sie sich noch 
einmal umwenden. Er ist der Situation völlig ge- 
wachsen und will seine Gäste nicht gehen lassen, 
ohne sie zuvor ins Unrecht gesetzt zu haben . Warum 
sie die}Propheten lügen strafen wollen ? fragt er sie . 
Es hätten doch die Propheten gesagt, daß die heilige 
Schrift, dieser Inbegriff der Wahrheit, die Gattin de- 
rer sein müsse, die die Wahrheit lieben . Und das sei 
der Sinn der Einladung gewesen, sie eine solche Feier 
erleben zu lassen . 

Sie zucken die Achseln, etwas verlegen, etwas ver- 
ärgert und noch mit dem Schimpfwort »verrückt« auf 
den Lippen. Aber wieder ist da einer, Isaac Levi, ein 
Verwandter seines Lehrers Escapa, den das Symbol 
mächtig angegriffen und erfaßt hat, der heimlich zu- 
rückbleibt, wie die andern gehen, und sich in furcht- 
samer Vertraulichkeit Sabbatai nähert. »Der wahre 
Sinn.?« fragt er. Und Sabbatai, wissend um die Be- 
deutung des einzelnen, der ergriffen ist, läßt jede 
Hemmung vor ihm fallen und bekennt sich ihm als 
der in der Zeit erwählte und berufene Messias . Aber 
er beschwört ihn zugleich, davon zu schweigen, so- 
lange er in Saloniki sei, und erst zureden, wenn er 
abgereist sei . Isaac Levi verspricht es, ein treuer und 
in der Folge wichtiger und wirkender Anhänger. 
Wie er es nicht anders erwartet hat, geht Sabbatai 
am anderen Tage der Rat der Rabbiner zu, die Stadt 
möglichst bald zu verlassen , falls er nicht aus ihr ver- 
trieben werden will . Sabbatai sträubt sich nicht . Lei- 
den und Verfolgtwerden gehören doch zu seinem 
Amt. Er hat hier im Augenblick auch nichts mehr 



ANRUFUNG DES NAMENS 83 

ZU tun. Ein anderer wird für ihn, wenn er erst fort 
ist, das Bekenntnis ablegen. Dann sieht es so aus, als 
kämen die Dinge auf ihn zu, und als müsse er nur ge- 
horchen. Und daß dem so ist, glaubt er schon selbst, 
wie er sich anderen Tages auf den Weg nach Kon- 
stantinopel macht. 

Konstantinopel war auch für die orientalischen Juden 
und für ihre Angelegenheiten die Hauptstadt des tür- 
kischen Reiches, und sie übertrugen d^n dort woh- 
nenden Gelehrten und Rabbinern frei-willig eine be- 
sondere Autorität, insbesondere eine übergeordnete 
Gerichtsbarkeit . Aber auch die nichtgelehrten Juden 
profitierten von dem Wohlstand und der Kultur einer 
Hauptstadt. Hier war eine behaglich situierte und 
einflußreiche bürgerliche Oberschicht entstanden, die 
das jüdische Milieu der Stadt beherrschte . Während 
Sabbatai sich in Ismir zu den Armen geschlagen hatte, 
hält er, sich hier zu den Wohlhabenden, da er doch 
ohne und gegen sie nichts ausrichten kann . Auch hier 
ist er schlechthin der Gelehrte, zugleich aber auch der 
weitgereiste, weltgewandte und vermögende Mann, 
alles in allem Eigenschaften, die ihm die volle Sym- 
pathie der jüdischen Bourgeoisie eintragen. 
Es versteht sich, daß er mit dieser rein gesellschaft- 
lichen Tätigkeit nicht lange zufrieden sein kann . Er 
verliert den Zweck seiner Reisen nicht einen Augen- 
blick aus den Augen . Wo er nicht unmittelbar wirken 
kann, muß er die Wirkung mindestens vorbereiten. 
Darum^^sieht er sich in den Kreisen der Kabbalisten 
nach gleichgestimmten Seelen um . Und er findet sie . 
Da ist zunächst Elia Carcadchione, ein älterer ein- 
siedlerischer Kabbaiist, dem er sich zwar noch nicht 
bekennt, den er aber als treuen und zuverlässigen 
Freund und als Anhänger der Idee eines Messias in 

6* 



84 VIERTES KAPITEL 

der Zeit gewinnt. Aber entscheidender und nach- 
haltiger wird seine Bekanntschaft mit dem Kabba- 
listen Abraham Jachini, einem Schüler des berühm- 
ten Joseph di Trani. 

Jachini hat viele Fähigkeiten, die ihn in Konstanti- 
nopel und weit im Ausland bekannt machen . In Kon- 
stantinopel tritt er als Prediger in den Synagogen auf 
und erläutert die Kabbala . Er verfaßt auch selber kab- 
balistische Schriften, und wenn sie dem jüdischen 
Bürger der Hauptstadt nicht verständlich sind, so 
liegt das, wie er bescheiden meint, an ihrer geheim- 
nisvollen Tiefe, und nicht etwa daran, daß sie mit 
unklarer Mystik, eigenwilligen, richtungslosen Phan- 
tasien und mit Traumerlebnissen voll geheimnisvoller 
Erotik geladen sind. Wenn Jachini nicht eigene Wer- 
ke schreibt, schreibt er fremde Texte ab, und darin 
hat er es zu einer bedeutenden Kunstfertigkeit ge- 
bracht. Seine Kopien sind von Sammlern und Ge- 
lehrten der Welt sehr begehrt, und bis nach Amster- 
dam hin verkauft er seine kalligraphischen Meister- 
werke . 

Abraham Jachini und Sabbatai Zewi haben so viel 
innere Verwandtschaft, daß sie sich schnell befreun- 
den. Aber die Führung bleibt bei Sabbatai, der zwar 
der Jüngere ist, aber nicht in das Uferlose hinaus- 
schwärmt. Darum kann er Jachini, ohne daß er es 
merkt, zu einem gefügigen Werkzeug erziehen, zu 
einem zuverlässigen Helfer, wenn er jetzt zum drit- 
ten Male eine symbolische Manifestation versucht, 
einen neuen Anlauf nimmt, um den träge auf einen 
Messias wartenden Menschen die Augen zu öffnen . 
Sie haben in ihren gemeinsamen Studien einen Beleg 
dafür gefunden, daß um das Jahr 1460 ein jüdischer 
Astronom namens Abraham verkündet habe, der 



ANRUFUNG DES NAMENS 85 

Messias würde zu der Zeit geboren werden, in wel- 
cher die Planeten Jupiter und Saturn im Zeichen der 
Fische vereinigt wären. Wahrscheinlich verstanden 
weder Sabbatai noch Jachini etwas von der Astro- 
nomie, aber für Sabbatai ist dieses kosmische Bild von 
einer solchen Eindringlichkeit, daß er sich seiner für 
seine Symbölhandlung bedient. Er nimmt einen 
Fisch, legt ihn wie ein Kind in eine Wiege und geht 
damit durch die belebten Straßen des Juden vierteis . 
Die Leute drängen sich heran und fragen nach dem 
Sinn dieses sonderbaren Aufzugs . Er bedeutet ihnen , 
daß unter dem Zodiakalzeichen der Fische Israel aus 
seiner Sklaverei erlöst werden würde. 
Da sind viele Menschen, denen ein solch greifbares 
Symbol und solch eine geheimnisvolle Ausdeutung ge- 
fällt. Aber die rabbinischen Autoritäten sind über 
diesen Vorgang höchst ungehalten . Wie kann ein so 
angenehmer und scheinbar so kluger junger Mensch 
solche Torheiten begehen ? Er benimmt sich wie ein 
unreifes Kind , und man muß ihm bewußt machen , daß 
er sich wie ein Kind benommen hat, schon um es den 
Neugierigen und den immer nach Erregung und Sen- 
sation lüsternen kleinen Leuten zu beweisen . Darum 
schicken sie einen Schulmeister zu Sabbatai, damit er 
ihn belehre und zur Raison bringe. Der Schulmeister 
nimmt seine Aufgabe sehr ernsthaft, und wie Sabba- 
tai wagt, seinen Belehrungen zu widersprechen, 
macht er von den Privilegien seines Amtes Gebrauch 
und verprügelt den renitenten Schüler. 
Wäre Sabbatai nicht ein von seiner Idee Besessener 
gewesen, er hätte den Ort solcher Demütigung frei- 
willig verlassen . Aber er fügt diesen Vorgang völlig 
ungerührt in die Kette der Leiden und Verfolgungen 
ein, die ihm als Messias beschieden sind. Und, wie 



86 VIERTES KAPITEL 

die Rabbiner bei schwerer Strafeden Juden verbieten, 
mit Sabbatai auch nur zu verkehren, nimmt er auch 
diese Isolierung gläubig als eine Notwendigkeit hin. 
Konstantinopel ist ihm noch zu wichtig und das Er- 
gebnis noch zu gering, als daß er es ohne Druck von 
außen verlassen sollte. Und die kommenden Er- 
eignisse rechtfertigen dieses würdelose Verweilen . 
Es kommt aus Jerusalem der Almosensammler David 
Capio, ein kluger Mann und ein Eiferer seines Glau- 
bens. Er bittet nicht um Almosen, sondern fordert 
sie. Für Wohltätigkeit und für Pflicht gibt es in der 
hebräischen ^jrache und damit in der Vorstellung der 
Juden jener Zeit nur ein einziges Wort: Mizwah. 
David Capio verlangt Mizwah zugleich als Teil der 
Buße, die er den Juden dringend ans Herz legt, denn 
ohne Buße und Almosen kann das jüdische Volk nicht 
erlöst werden, und gerade in diesen Zeiten deutet 
alles daraufhin , daß eine Erlösung nahe sei . Da horcht 
Sabbatai auf. Er zieht Capio mit reichen Spenden für 
die Armen in Jerusalem zu sich heran . In der Folge 
hocken sie zu vieren zusammen, Capio, Jachini, Car- 
cadchione und Sabbatai, und bereden die Möglich- 
keiten der kommenden Dinge. Es ist eine Verschwö- 
reratmosphäre, das Abtasten eines Kreises mit einem 
geheimnisvollen Mittelpunkt. Aber ehe es noch zur 
Enthüllung kommt, verdirbt Sabbatai mit seinem Un- 
gestüm alles. 

Es kommen eines Tages zu Capio, während sie solche 
Besprechungen abhalten , mehrere Rabbiner und wol- 
len von Capio hören, was er ihnen über das Leid der 
Zeit und über seine Beendigung sagen könne. Da 
explodiert Sabbatai . Er schreit sie an , daß sie nichts 
von der Zeit verstehen könnten, da sie nicht einmal 
etwas von Gott verständen. Gott, belehrte er sie. 



ANRUFUNG DES NAMENS 87 

habe die Welt nicht aus Notwendigkeit geschaffen, 
sondern aus reiner Liebe, und damit die Menschen ihn 
als Schöpfer und Meister anerkennten . Aber in ihnen 
wäre weder Liebe noch Achtung noch Bußfertigkeit. 
Eines Tages werde Gott sie furchtbar aufwecken. 
Das sind Zornentladungen, von denen er selbst nicht 
ahnt, wie bald sie Wirklichkeit werden sollen, denn 
schon im folgenden Jahre, 1659, wird Konstanti- 
nopel von einer Feuersbrunst heimgesucht, unter der 
gerade die Juden schwer zu leiden haben, und dieser 
und jener erinnert sich des Mannes, der ihnen ein 
Symbol zeigte, und den sie als Antwort verprügeln 
ließen . 

Aber im Augenblick läuft den Rabbinern bei dieser 
Zornrede die Geduld über. Es wird Sabbatai der 
knappe Befehl zugestellt, unverzüglich aus Konstan- 
tinopel zu verschwinden. Jetzt, wö ihm Gewalt an- 
gedroht wird, weicht er aus. Aber auch dieses Aus- 
weichen wird ihm - wie immer - zum Anlaß einer 
ungewöhnlichen Machtbereicherung . 
Abraham Jachini hat längst begriffen, um was es im 
Wollen und im Schicksal des Sabbatai Zewi geht. Er 
hat längst erfühlt , daß er auf einer heftigen , gierigen Su- 
che nach einer Bestätigung seiner Berufung ist . Jachini , 
der Kabbaiist, weiß, daß in dieser Zeit ein Messias 
kommen muß . Möglich, daß dieser es ist. Möglich daß 
es ein anderer ist . Wichtig ist allein , daß einer kommt . 
Und wer zuerst kommt und sich bekennt und an- 
erkan^twird, der wird in Wahrheit der Messias sein. 
Das ist keine Blasphemie. Es ist darin das Wissen ver- 
dichtet, daß ein Messias ja nicht um seiner selbst 
willen kommt, sondern daß er nur mit einem Auftrag 
belehnt wird. Darum kann es getrost dieser sein, 
Sabbatai. Es fehlt ihm nichts zu seiner Messiani- 



88 VIERTES KAPITEL 

tat . . . außer der Anerkennung. Ihm diese Anerken- 
nung geben zu können, wäre ein verdienstliches 
Werk. Es ist ein erregender Gedanke, an der Ent- 
hüllung des Messias und an der Erlösung der leiden- 
den Welt Teil zu haben . Es schüttelt und durch- 
wühlt ihn die Vorstellung, er selbst stehe einmal als 
tätige und verursachende Kraft an den Stufen des 
messianischen Thrones, und vom Gesmhl her zeigt 
einer auf ihn und sagt : Der da hat mich zuerst er- 
kannt ! 

Aber was kann er dazu tun ? Er kann nur die Kabbala 
auslegen und gut schreiben; besser noch: gut ab- 
schreiben, so schreiben und abschreiben, daß keiner 
das Original von der Kopie unterscheiden kann. Er 
kann Urkunden herstellen , in Papier und Tinte und 
Schriftführung und Zeitausdruck so genau, daß nie- 
mand zu sagen wagt, sie seien erst jetzt und unter seinen 
Händen entstanden. Wie viele solcher »echten« Ur- 
kunden hat er schon in den Handel gebracht und sie 
an reiche christliche Sammler verkauft. . . 
Wie Sabbatai kommt, um sich von ihm zu verab- 
schieden, empfängt er ihn mit geheimnisvollem 
Ernst. Er führt ihn in ein abgelegenes Zimmer des 
Hauses. Dort öffnet er eine Truhe und entnimmt 
ihr ein zusammengerolltes Pergament . Man sieht auf 
den ersten Blick: es ist sehr alt, es ist Jahrzehnte 
lang so eingerollt und zusammengebunden gewesen. 
Das Papier ist etwas zerknittert, die Schrift zittrig 
und leicht abgeblaßt. Ein altes, sehr altes Schrift- 
stück. Er gibt es Sabbatai in die Hand. »Lies!« 
Er liest die Überschrift: »Die große Weisheit Salo- 
mos.« Und wie er fragend aufsieht, bedeutet ihm 
Jachini: »Ich habe es vor einiger Zeit in einer Höhle 
gefunden. Es geht Z)/VÄ an.« 



ANRUFUNG DES NAMENS 89 

Dieses ist der Inhalt: »Ich, Abraham Acher, war 
vierzig Jahre lang in einer Höhle eingeschlossen, in 
Betrübnis wegen der fortdauernden Herrschaft des 
großen Ungeheuers, das im ägyptischen Strome haust, 
und suchte das Geheimnis zu enträtseln, warum die 
Zeit der Wunder noch nicht kommen wollte. Und 
siehe, da ertönte die Stimme meines Gottes, welche 
rief: im Jahre 5386 wird dem Mardochai Zewi ein 
Sohn geboren werden, den man Sabbatai heißen wird. 
Er wird den großen Drachen bezwingen und die 
Schlange niederringen . Er wird der wahrhaft Gesalb- 
te sein. Er wird auf meinem Thron sitzen. Sein 
Reich wird ewiglich währen, und außer ihm soll 
Israel keinen anderen Erlöser haben . . . « 
Sabbatai hat zu Ende gelesen . Es ist zwischen 
den beiden ein schwerwiegendes , verständnisvolles 
Schweigen. In dieser Situation gibt es keinen Be- 
trüger und keinen Betrogenen . Der eine gibt ein Mit- 
tel, und der andere nimmt es, weil sie Beide zutiefst 
an die Notwendigkeit des Zweckes glauben. Aus 
diesem Glauben her ist die Urkunde echt. Auf sie 
darf sich mit reinem Gewissen jeder berufen, der 
an ihren Inhalt und an den Messias Sabbatai Zewi 
glaubt. So ausgerüstet, verläßt Sabbatai die Haupt- 
stadt zu weiteren Reisen . Abraham Jachini bleibt als 
sein Anhänger und Verkünder zurück. 



FÜNFTES KAPITEL 

ACKERBODEN 



FÜNFTES KAPITEL 93 

ACHT JAHRE LANG IST SABBATAI ZEWI JETZT 
schon auf Reisen, nirgends haftend, überall von sei- 
nem Zweck besessen und auf Wirkung ausgehend, ein 
Sämann, von dem man noch nicht weiß, ob er gutes 
Korn oder Unkraut hinter sich aufwachsen läßt . Aber 
für das eine wie das andere braucht er einen Boden, 
der zur Aufnahme bereit ist. Und zwar ist es in der 
Geschichte der Gläubigkeiten immer der gute Acker- 
boden, nie der trockene Acker, der sich darbietet. 
Und während Sabbatai Zewi reist, liegen rings um 
ihn die von der Pflugschar der Ereignisse aufgeris- 
senen Felder . Nach einer Ruhepause von knapp fünf 
Jahren hat in Polen der zweite Akt der Tragödie be- 
gonnen. Chmelnicky, mit seinen Erfolgen unzufrie- 
den und wegen seiner Niederlage auf Rache be- 
dacht, hat in dem Zaren Alexej Michailo witsch einen 
Bundesgenossen gefunden. Der meldet bei der pol- 
nischen Krone Ansprüche auf die seinem Reich be- 
nachbarten Teile von Weißrußland und Litauen an. 
Zur Bekräftigung des Anspruches dringen im Som- 
mer 1 654 die vereinigten Heere der Moskowiter und 
der Kosaken in Polen ein . Entsprechend den verän- 
derten politischen Bedingungen hat sich die Parole 
gewandelt . »Für Russen tum und Rechtgläubigkeit ! « 
Aber das Ergebnis ist für die Juden das gleiche . Sie 
werden auch von dieser Parole getroffen , weil sie nicht 
rechtgläubig sind . So entsteht ein neuer Katalog von 
verwüstefen- Städten und vernichteten Gemeinden: 
Smolensk, Mstislawl, Bychow, Homel, und vielen 
anderen. Genau wie bei dem ersten Sturm metzelii 
die Kosaken schlechthin, während die Bundesgenos- 
sen sich auf die Vertreibung oder die Gefangennahme 
beschränken. Im Herbst 1655 werden in Mobile w, 



94 FÜNFTES KAPITEL 

Witebsk und Wilna alle Juden niedergemacht, so- 
weit sie nicht geflohen sind, oder der zwangsweisen 
Taufe verfallen . An diesen Massenmorden haben die 
griechischen Popen einen entscheidenden und verur- 
sachenden Anteil . Das gut befestigte und verteidigte 
Lemberg entging auch diesesmal der Einnahme . Ver- 
geblich verlangte Chmelnicky von der Stadt Auslie- 
ferung der Juden mit der Begründung : »Die Juden 
müssen uns als Feinde Christi und der ganzen Chri- 
stenheit mitsamt ihrem Vermögen, ihren Weibern und 
Kindern ausgeliefert werden.« Für den Mißerfolg 
hielt er sich in Lublin schadlos , Seine Kosaken drin- 
gen am Vorabend des Laubhüttenfestes in die Stadt 
ein, rauben sie aus, treiben die Juden in die Syna- 
goge und stecken sie von allen Seiten in Brand . Wer 
dort nicht umkommt, wird von den Kosaken, die wie 
irrsinnige Bluthunde durch die Straßen rennen, in 
einer so grauenhaften Weise niedergemacht, daß dar- 
auf verzichtet werden muß, die Berichte von Augen- 
zeugen zu zitieren. 

Als sei es damit nicht genug, werden die Juden noch 
in einen anderen Konflikt einbezogen, der sie gleich- 
falls nichts anging. Im Herbst 1655 bricht Karl X. 
Gustav von Schweden in Polen ein und besetzt fast 
ungehindert ganz Groß- und Kleinpolen. Er be- 
trachtet die Juden nicht als Kriegsbeute und behan- 
delt sie folglich mit Schonung. Wie sollten sie es ihm 
anders vergelten als durch eine loyale Haltung ? Aber 
diese Haltung wurde ihnen verdacht. Während in 
der anderen Ecke des Reiches ihre Brüder ermordet 
wurden , mutete man ihnen hier eine patriotische Hal- 
tung zu . Wie der Befreiungskampf der Polen unter 
ihrem nationalen »Erlöser« Stephan Czarniecky ein- 
setzt, werden die Juden das Opfer einer Rachsucht, 



ACKERBODEN 95 

vor deren Formen selbst die Bestialität eines Chmel- 
nicky zu einem bescheidenen Anflug von Grausam- 
keit wird. Brest- Kujawskj Gnesen, Lissa, Plozk, 
Lenczyka, Kalisöh, Sandomierz, Opatow, Chmjel- 
nik, Woidislaw und viele andere Orte ergeben die 
Stich Worte eines Martyriologiums, das in der Ge- 
schichte nicht seinesgleichen hat . Selbst polnische 
und deutsche Chronisten bezeichnen das Verhalten 
der Polen als »barbarisch und durchaus unchristlich.« 
Eine genaue Feststellung der Zahl der Opfer aus 
diesem vielfachen Gemetzel ist nicht möglich . Schät- 
zungen der Zeit gehen bis zu einer halben Million . 
Jedenfalls sind es mehr, als den Kreuzzügen und den 
Wirren der schwarzen Pest insgesamt erlegen sind. 
Bei Anlegung der neuen Steuerrollen ergibt sich, daß 
etwa siebenhundert Gemeinden verschwunden sind, 
oder nur noch in geringen Resten bestehen, daß in 
der östlichen Ukraine kein einziger Jude mehr lebt 
und in Wolhynien und Podolien etwa noch ein Zehn- 
tel der Juden am Leben iist. 

Bei dem ersten Überfall konnten die Juden noch 
schreien, sich empören, eine Literatur des Marty- 
riums schaffen . Jetzt sind sie stumm geworden . Die 
schriftlichen Aufzeichnungen sind fast ausschließlich 
Kataloge von Orten und Menschen. Sie hocken 
stumm, hoffnungslos und in abgründiger Verzweif- 
lung über den Resten. Sie ziehen schattenhaft und 
ohne Willen jede Straße, die sich ihnen zur Flucht 
und zum Aus weichen bietet. Sie beleben die großen 
Heerstraßen. SchifFstransporte bringen an die drei- 
tausend litauischer Juden nach Texel in den Nieder- 
landen . Ungezählte Tausende strömen nach Deutsch- 
land, Mähren, Böhmen, Österreich, Ungarn, Ita- 
lien und nach den türkischen Provinzen, Sie er- 



96 FÜNFTES KAPITEL 

scheinen überall nicht nur als die Träger eines natio- 
nalen Elends, das nach einer Erlösung dringend ver- 
langt. Sondern sie bereiten, wie sie hier und dort 
Fuß fassen und sich als Händler, Lehrer und Rab- 
biner niederlassen, die Zeit noch in ihrem besonderen 
Sinne für eine messianische Idee im kabbalistischen 
Geiste vor; und wo sie nicht das tun, durchsetzen sie 
doch die westeuropäische Judenheit mit ihrer Gelehr- 
samkeit und ihrer intensiven Beschäftigung mit. Tal- 
mud und Kabbala . Sie vertiefen damit eine Bedeu- 
tung, die sie schon früher hatten. Da sie, im Sinne 
jüdischer Gelehrsamkeit, wirklich die Auslese der 
Klugheit darstellten, bezogen die westeuropäischen 
Juden ihre Lehrkräfte mit Vorliebe aus dem polni- 
schen Sammelbecken . Man muß anerkennen , daß in 
ihrer Heimat ihre Klugheit ihnen nicht zum Vor- 
teil gereichte, weil sie daraus leicht zu einer überheb- 
lichen Haltung gegenüber ihrer nichtjüdischen Um- 
gebung neigten. Aber während es Völker gibt, die 
nicht einmal für ein Kapitalverbrechen einstehen müs- 
sen, gibt es andere, die schon die Tatsache ihrer Un- 
beliebtheit mit dem Leben bezahlen. 
So haben diese polnischen Ereignisse nicht nur das 
Bewußtsein der übrigen Juden von ihrem erlösungs- 
bedürftigen Schicksal vertieft, sondern ihnen auch 
Not und Hoffnung zugleich an lebendigen Beispielen 
in ihrer Nähe vergegenwärtigt und ihre geistige Hal- 
tung erneut aus Talmud und Kabbala her orientiert; 
Gut oder nicht: es förderte ihre Isolierung; es ver- 
schloß sie gegen die Lockungen einer Welt, in der 
ein Descarte und ein Spinoza versuchten, den Men- 
schen größere Freiheit und Selbsterkenntnis zu ver- 
mitteln ; es verwies sie erneut auf sich selbst und ihre 
Sehnsüchte. Indem sie ihr Geschick streng historisch 




^^^ BBNOIT SPINOSA 
in. Fdin-ie^^ iffj j . (2g & de A4 ans. 

■iliiii " 





ACKERBODEN 97 

auffaßtefi , bezeichneten sie die polnische Katastrophe 
als den dritten Churban , das heißt : als die dritte Zer- 
störung des Tempels. 

Während sich die Juden so auf den mystischen Weg 
begeben, auf dem ein erregtes Gemüt den Messias 
begreift, müssen sie die sonderbare und befriedi- 
gende Feststellung machen, daß sie von einer reichen 
Gesellschaft von Gläubigen umgeben sind, die nicht 
Juden sind. Von der Mitte des 16. Jahrhunderts an 
treten unter den Christen in Deutschland, Frankreich, 
Holland, England und Polen immer wieder Messias- 
gestalten auf. Man wird schon die Wiedertäufer zu 
Münster dahin rechnen können . Karl V. läßt 1534 
einen Spanier namens Salomon Malcho verbrennen, 
der sich als Christus und Messias bezeichnet. 1550 
tritt in Polen Jakob Melstinski auf, behauptet, er sei 
Christus , und wählt sich zwölf Apostel . Wenige Jahre 
später predigen , ebenfalls in Polen , zwei Männer das 
gleiche Thema., In Delft ruft sich 1 556 David Jorries 
als den rechten Christus aus . Drei Jahre nach seinem 
Tode ereilt ihn die Strafe, Er wird exhumiert und 
verbrannt. 16 14 ernennt sich in Langensalza Eze- 
chiel Meth zum Großfürsten Gottes, zum Erzengel 
Michael . Ein Jahr später verkündet Jpsajas StiefFd : 
»Ich bin Christus. Ich bin das lebendige Wort Got- 
tes.« 1624 prophezeit zu Oppenheim in der Pfalz 
der Sekretär Philippus Ziegler, daß in Holland ein 
Messias aus dem Stämme David geboren werden wür- 
de. HansiSeyl von Gerlingen erklärt 1648, ihm sei 
ein Engel des Herrn erschienen und habe ihm die 
Verwüstung des Landes Württemberg durch das 
Schwert des Türken, durch Pestilenz und Seuchen 
angezeigt. In Stuttgart prophezeit Christina Re- 
gina Büderin. 1654 tritt in England eine Gestalt von 

7 Kästeln Zewi 



98 FÜNFTES KAPITEL 

seltsamer Eindringlichkeit auf den Plan, der Quaker 
Jakob Naylor . Während er hinter dem Pfluge her- 
geht, ruft ihn eine Stimme mit den Worten an, die 
nach dem biblischen Bericht an Abraham ergingen: 
»Gehe du aus deinem Land, aus deinem Geschlecht 
und aus deines Vaters Hause . . . « So fühlt er sich als 
Messias berufen und kommt im Oktober 1657 nach 
Bristol, schon von Jüngern umgeben, während zwei 
Frauen sein Pferd führen . Sie singen die alte jüdische 
Anrufung »Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der 
Gott Israels.« - 

Das Verhör, das die Behörden dann mit ihm anstel- 
len, ist mit historischer Reminiszenz bis an den Rand 
geladen . »Bist du der König von Israel ?« - »Du sagst 
es . Ich habe kein Königreich in der Welt ; aber ich 
herrsche in meinem Vater.« - »Bist du das Lamm 
Gottes, in welchem die Hoffnung Israels steht?« - 
»So ich nicht das Lamm wäre, würde ich nicht ge- 
sucht werden , damit man mich verschlingt . Und die 
Hoffnung Israels steht in der Gerechtigkeit des Va- 
ters; sie mag auch gefunden werden, von wem sie 
will.« 

Hier scheint die messianische Begabung eines erreg- 
ten Menschen schon angerufen zu sein von den Kraft- 
strömungen, die aus dem Bezirk des Judentums der 
Zeit kommen. Darum erstaunt es nicht zu hören, 
daß bald darauf der Skandinavier Öliger Pauli auf 
Grund einer Vision, die ihm geworden ist, sich zum 
König der Juden kraft göttlichen Gebotes ausruft. 
Auch in Frankreich wollen Sympathieerklärungen für 
einen jüdischen Messianismus laut werden, aber Ri- 
chelieu, Rationalist aus Angst vor dem Mystizismus, 
läßt solche Verkünder schnell und rücksichtslos besei- 
tigen . Aber wie die Luft von solchen Vorstellungen 



ACKERBODEN 99 

gefüllt war, erhellt daraus, daß zu jener Zeit, da tat- 
sächlich noch nichts geschehen war, aus Augsburg 
mit dem Datum des 24. September 1642 der nach- 
folgende Brief verbreitet werden konnte: »Von Kon- 
stantinopel berichtet der dort residierende Ambassa- 
deur, daß ein neuer Messias von einer Jüdin in der 
Türkei zu Ossa geboren ist. Er hat viele Städte und 
.Schlösser an sich gebracht, auch das ganze Land 
Ägypten und die untersyrischen Provinzen . Dem Don 
Sebe, König von Persien, hat er einen Säbel zu- 
schicken lassen, andeutend, er müsse abtreten und 
ihm sein Reich gutwillig übergeben. Ebenso hat er 
es mit dem Sultan gemacht, indem er ihn aufforderte, 
Jerusalem und Damaskus abzutreten. Der Sultan hat 
Angst bekommen und seine Residenz von Konstan- 
tinopel nach Mekka verlegt. Er nennt sich Jesus Eli 
Messias, ein allmächtiger Gott Himmels und der 
Erde. Er ist geboren 1641, den 24. September, bei 
Bassiliske in einem Dorfe Ossa, von einer Jüdin Ga- 
maritta, so eine schöne, jedoch gemeine Person sein 
soll . Bei der Beschneidung nach acht Tagen fing er 
gleich an zu reden, Wunder zu tun und sich als Mes- 
sias zu verkünden . Am Himmel sind am Tage seiner 
Geburt schreckliche Zeichen gesehen worden. Die 
Sonne ist mittags acht Stunden verfinstert gewesen ; 
eine Stimme ertönte, auf hundert Meilen hörbar: 
»Bekehret euchl Heute ist der wahre Messias ge- 
boren!« - Man hat feurige Drachen in der Luft 
gesehen und viele Teufel. Er sieht jetzt schon aus 
wie einer von 24 oder 25 Jahren. Seinen Vater kennt 
man nicht. Er ist gut von Hals, mit spitzigem Kopf, 
türkischem Angesicht, gerunzelter Stirne, erschreck- 
lichen Augen, langen Ohren, großen Mannes ge- 
spitzten Zähnen . . . « und so fort. 
17* 



100 FÜNFTES KAPITEL 

Solche Beriehte, obgleich in ihrer phantastischen Form 
vereinzelt, sind doch nichts als Ausläufer des allge- 
meinen Interesses, das die Zeit in vielen ihrer geisti- 
gen Vertreter wenn nicht den Juden selbst, so doch 
der Idee des Judentums und seiner endlichen Erlö- 
sung entgegenbringt. Von England und seinen Puri- 
tanern ist schon gesprochen worden . In London gab 
Edward Nicholas 1648 ein Werk heraus, das er dem 
englischen Parlament widmen konnte: »Apology for 
the honorable nation of the Yews . « Er will mit die- 
sem Buche nicht nur den Papisten einen Hieb ver- 
setzen, sondern in allem Ernst den Nachweis führen, 
daß das Wohl und Wehe der Völker von der Art ab- 
hänge, wie sie die Juden behandeln. Denn offensicht- 
lich habe Gott sie in allen Katastrophen für einen ge- 
heimen Zweck existent erhalten . An ihrer glorreichen 
Zukunft könne somit kein Zweifel sein . - In Frank- 
reich gibt Isaac de Peyrere, ein Hugenotte, der im 
Dienste des Herzogs von Conde steht, ein Buch her- 
aus : Von der Heimkehr der Juden . Er ist überzeugt, 
daß für die Juden das Ende der Zerstreuung gekom- 
men sei . Sie würden jetzt in das heilige Land zurück- 
kehren, und da der König von Frankreich der älteste 
Sohn der Kirche sei, müsse er es übernehmen, das 
älteste Kind Gottes, das Volk Israel, in seine Heimat 
zurückzubringen . - Da ist weiter Abraham von Fran- 
kenberg, ein Edelmann aus Schlesien, ein Jünger des 
Jakob Böhme, mit seinem abschließenden Urteil: 
»Das wahre Licht wird von den Juden kommen . Ihre 
Zeit ist nicht mehr ferne.« - In Danzig sitzt Jo- 
hannes Mochinger, ein Mann aus altem Tiroler Adels- 
geschlecht, Führer eines geistigen Kreises, der die 
Heimkehr und Erneuerung des jüdischen Volkes mit 
in seine mystischen Erwartungen aufgenommen hatte 



ACKERBODEN lOI 

und ihnen beredten Ausdruck gab . Der Holländer 
Heinrich Jesse veröffentlicht sein Buch »Von dem 
baldigen Ruhm Judas und Israels«. Der böhmische 
Mystiker Paulus Felgenhauer erkennt zwar einen 
weltlichen Messias nicht an, vermittelt aber seine reli- 
giösen Ideen den Juden in einer Schrift, die den In- 
halt im Titel trägt: »Frohe Botschaft für Israel vom 
Messias, daß nämlich die Erlösung Israels von 
allen seinen Nöten, seine Befreiung aus der Gefangen- 
schaft und die ruhmreiche Ankunft des Messias nahe 
sei, zum Tröste für Israel aus den heiligen Schriften 
von einem Christen, welcher ihn mit den Juden er- 
wartet . « 

Es sind überhaupt in der Zeit eine ganze Anzahl von 
Theologen, Philologen und Historikern für das jü- 
dische Problem interessiert. Zum Teil war es eine 
Folge der Mode, Polyhistor zu sein und sich mit den 
drei klassischen Sprachen griechisch, lateinisch und 
hebräisch zu beschäftigen . Das vermittelte immerhin 
intimere Kenntnisse des Talmud und der rabbini- 
schen Literatur, und damit die Befugnis, zu den 
jüdischen Problemen Stellung zu nehmen. Da sind 
der holländische protestantische Theologe Joseph Sca- 
liger, der »König der Philologen«, Johannes Buxtorf 
der Ältere, aus Basel, ein ungewöhnlich befähigter 
Hebraist, ferner Hugo Grotius und Johannes Seiden, 
endlich Christine von Schweden, die Tochter Gustav 
Adolfs, die nicht nur exzentrisch, sondern auch klug 
war . Für allie diese Menschen erfordert das Interesse 
an der Zeit, sich mit dem Judentum zu beschäftigen, 
und neben allen religiösen und mystischen Gründen 
lag noch ein politischer Grund von besonderer Aktua- 
lität vor; die Wiederzulassung der Juden nach Eng- 
land. 



102 FÜNFTES KAPITEL 

Politische, wirtschaftliche und religiöse Motive mach- 
ten dieses Bemühen besonders interessant. Die Ini- 
tiative dazu war von Manasse ben Israel ergriffen 
worden . Er war einer der Rabbiner der Amsterdamer 
Gemeinde, ein sehr belesener, rühriger und enthu- 
siastischer Mann, ein geschickter Kompilator, der 
unter den nichtjüdischen Gelehrten großes Ansehen 
genoß und von ihnen als Repräsentant des geistigen 
Judentums der Zeit angenommen wurde. In den Dis- 
kussionen mit seinen gelehrten Freunden tritt ihm 
immer wieder das Argument entgegen, daß zwar die 
Wiederherstellung des jüdischen Reiches unzweifel- 
haft erfolgen werde, dal3 es aber bislang noch an zwei 
Voraussetzungen fehle, die sich aus dem biblischen 
Schrifttum ergäben: an dem Wiedererscheinen der 
von Salmanassar in Gefangenschaft geführten zehn 
Stämme aus dem Reiche Israel, und sodann an dem 
Auftreten eines Messias, der das Signal zur Rück- 
kehr zu geben habe. 

Das Schicksal der zehn Stämme hatte in der Tat die 
Vorstellungen der Juden nicht weniger beschäftigt 
als die Erwartung eines Messias. Es ist ja auch ein 
erregender Gedanke, daß von einem Volke, dessen 
Signum die Unvertilgbarkeit zu sein scheint, der 
größte Teil eines Tages verschleppt wird und so spur- 
los verschwindet, daß nirgends mehr mit einiger 
Sicherheit Nachweise für seinen Verbleib zu finden 
sind . Ein solches Vakuum erträgt die Phantasie eines 
Volkes auf die Dauer nicht. Indem ihre Phantasie 
den schwachen Spuren nachging, erfanden sie den 
geheimnisvollen Fluß Sabbation, der in einer unbe- 
kannten Gegend, irgendwo hinter Arabien, mit großer 
Gewalt daherströmt. Jenseits dieses Flusses lassen sie 
die verlorenen zehn Stämme wohnen. Unter ihnen 



ACKERBODEN 103 

befindet sich ihr großer Führer Mosche, der von den 
Toten wieder auferstanden ist. Er und das Volk war- 
ten dort auf den Tag, an welchem der Messias er- 
scheinen wird . Bis dahin bleiben sie im Verborgenen , 
aber bis dahin kann auch kein Sterblicher zu ihnen 
kommen. Denn der Sabbation ist ein Fluß von Eigen- 
artiger Gewalt. Sechs Tage in der Woche schäumt er 
mit riesenhaften Wellen daher und wirbelt große Fels- 
stücke mit sich, die jeden Übergang unmöglich ma- 
chen. Nur am siebenten Tage der Woche, arri Sab- 
bath, ruht der Fluß und liegt weit und still. Und 
wenn es dann einem Menschen gelingt, über das 
Wasser zu kommen, stehen am anderen Ufer braune, 
dunkelhaarige Menschen mit Pfeil und Bogen, die 
den Unberufenen ohne Gnade töten. Wenn aber zu 
ihnen die Nachricht vom Erscheinen des Messias 
kommt, ziehen sie über den Fluß, in Stämmen geord- 
net, jeder mit einer Fahne, die das Symbol des Stam- 
mes trägt, weit mehr als hunderttausend schwer be- 
waffnete Krieger, die sich und ihrem Gott die ganze 
Welt unterwerfen . Es wird eine unblutige Unterwer- 
fung sein, denn die Völker werden ihre göttliche Sen- 
dung anerkennen . Nur - und hier bricht der Wider- 
hall übermäßigen Erduldens grell in die friedfertige 
Phantasie des Volkes ein - gegen Deutschland wer- 
den sie einen wirklichen Krieg führen. 
Der Gedanke an diese zehn Stämme bekommt jetzt, 
über die theoretische Diskussion der Gelehrten hin- 
aus, neue Nahrung aus Gerüchten , unverbürgten Brie- 
fen und Reiseberichten . Urplötzlich sind Menschen 
da, die etwas von den verlorenen Stämmen gesehen 
oder gehört haben, als verdichte sich in ihnen zu 
Bild und Vorstellung, was in den Herzen eines Vol- 
kes als Unbewußtes schwingt. Da heißt es, daß hinter 



104 FÜNFTES KAPITEL 

Marokko ein Heer von 800.000 Juden aufgetaucht 
sei, und sie zögen, eine gewaltige Kolonne, in Rich- 
tung auf Arabien . Briefe aus Livorno wissen , ge- 
mäß Nachrichten aus Kairo, daß die Stämme Reu- 
ben, Gad und der halbe Stamm Manasse im An- 
marsch auf Gaza sind und die Stadt beinahe erreicht 
haben . Präziser aber, sieh als Augenzeuge bekennend 
und die Wahrheit des Mitgeteilten mit seinem Eide 
erhärtend, berichtet im Jahre 1644 ein Marrane An- 
tonio de Montezinos, der sich nach seiner Rückkehr 
zum Judentum Aaron Levi nennt, an Manasse ben 
Israel., Er erklärt, daß er auf seinen Reisen bis nach 
Südamerika gekommen sei. Dort habe er Bekannt- 
schaft mit einem indianischen Mestizen namens Fran- 
cisco del Castillo geschlossen und von ihm das Ge- 
heimnis erfahren, daß er um den Aufenthalt der zehn 
Stämme wisse, jedenfalls aber um die Anwesenheit 
von Juden in einer verborgenen und unzugänglichen 
Gegend des Landes. Auf sein Bitten habe del Ca- 
stillo ihn tatsächlich zu eingeborenen Juden geführt, 
die ihm, Montezinos, erklärten, daß sie aus dem 
Stamme Reu ben seien. Ihre Vorfahren seien schon 
vor den Indianern hier im Lande gewesen, und sie 
wüßten auch noch von der Existenz zweier Stämme 
Joseph auf einer Insel in der Nähe . . 
Es versteht sich, daß eine Legende sich leichter ver- 
breiten läßt als ein exakter Bericht, weil jene nur 
der Gläubigkeit und nicht der Kritik untersteht. Aber 
Montezinos steht gogen alle Angriffe zu seinem Be- 
richt. Er geht noch ein zweites Mal nach Südamerika, 
bestätigt und vervollständigt seinen Bericht und legt 
noch auf dem Sterbebette einen Eid auf die Wahr- 
heit seiner Mitteilungen ab. 
Nun ist also für Manasse ben Israel und seine Freun- 



ACKERBODEN 105 

de an dem Faktum nicht mehr zu zweifeln . Er kann 
es getrost als Argument in seiner Schrift Esperan9a 
de Israel verwenden, die er 1650 in Amsterdam er- 
scheinen läßt, und die er an Oliver Crom well zur 
Begründung seiner Bitte auf Zulassung der Juden in 
England richtet. Das Zusammentreffen der verschie- 
denen Berichte und Heuser Wartungen ergibt, neben 
anderen Argumenten , eine einzigartige Begründung: 
die zehn Stämme sind nach der Theorie, die Manasse 
selbst aufstellt, bis in die Tatarei und bis nach China 
hin verstreut worden. Von dort her werden ein- 
zelne Gruppen oder Stämme den Weg nach dem ame- 
rikanischen Kontinent gefunden haben. Immerhin 
sind die überhaupt noch vorhandenen Reste jetzt als 
aufgefunden zu betrachten und ihre. Rückkehr dem- 
nach möglich. Ist das aber der Fall, so wird auch der 
gesamte Erlösungsgedanke in den Bereich der Ver- 
wirklichung gerückt. Wenn England jetzt also die 
Juden wieder zuläßt, so übernimmt es damit kein 
großes Risiko, denn mit Rücksicht auf die Nähe 
der messianischen Zeit werden die Juden doch nur 
für kurze Zeit dorthin kommen . Andererseits - und 
das ist dem frommen Crom well gegenüber ein ge- 
wichtiges Argument - kann die Erlösung erst kom- 
men, wenn die Zerstreuung der Juden vollständig 
ist. Sie ist es nicht, solange in England keine Juden 
wohnen . Und folglich würde England sich schuldig 
machen, wenn es sich durch eine Weigerung dem 
göttlichen Heilsplane widersetzte und das Ende der 
Diaspora verhinderte. 

Manasse hat den Erfolg seiner Bemühungen nicht 
mehr erlebt. Es waren in England noch zu viele 
Widerstände zu überwinden. Aber sicher ist, daß 
Crom well , um wenigstens vor seinem Gewissen ent- 



I06 FÜNFTES KAPITEL 

lastet zu sein , inoffiziell die langsame Infiltration von 
Juden nach England duldete und begünstigte . So 
konnte ihm niemand mehr den Vorwurf machen, die 
Erlösung der Juden verhindert zu haben . 
So kommen dem Erwarten der jüdischen Welt unaus- 
gesetzt öffentliche Diskussionen der christlichen Um- 
welt zur Hilfe. Diese Diskussionen haben das Er- 
scheinen eines jüdischen Messias zur unbezweifelten 
Voraussetzung. Unklarheit und Streit herrscht nur 
über die Natur dieses Messias . Die an das Tausend- 
jährige Reich glauben, sehen in der Heimkehr der 
Juden und dem Erscheinen ihres Messias nur eine 
Zwischenlösung . Für die Dauer dieses Reiches sollen 
die Juden Gelegenheit haben, sich zum wahren Mes- 
sias, nämlich Christus zu bekennen, der ebenfalls in 
der fünften Monarchie wieder erscheinen werde . 
Andere, die solcher Bekehrung der Juden weniger 
sicher sind, hoffen auf einen Ausgleich zwischen dem 
jüdischen und dem christlichen Messias. Crom well, 
der praktische Heilige, erwartet, daß während der 
fünften Monarchie die Juden massenweise zum Chri- 
stentum übertreten würden. 

Manasse ben Israel hält allen diesen einschränkenden 
Erwägungen in seiner Schrift »Der edle Stein« den 
jüdischen Standpunkt entgegen: die vier Reiche, die 
den vier Tieren in der Johanneischen Offenbarung 
entsprechen, sind schon dagewesen und haben sich 
schon erledigt, nämlich das babylonische, das per- 
sische, das griechische und das römische Reich. Folg- 
lich wird das fünfte Reich das der Juden sein . 
Von solchen Erwägungen und Diskussionen dringt 
immer noch genug in das Bewußtsein der breiten 
Masse ein, um ihnen das Gefühl zu vermitteln, daß 
ihre religiöse Erwartung das Licht des Tages 'nicht 



ACKERBODEN 107 

mehr zu scheuen habe. Während in einer fremden 
und wesentlich feindlichen Umgebung sonst jede 
ihrer Regungen und Äußerungen auf mißgünstige Ab- 
lehnung stieß, stehen sie mit einem Male vor dem 
Wunder, daß man ihnen zustimmt, sie ermuntert und 
geistig fördert. Der Anteil der NichtJuden an der Emp- 
fänglichkeit der jüdischen Welt für die geschehen- 
den und kommenden Dinge ist wahrlich nicht gering 
einzuschätzen. Ohne solche Mitwirkung sind die 
nachfolgenden Ereignisse in der Tiefe ihrer Auswir- 
kung nicht voll zu begreifen, jedenfalls nicht, soweit 
die abendländische Judenheit in Frage kommt. 
Hier gab es zudem eine Aktualität, die seit 150 Jah- 
ren in Permanenz erklärt war, an die man schon im 
Begriff war, sich zu gewöhnen, die man aber jetzt 
sehr folgerichtig in die allgemeine Richtung der Din- 
ge einbezog : die spanische Inquisition und das Mar- 
ranentum, das sie im Gefolge hatte. Die Auffassung, 
die der spanische Katholizismus über die Ausbreitung 
und Durchsetzung des wahren Glaubens hatte, war 
im Grunde schlicht, man könnte sagen: primitiv. 
Sie unterschied sich von der Art, in der etwa die 
mohammedanischen Vorgänger der Spanier ihren 
Glauben ausbreiteten, eigentlich nur in der Kompli- 
kation des Verfahrens, während sie es in der Grau- 
samkeit der Ausführung wesentlich übertraf. Die In- 
quisition, auch wenn man sie historisch betrachtet, 
bleibt ein psychisches Phänomen . Da wird das Ge- 
bot »Du sollst nicht töten« und der schlichte Gedanke 
der Nächstenliebe mit allem Bombast kirchlicher und 
dogmatischer Jurisprudenz zur Verächtlichmachung 
und Tötung des Andersgläubigen benutzt . Die Pro- 
pagierung des Glaubens geschieht, indem man dem 
Opfer die Wahl läßt zwischen dem Wasser der Taufe 



I08 FÜNFTES KAPITEL 

und dem Feuer des Scheiterhaufens. Als Zwischen- 
glied ist ein raffiniertes System geistiger und körper- 
licher Folter ausgebildet. Die Juden, die sich in Spa- 
nien, ihrem einstmals so blühenden Zentrum, als 
Opfer dieses Verfahrens und dieser geistig-seelischen 
Einstellung darboten, setzten dem einen psycholo- 
gischen Phänomen nun ein anderes entgegen: so- 
weit sie nicht vertrieben wurden oder flüchteten oder 
unter Foltern oder auf dem Scheiterhaufen verende- 
ten, lebten sie nach der freiwilligen oder erzwungenen 
Taufe nach außen streng und peinlich in den Formen 
der neuen Religion (nicht des neuen Glaubens), wäh- 
rend sie innerlich mit unerschütterlicher Treue am 
Judentum festhielten . Sie führten eine Scheinexi- 
stenz, immer bewacht von dem Arg wohn der Inquisi- 
toren, beider geheimen Ausübung ihrer traditionellen 
Religionsbräuche und der unterirdischen Feier ihrer 
nationalen Feste stündlich von Entlarvung und 
Tod bedroht. Siegeben ihrer unterirdischen Existenz 
eine solche Intensität und Bluthaftigkeit, daß diese 
Haltung über ihr eigenes Leben hinaus für Genera- 
tionen ausreicht, daß Kinder, Enkel und Urenkel 
noch in sich diese Zweiteilung des Lebens tragen und 
wie gefangene Tiere am Spalt des Gitters lauern , um 
beim ersten unbewachten Augenblick in die Freiheit 
des Auslandes auszubrechen und dort, mit der Last 
eines Jahrhunderts auf dem Herzen, sich erlöst und 
glücklich zum Erbteil in ihrem Blute wieder zu be- 
kennen. Immer wieder, und noch in dieser Zeit, 
sind die Gerichtssäle der Inquisition mit Bänken von 
Angeklagten besetzt, die des Marranentums , der 
heimlichen Ausübung des jüdischen Glaubens, an- 
geklagt und überführt werden . Immer wieder flam- 
men die Scheiterhaufen und fressen Juden, deren 



ACKERBODEN 109 

Taufe keinen Wandel der Gesinnung zur Folge hatte. 
Feierliche Autodafes verbrennen Marranen in Cuen- 
ca, Granada, San Jago de Compostella, Cordoba, 
Lissabon, Valladolid, Lima. Eine verzweifelte Un- 
sicherheit hat sich der spanischen Inquisition be- 
mächtigt angesichts des Umstandes, daß jetzt noch, 
in der Mitte des 17. Jahrhunderts, längst konver- 
tierte Judenabkömmlinge aus der neuen Religion wie- 
der ausbrechen. Eine zeitgenössische Quelle um- 
reißt die Situation sehr deutlich: »InSpanien und 
Portugal sind Mönchs- und Nonnenkloster voll von 
Juden . Nicht wenige bergen das Judentum im Her- 
zen und heucheln wegen weltlicher Güter den Chri^ 
Stenglauben . Von diesen empfinden einige Gewissens- 
bisse und entfliehen, wenn sie können. In Amster- 
dam und in mehreren anderen Gegenden haben wir 
Mönche, Augustiner, Franziskaner, Jesuiten, Do- 
minikaner. Es gibt in Spanien Bischöfe und feierlich 
ernste Mönche, deren Eltern und Verwandte hier 
und in andern Städten wohnen, um das Judentum 
bekennen zu dürfen , « 

Die Nachrichten von der Verbrennung von Mar- 
ranen, eben der Juden- Katholiken , findet zu der Zeit 
einen schnellen Weg und eine schnelle Verbreitung 
durch die vielfachen persönlichen und kaufmännischen 
Beziehungen zwischen der Iberischen Halbinsel und 
den Niederlanden. Hier, in diesem Lande ungewöhn- 
licher innerer und äußerer Freiheit, haben die Juden 
schon mit dem Beginn der allgemeinen Austreibung 
aus Spanien (1492, im Jahre, da die Welt durch die 
Entdeckung Amerikas erweitert wurde) eine Heim- 
stätte gefunden. Nach hierhin fliehen die meisten 
Marranen, die aus dem seelischen Kerker ausge- 
brochen sind. Hier machen die Heimgekehrten den 



HO FÜNFT ES KAPITEL 

schüchternen oder ernsten oder ekstatischen Versuch, 
wieder in die alten Glaubensformen und in die alte, 
heimatliche Sprache des Hebräischen einzudringen. 
Hier wird gleichwohl mit einer Treue, die weit über 
dem Begriff der Assimilation steht, in spanischer Spra- 
che geschrieben, gedichtet und geklagt, so vielfach 
und so ernsthaft, daß innerhalb der spanisch-portugie- 
sischen Judengemeinde von Amsterdam so etwas wie 
eine spanische Dichterakademie entstehen konnte. In 
solchem Milieu, in dem so viele Menschen für sich 
persönlich unter ungewöhnlichen Opfern und Ge- 
fahren das Problem der Rückkehr und Befreiung ge- 
löst hatten, war verständlicherweise für die Gesamt- 
idee einer jüdischen Erlösung ein besonders günsti- 
ger Boden bereitet. Die Rückwirkung solcher Grund- 
haltung und des persönlichen Geschickes der Mar- 
ranen auf die übrige Judenheit war beträchtlich . Hier 
fand man, wie bei den Juden in Polen, ein Leben und 
ein Sterben um der Heiligung des Namens willen, und 
immer neue spanische Prozesse lieferten der Phanta- 
sie und der Erwartung ständig neue Nahrung. 
Noch 1632 hatten unter Philipp IV. bedeutende In- 
quisitionsprozesse stattgefunden, besonders in Valla- 
dolid. 1639 standen in Lima 6^ Marranen unter An- 
klage, von denien 17 verbrannt wurden. Unter ihnen 
war der Arzt Franzisco Maldonadda Silva, dessen 
Schicksal die Gemüter besonders erregte. Er hatte 
die Kühnheit, sich öffentlich zum Judentum zu be- 
kennen und es sogar zu predigen . Er nannte sich Eli 
Nazareno und lebte, wie früher die Essäer gelebt 
haben. Man kerkerte ihn ein, 14 Jahre lang, ver- 
anstaltete immer wieder Disputationen mit ihm, um 
ihn mürbe oder vernünftig zu machen . Dann brach 
man die Bemühungen ab , indem man ihn verbrannte . 



ACKERBODEN 1 1 1 

Ein noch größeres Interesse fand das Schicksal von 
Isaakde Castro- Tartas jcines jungen Marranen , der mit 
seinen Eltern nach Amsterdam entkommen war und 
dort den Entschluß faßte, unter den Marranen eine all- 
gemeine Bewegung zur Rückkehr in das Judentum zu 
entfachen . Auf der Fahrt nach Brasilien , die er zu die- 
sem Zwecke unternahm, wurde er in Bahia erkannt, 
festgenommen, nach Lissabon verschleppt, vor das 
Inquisitionsgericht gestellt, verurteilt und auf dem 
Scheiterhaufen verbrannt. Noch aus den Flammen 
schrie er das Bekenntnis »Höre, Israel!« in die Welt 
hinaus. Und die Welt erblaßte und zitterte. Selbst 
NichtJuden erschütterte eine solche Haltung der 
Treue . Es ist die Geschichte des Don Lope de Vera 
y Alarcon überliefert, eines jungen Spaniers aus alt- 
adligem Geschlecht, den das Studium der hebräischen 
Sprache und die Vorbilder in seiner Umgebung dazu 
veranlaßten, zum Judentum überzutreten. Man ker- 
kerte ihn ein , und bis zu seinem Tode auf dem Schei- 
terhaufen mußte man ihm einen Knebel in den Mund 
stecken, weil man die Hartnäckigkeit nicht ertrug, 
mit der er den Namen des jüdischen Gottes immer 
wieder anrief. 

Alle diese Dinge zusammen : äußeres und inneres Ge- 
schick, seelische Disposition und zeitliches Ereignen, 
Notwendigkeiten und Zufälligkeiten, Latentes und 
Aktuelles in ihrer Gemeinsamkeit und Wechselwir- 
kung machten die Juden bereit und aufnahmefähig 
für eine Erscheinung, die sich mit genügender Selbst- 
überzeugung als der Vollender ihres Schicksals anbot . 
Eine Zeit und ein Mensch begannen für einander 
reif zu werden . 



SECHSTES KAPITEL 

DER PROPHET UND DIE DIRNE 



8 Kastein Zewi 



SECHSTES KAPITEL I15 

DIE VERTREIBUNG AUS KONSTANTINOPEL, DIE IHN 
in Besitz der unschätzbaren Urkunde des Jachini ge- 
bracht hat, ermutigt Sabbatai zu einem neuen Vor- 
stoß . Er wagt trotz Bann und Feindschaft eine Rück- 
kehr nach Ismir. Er ist überzeugt, daß man ihn nicht 
töten wird, denn er hat aus den Berichten der Freunde 
längst erfahren, daß der Kreis seiner Anhänger und 
derer, die an ihn als einen Messias glauben, sich be- 
trächtlich erweitert hat. Sein Beginnen ist also un- 
gefährlich. Es ist aber für ihn nötig, selbst einmal zu 
sondieren, wie weit die Dinge gediehen sind, und mit 
welchem Wirkungsgrad er rechnen kann. 
Er hat in seinen Plan als mögliche Stätte der Wirkung 
oder des endgültigen Bekennens zwei Orte einbezo- 
gen: Jerusalem und seine Heimatstadt Ismir. Nach 
Jerusalem wagt er sich noch nicht, weil dort noch kein 
Boden vorbereitet ist. In Ismir muß er jetzt die Fest- 
stellung machen, daß er zwar einen erweiterten Kreis 
von Anhängern hat, daß aber um ihn und diesen Kreis 
eine hohe Mauer aus Schweigen und Ablehnung er- 
richtet ist. Es zieht aber auch niemand aus der Tat- 
Sache, daß über ihn der Bann verhängt ist, eine Fol- 
gerung. Das ist schon ein sehr wichtiger Fortschritt, 
und dieser Umstand ermutigt ihn, einige Monate in 
Ismir zu bleiben . Er ist dort mit seinen Freunden zu- 
sammen, studiert mit ihnen, berichtet, was er gesehen 
und getan hat, zeigt ihnen die Urkunde des Jachini, 
vernimmt und verbreitet, was die Stadt auf dem Han- 
delswege an neuen Nachrichten bekommen hat, und 
hält sich im übrigen abwartend zurück. Er muß aber 
dabei endlich erkennen, daß für ihn hier noch kein 
Feld für eine größere Manifestation ist. Hier bleiben, 
bedeutet für ihn verlorene Zeit. Es lockt wieder die 

8»' 



Il6 SECHSTES KAPITEL 

Unabhängigkeit und Beweglichkeit des Reisens . Hier 
in Ismir wird ihm ja nicht einmal etwas zuleide ge- 
tan, woraus er neue Erregung und Bestätigung schöp- 
fen könnte. So nimmt er Abschied, läßt sich vom 
Vater und den Brüdern mit Geld ausstatten und nimmt 
seine Wanderung wieder auf. 

Eine Reihe von Stationen zeichnet sich durch beson- 
dere Ereignisse und besondere Ausführlichkeit der 
Berichterstattung aus . Sabbatai ist schon eine auf- 
fallendeErscheinung geworden. Was haben die Juden 
des Orients, durch ihre Lage abseits von den Wegen 
der großen Welt doppelt isoliert, sich anderes mitzu- 
teilen, als das, was sie von ungewöhnlichen Menschen 
ihres Kreises sehen und hören ? Und von diesem Sab- 
batai Zewi weiß man, daß er ein großer Chacham ist, 
ein bedeutender Ausleger und Kenner der Kabbala . 
Er hat einmal denSchem ha ' mforasch ausgesprochen . 
Der große Cherem ist gegen ihn verhängt worden . 
In Saloniki hat er Hochzeit mit der Tochter Gottes, 
der Thora gefeiert . In Konstantinopel ist eine wich- 
tige, geheimnisvolle Urkunde aufgefunden worden, 
die er im Besitz hat, aber überderei^ Inhalt er vorsich- 
tiges Schweigen bewahrt . Und wenn er in die einzel- 
nen Orte zu den jüdischen Gemeinden kommt, wirkt 
zu diesen Berichten noch seine Erscheinung, die einer 
seiner Historiker, Abraham Cuenqui, wie folgt schil- 
dert : »Er war ein gleich einer Libanonzeder hoch auf- 
geschossener Mann, dessen frisches, bräunliches, von 
einem schwarzen Vollbart umrahmtes Gesicht in 
Schönheit erstrahlte, und der in seinem fürstlichen 
Gewände sowie durch sein kraftstrotzendes Aussehen 
einen großartigen Anblick bot.« So taucht er in He- 
bron auf, lehrt, erläutert, sammelt für ein späteres 
Ziel Anhänger und erschüttert die Menschen durch 



DER PROPHET UND DIE DIRNE 117 

die fanatische Hingebung, mit der er des Abends 
seine Andacht an den historischen Stätten der Erz- 
vätergräber , den Höhlen von Machpelah, verrichtet. 
Die Empfindung , er sei ein außergewöhnlicher 
Mensch, begleitet ihn, wie er sich zu neuen Fahrten 
auf den Weg macht. 

Dann taucht Sabbatai gegen das Jahr i6öo in Kairo 
auf. Hier findet - oder wahrscheinlicher: sucht er 
einen Mann , der in der orientalischen Judenheit un- 
gewöhnliches Ansehen genießt, und der in seiner gan- 
zen Haltung einen Prototyp der Zeit darstellt : Raphael 
Joseph Chelebi . Der ist der offizielle Vertreter der 
ägyptischen Judenschaft und in seinem Beruf Zaraf 
baschi, Münzmeister und Zollpächter am Hofe des 
türkischen Statthalters . Er ist unermeßlich reich und 
führt eine wahrhaft orientalische Haushaltung . Wenn 
er sich in der Öffentlichkeit zeigt, trägt er Pracht- 
gewänder, wie sie für seine hohe und wichtige Stel- 
lung angemessen und vorgeschrieben sind . Aber das 
ist alles nur Außenfläche und Schein . Nur seine en^ 
geren Freunde wissen, daß er unter dem Staats- 
gewand einen groben, härenen Anzug trägt, die Klei- 
dung des Büßers. Sie wissen auch, daß er selbst von 
der üppigen Haltung seines Hauses keinen Gebrauch 
macht. Er führt ein völlig asketisches Dasein. Er 
fastet, kasteit sich, nimmt Bußübungen vor, wie die 
strengsten Vorschriften der praktischen Kabbala es 
erfordern . Er hat sich eigens einen bedeutenden Kab- 
balisten angestellt, der seine Bußübungen über- 
wacht und leitet, Samuel Vital, den Sohn des be- 
kannten Chaim Vital Calabrese aus Safed. Seine 
Wohltätigkeit gegenüber anderen Juden kennt keine 
Grenzen, und damit er nie ohne Wohltaten vor Gott 
steht, auch wenn keine besonderen Forderungen an 



Il8 SECHSTES KAPITEL 

ihn herantreten, hat er ständig 50 Talmudisten und 
Kabbalisten in seinem Hause und an seiner Tafel. 
Dieser Chelebi büßt nicht etwa ein persönliches Ver- 
schulden ab, will auch nicht für sich selbst zu einem 
Erlösungsziel gelangen. Sondern er gehört zu den 
vielen in der Zeit, die aus dem Leid des Volkes und 
der Volksseele den Weg zum Mystizismus gefunden 
haben, die ihr Büß werk in das Ringen mit Gott um 
die Erlösung der Gesamtheit einbeziehen, und denen 
Macht, Einfluß und Reichtum persönlich nichts mehr 
geben können . Sie leben außerhalb ihres Amtes - wie 
Chelebi - in einem Kreise von Gleichgesinnten und 
sehnen das »Ende der Zeiten« herbei, jüdische Tol- 
stois ohne Problematik und Zerrissenheit. 
Hier findet Sabbatai einen Empfang, wie er ihn sich 
herzlicher und ergebener nicht wünschen kann . Che- 
lebi ordnet sich dem um vieles jüngeren Menschen so 
gläubig und bedingungslos unter, daß Sabbatai nicht 
zögert, sich ihm rückhaltslos zu bekennen. Und da- 
mit hat er einen treuen, blindgläubigen und reichen 
Anhänger gefunden, der in der Zukunft viel zur Eb- 
nung seines Weges beiträgt. Fast zwei Jahre ver- 
bringt Sabbatai in seinem Hause, und während dieser 
Zeit gehen aus dem Kreise um Chelebi, der jetzt ein 
Kreis um Sabbatai wird, unablässig Berichte in die 
Welt hinaus . Sie sprechen noch nicht vom Messias , 
insbesondere nicht vom Messias Sabbatai Zewi, aber 
es sind Vorbereitungsakte von starker Eindringlich- 
keit, die nach und nach Sabbatai zum Mittelpunkt 
eines Interesses machen, das eines Tages jede Aus- 
weitung vertragen wird. Es fehlt nur noch, um das 
letzte wagen zu können, jener tragfähige Boden der 
Popularität, ohne die nie ein Führer oder Messias 
von den Massen aufgenommen worden ist. Und um 



DER PROPHET UND DIE DIRNE 119 

solche Popularität zu gewinnen, beschließt Sabbatai 
endlich, den Ort seiner Tätigkeit in das bisher ge- 
miedene Zentrum Jerusalem zu verlegen . Diese Stadt 
steht im Mittelpunkt der Blicke einer Welt, der Welt, 
auf die es Sabbatai ankommt. Er darf jetzt schon wa- 
gen, sich in diesen Mittelpunkt zu stellen. 
Auf dem Wege dorthin kommt er durch die Stadt 
Gaza, und hier wirft ihm das Schicksal eine Gabe von 
phantastischer Einmaligkeit in die Hände, eine Gabe, 
die seinem Leben und Wirken die entscheidende 
Wendung gibt: den Propheten, der das Kommen des 
Messias verkündet . 

Es lebt dort Nathan Benjamin Levi, nach der deut- 
schen Abstammung seines Vaters auch Nathan Asch- 
kenasi genannt, und später, wie sein Name schon 
über die Welt hin bekannt ist, nach seinem Geburts- 
ort Nathan Ghazati . Der Vater sammelt für die Ge- 
meinde Jerusalem Spenden in Europa, und das ein- 
zige, was er für die Ausbildung seines Sohnes tun 
kann, ist, daß er ihn zum Studium, das heißt: zum 
Erlernen von Talmud und Kabbala nach Jerusalem 
schickt. Dort lebt er von Almosen, wie die meisten 
übrigen Juden auch. Aber da er ein heller Kopf ist, 
und besonders im Ausdruck sowohl des gesprochenen 
wie des geschriebenen Wortes über eine besondere 
Eindringlichkeit verfügt, verweist sein berühmter 
Lehrer, der Rabbi Jakob Chagis, ihn an den reichen 
Samuel Lisbona in Gaza. Der tut, was man in der 
Zeit für einen zukunftsreichen Kopf zu tun pflegte, 
auch wenn er bettelarm war : er gibt ihm seine Toch- 
ter zur Frau, von der man sagt, sie sei trotz ihrer 
Einäugigkeit sehr schön gewesen. Er stattet den 
Schwiegersohn so reichlich mit Mitteln aus, daß er 
hinfort sorgenlos seinen Studien obliegen kann. 



120 SECHSTES KAPITEL 

Nathan Ghazati ist ein fast weltlicher Gelehrter, ein 
lebensfreudiger und zufriedener junger Mensch, den 
auch das eingehende Studium der praktischen Kab- 
bala nicht aus dem Gleichgewicht bringt. Aber noch 
vor seinem zwanzigsten Lebensjahr ändert sich plötz^ 
lieh diese Haltung. Er beginnt, mit den Vorschriften, 
die er bisher theoretisch gelernt und gelehrt hat, 
Ernst zu machen und sie in die Praxis umzusetzen. 
Er wird ernst, verschlossen, zurückgezogen, wort- 
karg. Er beginnt mit Bußübungen und Kasteiungen 
und äußert hie und da, im Kreise von Schülern und 
anderen Gelehrten, Behauptungen über Dinge, von 
denen er ihrer Meinung nach unmöglich etwas wis- 
sen kann, die sich aber bei Nachprüfung als richtig 
herausstellen . Es kann also nicht fehlen, daß man ihm 
besondere und geheime Begabungen zuspricht und 
dementsprechend besondere Achtung zollt . Es genügt 
bald, daß man ihm den Namen eines Menschen auf 
ein Blatt Papier schreibt, damit er von ihm das Schick- 
sal und alle seine Handlungen, die guten und die 
bösen , berichten kann. 

In dieser Eigenschaft als Hellseher findet er viel Zu- 
spruch von weit her. Es gehen ihm die Listen von 
Namen zu, hinter denen er vermerken soll, welche 
Sünde einer begangen habe und welche Buße der ge- 
lehrte Nathan ihm dafür anrate . Einmal schreibt man , 
um ihn auf die Probe zu stellen, den Namen eines 
Gestorbenen und den eines jüngst geborenen Kindes 
mit auf die Liste. Er vermerkt neben dem Toten: 
Seine Erlösung ist durch den Tod gekommen ; und 
neben dem Säugling : Er ist ohne Sünde . 
Das sind übernatürliche Fähigkeiten, die bei dem 
Volke Glauben erwecken und bei den Gelehrten 
Mißtrauen . Darum erscheint eines Tages eine Kom- 



DER PROPHET UND DIE DIRNE I2I 

mission von fünf Rabbinern aus Jerusalem, um die- 
sen Fähigkeiten auf den Grund zu gehen. Es ist 
nichts über den Ausgang dieser Prüfung übermittelt, 
aber der Kranz von Legenden, der um ihn wächst 
beweist, daß die Prüfung nicht ungünstig ausfiel. 
Eine Volkserzählung scheint auf diesen Vorgang 
anzuspielen : es kommt ein großer Gelehrter aus Jeru^ 
salem zu ihm, neugierig, was es mit seinen Fähig- 
keiten auf sich habe . Zu ihm sagt Nathan Ghazati : 
Geh' auf den Friedhof. Dort wirst Du einen alten 
Mann finden, der ein Fell um die Hüften trägt und 
eine Schale Wasser in der Hand. Nimm das Wasser, 
gieße es über seine Hände aus und sage dabei: ver- 
zeihe es dem Volke Israel 1 —Der Gelehrte geht zum 
Friedhof, findet niemanden dort, kommt zurück und 
sagt: Es ist niemand da. - Geh' noch einmal, sagt 
ihm Nathan, und diesmal findet der Gelehrte einen 
Alten, wie er ihm beschrieben worden ist. Er tut, 
wie Nathan ihm anbefohlen hat. Da öffnet der Alte 
den Mund und sagt : Das Blut sei Dir verziehen . - 
Heimgekehrt erfährt der Gelehrte, der Alte sei der 
Prophet Sacharjah gewesen, den die Juden erschla- 
gen haben . Durch diesen symbolischen Akt auf dem 
Grabe sei das Blut abgewaschen und die Sünde ver- 
ziehen. 

Diese tieferen Sichten erscheinen aber nur als Vor- 
bereitung zu einer größeren, auf den letzten Kern 
der Zeit, eben den Messianismus gerichteten Sicht. 
Nathan Ghazati ist durch seinen Vater, der weit in 
der Welt umher kommt, sehr eingehend über alle 
Vorgänge da draußen unterrichtet. Auch von Sab- 
batai Zewi hat er genaue Kenntnisse, und er kann jede 
Station seines Weges und jedes Detail seiner Hand- 
lungen genau verfolgen . Auch von der Handschrift 



122 SECHSTES KAPITEL 

des Jachini hat er Kenntnis gehabt, und es besteht 
sogar die Möglichkeit, daß er eine Abschrift davon 
besaß, denn in späteren Jahren gibt Sabbatai Zewi 
unter seinem Eide vor dem Rabbinat in Adrianopel 
an, daß Nathan ihn durch eine alte Schrift, in der 
sein, Sabbatais Name eingefügt gewesen sei, zum Be- 
kenntnis seines Messiastums verführt habe . Bei rich- 
tiger Ausdeutung der Psyche Sabbatais kann min- 
destens der Besitz einer solchen Handschrift bei Na- 
than Wahrheit gewesen sein . 

Es wird auch in Nathaii das Zusammenwirken von 
Zeitströmungen, Zeitereignissen und eigener Dis- 
position gewesen sein, was ihn unaufhaltsam dazu 
drängt, sich völlig auf den messianischen Gedanken 
umzustellen und zu beschränken. Eindringlich pre- 
digt er von der Notwendigkeit der Buße. Alle, die zu 
ihm kommen oder schriftlich Rat von ihm erbitten, 
weist er daraufhin, daß bald der Messias erscheinen 
werde. Er wiederholt so lange, so drängend, mit 
solcher Beredsamkeit, daß er um sich eine Atmo- 
sphäre gespanntiester Er Wartung schafft. Was er tut, 
was er sagt, wird sogleich geglaubt, vergrößert, ver- 
zerrt, rings verbreitet wie eine Wahrheit, überallhin 
weiter gegeben in den Ausmaßen des Wunderbaren 
und der Form von Legenden . Und wenn seine Worte 
und Verkündigungen den Orient durchlaufen haben 
und ini Abendland gelandet sind, sind es zeitgenössi- 
sche Berichte geworden, die wie der folgende, vom 
Pfarrer Buchenroeder übermittelte aussehen: »Die 
Juden aus Alexandrien berichten in Briefen, daß in 
Gaza ein Prophet aufgestanden sei, 26 Jahre alt, der 
viele Zeichen und Wunder tue. Er rufe die Juden 
wegen des Kommens des Messias zur Buße auf. Sie 
sollten sich vor Jerusalem versammeln. Das ist auch 



J 



DER PROPHET UND DIE DIRNE 123 

geschehen, und nachdem sich etliche Tausend vor 
Jerusalem versammelt hatten , ist aus den Wolken ein 
Öl herabgeflossen, auf das Haupt ihres Messias. Da-. 
bei ließ sich eine Stimme hören: Das ist der Messias, 
der Israel von allen seinen Feinden erlösen, aus allen 
Ländern wieder versammeln und den Gottesdienst 
wieder aufrichten soll. Des Messias Name soll sein 
Benhadad, von vierzig Jahren ungefähr. Um die- 
selbe Zeit hat sich eine feurige Wolke auf dem Berge 
Zion in Jerusalem sehen lassen , worauf der Prophet 
an alle Juden in allen Ländern geschrieben hat, daß 
sie sich versammeln und nach Jerusalem kommen 
sollen. Dort und alsdann werde er ihnen sagen, wo 
die Lade des Bundes und alle anderen Sachen, die im 
Lande waren, und die Jeremias versteckt habe (wie 
aus dem 2. Buche, i. Kapitel der Makkabäer zu 
lesen sei), gefunden werdien können, und es werde 
darauf ein Altar vom Himmel kommen, darauf die 
Juden ein Opfer legen sollten, welches hernach mit 
Feuer vom Himmel werde angezündet und verbrannt 
werden, und also ihr alter Gottesdienst wieder be- 
ginnen und bis ans Ende der Welt fortdauern werde . 
Den Juden aber hat er geboten, unterdessen rechte 
Büße zu tun, und den Propheten Jeremias fleißig zu 
lesen. Die Türken und Heiden würden freiwillig 
kommen und dem neuen Messias das Reich abtreten . 
Sie sagen auch, daß zur selben Zeit der Prophet 
Nathan das Hörn geblasen habe, welches sie für ein 
großes Glück halten . Das Weitere werde in zwei 
Monaten geschehen . Unterdessen stehen teils Juden 
noch im Zweifel, ob es wahr sei, weil noch keine 
Briefe aus Jerusalem und anderen umliegenden 
Plätzen kommen; teils aber glauben sie es fest. So 
wird für gewiß berichtet, daß die Juden in hellen 



1 24 SECHSTES KAPITEL 

Haufen nach Aleppo gezogen, in der Absicht, den. 
König im Mohrenland zu bekriegen . Seien aber von 
den Einwohnern Aleppos unter Zuziehung vieler 
Türken auf die einundfünfzigtausend stark ausgefal- 
len , und die Juden geschlagen , eine große Niederlage 
bereitet. Nun hört man nur noch, daß die Juden ihre 
Häuser verkaufen und sich zum Aufbruch fertig 
machen . . . « 

Solche Berichte sind Phantasien , die gleichwohl einen 
Teil der späteren Ereignisse ahnungsvoll vorausneh- 
men. Und sie übersteigern in nichts die Haltung 
eines Menschen, in dem die Ekstatik mit ganz beson- 
derer Vehemenz zum Ausbruch kommt . Einmal , ge- 
gen das Wochenfest hin , ruft Nathan Ghazati die Ge- 
lehrten der Stadt zu sich und lernt mit ihnen den ganzen 
Abend und bis in die Nacht hinein aus den Schriften . 
Gegen Mitternacht kommt ein großes Schlafbedürfnis 
über Nathan, und um es zu verjagen, geht er im 
Zimmer auf und ab und spricht Gebete. Aber die 
Müdigkeit wird immer drückender und die Abwehr 
immer mühsamer. Da bittet er einen der Freunde, 
er möge ihm ein Lied vorsingen, und wie er es be- 
endet hat, bittet er einen anderen, das gleiche zu tun. 
Aber die Müdigkeit will nicht weichen . Sie wandelt 
sich langsam in eine qualvolle Hinfälligkeit, in eine 
drückende, beängstigende Verstörtheit, daß er be- 
ginnt, im Zimmer umher zu taumeln und hilf lös 
an seinen Kleidern zu zerren . Die andren stehen er- 
schreckt und sehen plötzlich, daß er den Halt verliert 
und zu Boden fällt. Sie stürzen zu ihm hin, wollen 
ihm helfen, ihn aufrichten, und müssen entsetzt fest- 
stellen, daß er mit geschlossenen Augen, ganz lang 
und starr daliegt, Sie rufen einen Arzt, und auch der 
kann nach einer kurzen Untersuchung nur sagen: 



DER PROPHET UND DIE DIRNE 125 

tot. Da breiten sie ein Leinentuch über ihn und 
hocken fassungslos und erschüttert in den Winkeln. 
Nach geraumer Zeit hören sie eine tiefe, dunkle 
Stimme, die mühsam einzelne Worte formt. Sie reißen 
erschreckt das Tuch von Nathan und hören: Worte 
und Stimme kommen aus ihm, aber die Lippen be- 
wegen sich nicht. Und was er sagt, qualvoll aus dem 
Unterbewußtsein in den bekennenden Laut gepreßt, 
sind Worte vom Nahen des Messias und seines Pro- 
pheten . Die Seele lallt die Botschaft von der Erlösung. 
Dann, wie Worte und Laute sich erschöpft haben, 
geht ein tiefes , zitterndes Atmen durch den starren 
Körper, Die Brust hebt sich. Ein langer, befreiender 
Seufzer. Er öffnet die Augen. Sie helfen ihm, richten 
ihn auf, überfallen ihn mit Fragen : was war dir ? — 
Aber er weiß nichts zu erinnern. Sie berichten ihm, 
was vorgegangen ist. Da schweigt er bedrückt und 
verschlossen . 

Bald daraufkommt die Nachricht, daß Sabbatai Zewi 
auf der Reise von Kairo nach Jerusalem in Gaza Rast 
machen werde. Alle nehmen an einem solchen Be- 
such lebhaftes Interesse, aber Nathan empfindet mehr 
als Interesse . Für ihn ballen sich Ahnungen zusam- 
men, die sich auf diesen Menschen konzentrieren. 
Und wie zur letzten Bestätigung errreicht ihn in die- 
sen Tagen ein Schreiben des Isaac Levi aus Saloniki, 
in dem er ihm das Geheimnis anvertraut, daß Sab- 
batai Zewi sich ihm als der erwählte und berufene 
Messias zu erkennen gegeben habe. 
Von diesem Augenblick an ist Nathan Ghazati nicht 
mehr erregt und unruhig. Alles Tasten, Erwarten, 
Ahnen, alles Drängen aus dem Unbewußten und alles 
Hoffen auf das Unfaßbare hat jetzt mit einem Schlage 
Richtung und Ziel bekommen. Es ist alles singe- 



126 SECHSTES KAPITEL 

fangen und einbezogen in die eine Aufgabe, für die 
er von heute bis zu seinem letzten Tage sein Leben 
mit jedem Wort, jeder Regung und jedem Gedanken 
einsetzt; diesem kommenden Menschen und Mes- 
sias Sabbatai Zewi ein Wegbereiter und Verkünder 
zu sein. Ihm dienen, ihm helfen, für ihn Zeugnis ab- 
legen, sein Prophet und seine Kreatur zu sein, für 
ihn leiden, wenn es sein muß, oder auf den Stufen 
seines Thrones sitzen, wenn es sein kann. 
Er trifft alsbald Vorbereitungen zu einem großen 
Empfang. Ohne daß er seinen Freunden und Mit- 
gelehrten den letzten Grund und seine eigene Kennt- 
nis offenbart, weiß er sie leicht zu überreden daß 
man dem ankommenden Gaste ganz besondere Eh- 
rungen darbringen müsse . Sie glauben ihm gerne und 
lassen ein üppiges Gastmahl richten, an einer Tafel, 
an deren Kopfende ein erhöhter, thronähnlicher Sitz 
für den Gast errichtet, und über dem Schmuck werk 
nach Art königlicher Insignien angebracht ist. In 
allgemeiner Freude und glänzender Feierlichkeit ver- 
läuft das Mahl. Wie das eigentliche Essen beendet 
ist und, der Sitte gemäß, Gruß und Segensspruch an 
den Gast gerichtet werden müssen, reichen die Ver- 
sammelten wie auf Verabredung dem Jüngsten, aber 
dem Würdigsten unter ihnen, Nathan Ghazati, den 
Becher mit Wein . Er erhebt ihn in zitternden Hän- 
den, streckt ihn gegen den Gast aus, und mit seinen 
Worten und seinem Segen reißt er das Tor der sabba- 
tianischen Bewegung weit und unwiderruflich auf: 
»Baruch habah baschem adonai . . . Gelobt sei der, 
der im Namen des Herrn kommt. Der barmherzige 
Gott segne unseren König Sabbatai Zewi!« 
Am Kopfende des Tisches ist eine heftige Bewegung . 
Sabbatai ist aufgesprungen, daß die Becher klirren. 



DER PROPHET UND DIE DIRNE 127 

Er Streckt die Hand gegen Nathan Ghazati aus. 
»Schweig ! « schreit er durch den Raum . Nathan stellt 
den Becher hin und schweigt. Sabbatai geht langsam 
aus dem Zimmer. 

Was ist das ? Wehrt sich hier letzte und große Scham- 
haftigkeit gegen das nackte Aussprechen und Ange- 
rufenwerden ? Weicht hier eine echte Bescheidenheit 
vor der Pomphaftigkeit des verliehenen Titels zu- 
rück? Hindert etwa Furcht ihn daran, das angewie- 
sene Amt mit seinem Unmaß der Verpflichtungen zu 
übernehmen ? Oder ist das alles nur geschickte Regie, 
die Gebärde eines Menschen, der eines Tages sagen 
wird : ich habe es nicht gewollt , aber Ihr habt es mir 
zugerufen und auferlegt. Darum liegt die Verant- 
wortung bei Euch und nicht bei mir. - Es hat im 
späteren Leben Sabbatais Situationen gegeben, in 
denen er eine solche Haltung eingenommen hat. Im 
Augenblick hindert ihn jedenfalls diese leidenschaft- 
liche Gebärde des Widerstandes nicht daran, mit 
Nathan Ghazati in engster Fühlung zu bleiben und 
von allem , was Nathan später für ihn und für die Pro- 
pagierung seiner Messianität unternimmt, beden- 
kenlos Gebrauch zu machen . Wie er nach Jerusalem 
weiterreist, scheiden die Beiden als durch die Idee 
eng verbundene Freunde . 

Der Aufenthalt in Jerusalem ist von beträchtlicher 
Dauer. Er währt etwa drei Jahre, und man sollte 
meinen, daß die Länge der hier verbrachten Zeit in 
keinem angemessenen Verhältnis stehe zum Ertrag. 
Denn welche Wirkungsmöglichkeiten bestehen hier, 
und was tut Sabbatai hier ? Jerusalem ist zwar für die 
religiöse Vorstellung ein sehr wichtiger Ort, aber er 
ist doch ein sehr armer und einflußloser Ort gewor- 
den . Die Aufwendungen der Judenheit für die Opfer 



1 28 SE CHSTES KAPITEL 

der polnischen Katastrophe sind so erheblich gewe- 
sen, daß dagegen die Spenden nach Jerusalem völlig 
zurückgetreten sind. Es reicht nicht mehr aus, um 
die Armen dort zu ernähren. Hungersnot bricht aus, 
die viele Einwohner dazu zwingt, auszuwandern und 
anderswo Unterschlupf zu finden. Dabei sind die 
Anforderungen, die die türkische Behörde an die Ge- 
meinde stellt, ungewöhnlich hohe, und bei jeder 
Zahlungsstockung werden Repressalien angedroht. 
Pas dient weiter zur Entvölkerung der Stadt. Zu- 
rück bleiben im wesentlichen nur diejenigen Armen, 
deren Mittel nicht einmal zu einer Ortsveränderung 
ausreichen, sowie diejenigen, deren Lebensführung 
nach den Vorschriften der praktischen Kabbala sie 
an sich schon höchst bedürfnislos macht. Die Ge- 
lehrten und Rabbiner des Ortes genießen im übrigen 
nicht einmal im jüdischen Orient eine besondere 
Autorität . 

Und in einem solchen Milieu verbringt Sabbatai ge- 
ruhig drei kostbare Jahre seiner Existenz. Er muß es 
und tut es, indem er das Nützliche mit dem Notwen- 
digen verbindet . Das hat gute Gründe . Das vom Sohar 
als das Jahr der Erlösung verkündete 1648 . Jahr ist 
ergebnislos verlaufen. Sabbatais Bemühen hat keine 
Entscheidung herbeiführen können . Mit einer gran- 
diosen Gebärde hat er daraus die Konsequenz ge- 
zogen. Was die jüdische Prophezeiung nicht gehalten 
hat, muß (die christliche erfüllen . Wenn das Jahr 1 648 
sich als Irrtum oder Fehlschlag erwies, so kann im- 
merhin das von den Christen errechnete apokalypti- 
sche Jahr 1666 noch die Erfüllung bringen. Sabba- 
tais denkwürdige Leistung besteht darin, dieses Jahr 
der jüdischen Mystik und dem allgemeinen Volks- 
glauben als Zeitpunkt der jüdischen Erlösung auf- 




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DER PROPHET UND DIE DIRNE 129 

oktroyiert ZU haben 5 mit einer suggestiven Kraft, die 
nicht einmal die Fragestellung zuließ , warum denn 
nun ein Jahr durch das andere abgelöst und ergänzt 
werden müsse oder könne. Sabbatai will, daß es das 
1 666 sei, und er setzt es durch. Alles was er tut, dient 
der Vorbereitung, und es enthüllt sich bald, wie 
glänzend und durchdacht sie war. 
Also wartet er seine Zeit in Jerusalem ab und begrün- 
det inzwischen seine Popularität unter den Armen, 
Von neuem haben seine Brüder ihn reichlich mit 
Geldmitteln ausgestattet. Er lebt einen seltsamen Ge- 
gensatz zwischen der Pracht seines Auftretens und 
einer fast pietistisch anmutenden Frömmigkeit, die 
er gerne und hemmungslos in aller Öffentlichkeit be- 
tätigt. Er begibt sich zu stundenlangen Andachten 
an die geheiligten Gräber der Vorfahren und betet 
und singt und vergießt heiße Tränen . Es ist in diesem 
seelischen Exhibitionismus nichts Verwerfliches, denn 
er ist ehrlich undkommtaus dem tiefsten Gefüge seines 
Wesens. Er lebt die Dinge, die er tut. Seine Schau- 
stellungen sind Bekundungen seiner Persönlichkeit. 
Zu dem Ruf des frommen, ja fast heiligen Menschen, 
den ihm das einträgt, kommt eine besondere Form 
der Popularität, die er sich dadurch erwirbt, daß er 
sich überall auf seinen Wegen mit den Kindern be- 
schäftigt und Geld und Zucker werk an sie verteilt. 
Darum lieben ihn die Mütter. Und die Frauen lie- 
ben ihn, weil er nicht nur fromme Psalmen singt, 
sondern auch Lieder, die mit verhaltener erotischer 
Erregung geladen sind und denen er, wenn man 
nach ihrer Bedeutung fragt, einen besonderen mysti- 
schen Sinn unterstellt. Besonders ist darunter ein 
spanisches Liebeslied, das uns von Pfarrer Coenen 
in einer holländischen Übertragung aufgezeichnet 

9 JCastein Zewj 



130 SECHSTES KAPITEL 

und übermittelt ist: Opklimmende op een bergh, 
eh nederdalende in een valeye, ontmoette ick Melis- 
seide, de Dochter van den Kayser, dewelcke quam 
uyt de banye, van haer te wasschen. Haer aenge- 
sichte was blinckende als een deegen , haer ooghleden 
als een stalen böge, haer lippen als coraelen, haer 
vleesch als melck etc. (Dieses etc., mit dem Coenen 
abschließt, ist sehr bedauerlich.) Die Frauen glauben 
ihm jedenfalls, daß dieses Lied auf den Talmud und 
das Hohe Lied Bezug habe. 

In der Vorbereitung seinerUmgebung auf diekommen- 
den Ereignisse leistet ihm ein offensichtlicher Phan- 
tast, Baruch Gad, durch eine Mystifikation wirksame 
Hilfe . Gad war Spendensammler für Jerusalem und 
bereiste in dieser Eigenschaft Persien. Von dort 
kommt er jetzt zurück und berichtet von großen 
Abenteuern , die er bestanden hat, und aus denen ihn 
ein Jude aus dem verschwundenen Stamme Naphtali 
errettet hat. Dieser Jude hat, ihm ein Schreiben aus- 
gehändigt, das von den Juden jenseits des Stromes 
Sabbation geschrieben worden ist, und in dem in 
kabbalistischer Terminologie davon berichtet wird, 
daß die zehn Stämme auf das Erscheinen des Mes- 
sias warten, um dann in hellen Haufen hervorzu- 
brechen . Dieses Schreiben wird geglaubt . Man stellt 
Abschriften davon her und schickt sie den Sendboten 
nach, um ihnen die Arbeit zu erleichtern. 
Was aber die Popularität Sabbatais entscheidend und 
mit gutem Recht begründet, ist folgender Vorgang: 
Wieder einmal hat der Gouverneur von Jerusalem 
an die völlig verarmte Gemeinde beträchtliche Geld- 
forderungen gestellt. Da sie nicht zahlen kann, droht 
er mit Ausweisung aller Juden . In dieser Not wen- 
den sie sich an Sabbatai Zewi, ob er ihnen durch seine 



DER PROPHET UND DIE DIRNE 131 

vielen Beziehungen nicht helfen kann . Und Sabbatai 
verspricht Hilfe. Er weiß, wo sie zu bekommen ist. Er 
unternimmt sofort eine Reise nach Kairo und trägt 
seinem Freunde Chelebi sein Anliegen vor. Der 
zögert nicht einen Augenblick, die gesamte, nicht 
gerade geringe Summe zur Verfügung zu stellen. 
Den Erfolg erntet Sabbatai. Wie er zurückkommt, 
jubelt ihm das Volk als seinem Retter zu . Das Wort 
»Erlöser« taucht zum erstenmale spontan auf. Es 
wird auf ihn der Satz geprägt: halach schaliach u'ba 
maschiach, er zog hinaus als ein Gesandter und kam 
zurück als ein Erlöser . 

Diese Reise ist noch in einem weiteren Sinne mit 
seinem Schicksal verknüpft: er kommt von Kairo als 
zum dritten Male verheiratet zurück. Ein solcher 
Vorgang ist in dem damaligen Judentum nur dem 
Faktum nach belangvoll , insofern die Eingehung eine 
Ehe zu den selbstverständlichen religiösen Verpflich- 
tungen gehört. Aber die Frau, die Person, spielt 
durchweg keine Rolle. Es gibt gute und schlechte 
Hausfrauen. Da:s ist alles. Die Innigkeit des Fami- 
lienlebens, die Beobachtung der Ritualvorschriften 
und das Gebären von Kindern umreißen ihre Wir- 
kung und Bedeutung . Aber dem ungewöhnlichen 
Menschen Sabbatai Zewi, dessen Ehe zweimal ge- 
scheitert ist, muß auch eine ungewöhnliche Frau be- 
schieden sein. Das Schicksal versagt sie ihm nicht 
und führt sie ihm auf phantastische Weise zu . 
Sarah, Sabbatais dritte Frau, stammt aus Polen. 
Wer ihre Eltern sind, weiß man nicht. Es steht nur 
fest, daß sie gestorben sind, als Sarah etwa sechs Jahre 
alt war. Von der Zeit an befindet Sarah sich in 
einem Kloster. Es ist wahrscheinlich, daß man sie 
als Findelkind aufgelesen hat, weil die Eltern in den 
9* 



132 SECHSTES KAPITEL 

Pogromen umgekommen sind. Eine andere Fassung, 
die wohl auf Zweck abgestellt ist, sagt, man habe 
sie in das Kloster entführt, und die Eltern seien aus 
Gram über die vergeblichen Versuche, ihr Kind wie- 
der zu bekommen , gestorben . So oder so: immer für 
das Leben eines Kindes ein gewaltsamer, eindrucks- 
voller und nachhaltiger Beginn ; für ein jüdisches 
Kind aus dem Osten ganz besonders , weil es vom 
zartesten Alter an mit den lebendigen Eindrücken des 
Milieus und einer von allem Anfang an auf praktische 
Religiosität abgestimmten Erziehung förmlich im- 
prägniert wird. Ein solches Kind wird plötzlich in 
ein polnisches Kloster gebracht und einer Atmo- 
sphäre ausgeliefert, die in Anziehung und Abstoßung 
gleich stark auf ein solches Gemüt wirken muß . Zehn 
Jahre, also bis in die Zeit ihrer vollen Reife hinein, 
bleibt Sarah unter Heiligenbildern, Kerzen, Weih- 
rauch, Gesängen, Gebeten in der Zelle isoliert, oder 
in der verhängnisvollen Gemeinschaft mit andren 
Nonnen. Nach zehn Jahren ist ihr Wesen gestanzt, 
geprägt, für das ganze Leben mit einer seltenen Ge- 
radheit in Tugend und Laster festgelegt. 
Eines Tages, wie die Juden des dem Kloster benach- 
barten Dorfes auf ihren Friedhof kommen, um einen 
Toten beizusetzen, finden sie auf den Gräbern 
ein sehr schönes junges Mädchen mit zerrissenen 
Kleidern, dem Aussehen nach eine Jüdin. Sie fragen 
erstaunt nach dem Woher und Wohin . Da erzählt 
Sarah von der Geschichte ihres Lebens, was sie da- 
von bekennen will, oder so viel sie selbst davon be- 
greifen kann . Vielleicht lügt sie. Vielleicht ist sie das 
Opfer des doppelten Angriffes der jüdischen so gut 
wie der katholischen Mystik. Es ist ihr, berichtet sie, 
vor zwei Nächten der Geist ihres Vaters erschienen . 



DER PROPHET UND DIE DIRNE 133 

Er konnte im Tode keine Ruhe finden , weil er seine 
Tochter mitten im Herzen eines anderen Glaubens 
wußte. Nun ist er da und weint und klagt. Was soll 
ich tun ? hat das Mädchen ihn gefragt. Die Antwort: 
Fliehe aus dem Kloster . Geh* auf den nächsten jüdi- 
schen Friedhof und setzte Dich auf die Gräber. Nach 
zwei Tagen werden die Juden kommen, um einen 
Toten zu begraben. Die werden Dir weiter helfen, 
bis Du an Dein Ziel gekommen bist. - Welches Ziel ? 
fragen die erstaunten Juden . Sarah schweigt darüber. 
Weiß vielleicht noch nichts von einem Ziel , oder will 
es als Geheimnis für sich behalten . Sie berichtet wei- 
ter : da ist sie noch in der gleichen Nacht aus den 
hochgelegenen Klosterfenstern in die Tiefe gesprun- 
gen. Ihr Vater hat ihr dabei geholfen, indem er ihren 
Leib hielt. Sie zeigt den Frauen Nägelspuren an 
ihrem Körper, die von den Händen ihres Vaters her- 
rühren sollen . Die Frauen sehen und glauben . Und 
sie nehmen Sarah mit in das Dorf. 
Das ist eine ängstliche und gefährliche Entdeckung, 
die sie da gemacht haben, denn dieses Mädchen, 
obgleich Jüdin von Geburt, steht doch im Eigentum 
eines anderen Glaubens, und das Kloster wird eines 
Tages sein Eigentum von ihnen zurückfordern kön- 
nen, wenn die Sache ruchbar wird. Darum wird ihre 
Anwesenheit mit dem größten Geheimnis umgeben . 
Man versteckt sie hier und dort. Inmitten all dieser 
Heimlichkeit hockt Sarah ruhig, nachdenklich und 
schön. 

Nachforschungen ergeben, daß bei der Sprengung der 
Gemeinde, in der Sarahs Eltern wohnten, ein Bruder 
von ihr, Samuel, entflohen und nach Amsterdam ver- 
schlagen ist. Er lebt dort als Händler mit Tabak. 
Man beschließt Sarah dorthin zu bringen . Man ist 



134 SECHSTES KAPITEL 

froh, den gefährlichen Besuch los zu werden. Unter 
den nötigen Vorsichtsmaßregeln wird sie von Ge- 
meinde zu Gemeinde geschafft, bis sie die deutsche 
Grenze passiert hat, immer Mittelpunkt von Inter- 
esse und Geheimnis. Es ist nicht zu ermitteln, wie 
lange diese Reise in unendlichen Etappen gedauert 
hat. Gerade über diese erste Zeit nach ihrer Freiheit 
schweigen die Berichte auffällig. Was von ihr in 
legendärer Form berichtet wird, bezieht sich alles 
auf ihre Vorgeschichte und auf die Umstände ihrer 
Auffindung. Bald ist sie von einem polnischen Edel- 
mann geraubt worden, der sie zur Taufe bewegen 
wollte. Bald wächst sie in einer christlichen Familie 
auf, die sie zur Frau für ihren Sohn bestimmt . Beide 
Male erscheint nächtlich der Geist des Vaters und er- 
rettet sie. Eine religiöse Variante läßt bei ihrer Ent- 
deckung auf dem Friedhof einen Zettel auf ihrer Klei- 
dung sich vorfinden, auf dem die Worte stehen: Die- 
ses wird die Frau des Messias sein . 
An die spätere Zeit, wie gesagt, geht der dichtende 
Wille des Volkes nicht heran. Es scheint, als ob 
eine letzte Scham und ein letztes Zurückweichen vor 
dem Ungewöhnlichen dieser exzentrischen, erotisch 
eindeutigen, aber ungewöhnlich lebendigen Erschei- 
nung den Drang, sich mit ihr zu beschäftigen, lahm 
gelegt habe. Sie müssen hier das Feld den Chronisten 
überlassen, insbesondere dem der sabbatianischen 
Bewegung feindlichen , der dieser an sich schon unge- 
wöhnlichen und für ihre jüdischen Begriffe erschrek- 
kenden Erscheinung voll Argwohn nachspürt. Sie 
stellen fest, daß Sarah in der Tat bei ihrem Bruder 
in Amsterdam gewesen ist. Hier, am Ziel ihrer aben- 
teuerlichen Fahrt, nach der sie nun bei normalem 
Verlauf der Dinge in die Ruhe und Ordnung hätte 



DER PROPHET UND DIE DIRNE 135 

einkehren müssen, um vielleicht eines Tages von 
ihrem Bruder ausgestattet und an einen braven Juden 
verheiratet zu werden , entreißt sie sich endgültig 
einem solchen herkömmlichen Ablauf der Dinge. Mit 
ungewöhnlichen Ereignissen aufgewachsen, setzt sie 
ihr Leben jetzt mit ungewöhnlicher Begründung und 
ungewöhnlichen Mitteln fort. Sie erklärt: es wird 
in der Welt ein Messias erscheinen, diesem Messias 
bin ich zur Braut bestimmt. - Und durch nichts zu 
halten und zu bereden, macht sie sich auf zur Wan- 
derung in die Welt, diesen Messias zu suchen. 
Wir wissen nicht, nach welchem Plan sie gewandert 
ist. Man muß wohl verneinen, daß sie Nachrichten 
über Sabbatai Zewi und seinen Aufenthalt gehabt 
hat, Denn dann hätte sie sich vermutlich direkt nach 
dem Orient gewandt, um mit ihm zusammen zu tref- 
fen . Aber sie zieht von Amsterdam aus durch Hol- 
land, durch Deutschland, durch die Schweiz und bis 
nach Italien. Überall wirkt ihre Schönheit erregend, 
macht ihr Geschick und die Bestimmung, zu der sie 
sich berufen fühlt, die Menschen teilnehmend . Aber 
als habe sie schon jetzt Königliches zu verschenken, 
weicht sie vor der Erregung der Männer, die sie aus- 
löst, um keinen Schritt zurück; nimmt auf, wer sie 
begehrt; gibt sich besinnungslos jedem hin, der dar- 
um bittet, kommt zu jedem Mann, der ihr ein Brief- 
lein mit solcher Aufforderung in das Haus sendet. 
Zur Frau eines Heiligen bestimmt, lebt sie das Da- 
sein einer Dirne, dabei in ihrer Sicherheit und der 
Beharrlichkeit, mit der sie das große Ziel verfolgt, 
völlig ungestört. Sie bleibt bei keinem Manne haften, 
geht mit nachtwandlerischem Instinkt von Ort zu Ort 
weiter, verachtet die, die sie beschimpfen, und er- 
klärt denen, die sie um den sonderbaren Zwiespalt 



136 SECHSTES KAPITEL 

zwischen Bestimmung und Lebensführung befragen i 
weil ich nicht heiraten darf, bis der Messias mich 
eines Tages nimmt, hat Gott mir die Befugnis ge- 
geben, mein Blut zu beruhigen, wo ich kann und will . 
So wirkt sich in ihr und an ihr aus, was Eros und Re- 
ligiosität in der Tiefe der Psyche an Gemeinsamkeit 
des Ursprungs haben. Von Amsterdam, Frankfurt, 
Mantua und Livorno liegen Berichte vor, die ihren 
Anspruch als Messiasbraut und ihren Lebenswandel 
darstellen. Gelehrte und Rabbiner begeben sich zu 
ihr, um diese seltsame Erscheinung zu prüfen, und 
es mutet wie Anklänge aus den Hexenprozessen des 
Mittelalters an, zu sehen, wie ihre Schönheit und 
sinnliche Eindringlichkeit ihnen Angst macht, und 
sie doch, in Zeit und Glauben befangen, ihr über- 
natürliche Fähigkeiten zuschreiben . Aber ungleich 
ihren mittelalterlichen Glaubensgegnern nehmen sie 
das Untergründige und Unfaßbare nicht zum Anlaß, 
einen Menschen auf die Folter zu spannen und aufs 
Rad zu legen. Jene fürchteten und haßten Eros 
und befreiten sich von der Beklemmung durch Tot- 
schlag. Diese scheuen Eros und weichen ihm aus, 
in dem sie seine Wirkungen zu sublimieren trachten . 
Jene hatten ein Dogma und hackten jedem die Beine 
ab, der sich in dieses Prokrustesbett nicht fügen woll- 
ten. Diese sind dogmenfrei und sind jedem religiösen 
Anruf verhängnisvoll geöffnet. So begreifen sie von 
diesem schillernden Wesen endlich nur, daß sie die 
Braut eines Messias sein will. Aber sie können ihr 
nicht helfen, da es noch keinen Messias gibt. 
Zu dieser Zeit hält Pinheiro, Sabbatais getreuer An- 
hänger, sich in Livorno auf. Er versteht sofort die 
Zusammenhänge, die hier obwalten. Sabbatai be- 
findet sich gerade in Kairo , um von Chelebi Geld für 



DER PROPHET UND DIE DIRNE 137 

Jerusalem zu erbitten. Er gibt ihm Nachricht mit 
allen Einzelheiten, die er erfahren kann. Und nun 
begibt sich etwas Seltsames: Sabbatai erklärt sogleich, 
daß dieses Mädchen ihm zur Frau vorbestimmt sei. 
Zwei Ehen hat er lösen müssen, weil es an der 
himmlischen Bestätigung mangelte . Aber dieses Mal 
ist kein Zweifel. Sarah ist ihm, und zwar ausdrück- 
lich in seiner Eigenschaft als Messias, zur Frau be- 
stimmt. Er verkündet das unter dem Jubel seiner 
Anhänger und der freudigen Zustimmung Chelebis, 
der sofort Boten und Begleiter nach Livorno ent- 
sendet, um Sarah nach Kairo zu holen. 
Sie empfängt die Boten mit einem königlichen Gleich- 
mut und folgt ihnen ohne weiteres. Erst an diesem 
verhältnismäßig ungefährlichen und romantischen 
Punkt setzen die Volkserzählungen wieder ein. Da 
lautet eine Variante: sie ist, ohne von der Existenz 
Sabbatais eine Ahnung zu haben, auf ihren Wan- 
derungen bis nach Kairo gekommen und zu Ghelebi . 
Sie hat ihm ihr Lebensschicksal berichtet, und seine 
Tafelrunde, der er davon Mitteilung macht, rät ihm, 
das Mädchen auszustatten und zu verheiraten. Er 
ist dazu bereit, aber Sarah sträubt sich. Sie erklärt: 
Der, den sie heiraten werde, befinde sich zur Stunde 
auf dem Meere in großer Lebensgefahr. Aber der 
Geist ihres Vaters werde ihm helfen. - Elf Tage 
später trifft Sabbatai Zewi ein, und seine Begleiter 
wissen wirklich von großen Gefahren der Fahrt zu 
berichten. Seeräuber haben das Schiff verfolgt, aber 
auf Sabbatais Gebet hin habe Gott sie über das Meer 
gestreut. - Eine andere Version: Sie erklärt Chelebi, 
sie müsse nach Jerusalem gehen , weil ihr Gatte sich 
dort befinde. Chelebi schickt sie mit einem zuver- 
lässigen Führer dorthin. Wie sie kaum die Stadt be- 



138 SECHSTES KAPITEL 

treten haben, kommt Sabbatai im Kreise von Anhän- 
gern daher. Sarah ruft: Dieser Weise ist mein Gatte. 
Sabbatai sieht sie an und antwortet: Dieses Mädchen 
ist meine Braut. - 

In Kairo rüstet inzwischen Chelebi eine Hochzeit 
von einem wahrhaft orientalischen Pomp. Es wird 
schon kein Hehl mehr daraus gemacht, daß diese 
königlichen Zurüstungen dem Messias gelten . Seine 
Vermählung ist für den Kreis in Kairo der Augen- 
blick, in dem sie seine Messianität offen vor der Welt 
bekennen wollen. Und Sabbatai sträubt sich nicht 
dagegen. Das Jahr 1665 ist angebrochen. Der 
Weg zum letzten Bekenntnis ist sehr kurz geworden . 
Wieder bietet ihm das Schicksal ein ungewöhnliches 
Zusammentreffen, und wieder nimmt er eS in einer 
Art auf, die nach außen hin die Wirkung göttlicher 
Fügungen hat. 

Sabbatai hat niemals eine Frau erwartet . Frauen spie- 
len für sein Gefühls- und VorstellungslebenkeineRolle. 
Seine seelischen und sinnlichen Bedürfnisse wer- 
den im Bezirk seiner Religiosität genügend befriedigt. 
Sein zweimaliges Ausweichen ist eindeutig. Er hat 
auch zu Sarah keinerlei erotische Beziehungen, weder 
vor noch in der Ehe. Eine Darstellung der späteren 
Ereignisse wird es beweisen. Ihn bewegt zu der 
spontanen Erklärung, dieses Mädchen sei ihm zur 
Braut bestimmt, weder ihre Schönheit noch ihr Schick- 
sal noch ihr sinnliches Fluidum, sondern einzig ihre 
Erklärung, sie sei dem Messias zur Frau ausersehen. 
Also kalte Berechnung? Nein, sondern die Unfähig- 
keit, die Dinge noch anders zu sehen als in ihrer mög- 
lichen Beziehung zu sich selbst. Er ist längst der 
Sklave seiner Idee geworden. Was geschieht, ge- 
schieht für ihn, ohne daß es einer Nachprüfung be- 



DER PROPHET UND DIE DIRNE 139 

darf. Er trägt die Idee nicht: sie hat ihn unterjocht, 
und darum bleibt das Menschliche in ihm völlig brach 
und unberührt . Nicht eine Spur von Liebe ist in ihm 
zu dieser Frau. Sie ist die Königin, die ein Messias, 
ein königlicher Mensch, haben muß. Damit ist ihr 
Zweck und ihre Bedeutung für ihn erschöpft. Nicht 
einmal das berührt ihn, daß Sarah in der Folgezeit 
ganz offensichtlich zu einem Anziehungspunkt für 
junge Menschen wird, und daß sie, unter religiöser 
Verbrämung und mit antik anmutenden königlichen 
Gesten , insgeheim ihr früheres Leben mit den jungen 
Männern seines Kreises fortsetzt. Es besteht eben 
zwischen den Beiden, die sich da treffen, nicht der 
Schatten menschlicher Beziehungen. Beide sind die 
gläubigen Lügner ihres eigenen Geschickes. In der 
Besonderheit ihres äußeren und inneren Schicksals 
treffen sie sich und gehen sie für den Rest ihres Lebens 
nebeneinander her. 

So ist die Hochzeit, die in Kairo gefeiert wird, nicht 
eine Vereinigung des Sabbatai und der Sarah, sondern 
des Messias mit seiner Königin. Bescheidene Ver- 
suche wagen sich an ihn heran, die ihm die Bedeu- 
tung ihres Vorlebens erkenntlich machen wollen. 
Wäre er als Mensch beteiligt gewesen , hätte er sagen 
müssen, daß für ihn die Frau seiner Wahl rein und 
ohne Vergangenheit sei. Da er nur als Träger einer 
Idee beteiligt ist, antwortet er : »Auch dem Propheten 
Hosea hat Gott befohlen, eine Dirne zur Frau zu 
nehmen.« Er will hier ein großartiges, prophetisches 
Symbol materialisieren . Aber da er es in der Wirk- 
lichkeit nicht leben und gestalten kann, degradiert 
diese Antwort diese Frau nur zum anderen Male. 
Aber er spürt nichts davon . Ihm genügt das Bewußt- 
sein, daß die vorbestimmten Ereignisse ihn ein ent- 



140 SECHSTES KAPITEL 

scheidendes Stück weiter dem Ziele zu getragen ha- 
ben. So kehrt er nach Jerusalem zurück. Sein V/eg 
führt wieder über Gaza. Dort wartet Nathan, der 
Auslöser seines Schicksals. 



SIEBENTES KAPITEL 

POSAUNEN 



SIEBENTES KAPITEL HS 

NATHAN GHAZATI HAT DEN ZUSAMMENHANG MIT 
Sabbatai Ze wi nicht verloren , wedier den inneren noch 
den äußeren . Er hat das Schweigegebot jener ersten 
Begegnung richtig verstanden, aber befolgen kann er 
es nur so lange, wie das Glühende in ihm nicht über- 
mächtig wird und einen Ausdruck sich erzwingt . 
Unleugbar tragen die äußeren Geschehnisse der letz- 
ten Zeit dazu bei, seine übergroße Bereitschaft in 
Visionen und Verkündigungen ausbrechen zu lassen . 
Seine Umgebung ahnt schon, daß es zu einem Aus- 
bruch kommen werde, denn er hat seit einiger Zeit 
das Lernen in den Schriften eingestellt. 
Am 25. Elul 5425, an einem Sabbath im Spätsom- 
mer des Jahres 1665, kommt endlich eine große Vi- 
sion über Nathan Ghazati. Er sieht das Licht, das 
zur Stunde der Erschaffung der Welt geleuchtet hat. 
Wie in den Gesichten des Jecheskel brennen feurige 
Schriften am Himmelsgewölbe auf. Er kann sie Wort 
für Wort lesen. »So sprach Gott: Euer Erlöser 
kommt, Sabbatai Zewi !« Und dann siebter den Mes- 
sias selbst, über den Himmel schreitend, angezogen 
wie ein Engel . Endlich und zu allem dröhnt aus den 
unfaßbaren Höhen herunter eine Stimme, die nicht 
von dieser Welt ist: »Von nun an in einem Jahre und 
einigen Monden wird offenbar werden und werdet 
Ihr erschauen das Reich des Messias, der aus dem 
Hause David kommt . « 

Nach diesem Vorgang finden die Freunde ihn wie 
einen Rasenden, Schaum vor dem Munde. Wie er 
die Fassung wieder erlangt hat, steht das Gesehene 
und Gehörte mit unverminderter Deutlichkeit vor 
ihm. Er wiederholt es ihnen. Er predigt es eindring- 
lich. Er schwört ihnen bei der lebendigen Welt, 



144 SIEBENTES KAPITEL ^ 

daß jedes Wort lautere Wahrheit sei . Er verrät ihnen , 
indem er wieder auf die Handschrift des Jachini 
anspielt, daß er die gleiche Verkündigung in einem 
alten Dokument aus dem Jahre 5386, also eben dem 
Geburtsjahre Sabbatais, gelesen habe. Er tritt aus 
der unverpflichtenden Sphäre des hellsichtigen Men- 
schen heraus in die helle Öffentlichkeit und in das 
verpflichtende Amt dessen, der aufgerufen ist: des 
Propheten. 

Und in diesem Amt ist er beharrlicher und treuer als 
der, den er ankündigt. 

Sogleich beginnt er seine Tätigkeit. Er verfaßt ein 
Sendschreiben, an keinen bestimmten Empfänger ge- 
richtet, schlechthin für die »Brüder in Israel« be- 
stimmt, eines, das mit zauberhafter Schnelligkeit und 
in einer Unzahl von Abschriften seinen Weg durch 
die ganze jüdische Welt findet und nach wenigen 
Wochen schon in Saloniki, in Konstantinopel, in 
Venedig, Livorno, Amsterdam, Hamburg, Frank- 
furt, Paris, London, Posen und Lemberg gelesen wird 
und wie ein Posaunenstoß in den Schlummer der 
Erwartung dringt : 

>>Kund sei euch, Brüder in Israel, daß unser Mes- 
sias in der Stadt Ismir zur Welt gekommen ist und 
den Namen Sabbatai Zewi führt. Bald wird, er sein 
Reich allen offenbaren . Er wird die Königskrone dem 
türkischen Sultan vom Haupt nehmen und sie sich 
auf sein eigenes Haupt setzen . Gleich einem kana- 
anitischen Sklaven wird der Türkenkönig hinter ihm 
her schreiten müssen, denn sein, des Sabbatai, ist 
die Macht. Dann aber, nach neun Monaten, wird 
unser Messias den Augen Israels entschwinden, und 
niemand wird sagen können, ob er noch am Leben 
oder tot sei. Aber er wird jenseits des Stromes Sab- 










.Ä-^ 










POSAUNEN 145 

bation ziehen , den , wie man weiß , noch kein Sterb- 
licher überschritten hat. Dort wird er sich mit der 
Tochter Mosis vermählen, und von dort aus wird un- 
ser Messias mit Meister Moses und allen verschol- 
lenen Juden hoch zu Roß nach Jerusalem ziehen . Er 
reitet auf einem Drachen und zügelt ihn mit einem 
Zaum, der aus einer siebenköpfigen Schlange be- 
steht. Auf diesem Zuge werden ihn die Feinde 
Israels, GogundMagog, mit einem mächtigen Heere 
überfallen. Aber nicht mit gewöhnlichen Waffen 
wird der Messias seine Feinde besiegen . Seines Mun- 
des Hauch wird hinreichen , sie niederzustürzen , und 
sein Wort allein wird sie vollends vernichten. Nach 
seinem Einzug in Jerusalem wird Gott vom Himmel 
einen Tempel von Gold und Edelsteinen herabgleiten 
lassen, in deren Glanz die ganze Stadt erstrahlen 
wird. In ihm wird der Messias als Hoher Priester 
opfern . Alsdann werden die Toten der ganzen Welt 
aus ihren Gräbern aufstehen. Ich eile, dieses alles 
euch bekannt zu machen.« 

In dieser Prophetie sind weltlicher und religiöser 
Messianismus eine Synthese eingegangen. Das ent- 
sprach völlig der Einstellung der Zeit. Es ist aber 
auch kennzeichnend, daß das an Leiden gewöhnte 
Bewußtsein der Juden automatisch eine Verzögerung 
der Erlösung einschaltet. Ohne einen letzten Hieb, 
ohne ein letztes und nochmaliges und endgültiges 
Unheil scheint ihnen ihre Befreiung nicht mehr denk- 
bar . Das zu betonen , kann Nathan sich nicht genug 
tun. Es ist noch ein ausführliches Schreiben über- 
mittelt, das der Prophet an Chelebi in Kairo gerich- 
tet hat . Auch ihm teilt er in den gleichen Ausdrücken 
wie in dem ersten Sendschreiben mit, daß und wie 
^ die Erlösung der Welt sich vollziehen werde . Bei 

10 Kastein Z&vri 



146 SIEBENTES KAPITEL 

Sabbatais nochmaliger Vermählung jenseits des Sab- 
bation verweilt er etwas ausführlicher. Moses, der 
von den Toten auferstanden ist, hat eine Tochter, 
Rebekka, ein Mädchen von vierzehn Jahren. Die 
hat Gott dem Messias als die wahre Braut zugewie- 
sen. Er wird sie heiraten, und Sarah, die man jetzt 
Königin nennt, wird die Sklavin der Tochter Mosis 
sein. Das ist das einzige Mal, daß er Sarah in seinen 
Manifesten und Mitteilungen je erwähnt, und es hat 
den Anschein, als habe er einen Widerstand gegen 
sie nie überwinden können. 

Dann stellt er Chelebi vor,, wie unendlich viel der 
Messias schon gelitten habe . » . . . und darum sind 
alle Juden in seine Hand gegeben , damit er mit ihnen 
nach seinem Willen tue . Die er verurteilen will , ver- 
urteilt er, und die er erheben will, erhebt er. In einem 
Jahre und einigen Monaten wird er dem türkischen 
Kaiser das Reich nehmen, ohne irgend welchen 
Krieg, allein durch das Singen von Liedern und Lob- 
gesängen. Er wird den Türken überall mit hin über 
die Erde nehmen, wo er gewinnt oder erobert. Diese 
Könige sollen alle Sklaven des Sultans werden, aber 
der Sultan allein sein Sklave. Da soll auch kein Blut- 
vergießen unter den Christen stattfinden, ausgenom- 
men in Deutschland.« Aber auch damit ist die Er- 
lösung noch nicht geschehen . Sondern es werden 
noch vier bis fünf Jahre darüber vergehen. Dann erst 
geht Sabbatai über den mystischen Fluß. Die Herr- 
schaft der nunmehr gebesserten Welt übergibt er dem 
Großtürken und befiehlt ihm, die Juden in ihrem Be- 
sitz zu belassen. Aber nach drei Monaten steht der 
Sultan gegen die Juden auf, von seinen Ratgebern 
angestiftet. Da wird die Not groß. In der ganzen 
Welt gibt es dann viel Unglück. Nur die Stadt Gaza 



POSAUNEN 147 

wird eine Ausnahme machen. Die ist der Beginn 
seines Königreiches. Diese Stadt liebt Sabbatai so, 
wie David die Stadt Hebron geliebt hat. Gegen das 
Ende dieser Zeit geschehen dann die Wunder, von 
denen im Sohar geschrieben steht. Dann werden alle 
erlöst, die noch unter dem Joch sind. Dann werden 
auch diejenigen wieder auferstehen, die sich um das 
heilige Land besondere Verdienste erworben haben. 
Aber vierzig Jahre darauf erfolgt dann die allgemeine 
Auferstehung der Toten . 

Die Ausführlichkeit dieses Schreibens, das ebenfalls 
in zahllosen Vervielfältigungen seinen Weg durch die 
Welt macht, ist aus einem doppelten Zweck gerecht- 
fertigt. Nach der ersten, spontanen Äußerung ist für 
die Verbreitung und Verdeutlichung des Kommen- 
den eine Erläuterung, gleichsam ein Kommentar not- 
wendig. Dann aber auch ist dieser Brief eine Ant- 
wort Nathans auf eine Anfrage Chelebis, was es mit 
den Dingen auf sich habe, die man von Sabbatai und 
seinem Betragen in Jerusalem hört. Und das sind 
allerdings für einen Juden sonderbare und erschrek- 
kende Vorgänge. 

Sabbatai ist mit seiner Königin in Jerusalem einge- 
zogen , läßt sich als Erretter der heiligen Stadt bejubeln , 
nimmt die öffentliche Verkündigung Nathans mit ge- 
lassener Selbstverständlichkeit zur Kenntnis und 
•sträubt sich nicht dagegen, wenn seine Anhänger und 
die Armen, die zu ihm als dem befreienden Menschen 
und Sendboten halten, ihn bei seinem öffentlichen 
Auftreten als König und Messias ausrufen. Er ist 
schon sehr selbstherrlich geworden . Chelebi hat ihm 
viertausend Taler für die Armen der Stadt mitge- 
geben, und die Rabbiner machen Anspruch darauf, 
sie selbst und nach dem gewohnten Schlüssel zu ver- 
10* 



148 SIEBENTES KAPITEL ' 

teilen. Sabbatai kümmert sich um diesen Anspruch 
nicht. Er verteilt die Gelder so, wie er es für rich- 
tig hält, und es versteht sich, daß er dabei in erster 
Linie seine Anhänger und Freunde bedenkt. Die 
Rabbiner geraten in einen Paroxismus der Wut und 
drohen ihm den Bann an. Sabbatai ist aber heute 
schon so weit, das solche Drohungen ihn nicht mehr 
berühren. Er tut, was er will,ound seine Freunde, 
einschließlich Chelebi, weisen ihm das selbstverständ- 
liche Recht zu einem solchen Verhalten zu. Aber 
etwas anderes bedrückt und verstört sie : Sabbatai , die- 
ses Vorbild an Frömmigkeit, beginnt das Gesetz zu. 
verletzen, zu mißachten. Er tut so, als ständen die 
Regeln und Vorschriften nicht seit mehr als tausend 
Jahren heilig und unverrückbar fest. Für ihn gibt 
es keine Gebetszeiten mehr und keine Gebetsordnung. 
Er betet, was er will und wann er will. Für ihn gibt 
es keine Vorschriften über das Tragen von Kleidung 
und über Feiertage und keine Speisegesetze mehr. 
Und das ist ein so ungeheuerliches Verbrechen , daß 
sie es nicht begreifen. 

Sie sind geneigt, zu glauben, daß eine solche Blasphe- 
mie nicht in seinem Gehirn und in seinem Willen ent- 
standen ist. Da ist plötzlich ein Mann neben Sabba- 
tai Zewi aufgetaucht, einer, von dem man nicht weiß, 
woher er gekommen ist, und was er will : Samuel Pri- 
mo. Der Messias bezeichnet ihn als seinen Sekretär, 
und er nennt sich ebenso. Aber das ist nur die Ver- 
kleidung einer auffälligen Beziehung von Herrschaft 
und Abhängigkeit. Sabbatai tut nichts mehr ohne 
seinen Sekretär Primo. Nicht, daß er ihn befragt 
und seinem Rat folgt; sondern so: Primo denkt 
etwas, Primo bringt etwas zum Ausdruck, und Sab- 
batai tut es in der ÖfFentlichkeit . Was Sabbatai denkt 



POSAUNEN 149 

und verkündet, verläßt den engen Umkreis und wird 
der Mitwelt zugänglich erst in dem Augenblick, in 
dem Primo solche Verkündigung nach seinem freien 
Willen und Entschluß in Worte gekleidet hat . Nur 
noch die ganz spontane Äußerung von Mensch zu 
Mensch ist Sabbatai freigegeben . Alles andere unter- 
liegt der Redaktion und der Korrektur durch Primo , 
Dabei drängt er sich nie in den Vordergrund, und 
selbst wenn er den Messias wie eine Marionette an 
ihren Fäden bewegt und lenkt, bleibt er schweigsam 
im Dunkel der Kulissen verborgen. 
Jn dieser Rolle ist Primo geblieben, so lange Sabba- 
tai selbst in seiner Rolle als Messias blieb. Er hat viel 
besser als sein Herr gewußt, was für die Begründung 
und die Existenz eines Messias nötig sei. Er hat die 
schwachen Punkte in seiner Begründung und Lebens- 
führung gesehen und sie versteckt oder überdeckt . 
Er hat immer neue Manifestationen erfunden, die 
das Verhalten des Messias rechtfertigten. Er hat den 
richtigen Instinkt dafür, daß ein ungewöhnlicher 
Mensch ein Anrecht auf ungewöhnliches Verhalten 
habe, und daß die Massen, die ihm glauben sollen, 
selbst vom Befremdlichen stärker ergriffen werden 
als vom Herkömmlichen und Vulgären . Er glaubt an 
den Messias, aber er hält ihn für schwach. Er dient 
der Idee, indem er sich zum Diener des Ideen trägers 
macht. Und in dieser Eigenschaft muß er ihn not- 
wendig unterjochen . 

Primo hat als erster den Mut, die Folgerungen aus 
den Ereignissen zu ziehen. Während Sabbatai nur 
auf sich und seine eigene Wirkung bedacht ist, be- 
greift Primo, daß jetzt das religiöse Judentum an 
einem entscheidenden Wendepunkte steht, und daß 
im religiösen Bezirk mit der Wirkung eingesetzt wer- 



150 SIEBENTES KAPITEL 

den muß. Er sieht ein, daß das gesamte rabbinische 
Judentum in seiner Entwicklung und in seiner jetzt 
gewordenen Gestalt nur ein Notprodukt ist, dessen 
wirksamste Bedingung Diaspora heißt. Alles, was 
geboten und verboten ist, hat nur darin seine zeitliche 
Bedeutung. Es stammt nicht von Gott. Die Men- 
schen haben nur ein kompliziertes System von Ver- 
teidigungsstellungen um das göttliche Gesetz er- 
richtet, damit es ihnen, fern von ihrem Lande, ihrem 
Tempel , ihrer Tradition im eigenen Volkstum und 
unter art- und glaubensfremde Völker versetzt, nicht 
völlig verloren gehe. Er begreift auch wohl, daß die 
Entwicklung an einem gefährlichen Punkt der Kom- 
pliziertheit und der ewig unfruchtbaren Haarspal- 
terei angelangt ist. Um so mehr Grund, mit allem 
Nachdruck daraufhinzuweisen, daß jetzt, mit dem 
Einbrechen der messianischen Zeit, ein grundsätz- 
licher Wandel eintreten müsse . Es geht heimwärts ! 
Das Gesetz der Diaspora ist für die Fremde geschaf- 
fen. Es muß eingerissen werden. Viele Tausende 
werden nicht sogleich begreifen, was es heißt: der 
Messias ist gekommen . Aber sie werden es verstehen , 
wenn man das religiöse, das kultische, das orthodoxe 
Gesetz niederreißt, mit dem sie von Sonnenaufgang 
bis in die Nacht hinein Zeit ihres Lebens verkettet 
waren. 

Ein Messias muß es auf diese Belastungsprobe an- 
kommen lassen. Primo kann sein Verhalten auch je- 
derzeit decken durch die Anschauungen, die im So- 
har verankert sind: wenn der Messias die Olam ha- 
Tikkun, die Welt der Ordnung heraufbringt, dann 
verliert in dieser neuen Welt alles an Bedeutung, was 
es bisher im Judentum an Gesetzen über Erlaubtes 
und Verbotenes gegeben hat. Dann wird auch der 



POSAUNEN 151 

große Ritualkodex der Juden, der Schulchan Aruch 
(der gedeckte Tisch), seine verbindliche Kraft ein- 
büßen. Also sündigt der Messias nicht, wenn er die 
Gebote mißachtet. Er beweist eben gerade dadurch, 
daß er der Messias ist. Er beginnt mit der neuen 
Ordnung, die seines Amtes ist. Irgendwo im Un- 
endlichen sitzt der »Heilige Alte«, der »Alte der Ta- 
ge«, den man früher einmal unzureichend »Gott« ge- 
nannt hat. Er, dessen Weltplan in seiner Intention 
vollkommen war, und der doch an der Unreinheit der 
Materie zur Un Vollkommenheit herabgesunken ist, 
hat jetzt aus sich, aus seinem heiligen Schöße den 
Messias als neue göttliche Person entlassen , den Mal- 
ka Kadischa, den »heiligen König«, den wahren und 
vollendeten Urmenschen der neuen Welt, Adam Kad^ 
mon. Ihm hat er Kraft und Auftrag gegeben, end- 
lich die letzte Ordnung in die Welt zu bringen , alles 
Böse und alle Sünde aufzuheben , alle gefallenen Gei- 
ster zu beschwören, den Weg wieder freizumachen für 
das Einströmen göttlicher Gnade auf die Erde. Das 
tut der Messias. Er sündigt nicht. 
Es ist auch für Sabbatais Anhänger nicht schwer, 
das zu begreifen , und es ist doch qualvoll und müh- 
sam, von einem Tage zum anderen die Dinge aus 
dem Alltag zu verbannen, mit denen sie in über- 
mäßiger Verbundenheit gelebt haben . Darum ist es 
. Primos und auch Nathans Aufgabe, immer tiefer die 
Voraussetzung für die Aufhebung des Gesetzes, eben 
den Anbruch der messianischen Zeit, zu beweisen. 
Dieses gelingt ihnen weit besser in der Nähe als in 
der Ferne. In Jerusalem ist die Meinung über Sab- 
batai und sein Auftreten durchaus geteilt. Verargt 
man ihm von Seiten der Rabbiner schon sehr die 
eigenmächtige Verteilung der Spenden , so erregt Na- 



1 5 2 SIEBENTES KAPITEL 

thans Sendschreiben vollends Verärgerung und unlieb- 
sames Aufsehen . Die Gemeinde Jerusalem befindet 
sich da, wie man erkennen muß, in einer peinlichen 
Lage. Es herrscht dort ein türkischer Gouverneur, 
der es sich scheinbar zur Aufgabe gesetzt hat, zwar 
die Juden nicht zu lieben, aber doch von den Spen- 
den, die aus der ganzen Judenheit hier zusammen- 
strömen, seinen gerüttelten Anteil in Form von Steu- 
ern, Kontributionen und willkürlichen Strafen in An- 
spruch zu nehmen. Die Bekanntgabe von Nathans 
Sendschreiben und die tumultartigen Szenen, die 
daraufhin im jüdischen Viertel entstehen, vielleicht 
auch die Nachricht, daß Sabbatai viel Geld aus Kairo 
mitgebracht hat, sind ihm ein willkommener Anlaß 
zum Einschreiten . Daß Sabbatai den Sultan entthro- 
nen will, veranlaßt ihn nicht etwa, sich mit diesem 
Rebellen zu befassen, oder auch nur nach Konstan- 
tinopel zu berichten, sondern lediglich zu einer er- 
heblichen Anforderung von Strafgeldern von den 
Juden. 

Mit einigem Recht sehen sie in Sabbatai den Ur- 
heber dieser neuen Bedrückung, und sie fordern 
ihn unter Androhung des Bannes auf, die Stadt so- 
fort zu verlassen . An der Spitze seiner Gegner steht 
der Rabbi Jakob Chagis , und seine Gegnerschaft mag 
noch dadurch verschärft worden sein , daß er in seiner 
nächsten Verwandtschaft eine glühende Begeisterung 
für Sabbatai feststellen muß . 

Ob der Bann wirklich ausgesprochen worden ist, 
steht nicht fest. So oder so hatte Sabbatai ihn auch 
nicht mehr zu fürchten . Er ist jetzt zum ersten Male 
völlig frei in seinen Entschlüssen . Wenigstens scheint 
es nach außen so, während im Innen Verhältnis immer 
mit Primos Einfluß gerechnet werden muß. Nicht die 



POSAPNEN 153 

Furcht vor dem Bann, sondern der Wille, jetzt die 
Entscheidung herbeizuführen, sind für die Abreise 
von Jerusalem entscheidend. Sie erfolgt auch nicht, 
wie früher jeder Ortswechsel erfolgt ist; als Flucht. 
Es werden vielmehr große Vorbereitungen getroffen . 
Vor allem werden zwei Sendboten auserwählt, die 
in die Welt ziehen und die Kunde von Sabbatais 
Messianität verbreiten sollen : Sabbatai Raphael und 
Matthatia Bloch. Der eine wird nach Europa be- 
ordert, der andere nach Ägypten. Bloch bekommt 
später zum Lohn für seine Dienste eine Krone . 
Sodann wird ein pompöser Reisezug zusammenge- 
stellt. Das Rabbinatjerusalem versucht noch einmal, 
erregt durch diese gelassenen und weitschweifigen 
Vorbereitungen, seinem Gegner einen Hieb zu ver- 
setzen . Es erstattet gegen Sabbatai wegen Gesetzes- 
verletzung und Gotteslästerung Anzeige bei dem Rab- 
binat in Konstantinopel, und muß es wohl in so ein- 
dringlicher Form getan haben, daß Konstantinopel 
sich veranlaßt sah, in einer Urkunde, die 25 Unter- 
schriften trägt, den Chacham Baschi Jomtof ben Jaser 
an der Spitze, an die Gemeinde in Ismir Anweisung 
zugeben, Sabbatai auf irgendeine Weise unschädlich 
zu machen, falls er dorthin kommen sollte. 
Sabbatai erfährt es , aber er kümmert sich nicht darum . 
Dagegen tritt Nathan , ein erzürnter Prophet, auf den 
Plan. Er richtet ein empörtes Schreiben an die Ge- 
meinde Jerusalem und verkündet ihr, daß zur Strafe 
für dieses Verhalten gegen den Messias fortan nicht 
mehr Jerusalem , sondern Gaza die dem Messias wich- 
tige Stadt sein werde. Der weitere Verlauf der Dinge 
hat dieser Drohung immerhin eine solche Eindring- 
lichkeit gegeben, daß die Gemeinde Jerusalem bald 
darauf eine Abordnung zu Sabbatai nach Ismir 



154 SIEBENTES KAPITEL 

schickte, um sich wegen ihres Verhaltens zu ent- 
schuldigen. 

Sabbatai gibt jetzt das Ziel seiner Reise bekannt: Is- 
mir ! Es zieht ihn immer wieder nach der Stadt seiner 
Geburt und seines ersten Werdens. Es ist, als müßte 
sein Wirkungswille sich gerade dort durchsetzen, wo 
er den ersten leidenschaftlichen Anlauf genommen hat 
und gescheitert ist. Dabei kann diese Stadt politisch 
für ihn nichts bedeuten . Da sein Auftreten nun ein- 
mal im Orient erfolgt, müßte es in das historische 
Zentrum von Jerusalem oder das faktische von Kon- 
stantinopel verlegt werden . Aber in beiden Orten ist 
er mißliebig. Ismir hat ihn zwar gebannt, aber er 
darf dort mit der alten Anhängerschaft rechnen . Er 
kann damit rechnen, daß ein besonderer Stolz die 
Menschen erfüllen wird, daß gerade ein Sohn ihrer 
Stadt zum Messias ausersehen ist. Auch ist Ismir 
als neuer Mittelpunkt der Handels wege der Verbrei- 
tung von Nachrichten besonders günstig. Und wie 
belanglos und vergessen der gegen ihn verhängte 
Bann geworden ist, hat er Vorjahren schon bei seiner 
stillschweigenden ersten Rückkehr feststellen können . 
Nathan tut das seinige, ihm den Weg dorthin leicht 
zu machen und den Einwohnern von Ismir durch das 
Verhalten andrer Orte ein gutes Beispiel zu geben. 
Die Reise Sabbatais führt über Aleppo. Dorthin 
schreibt der Prophet einen warnenden Brief und er- 
mahnt die Einwohner, den Messias gut aufzuneh- 
men und nicht dem Vorbild Jerusalems zu folgen, 
damit sie nicht das Schicksal von Jerusalem teilen 
müßten. Nathan betrachtet nämlich die Strafe, die 
der Gouverneur der Gemeinde auferlegt hat, als 
Folge der schlechten Behandlung, die sie Sabbatai 
zugefügt hat. »Denkt daran, daß die Zeit nahe ist!« 



POSAUNEN 155 

beschwört er die Menschen. Und er hat Erfolg. Er 
spricht nicht nur zu glaubensbereiten Juden, son- 
dern auch zu Orientalen. Es darf bei allen diesen 
Vorgängen nicht vergessen werden, daß zwei Um- 
stände die Glaubwürdigkeit aller Nachrichten erheb- ^ 
lieh vermehren: im Orient die leichte, phantasie- 
begabte Empfänglichkeit der Menschen, im Abend- 
land der Reiz der Entfernung und der Respekt vor 
dem geschriebenen Wort. 

Sabbatai findet in Aleppo einen begeisterten Empfang . 
Er ist, obgleich er sich noch nicht offenbart hat, für 
sie schlechthin der Messias . Sie taumeln vor Freude . 
Es berauscht sie die Ehre, daß der Messias bei ihnen 
Rast macht. Sie schreiben an die Gemeinde Konstan- 
tinopel einen überschwenglichen Brief : der Messias 
sei bei ihnen. Jetzt werde Gott erfüllen, was er durch 
seine Propheten verheißen habe . Sie hätten sich nicht 
nur auf das verlassen, was Nathan ihnen berichtet 
habe, sondern mit eigenen Augen gesehen, daß täg- 
lich um diesen Menschen Zeichen und Wunder ge- 
schähen. Schon begibt sich bei ihnen das, was für 
die ganze Folgezeit eine, erregende Begleiterscheinung 
von Sabbätais Auftreten wird: daß Menschen in 
Krämpfen und Zuckungen zu Boden fallen und von 
dem Erscheinen des Messias und seiner Erwähltheit 
stammelnde Kunde geben . 

Sie bitten ihn eindringlich, doch einige Zeit, wenn 
auch nur zwei Monate, bei ihnen zu bleiben. Er 
kann sich nicht dazu entschließen. Gerade dieser 
Empfang hat ihm die Möglichkeiten des Augenblicks 
gezeigt. Er muß sie ausnutzen. Zu allem drängt die 
Zeit. Es ist Spätherbst des Jahres 1665. Bis zum 
neuen Jahre sind es nur noch wenige Wochen . Da 
darf nichts versäumt werden . Er muß sie abschlägig 



1 56 SIEBENTES KAPITEL 

bescheiden. Daß sie ihm aber eine Ehreneskorte bis 
Ismir stellen wollen, nimmt er dankbar entgegen. 
Während der ganzen Reise geht Sabbatai in einen 
großen weißen Gebetsmantel eingehüllt. Seine Beglei- 
ter aus Aleppo, die Gegend und Sitten kennen, wollen 
ihn bereden, den Mantel abzulegen, da man an ihm 
den Reisezug schon von weitem als einen jüdischen 
erkennen und damit Räuber anlpcken könne. Denn 
hier in der Gegend gelten die Juden als reich und 
werden mit Vorliebe ausgeplündert. Aber Sabbatai 
erklärt, er müsse so gehen . Das sei göttlicher Befehl. 
Wie die Leute der Eskorte nach Aleppo zurückkom- 
men, sind sie von den Aufregungen der Fahrt und 
der Pracht des ganzen Aufzuges völlig überwältigt. 
Sie haben es alle gesehen und berichten es überein- 
stimmend, daß nachts eine Legion von Menschen den 
Zug von beiden Seiten begleitet hat, die dann, wenn 
es Morgen wurde, nicht mehr zu sehen waren. Sie 
berichten das auch getreulich nach Konstantinopel. 
Sie ziehen außerdem aus der Tatsache, daß nunmehr 
die erlösende Zeit angebrochen ist, die selbstverständ- 
liche Folgerung. Sie lassen Handel und Handwerk 
ruhen. Die Wohlhabenden bilden einen Fonds für die 
Armen, damit sie nicht mehr zu arbeiten brauchen 
und sich in frommer Zurückgezogenheit auf die hei- 
lige Zeit innerlich vorbereiten können. 
Die widersprechenden Berichte, die von Jerusalem 
und Aleppo nach Konstantinopel gelangen , erzeugen 
dort eine unbeschreibliche Aufregung . Das schlechte 
Gewissen regt sich. Sabbatai, das ist doch der junge 
Gelehrte aus Ismir, den die Rabbiner hier einmal 
durch einen Schulmeister haben verprügeln lassen. 
Und der zieht jetzt als Messias durch das Land.? 
Jachini rührt sich und schafft durch seine Predigten 



POSAUNEN 157 

bald eine kompakte Anhängerschaft . Zwischen ihnen 
und ihren Gegnern erheben sich wilde Dispute, ge- 
nährt von Berichten, deren Herkunft nicht feststell- 
bar ist. Freunde und Feinde vernachlässigen ihre 
Geschäfte und disputieren, reden aufeinander ein, 
beschimpfen sich, schlagen sich. Es wird so unruhig 
im Juden quartier, daß die Rabbiner die Angst über- 
fällt. Sie haben keine Neigung, das Schicksal von 
Jerusalem zu teilen. 

Sie befürchten, daß, wenn Jerusalem nur mit Geld 
gestraft worden ist, ihnen, so nahe der Residenz des 
Sultans in Adrianopel, die Strafe an Leib und Leben 
gehen könnte. Darum verbieten sie mit schweren An- 
drohungen jeden Disput über Sabbatai und den Mes- 
sianismus . 

Das nützt nichts. Solche Leidenschaften lassen sich 
nicht einfach verbieten . Es geht hier ja nicht um theo- 
retische Konflikte, etwa um die Frage, ob man sich 
für den Sabbath die Nägel erst am Freitag oder schon 
am Donnerstag schneiden soll, sondern es geht tat- 
sächlich um den Kern ihrer inneren und äußeren 
Existenz. Da bestreiten die Gegner heftig, daß die 
Vorzeichen, die für das Kommen des Messias in dem 
Schrifttum angegeben sind, schon eingetroffen seien. 
Da muß zunächst einmal der Messias aus dem Stam- 
me Benjamin gekommen sein. Wo ist er? Es muß, 
wieMaleachi prophezeit hat, der Tempel wiederher- 
gestellt sein . Der Tempel ist Schutt, soweit er nicht 
türkische Moschee ist . Auch die äußeren Voraus- 
setzungen in der Person des Messias stimmen nicht, 
von den inneren ganz zu schweigen . Er muß aus dem 
Stamme David sein. Dafür liegt bis jetzt kein Beweis 
vor. Er muß, wie aus dem Propheten Micha abzu- 
leiten ist, in Bethlehem geboren sein. Auch Kimchi 



158 SIEBENTES KAPITEL 

und Raschi bestätigen das. Unwiderlegbar ist er in 
Ismir geboren. In keiner Schrift ist gesagt, daß der 
Messias Sabbatai Zewi heißen solle . Hundert andere 
Namen trägt er: Fürst der Welt, Fürst des Ange- 
sichts, Hüter Israels und so fort. Er soll auch der 
Schönste unter den Menschen sein in Ansehung sei- 
ner Gerechtigkeit. Aber er hat in Jerusalem nicht ein- 
mal den Armen gerecht ausgeteilte Er soll, wie Jesaja 
sagt, klüger als Salomo und größer als Moses sein. 
Nicht mit einer einzigen Schrift kann er seine Klug- 
heit belegen . Hat er - gewichtiges Argument - über- 
haupt je eine Zeile geschrieben ? Und welche Taten 
kann er aufweisen, die ihn größer als Moses machen ? 
Die Massenhaftigkeit und Gewichtigkeit dieser Argu- 
mente verfängt nicht gegenüber Menschen, die das 
stärkste und unwiderlegbarste Argument besitzen: 
die Bereitwilligkeit zum Glauben . Was Jeremias und 
was Jesaja über den Messias sagen, gilt schlechthin 
von diesem Messias Sabbatai. Siebegreifen, wasEze- 
chiel sagt, als jetzt und für diesen Messias gültig: 
»Ich werde sein wie ein guter Hirte. Ich werde meine 
Lämmer in allen Ländern sammeln, wo sie zerstreut 
sind . Ich werde sie wieder in ihr Land bringen , und 
ich werde ihnen einen Hirten geben , der mein Knecht 
David sein wird . <( Und was sie mit dem Gehirn nicht 
beweisen können, beweisen sie mit Dingen und Er- 
scheinungen aus der Zeit. Ein Komet ist am Him- 
mel aufgetaucht. Was kann er anders bedeuten als 
den Beginn der Zeit? Unter ihnen sind Menschen, 
die Erscheinungen gehabt haben . Sie haben Sabbatai 
erblickt, mit der dreifachen Krone als Messias, als 
König und als Besieger aller Völker der Welt. Will 
einer behaupten, das wäre Lüge und nicht innere 
Wahrheit.'' Und wenn es noch eines Beweises bedarf, 



POSAUNEN 159 

SO diese Nachricht aus Aleppo: in der Synagoge zu 
Aleppo ist der Prophet Elias erschienen, in einem 
weißen Gewände und mit einem Gürtel aus schwar- 
zem Leder. Das bedeutet, daß der Messias erschie- 
nen ist. - Nein, sagen die Gegner. Die Nachricht 
aus Aleppo mag richtig sein, aber sie bedeutet nur, 
daß »der große und schreckliche Tag des Herrn« 
kommen wird. 

Diese Dispute werden genährt durch unablässig neue 
Briefe, die in Konstantinopel ankommen und von 
Hand zu Hand gehen. Es sind endlich deren so viele, 
und sie sind in ihrem Inhalt teils von so skrupelloser 
Absurdität, daß die Rabbiner auf den Gedanken kom- 
men, es möchten irgendwo Menschen sitzen, die 
solche Briefe aus ideellen oder gar gewinnsüchtigen 
Absichten herstellen. Sie forschen nach und stoßen 
tatsächlich auf eine ganze Fälscher Werkstatt, die sich 
die Industrialisierung des Wunderglaubens zur Auf- 
gabe gemacht hat. Sie belegen die Fälscher mit 
empfindlichen Strafen. Aber Wirkung erzielen sie 
damit nicht. Was die Dispute für einen Augenblick 
verstummen und selbst die Gegner beklommen den 
Atem anhalten läßt, ist vielmehr die Nachricht: Sab- 
batai Zewi ist in Ismir eingetroffen, und die Stadt bebt 
vor dem Übermaß an Freude ! 



ACHTES KAPITEL 

TUMULT 



11 Ka&tein Zewi 



ACHTES KAPITEL 163 

EINE ZEIT IST FÜR DAS ERLEBNIS REIF, WENN SIE 
den Mut hat, für eine Sekunde die klägliche Kontrolle 
des Gehirns auszuschalten und sich auf die Notwen-^ 
digkeiten des Herzens zu verlassen. Es ist für den 
Wert des Erlebens nicht entscheidend, ob es vor der 
Vernunft bestehen kann. Vernunft ist Fessel, Erleb- 
nis ist Befreiung; und selbst wenn es böse ausgeht, 
liegt in dem, was es eigentlich darstellt: Antwort auf 
einen Anruf, der entscheidende Gewinn . Vernunft ist 
Monolog des Individuums. Erlebnis ist Zwie- 
sprache der Kreatur mit Gott. 
Sabbatai Zewi hat selbst fast nichts dazu getan, die 
Bereitschaft dieser Zeit herbeizuführen. Soweit sie 
nicht Allgemeingut war, haben andere das Entschei- 
dende getan . Er selbst verfügte nur über den untrüg- 
lichen Instinkt, wo er auftreten und ernten könnte. 
Solche nachspürende Erwägung brachte ihn auf den 
Weg nach Ismir . In dieser Stadt ist eine viel größere 
Bereitschaft, als er je hat erwarten können. Das hat 
er vor allem seinen Brüdern zu danken . Sie sind durch 
ihre kaufmännische Tätigkeit reiche Leute geworden , 
und sie verwenden ihren Reichtum großzügig im In- 
teresse ihres Bruders. Sie verteilen mit vollen Hän- 
den Geld an die Armen und die kleinen Leute, die 
Arbeiter, Fischer und Handwerker. Sie geben es zu 
dem frommen Zweck, damit diese Menschen in Ruhe 
und ohne Not sich auf die neue Zeit vorbereiten 
können . Im Ergebnis wirkt es wie ein Stimmenkauf 
für den Messias. Vielleicht handeln sie ganz be- 
wußt und aus politischen Motiven, weil es ihnen 
wichtig ist, von allem Anfang an eine so starke An- 
hängerschaft für ihren Bruder bereitzustellen, daß 
schon sein erstes Auftreten von keiner Gegnerschaft 
n* 



l64 ACHTES KAPITEL 

mehr gefährdet werden kann . Zwar ist in Ismir der 
Bann gegen Sabbatai längst vergessen, aber hier, wie 
in Jerusalem und in Konstantinopel, ist die Teil- 
nahme auf Seiten des Volkes und der Widerstand auf 
Seiten der Gelehrten . So wie es überall auf der Welt 
ist. 

Für Ismir ist in diesem Augenblick entscheidend, 
daß die Gelehrten zwar gegen Sabbatai sind, daß sie 
aber keine Autorität mehr besitzen. Die latente Stim- 
mung der Zeit , die in Abschriften verbreiteten Offen- 
barungen Nathans, Gerüchte aus Kairo, Jerusalem 
und Aleppo, Sabbatais alte Schülerschaft und das 
Geld seiner Brüder bewirken zusammen einen Zu- 
stand drängender Erwartung, der durch die' interes- 
sierte Teilnahme der europäischen Kauf leute noch 
gesteigert wird und jeden Anlaß zur Explosion willig 
hinnimmt. In solcher Stimmung empfangen sie die 
Nachricht, daß der Messias vor den Toren der Stadt 
ist. 

Die Gassen geraten in Bewegung. Die Menschen 
drängen zum Rande der Stadt. Da kommt ihnen ein 
Zug entgegen, der den Schaulustigen eine noch nie 
gesehene Augenweide bereitet : Menschen in Pracht- 
gewändern, staubbedeckt von der Reise, laut Psal- 
men singend, erregt, tanzend; junge Menschen und 
würdige Alte, verzückte Gesichter und ernste, mit 
den Runen der Weisheit gezeichnet. Man hat schon 
vernommen, daß von allen Enden des Orients her 
Männer ihre Familien verlassen haben, um Teil- 
nehmer dieses Einzuges zu sein, Und unter ihnen 
geht ein hochgewachsener, dunkler, schöner Mensch 
mit fanatischen Augen : der Messias . Neben ihm - 
unerhörtes Ereignis für diese Juden - neben ihm eine 
Frau in einem Mantel aus weißer Seide, sehr schön 



TUMULT 165 

und so Stolz, wie man sieh Königinnen vorstellt. Und 
über dem ganzen Zuge lagert eine Wolke von brau- 
senden, leidenschaftlich erregten Stimmen. Ein 
Märchen wird Wirklichkeit , stellt sich hier dar und 
ist doch noch schöner als die bildhafteste Vorstellung, 
weil man es greifen und daran glauben kann, ohne 
Widerlegung und Erwachen fürchten zu müssen. 
Es schwemmt den Menschen den Boden unter den 
Füßen weg. Sie beginnen zu rasen, zu schreien: 
»Messias!!« Datritt Sabbataiaus dem Zuge hervor 
und hebt die Hand auf. Weggewischt jede Stimme. 
Der Messias wird reden ! Er redet und untersagt 
ihnen, ihn Messias zu nennen. Sie sollen es nicht 
eher tun , als bis er es ihnen gestatten wird . 
Die eben noch hemmungslos schrien , schweigen so- 
fort . Wenn der Messias es will , bezwingen sie sogar 
ihre Leidenschaft. Schon völlig ihm verfallen, be- 
gleiten sie ihn nach dem Hause seiner Brüder, wo er 
wohnen wird . Dort begibt er sich sofort in einen ent- 
legenen Raum und beginnt zu fasten . Die Menge 
steht draußen und wartet. 

Warum will Sabbatai nicht, daß man ihn als Messias 
anruft .f* Zu diesem Zwecke ist er doch nach Ismir 
gekommen . Warum schaltet er angesichts der Er- 
regtheit der Massen, die ihm doch von der ersten 
Sekunde an völlig untertänig sind, noch diese Ver- 
zögerung ein, die den Eindruck einer raffinierten, 
auf äußerste Vermehrung der Spannung gerichteten 
Regie macht? Offenbar, weil er es in der Hand be- 
halten will, wie die Dinge ablaufen und sich ent- 
wickeln. Man wird sehen, daß noch eine besondere, 
von außen kommende Begrüßung vorgesehen ist, 
deren Eintreffen er erst abwarten will . Darum hält 
er die Massen zurück. Das ist aber auch das letzte 



l66 ACHTES KAPITEL 

Mal, daß es ihm gelingt. Auch der mißwollendste 
Betrachter muß für den weiteren Verlauf der Er- 
eignisse zugeben , daß die Stimmung und Verfassung 
der Menge ihn überwältigt hat. So viel Bewußtseins- 
momente man ihm auch sonst unterstellen muß : von 
hier ab unterliegt er der suggestiven Kraft eines see- 
lisch überaus erregten Volkes . 

Für den Augenblick ist die Menge sich selbst über- 
lassen und kann nur aus den Nachrichten, die aus 
dem Hause der Brüder Ze wi kommen , geringe Nah- 
rung holen . Aber auch das mindeste kann ihr schon 
zur Legende und zum Wunderbericht werden . Viel- 
leicht hat zwischen Sabbatai und seinem Bruder Elias 
ein Disput über irgend eine Frage stattgefunden. 
Durch die Gassen aber läuft folgende Erzählung : 
Elias glaubt nicht an die Berufung seines Bruders. 
Er hat auch Furcht davor gehabt, daß die Türken 
den Juden Strafe auferlegen, weil sie einen Messias 
anerkennen, der die Sultanskrone rauben will . Darum 
hat er sich gesagt, es sei besser, daß einer sterbe, als 
daß alle Juden in Not gerieten. Eines Tages, wie er 
seinen Bruder allein im Zimmer trifft, fällt er ihn mit 
einem Schwerte an . Sabbatai bleibt unbeweglich . Er 
schaut seinen Bruder nur an . Vor diesem Blick weicht 
Elias zurück und fällt wie ein Toter zu Boden . Aber 
von jetzt an glaubt er an den Messias. 
Zur Untätigkeit verurteilt und doch sehr bereit, ihre 
Ergebenheit zu bekunden, wählen sie unter sich eine 
Leibwache von einigen hundert Männern und Frauen , 
die Tag und Nacht vor dem Hause des Messias 
warten. Es ist immerhin eine Tätigkeit, wenn sie 
auch nicht genügt, die ständig wachsende Ungeduld 
zu befriedigen. Die Menschen glauben jetzt selbst, 
daß Sabbatai guten Grund gehabt habe, ihnen Schwej- 



TUMULT 167 

gen aufzuerlegen. Sie flüstern von einem wichtigen 
Ereignis, das er erwarte, und sie erwarten es fiebernd 
mit ihm. Endlich, am 4.Tewet, dem 12. Dezem- 
ber, kommt das Ereignis. Es treffen vier Männer 
ein, braun wie die Mohren, Wanderstäbe in der 
Hand. Sie gehen durch die Gassen und fragen die 
Menschen nach dem Hause Sabbatais. Zwei von 
ihnen sind nicht unbekannt. Es sind Mosche Galante 
und Daniel Pinto . Sie kommen von Aleppo und sind 
Überbringer einer Botschaft. Die Menschen zeigen 
ihnen den Weg und beginnen zu drängen und zu fra- 
gen: was für eine Botschaft? und woher? Es ist die 
Botschaft der Gemeinde Aleppo und vom Propheten 
Nathan aus Gaza. Über den Inhalt können sie nichts 
sagen. Sie tragen verschlossene Briefe bei sich. 
Die Boten und ein Gedränge von Volk kommen vor 
Sabbatais Haus. Es wird Nachricht hineingegeben: 
Boten sind da. Es kommt Antwort heraus : Sabbatai 
ist mitten in dem großen Fasten. Er will es nicht 
unterbrechen . - Aber das Volk lehnt sich auf, wird 
ungeduldig, beginnt zu schreien. Die Botschaft ist 
doch an den Messias gerichtet, an ihren Messias, und 
ihr Inhalt geht sie genau so an wie Sabbatai . Er soll 
sein Fasten unterbrechen, soll die Gesandten empfan- 
gen, die Briefe öffnen, sie lesen und den Inhalt dem 
Volke bekanntgeben. Er gibt endlich nach, mit der 
Geste dessen, der sich dem Anruf des Volkes nicht 
verschließen will. 

Der eine Brief enthält eine Huldigung der Gemeinde 
Aleppo. Der andere ist eine Begrüßung des Prophe- 
ten Nathan, überschwänglich und voll blühenden 
Wortreichtums in der Anredeformel , weitschweifig 
und belanglos im Text, wenn man ihn mit der son- 
stigen Diktion Nathans vergleicht . Es ist die ständige 



l68 ACHTES KAPITEL 

Wiederholung des Themas: du bist der wahre Mes- 
sias ; an dich glaube ich ; durch dich wird die Erlösung 
kommen . Aber für das Volk ist das Ereignis wichti- 
ger als die Formulierung. Sie empfangen eine ent- 
scheidende Bestätigung. Da kommen ernsthafte, ge- 
lehrte Männer nach Ismir gepilgert, von weit her, 
mit Worten, deren Ton sie tiefer begreifen als den 
Inhalt. Es ist die erste offizielle Deputation und Hul- 
digung an den Messias . Und sie haben so lange war- 
ten müssen, daß sie alles annehmen, was ihrer Freude 
endlich freie Bahn verschafft . Die Ekstase bricht aus . 
Sie rufen ihn wieder als ihren Messias an, mit einer 
unerhörten Heftigkeit, gegen die es keinen Wider- 
stand mehr gibt . 

Es reißt auch Sabbatai mit. Indem er das Eintreffen 
dieser Botschaft als das auslösende Moment annimmt, 
erklärt er, daß er sein Fasten nunmehr nicht nur un- 
terbreche, sondern völlig einstelle. Es sei kein Raum 
mehr für Fasten , Freuen sollen sich alle Menschen . 
Und er gibt sein erstes Dekret auf religiösem Gebiete 
bekannt : von heute an bis zum Ende dieses Jahres 
darf nicht mehr gefastet werden I Zu Ehren dieses 
Augenblickes muß vielmehr ein großes Fest gefeiert 
werden ! - Das ist für die Masse Balsam und Rausch- 
trank zugleich. Ihr Feiertag beginnt. 
Sabbatai belohnt die Boten fürstlich, veranlaßt seine 
Freunde, ein gleiches zu tun, und schickt sie als Trä- 
ger weitester Wirkung für ihn wieder auf den Heim- 
weg. Hier drinnen in der Stadt hat er gewonnenes 
Spiel. Wenn er sich fortan auf der Straße sehen läßt 
- er tut es gerne und, zu mancherlei Zwecken - ist 
er stets von den Hunderten seiner Leibgarde umgeben . 
Jeder Schritt aus dem Hause gestaltet sich zu einem 
pompösen öffentlichen Aufzug. Vor ihm her wird 



TUMULT 169 

eine Fahne getragen, auf die ein Psalm als Devise ge- 
schrieben ist: »Die Rechte des Herrn ist erhoben.« 
Die Menschen kommen mit kostbaren Teppichen 
und Decken aus den Häusern und breiten sie vor ihm 
auf der Straße aus. Aber mit großer Gebärde der Be- 
scheidenheit und Demut tritt er nicht darauf, sondern 
geht seitwärts am Rande entlang. Das hindert ihn 
nicht, einen großen silbernen Fächer zu tragen, mit 
dem er von Zeit zu Zeit diesen und jenen feierlich 
berührt. Und die, denen das geschieht, glauben, daß 
sie damit dem Himmel geweiht seien. Er hat sich 
einen goldenen Siegelring machen lassen mit einer 
zu einem Kreis gewundenen Schlange darin ; viel- 
leicht als vage Erinnerung an das ägyptische Symbol 
der Ewigkeit, vielleicht - wie er selbst angibt - weil 
das Wort Nachasch, Schlange, den gleichen Zahl- 
wert habe wie das Wort Maschiach. Er veranstaltet 
mit seinen Getreuen, von Fackelträgern umgeben, 
auch nächtliche Umzüge mit Lärm und Liedern . Das 
war an sich nach den Gesetzen der Stadt ein straf- 
bares Beginnen , denn nur den ,fränkischen* Kauf leuten 
war es gestattet, sich nachts mit einer Laterne in den 
Straßen zu zeigen . Aber das Volk kümmert sich um 
solche Verbote nicht mehr. Es hat auch von der tür- 
kischen Wache nichts zu fürchten, weil die sich vor 
der fanatischen Menge vorsichtig zurückzieht. Das 
dient immerhin zum Anlaß, in der ganzen Welt zu 
verkünden, daß die Behörden nicht wagten, die Juden 
in ihrer messianischen Freude auch nur im geringsten 
zu stören. 

Zwei Tage nach der Ankunft der Boten, am 6. Te- 
wet, dem 14. Dezember 1665, begibt Sabbatai sich 
in feierlichem Aufzuge in die Synagoge. Vor siebzehn 
Jahren hat er hier schon einmal gestanden und hat an 



170 ACHTES KAPITEL 

verschlosseneTore gerüttelt , ein entbrannter Jüngling , 
der noch glaubte, es genüge, sich in einem Symbol zu 
bekunden, um Verständnis und Nachfolgerschaft zu 
erringen. Heute ist er älter und reifer, und die Rol- 
len sind so verhängnisvoll vertauscht, daß in ihm die 
Überzeugung entstehen kann, er ernte mit gutem 
Recht und Gewissen eine Saat, die er vor langem aus- 
gestreut habe. Denn jetzt rütteln die Menschen an 
ihm, und während sie nichts suchen als einen Führer 
auf dem Wege zu ihrer Erlösung, fühlt Sabbatai sich 
als Mensch, als Persönlichkeit, als Individuum ange- 
rufen . Er steht da, um auf den Anruf, wie er ihn ver- 
steht, die Antwort zu geben. Er gibt sie, während 
das Dröhnen des Schofarhornes durch die Synagoge 
geht, auf dem Almemor stehend, nicht mehr ein Wer- 
bender, sondern ein Gewährender, Erfüllender. Die 
Menschen zittern, und er verkündet: Ich bin der 
Messias ! - Einmal hat er sich angeboten . Jetzt ruft 
er sich selber aus. Er hört das Echo, eines, das die 
Geschichte der Juden seit mehr als einem Jahrtausend 
nicht mehr vergeben hat und niemals wieder vergeben 
wird: Es lebe unser König, der Messias Sabbatai 
Zewi ! 

Ein König mehr denn ein Messias, begibt er sich von 
der Synagoge in sein Haus, um dort königlichen Emp- 
fang zu halten und die Glückwünsche der Untertanen 
und Gläubigen entgegenzunehmen. Den ganzen 
Tag ziehen Menschen an ihm vorüber, küssen seine 
Hand, küssen den Saum seines Kleides. Neben ihm 
thront Sarah, schön, erregt, selbst in diesem turbu- 
lenten Chor noch eine starke, eigene Note. Man sieht 
unter den Gratulanten viele, von denen man gestern 
noch wußte, daß sie Gegner Sabbatais waren. Heute 
haben sie sich den Tatsachen gefügt. Wer nicht in- 



TUMULT 171 

nerlich überzeugt ist, begreift dennoch, daß hier in 
aller Realität ein König Hof hält, der jedenfalls hier 
und in diesem Kreise die Gewalt und Autorität eines 
Königs besitzt. Dieser Tatsache fügen sie sich. Sie 
brauchen sich dessen nicht zu schämen, denn es kom-. 
men auch zahlreiche NichtJuden, um sich vor diesem 
König zu verbeugen. Das Treiben geht bis in die 
Nacht hinein . 

Alle Ereignisse, die jetzt folgen, bis zum Schluß des 
Aufenthalts in Ismir, drängen sich auf den Raum von 
16 Tagen zusammen, vom 7. bis zum 22. Tewet, 
das ist: vom 15. bis zum 30. Dezember 1665. Sie 
haben nirgends ihresgleichen. 

Am andreen Morgen, dem 7. Tewet, wie das Volk 
wieder zu seinem Hause strömt, wird es mit einer 
seltsamen Nachricht empfangen. Sabbatai berichtet, 
daß in der verflossenen Nacht der Geist Gottes sich 
ihm offenbart und ihm verkündet habe, daß er, 
Sabbatai, um der Würde des Messias wirklich teil- 
haftig zu werden, sich seiner Frau Sarah nunmehr 
nähern müsse. Ein gleicher göttlicher Befehl sei an 
Sarah ergangen, daß sie sich ihrem Gemahl fügen 
müsse. Und so sind beide dem Befehl Gottes nach- 
gekommen . Ganz wie nach dunklem Volksbrauch im 
Orient wird der Menge in aller Öffentlichkeit das 
Bettlaken mit den Spuren der Virginität gezeigt . Das 
Volk empfängt die Nachricht und ihre bildhafte Be- 
stätigung mit hellem Jubel . 

Was ist das? Wahrheit.? Betrug.? So weit hier die 
Virginität Sarahs dargetan werden soll , ist es ganz 
zweifellos Betrug. Man mag für Sarahs Lebenshal- 
tung jedes Verständnis aufbringen, aber man kann 
nicht leugnen, daß sie zahllose sexuelle Beziehungen 
aüfzu weißen hatte. Also ist der Nachweis der Virgi- 



172 ACHTES KAPITEL 

nität künstlich und muß einem Zwecke gedient ha- 
ben. Will er auf ein Wunder hinweisen, daß Sarah 
trotz ihrer Mädchenzeit wieder Jungfrau geworden 
ist? Will er der strengen Auffassung dieser schlichten 
Leute von der Unberührtheit eines jüdischen Mäd- 
chens bis zur Ehe eine Konzession machen und dem 
gegnerischen Gerede von ihrer Dirnenhaftigkeit die 
Spitze abbrechen? Möglich auch, daß dieser Vor- 
gang seiner eigenen Rechtfertigung dient, und die öf- 
fentliche Demonstration nur eine Begleiterscheinung 
ist. Vielleicht ist es beim Volke, bestimmt aber ist es 
bei seinen Gegnern noch nicht vergessen, daß er ein- 
mal zwei Ehen unter befremdlichen Umständen hat 
auflösen müssen. Damals berief er sich zur Recht- 
fertigung seines Verhaltens auf göttliche Anweisung. 
Heute schließt er den Ring seines Beweises . Damit 
findet er beim Volke Glauben und Anerkennung . 
Nicht so bei seinen Gegnern . Wie höhnisch sie über 
seine Beziehungen zu Sarah denken, bringt eine zeit- 
genössische - nichtjüdische - Quelle mit einiger 
Grobheit zum Ausdruck: » Sarah ... die aber eben- 
sowenig mit ihm zufrieden war, als wenn sie einen 
Priester der heidnischen Göttin Cybele oder einen 
Verschnittenen bekommen hätte. Er enthielt sich, 
wie er selbst sagte, dieser Frau, so wie er es auch 
gegen die ersteren getan hatte.« 
Die ungewöhnliche Bedeutung, die Sabbatai selbst 
diesem Vorgang zumißt, ergibt sich daraus, daß er 
sogleich einen feierlichen Zug nach der Synagoge ver- 
anstaltet. Er bedient sich dabei eigener und neuer 
Symbole. Vor ihm her gehen Männer, die Schalen 
mit Konfitüren und Vasen mit Blumen tragen . Da- 
hinter geht ein Mann , der einen Kamm in einem Fut- 
teral trägt. Er selbst läßt sich von zwei Chachamim 



TUMULT 173 

begleiten, die ihm zur Seite gehen und seinen weißen 
Mantel halten . Er trägt seinen silbernen Fächer wie 
einen Aaronsstab und teilt wieder Würdigkeiten aus , 
indem er den und jenen damit berührt. So kommen 
sie zur Synagoge, und dort betätigt er sich sogleich 
mit einer neuen Manifestation . Er nimmt einen Stock 
und schlägt damit sieben Mal gegen das Tabernakel , 
in dem die Thorarollen aufbewahrt stehen. Dabei 
spricht er den vollen Namen Gottes aus. Ist es eine 
symbolische Wiederholung des Vorganges, als Mo- 
ses in der Wüste den Felsen schlug, damit er Wasser 
für die Dürstenden hergebe ? Ist es ein Anpochen bei 
Gott, ein Anrennen gegen ihn? Ein Hinweis auf 
die Unverletzlichkeit des Messias } Es bleibt ein sym- 
bolischer Akt, dessen Inhalt ihm selbst nicht klar ge- 
wesen sein wird, und der die Züge einer Affekthand- 
lung trägt. - Den Sinn dieses ganzen Aufzuges er- 
gänzt Sabbatai jetzt durch eine Prophezeiung: Sa- 
rah sei in dieser Nacht mit einem Sohne schwanger 
geworden. Aber dieses Kind werde nicht leben. 
Hier wird sichtlich zum andren Male eine Zweckbe- 
hauptung aufgestellt . Wenn sich gerade in der Per- 
son des Messias, des Gesegnetsten unter den Men- 
schen, der eine große Segen des jüdischen Bewußt- 
seins, der Segen von der Nachkommenschaft, nicht 
erfüllen soll, so ist das entweder nur als Strafe zu be- 
greifen, oder als besondere himmlische Anweisung. 
Es sei denn, daß man sich zu dem blasphemischen 
Gedanken entschließe, es fehle an der Möglichkeit 
oder der Voraussetzung einer Nachkommenschaft des 
Messias. Wenn das Volk auch diese Verkündigung 
hinnimmt wie alles und jedes , so hat es doch eine stille 
Enttäuschung darüber nie verwinden können und 
diese leere Stelle in seinem Vorstellungsbilde vom 



174 ACHTES KAPITEL 

Messias durch die Erfindung ausgefüllt. So findet sich 
in der sabbatianischen Verteidigungsschrift des Baruch 
de Arezzo die Angabe , dem Messias seien ein Sohn und 
eine Tochter geboren. Andere Quellen lassen nach 
seinem Abfall einen Sohn geboren werden, der Ismael- 
Mardochaigeheißen haben soll . Fromme Erfindungen. 
Der Messias ist ohne Nachkommen gestorben . 
Wie Sabbatai diesen Auftritt zur Bekundung neuer 
Symbole verwendet, so benutzt er den anschließen- 
den Gottesdienst zu einer für jüdische Begriffe ein- 
schneidenden Änderung der herkömmlichen Gebets- 
ordnung. Um zu bekunden, daß jetzt jeder Alltag 
zu einem Feiertag geworden sei, singt er beim Ein- 
tritt in die Synagoge einen Psalm, der nach dem Ritu- 
ale nur für den Gottesdienst am Sabbath bestimmt war . 
Er besteht auch darauf, daß der Gottesname immer 
voll ausgesprochen werde. Daran klammert er sich 
mit besonderer Hartnäckigkeit . Dazu mag ihn die 
mystische Bedeutung veranlaßt haben, die in den Leh- 
ren der Kabbala der Aussprechung des Sehern ha'm- 
forasch beigelegt wird. Sie sagen: Gottes Schöpfung, 
als Vollkommenes gewollt, konnte sich nicht als Voll- 
endetes darstellen , weil die Menschen der Sünde ver- 
fielen. Voneinander getrennt sind die höhere und die 
niedere Welt. Da die Weltordnung gestört ist, ist 
selbst die Vollkommenheit Gottes gestört. Er hat 
sich in unerreichbare Fernen zurückgezogen, und 
sein Name ist wie die Welten auseinander gerückt. 
Wenn aber der Messias kommt und die sittliche Ord- 
nung der Welt wieder herstellt, wird auch die Ein- 
heit Gottes und die klare Einheitlichkeit seines Na- 
mens wieder hergestellt . Darum ist die Aussprechung 
des vollen Namens eines der lebendigsten Zeichen für 
den Beginn der Gnadenzeit. 



TUMULT 175 

Was die Menschen vor siebzehn Jahren zu einem 
angstvollen Schweigen gebracht hat, reißt sie jetzt 
noch tiefer in die Begeisterung hinein. Einer nach 
dem andern erhebt sich, tritt zum Almemör und hul- 
digt dem Messias durch das Aussprechen eines Segens 
und durch die Stiftung einer bestimmten Summe Gel- 
des zu Zwecken der Wohltätigkeit. Während sie 
sonst, einem alten jüdischen Gesetz der Diaspora ge- 
treu, in ihre Gebete immer einen Segensspruch auf- 
genommen haben für das Oberhaupt des Landes, in 
dem sie sich gerade befanden, vernachlässigen sie 
jetzt das Gebet für den großen und gefürchteten Sul- 
tan. Sie haben jetzt endlich ein eigenes Oberhaupt, 
für den sie Segenssprüche voll inniger und schlichter 
Gläubigkeit aufstellen. Tausende im ganzen Orient 
und in Ägypten und Italien beten für ihn diesen Mi- 
scheberach, diesen Segen: »Der die Hilfe gibt den 
Königen und Regierungen und den Fürsten, dessen 
Königreich das Königreich aller Welten ist: Gott, der 
große undgerechte und schreckliche, der heilige König, 
der gelobt sei , da es keinen gibt wie ihn , der da thront 
und auf die Throne setzt und den Bund schafft für Da- 
vid, seinen Knecht, damit er den Thron besteigein sei- 
nem Königtum, das bis in Ewigkeit dauern wird - 
er möge segnen und hüten und stärken und aufrichten 
und erheben, hinauf, hinauf, unseren Herrn, unse- 
ren König, den Weisen, den Heiligen, Frommen, 
Erhabenen, ihn, den Sultan Sabbatai Zewi, den gött- 
lichen Messias, den Messias des Gottes Jaakobs, den 
himmlischen Löwen, den König unserer Gerechtig- 
keit, den König der Könige Sabbatai Zewi. O König 
aller Könige: bewahre ihn doch durch deine Barm- 
herzigkeit, laß ihn am Leben und schütze ihn in allen 
seinen Ängsten und seinem Mißgeschick. Erhebe 



176 ACHTES KAPITEL 

die Sterne seines Königreiches und beuge die Herzen 
aller Fürsten und Herrscher, um ihm wohl zu tun, 
zugleich uns und ganz Israel. Amen!« 
In diesem Segen schütten die Menschen ihr Herz aus. 
Dazu opfern sie von ihrem Besitz. Und empfangen, 
jeder einzeln, den Segen Sabbatais: »Der, der unsere 
Väter Abraham, Jizchak und Jaakob gesegnet hat, 
segne auch N, N., weil er freiwillig die Summe von 
, . . gegeben hat.« (Wobei die Aufzählung einer Geld- 
summe nicht zu verwundern braucht, wenn man 
die ständige Aktualität von Spenden und Almosen im 
jüdischen Leben in Betracht zieht.) 
Von dem Gelde, das so eingeht, und von den vielen 
Beträgen, die die Menschen ihm als Geschenk in das 
Haus bringen, macht Sabbatai einen bemerkenswer- 
ten Gebrauch. Für sich nimmt er nichts, denn er hat 
wohlhabende Brüder . Was er nicht an die Armen aus- 
teilt, verwendet er dazu, Juden, die in den Galeeren, 
den damaligen Gefängnissen sitzen, freizukaufen. 
Es werden nicht gerade große Verbrecher gewesen 
sein, die er da befreit hat, denn es war derzeit wohl 
nicht besonders schwierig, auf die Galeere zu kom- 
men . Jede unbewiesene Denunziation und jede unbe- 
glichene Schuld führte schon dahin . Aber doch wird 
unter ihnen dieser und jener gewesen sein, dessen 
handfeste Unbedenklichkeit sich sogar für die Zwecke 
eines Messias verwenden läßt . Alle aber werden froh 
gewesen sein, aus dieser Sklavenhaft plötzlich in die 
Freiheit und in die unbesorgte Freude der sabbati- 
anischen Festtage gehen zu können . Sie bilden spä- 
terhin zusammen mit andren ergebenen Anhängern 
des Messias eine Art von Stoßtrupp, der die noch 
Zögernden oder die besonders Hartnäckigen mit un- 
geistigen aber eindringlichen Argumenten zum 



TUMULT 177 

Schweigen bringt, oder sogar zu offiziellen , wenn auch 
vielleicht innerlich widerstrebenden Gefolgsleuten 
macht . 

Denn noch hat Sabbatai nicht die ganze Stadt be- 
dingungslos für sich. Manche Einzelne, viele Ge- 
lehrte und fast die gesamte Rabbinerschaft sind ge- 
gen ihn. Sie beschränken sich nicht darauf, der Be- 
wegung nur ferne zu bleiben. Sie betrachten sie als 
eine Gefahr für die Bevölkerung und als ein nationa- 
les Unglück für die gesamte Judenheit. Darum müs- 
sen sie, was in ihren Kräften steht, dagegen tun. 
Heimlich wie Verschwörer, und damit die Volks- 
menge nicht von ihrer Zusammenkunft und ihren Be- 
schlüssen erfährt, versammeln sie sich im Hause des 
unverdächtigen Juda Murtia. Die drei angesehen- 
sten Rabbiner, Aaron de la Papa, der das Amt des 
religiösen Oberhauptes der Stadt inne hat, Benveni- 
ste und Salomon Algazi, ein angesehener Talmudist, 
führen bei dieser Versammlung den Vorsitz . Die 
Ereignisse werden in jeder Einzelheit besprochen und 
abgewogen . Das geringste, was Sabbatai im Ergebnis 
vorzuwerfen ist, stellt sich als Betrug und als Gottes- 
lästerung dar. Sie haben sich Abschriften aller kur- 
sierenden Briefe, insbesondere Nathans Offenbarung 
und seines ausführlichen Berichtes an Chelebi nach 
Kairo besorgt . Sie stellen nach vielen Disputen und 
mit zahlreichen Belegen fest, daß der Inhalt aller 
OfFenbarungen und Berichte mit Inhalt und Sinn der 
heiligen Schriften in unlösbarem Widerspruch stehe , 
Also ist das Recht, sogar die Pflicht gegeben, gegen 
Sabbatai, einzuschreiten . 

Aber was ihm tun? Welche Machtmittel hat man 
jetzt noch in Händen, um ihm seine Tätigkeit zu ver- 
bieten? Kein Zweifel, daß er ihnen freiwillig nicht 

12 Kastein Zewi 



178 ACHTES KAPITEL 

gehorchen wird. Man kann nochmals einen Bann ge- 
gen ihn aussprechen, aber das würde eine leere Geste 
sein. Niemand würde sich darum kümmern, am 
wenigsten Sabbatai . Man würde noch den Nachteil ein- 
tauschen, den Zorn der ganzen Bevölkerung auf sich 
zu ziehen. Was man gegen ihn tun muß, muß so 
endgültig sein> daß er eben nicht weiter wirken kann. 
Aus dieser Erwägung zieht einer der Chachamim den 
Schluß und spricht erregt das Todesurteil gegen Sab- 
batai aus . 

Vor dieser Lösung, auch wenn sie eine endgültige 
darstellt, schrecken die meisten zurück. Vielleicht 
bleibt doch noch dieses und jenes als Milderungs- 
grund anzuführen . Und einer wagt die Frage an den 
Chacham, warum er ein so strenges Urteil fälle. Ge- 
wiß, Sabbatai sei nicht der Messias. Aber habe sein 
Auftreten nicht immerhin bewirkt, daß sehr viele 
Juden ein Bekenntnis ihrer Sünden abgelegt und in 
Büß werken ihre Reue bekundet hätten? Einen Men- 
schen, der, wenn auch Betrüger, das bewirkt hat, 
darf man nicht töten . 

Dieses Argument droht die Stimmung der Verschwö- 
rer zu beeinflussen. Da greift Benveniste in sein Ge- 
wand und bringt einen Brief zutage. Es ist ein Schrei- 
ben aus Konstantinopel an das Rabbinat in Ismir, 
eine leidenschaftliche und haßerfüllte Aufforderung, 
dem Treiben des Sabbatai durch das endgültigste Mit- 
tel, das es gibt, durch den Tod, ein Ende zu machen . 
Der alte Jomtof ben Jaser hat vor seine Unterschrift 
die Worte gesetzt: »der Mann, gegen dessen Neue- 
rungen wir uns auflehnen, ist wie einer anzusehen, 
der nicht an Gott glaubt, und wer ihn tötet, soll so 
von Gott angenommen werden, als ob er viele See- 
len gewonnen hätte. Ja, die Hand, die sich aufhebt. 



TUMULT 179 

um diesen Menschen umzubringen , soll von Gott 
und den Menschen gesegnet sein.« 
Dieses Schreiben , Benvenistes Beredsamkeit und das 
Bewußtsein, mit andren Einsichtigen einer Überzeu- 
gung zu sein, geben den Ausschlag. Unter Zustim- 
mung la Papas fassen sie den Beschluß, Sabbatai zu 
töten. Sie beschließen ferner, da sie beim Volke auf 
keinerlei Mitwirkung rechnen können , aus ihrer Mitte 
einen zu bestimmen, der das Urteil vollstreckt. In 
dieser Situation feiert der Messias, der nicht unter 
ihnen ist und nichts von der Verschwörung weiß, 
einen großen Sieg: es findet sich keiner, der bereit 
ist, das Urteil zu vollstrecken. Niemand will der 
erste sein, der Hand an ihn legt. Untergründig geht 
die Erwägung: viele halten ihn für den Messias; viel- 
leicht ist er es wirklich. 

So gehen die Verschwörer mit einem Urteil ausein- 
ander, das keine Folgen haben kann. Aber etwas von 
dieser geheimen Besprechung ist doch durchgesickert 
und mit orientalischer Beredsamkeit noch am gleichen 
Tage - wir halten am 8 . Tewet, dem 16. Dezember 
- im Volke bekanntgeworden. Von ihm erfährt es 
Sabbatai. Es sind keine Einzelheiten, insbesondere 
erfährt er nichts von dem Todesurteil. Aber daß es 
überhaupt Menschen gewagt haben, sich als seine 
und seiner Idee Gegner zu bekunden , erfüllt ihn mit 
einem wilden, ganz unköniglichen Groll. Seine 
Autorität ist angetastet, als Mensch und als Messias. 
Er brennt darauf sie wieder herzustellen . 
Jene haben behauptet, daß sein messianisches Tun 
im Gegensatz zu den heiligen Schriften stehe. Das 
ist ein schwerwiegender Angriff, der ihm verhängnis- 
voll werden kann. Er muß also jenen beweisen, daß 
es hier nicht um die Heiligkeit der alten Schriften 
12* 



l8o ACHTES KAPITEL 

geht, sondern um die Zulässigkeit und die verpflich- 
tende Wirkung seiner eigenen Handlungen. Er hat 
jetzt zu bestimmen, was Religion ist und was nicht, 
was heilig ist und was profan . Heilig und folglich 
wahr ist immer das, was die Menschen heute glau- 
ben. Es ist an der Zeit für ihn, jedem Vergleich zwi- 
schen den Schriften und seiner Messianität den Boden 
zu entziehen. Und so, voll Trotz, geheimer Furcht 
und Schöpfer Wahnsinn, läßt er einen besonderen 
Bettag ausrufen mit der Anweisung, daß die Juden an 
diesem ganzen Tage in der Synagoge bleiben sollen . 
Es geschieht widerspruchslos, was er angeordnet hat. 
Die Menschen stehen den ganzen Tag betend in der 
Synagoge. Sabbatai trägt wieder seinen silbernen 
Fächer, läßt zwei Gelehrte neben sich gehen, läßt vor- 
auf die Männer mit den Konfitüren und den Blumen- 
vasen schreiten, nimmt wieder einen Stock und 
dröhnt damit gegen die heilige Lade. Das Volk nimmt 
alles hin, überzeugt, daß hier nach Gottes Befehlen 
geheime Dinge geschähen . 

Mit diesem Beweis seiner Autorität ist Sabbatai aber 
noch nicht zufrieden. Er hat noch von Mensch zu 
Mensch mit seinen Gegnern eine Rechnung auszu- 
gleichen. Er wagt noch keinen unmittelbaren An- 
griff gegen sie, weil er nicht sicher ist, wie weit er 
sich auf seine Anhänger verlassen kann, und ob sie vor 
der Aufforderung, sich gegen ihre bisherigen geisti- 
gen Oberhäupter aufzulehnen, nicht doch versagen 
werden . Darum entschließt er sich zu einem unge- 
fährlichen Verfahren, das in Art und Ausführung von 
bedenklicherUnwürdigkeit ist: zu einer Denunziation 
seiner Gegner beim türkischen Kadi der Stadt. 
Wie er sich zu diesem Gang rüstet, läuft auch schon 
das Gerücht durch die Stadt, Sabbatai Zewi sei im 



TUMULT l8t 

Begriff, den Kadi von seinem Posten zu verjagen. So- 
fort strömen die Menschen zusammen, begierig auf 
neue Wunder. Sabbatai tritt aus dem Hause und 
sieht die Menschenmenge. Sogleich beginnt er zu 
singen: »Die Rechte des Herrn ist erhöht; die Rechte 
des Herrn behält den Sieg.« Das Volk stimmt in 
das Lied ein. Die Fahne wird entfaltet. Der feier- 
liche Umzug geht durch die Gassen bis vor das Haus 
des Kadi. Während sich vor der Türe die Menge 
Kopf an Kopf staut, geht Sabbatai, nur von einem 
seiner Brüder begleitet, hinein, um Audienz zu ver- 
langen. Obgleich er ein ausgezeichnetes Arabisch 
spricht, verwendet er doch dem Kadi gegenüber nur 
die hebräische Sprache und bedient sich seines Bru- 
ders als Dolmetscher. Es verlautet, daß er, als der 
Kadi ihn empfing, doch von einiger Verlegenheit ge- 
wesen sein soll und zunächst nicht gewußt habe, was 
er ihm sagen sollte. Aber dann zählt er eine Reihe 
von Namen auf, Namen von Personen, die er unter 
seinen Gegnern vermutet, und klagt sie an, Schmä- 
hungen gegen den König ausgesprochen zu haben. 
Der Kadi nimmt die Anklage entgegen und spricht 
von Bestrafung der Schuldigen . 
Es wurden in der Tat erhebliche Geldstrafen über 
die von Sabbatai beschuldigten Juden verhängt. Seine 
eigenen Freunde müssen aber wohl der Auffassung 
gewesen sein, daß solche Denunziation eine Infamie 
sei. Sie werfen ihm vor, daß er eine falsche Anzeige 
•erstattet habe. Aber Sabbatai belehrt sie lächelnd: 
sie haben doch Schmähungen gegen den König aus- 
gestoßen; nämlich gegen mich . Und dafür verdienen 
sie Strafe. - Aber selbst diejenigen, die diese hinter- 
hältige Auslegung anerkennen, verargen es ihm sehr, 
daß er seinen persönlichen Zwist vor einer türkischen 



l82 ACHTES KAPITEL 

Behörde zum Austrag gebracht hat . Es ist strenger 
Brauch bei ihnen, Angelegenheiten zwischen Juden 
vor den eigenen jüdischen Gerichten zu erledigen. 
Sabbatai hat einstweilen keinen Anlaß , sich um solche 
Meinungen zu bekümmern . Für ihn erwächst selbst 
aus dieser Haltung kleinlichster Rachsucht noch eine 
Mehrung an Macht und Ansehen im Volke . Wie er 
nach der Audienz beim Kadi das Haus verläßt, 
stehen draußen noch die Menschen, und wie sie ihn 
sehen, strahlend und selbstzufrieden, begrüßen sie 
ihn mit Jubel und Gesang. Und nach wenigen Stun- 
den geht schon wieder eine Legende von Mund zu 
Mund. Wer mag sagen, wie sie entsteht? Ist in einer 
Gruppe von Menschen, die sehr stark an etwas Ge- 
meinsames glauben, immer einer, der lügt.? Oder 
preßt die Kraft des kollektiven Gefühls immer aus 
einem die gebundene Erzählung als Dichtung her- 
aus? Oder tun sie nichts andres als ihr Vorbild, der 
Messias: Wünsche so stark austragen, daß man sie 
als Wahrheit berichten darf? 

Dieses ist die neue Legende : als Sabbatai das Audienz- 
zimmer des Kadi betrat, war niemand im Räume. Da 
nahm der Messias ohne weiteres den Platz des Kadi ein , 
erhob sich auch nicht, als der Kadi kam. Mehr noch: 
um ihm seine Verachtung und seine -Überlegenheit zu 
beweisen, trat er seinen Rock mit Füßen. Der Kadi 
wagte keine Gegenwehr. Als Sabbatai dann sprach, 
ging eine Flamme von seinem Munde aus, versengte 
den Bart des Kadi und hätte beinahe das ganze Zim- 
mer in Brand gesetzt . Auch erhob sich zwischen ihm 
und dem Türken eine feurige Säule. Da flüchtete der 
Kadi zu Sabbatais Bruder und flehte ihn an, diesen 
Mann da fortzubringen. Das sei kein Mensch, son- 
dern ein Engel Gottes .... 



TUMULT 183 

Und die nicht ganz an die Wahrheit dieser Wunder- 
geschichte zu glauben vermögen, glauben doch, daß 
ein Wunder schon darin liege, daß der Kadi Sabbatai 
empfangen, angehört und entlassen habe, ohne ihm 
wegen des Geredes von seiner Messianität etwas zu- 
leide zu tun. Diese sind die gläubigen Realisten. 
Heimgekehrt von diesem ersten Angriff auf seine 
Gegner, setzt er seine königliche Hofhaltung fort, 
und in der Art, wie er es tut, vermehrt er die Unge- 
wöhnlichkeit seiner Handlungen um eine, die bei den 
Juden helle Verwunderung erregen muß: er läßt die 
Frauen zu sich kommen, sitzt mit ihnen an der Tafel 
und spricht mit ihnen wie ein gütiger und weiser Va- 
ter . Solches Beisammensein mit Frauen ist zwar nicht 
verboten, aber es widerspricht jedem Herkommen. 
Bis jetzt war die jüdische Frau durch Gewohnheit 
und Sitte isoliert. Sabbatai hebt diese Isolierung auf. 
Er stellt die Frau dem Manne gleich. Er setzt sogar 
durch, daß zu den Vorlesungen aus der Thora auch 
Frauen den Almemor betreten, und daß über sie der 
Segen gesprochen wird . Es ist der Beginn einer Eman- 
zipation, die so lange dauert wie sein Wirken als 
Messias . Sarahs Einfluß is,t dabei unverkennbar . Auch 
sie durchbricht für sich rücksichtslos die Schranken 
des Herkömmlichen . Auf sie ist es zurückzuführen , 
daß jetzt Männer und Frauen zusammenkommen, 
auf der Straße, bei den Umzügen und bei Festlich- 
keiten. Gerade die Festlichkeiten, diese seltsame 
Mischung von Tafelfreuden und geistig-religiöser Ge- 
hobenheit, bekommen durch die Anwesenheit der 
Frauen ein andres Gesicht. Die Freude an solchen 
Veranstaltungen wird menschlicher, wirklicher, 
durchbluteter. Sie vermittelt doppelt das Gefühl, 
mitten im Anbruch einer neuen Zeit zu stehen . Zum 



184 ACHTES KAPITEL 

ersten Male seit undenkbaren Zeiten sieht man Män- 
ner und Frauen mit einander tanzen . Ein neues Le- 
bensgefühl wacht auf. Sarah lebt es ihnen in aller 
Unbedenklichkeit vor, indem sie jeden Mann in ihre 
Sinnlichkeit hineinzieht, den sie gerade begehrt. 
Was seine Gegner Sabbatai vorwerfen, daß er seine 
Frau zu solchem Verhalten aufgefordert oder ermu- 
tigt habe, muß keineswegs eine bösartige Erfindung 
sein. Das auffällige Schweigen der sonst so mittei- 
lungsfreudigen Zeitberichte über Details gerade ihres 
Lebens kann nur aus einer Schamhaftigkeit erklärt 
werden, die vor dem Aussprechen der Wahrheit 
zurückscheut. 

Für Sabbatai kommt nach seiner ganzen Einstellung 
zu Frauen nichts auf seine persönliche Befriedigung 
an, vielmehr alles auf seinen Willen zur Wirkung. 
Durch seine Behandlung der Frauen sucht er seinen 
Einfluß auf die Männer zu festigen, zugleich ein neues 
Element in seiner Anhängerschaft zu gewinnen. 
Versöhnlich wirkt dabei besonders, daß er auch wie- 
derholt mit seinen beiden von ihm geschiedenen 
Frauen zusammenkommt, ohne Rücksicht darauf, daß 
nach rabbinischem Gesetz ein Mann mit seiher ge- 
schiedenen Frau weder sprechen noch überhaupt 
unter einem Dache weilen darf. Aber der höhere 
Zweck macht alles erlaubt, und dieser Zweck ist nach 
Sabbatais Erklärungen kein geringerer als die Er- 
lösung der Frau überhaupt. Er stellt ihnen dar, wie 
sie heute noch mit der ersten Sünde ihrer Urmutter 
Eva belastet seien . Damals ist der Fluch über sie ver- 
hängt worden: 
Zum Weibe sprach er : 

Mehren und mehren will ich deine Mühsal, deine 
Schwangerschaft, in Mühen sollst du Kinder gebären . 



TUMULT 185 

Nach deinem Manne sei dein Verlangen, er aber 
walte dir ob . 

Von diesem göttlichen Fluche will er, der Messias, 
die Frauen erlösen. Dafür ist er in die Welt gekom- 
men. Indem er die Sünde Adams erlöst und aufhebt, 
wird er auch die Frauen befreien und sie glücklich 
machen wie die Männer. Die Frauen hören es, 
begreifen jetzt vielleicht zum ersten Male die be- 
drückende Unfreiheit ihrer Existenz, und bekennen 
sich weinend und hoffnungsvoll zu dem, der sie auch 
von- der naturgegebenen Mühsal zu erlösen ver- 
spricht, wie er jetzt schon ihren Alltag aufgelockert 
und farbig gemacht hat. 

Daß nunmehr Frauen aktiv in die Bewegung ein- 
greifen, macht sich jetzt so bemerkbar, wie es zu- 
weilen bei Revolutionen der Fall ist, wenn zu den 
Erwägungen und Beweggründen der Männer der 
Instinkt von Frauen sich als auslösendes und antrei- 
bendes Moment gesellt. Und es sind revolutions- 
ähnliche Vorgänge, die sich jetzt in dem weiteren 
Feldzug gegen Sabbatais Widersacher abspielen . Da 
er fast die ganze Stadt beherrscht, kann es nicht aus- 
bleiben, daß jedes Wort des Mißfallens oder der 
offenen Feindschaft ihm zugetragen wird .Solche Stim- 
men zum Schweigen zu bringen, ist ihm jedes Mit- 
tel recht. Nur braucht er jetzt nicht mehr zum Kadi 
zu laufen und den Denunzianten zu spielen . Er hat 
seine Garde fanatisierter Anhänger, die die Austra- 
gung der Feindschaft für ihn besorgt. Er hetzt sie wie 
ein rachsüchtiger Diktator auf jeden, der ihm ver- 
dächtig scheint, oder ihm als gegnerisch bezeichnet 
wird. Da ist der Kaufmann Nachman Gaza. Er hat 
sich miß wollend gegen den Messias ausgesprochen. 
Schon stürmt die Masse gegen sein Haus an . Er wird 



l86 ACHTES KAPITEL 

rechtzeitig gewarnt und entflieht nach Alexandrien . 
Auch Salomon Algazi kann eben noch äußerster Ge- 
fahr durch die Flucht entgehen. 
Da ist weiter der wichtige und gelehrte Gegner Aaron 
de la Papa. Der macht aus seiner wütenden Feind- 
schaft, die nicht nur eine sachliche gewesen zu sein 
scheint, keinen Hehl, öffentlich verkündet er, daß 
Sabbatai ein Übel im Judentum sei, und daß es das 
Beste wäre, ihm Gift zu geben. Er vergleicht ihn mit 
RSubeni und nennt ihn einen Betrüger gleich jenem. 
Er ist von Herzen bereit, den Messias zu be- 
grüßen, wenn er kommt; jeden, nur nicht diesen. 
Diesen Gegner zu beseitigen ist Sabbatais glühend- 
ster Wunsch. Es muß möglich sein, ihn mit der Ge- 
walt einer entfesselten Volksmenge aus dem Wege zu 
räumen. Es könnte damit zugleich erprobt werden, 
ob er die Waffe der Kollektivleidenschaft schon so 
fest in der Hand hat, daß er es ohne Gefahr eines 
Rückschlages wagen darf, sie gegen das geistige Ober- 
haupt der Stadt zu richten. Was jetzt in der Aktion 
gegen den Kaufmann Chaim Pegna geschieht, mutet 
wie eine Generalprobe zu einem Drama der Rach- 
sucht und Gehässigkeit an. 

Chaim Pegna hat inmitten dieses gläubigen Tumultes 
rundheraus erklärt, Sabbatai sei nicht der Messias. 
Keines der Merkzeichen, wie sie in den Schriften 
aufgezeigt wären, treffe auf ihn zu. Für Dispute und 
Beweise ist er völlig unzugänglich. Sabbatai ver- 
nimmt das. Es braucht nur eine kurze Andeutung 
von ihm, und schon setzen sich die Vollstrecker sei- 
nes Zornes in Bewegung, um Pegna mit Gewalt zu 
bekehren oder ihn zu verjagen . Aber Pegna ist hart- 
näckig. Weder diskutiert er, noch ergreift er die 
Flucht. Er verschanzt und verbarrikadiert sich in 



TUMULT 187 

seinem Hause, bereit, Widerstand zu leisten. Aber 
auch das Volk ist hartnäckig und beginnt, Pegnas 
Haus zu belagern und es mit Steinen zu bombardie- 
ren. Vielleicht hätten sie in ihrem aufgespeicherten 
Zorn das Haus erstürmt undPegna umgebracht. Aber 
es ist ein Freitag in der winterlichen Jahreszeit. Es 
dunkelt früh, und der Sabbäth bricht an, genügend 
Anlaß für die Menschen , die Belagerung abzubrechen 
und in die Synagoge zu gehen. Pegna kommt aus 
seiner Barrikade hervor und begibt sich ebenfalls zum 
Gottesdienst , und zwar in die portugiesische Synagoge . 
Auch am folgenden Tage geht er zum Gebet. Er 
glaubt damit rechnen zu können, daß an diesem heili- 
gen Tage Burgfriede herrsche, wie ihn das Volk aus 
sich selbst heraus zu Beginn des Sabbath erklärt hat. 
Aber er täuscht sich . Er hat jetzt nicht mehr mit dem 
Volke zu tun, sondern mit einem Hysteriker, der 
einem Paroxysmus der Wut verfallen ist. Während 
Sabbatai den feierlichen Dienst zelebriert, wird ihm 
die Nachricht überbracht, Pegna sei in der Synagoge 
der Portugiesen und verharre dort bei seiner feind- 
seligen Haltung. Sabbatai sendet sofort einen Boten 
an den Vorstand der portugiesischen Gemeinde und 
läßt ihm befehlen , den Chaim Pegna aus der Synagoge 
zu werfen. Der Vorstand hält kurze Beratung ab. 
Dann schickt er den Boten mit ablehnendem Be- 
scheid an Sabbatai Zewi zurück: nein, sie haben 
nicht das Recht, einen Menschen von seinem Gottes- 
dienst zu verjagen . 

Wie Sabbatai diese Antwort vernimmt, ist es um 
seine Fassung geschehen. Daß man ihm mit einem 
Nein zu antworten wagt, macht ihn zu einem Ber- 
serker. Er tobt auf, reißt an die fünfhundert Men- 
schen mit sich und stürmt auf die Straße. Der Sab- 



l88 ACHTES KAPITEL 

bath ist heilig, aber die Autorität des Messias ist hei- 
liger. Sie rasen wie die Entfesselten hin zur portu- 
giesischen Synagoge. Da hat man den Lärm schon 
von weitem gehört und hat das Tor verschlossen. 
Sabbatai hämmert mit den Fäusten dagegen, schreit 
besinnungslos : sie sollen ihm den Pegna herausgeben . 
Antwort von drinnen: Pegna ist nicht mehr da. Er 
ist über das Dach der Synagoge geflohen . Sabbatai 
beharrt : dann sollen sie ihm öffnen . Er will hinein . 
Antwort von drinnen : nein . Hier wird Gottesdienst 
abgehalten. Hier werden keine Feindschaften ausge- 
tragen . 

Sabbatai sieht sich nach seinem Gefolge um. Er ist 
blaß vor Wut. Da stehen die schlichten Menschen: 
Fischer, Arbeiter, Ruderknechte, Eierhändler, Ge- 
flügelverkäufer. Sie verstehen. Plötzlich sind Äxte 
und Beile zur Hand. Der Messias selbst ergreift eine 
Axt. Und dann donnern die Schläge gegen das Tor. 
Es zersplittert. Sie dringen in die Synagoge ein. 
Drinnen schweigen ihm die Angst und das Entsetzen 
vor solcher Entweihung von Tag und Ort entgegen . 
Aber Sabbatai hat dafür kein Empfinden. Er begreift 
nur, daß unter diesen Menschen, die ihm den Pegna 
nicht haben herausgeben wollen, doch noch heimliche 
Gegner sein müssen . Er geht auf die Kanzel und be- 
ginnt zu reden und zu wettern. Was ist das für ein 
Gottesdienst.? Was für Gebete werden hier gesagt? 
Es sind keine gültigen Gebete mehr. Seine Gebete 
soll man von jetzt an hier sagen . Heiligkeit der Über- 
lieferung .? Er zieht einen Band des Pentateuch aus der 
Tasche und hält ihn hoch. Das da ist heiliger als die 
ganze Thora. Er legt die Hände wie einen Trichter 
an den Mund, als ob er die Posaune blase, und wen- 
det sich so nach den vier Himmelsrichtungen . Und 



TUMULT 189 

dann überfällt ihn eine Ahnung von seiner Situation , 
sinnlos schief gesehen und grotesk mit einer großen 
historischen Situation verkoppelt: er denkt plötzlich 
an Jesus. Ist es eine Erinnerung an das Auftreten des 
Jeschu hanozri im Tempel zu Jerusalem unter den 
Wechslern ? Findet er eine Parallele in den Gestalten 
und ihrem Schicksal? Begreift hier plötzlich ein 
Außenseiter den anderen ? Hier, im Zenith seiner tat- 
sächlichen Macht, überkommt ihn der Gedanke an 
Verfolgung und Martyrium . Sicher will er Jesus nicht 
verteidigen, denn gerade der ist es ja, der von der 
andersgläubigen Umgebung der jüdisch-messiani- 
schen Erwartung entgegen gehalten wird zum Beweise 
dafür, daß der wahre Messias schon erschienen sei , 
Aber dennoch steht hier ein Außenseiter zum anderen , 
weiß der eine Verfolgte sich in seinem Schmerz, sei- 
ner Unruhe, in dem Pathos des Verfolgt- werdens 
eins mit dem anderen . Er hebt die Augen anklagend 
zum Himmel . Dann schreit er die Juden an : »Was 
hat Jesus von Nazareth euch getan , daß Ihr ihn so 
mißhandelt habt? Trotz allem werde ich ihn in die 
Zahl der Propheten einreihen ! « 
Dann packt ihn wieder die Wut. Er muß sich Luft 
machen. Er nennt Gegner bei ihrem Namen, ins- 
besondere die Rabbiner, und beschimpft sie als 
Schweine, Kamele, Hasen, Dachse, mit den Namen 
der Tiere, die im Pentateuch, im Buche »Er rief« als 
unrein aufgeführt werden, und von deren Fleisch zu 
essen als Sünde verboten ist. Man soll den Kerlen, 
wettert er, nichts als vom Fleisch dieser unreinen 
Tiere zu essen geben . Dann geht er zur heiligen Lade 
und nimmt die Thorarolle heraus . Er trägt sie in der 
Synagoge umher und singt dabei. das Lied von der 
spanischen Königstochter Melisseide. Und wie ihn 



190 ACHTES KAPITEL 

einige verständnislos anschauen, erklärt er ihnen, die- 
ses Lied stehe im Zusammenhang mit den Psalmen 
und dem Hohen Liede. Nur ihm ist der geheime 
Sinn bekannt, ihm, dem Messias. 
Da wagt Benveniste als einziger endlich einen Vor- 
stoß. Er tritt vor Sabbatai hin und fragt ihn, welche 
schlüssigen Zeichen er dafür zu geben habe, daß er 
der Messias sei? Daraufgibt Sabbatai keine sachliche 
Antwort. Er entgeht der Gefahr, sich mit dem klüg- 
sten Kopf von ganz Ismir öffentlich in einen Disput 
einzulassen. Wozu auch, wenn einer ^durch Macht 
antworten kann ? Pathetisch reckt er sich auf und ant- 
wortet dem Benveniste mit den gleichen erdrücken- 
den Worten, mit denen er selbst hier vor Jahren ver- 
flucht wurde : mit der Aussprechung des großen Ban- 
nes . Dann läßt er Benveniste durch seine Anhänger 
aus der Synagoge werfen. Er verkündet hinter ihm 
drein, morgen müsse der Rabbi ihn um Verzeihung 
bitten, sonst werde er ihn Kamelfleisch essen lassen. 
Mit diesem Vorgang ist seine Kraft zu Exzessen einst- 
weilen erschöpft. Er ruft noch einzelne Menschen 
auf und verlangt von ihnen, daß sie den vollen Gottes- 
namen aussprechen. Dann verläßt er die Synagoge. 
Seine Gefolgschaft begleitet ihn, tief durchdrungen 
von der Gewalt des Messias und der geheimen Trag- 
weite aller seiner Handlungen. Sie sind keine Ge- 
lehrten . Für sie sind Beweise und Zitate kein Le- 
benselixier. Dagegen begreifen sie sinnfällige, kon- 
krete Vorgänge um so williger und besser . Dieser 
Vorgang in der portugiesischen Synagoge hat seine 
Anhängerschaft ungewöhnlich vermehrt, weil jetzt 
auch diejenigen einlenken, denen seine Herrschaft 
über die Masse Angst macht. 
Wohin die Dinge jetzt laufen, hat Aaron de la Papa 



TUMULT igi 

als erster begriffen . Er ist über Nacht aus Ismir ge- 
flohen, um aus der Entfernung weiter gegen Sabba- 
tai kämpfen zu können. Damit ist der letzte offene 
Gegner in der Stadt - so weit eine jüdische Gegner- 
schaft in Frage kommt - verschwunden. Wer nicht 
zu ihm hält, wagt es jedenfalls nicht zu bekunden. 
Es kommen jetzt Menschen zu ihm mit Geschenken 
und Ergebenheitserklärungen, die ausschließlich dem 
Zwecke dienen, sich bei ihm als Machthaber in gutes 
Ansehen zu bringen . 

Dennoch bleibt, von seinen Freunden zögernd aus- 
gesprochen, der Vorwurf an ihm haften, daß er durch 
seine Aktion gegen die portugiesische Synagoge den 
Sabbath entweiht habe. Es trifft von la Papa, der sich 
in irgend einem benachbarten Orte aufhält, ein Brief 
an seine verlassene Gemeinde ein, in dem er darauf 
hinweist, daß gerade ein Messias das Gesetz halten 
und erfüllen müsse, und daß er es niemals übertreten 
dürfe. Dieser Mann in Jsmir könne schon aus dem 
Grunde kein Messias sein. Sabbatai zuckt darüber 
die Achseln. Er erklärt kategorisch, daß er völlig 
außerhalb des Gesetzes stehe. In allen seinen Taten 
wohne ein Sinn, den die kleinen Gehirne nicht begrei- 
fen könnten. 

Zu diesen kleinen Gehirnen rechnet er auch la Papa. 
Er erklärt ihn seines hohen Amtes für unwürdig. Er 
erläßt noch am gleichen Tage, dem 9. Tewet, dem 
17. Dezember 1665, ein Dekret, nach welchem 
Aaron de la Papa von seinem Amte entsetzt wird. Zu 
seinem Nachfolger ernennt er . . . Benveniste, der auf 
das Todesurteil gegen Sabbatai gedrungen hat, den 
er als Schwein und Kamel beschimpft und gegen den 
er den großen Cherem ausgesprochen hat. Ein Irr- 
tum? Eine große Gebärde? Nein, nur ein seltsames 



192 ACHTES KAPITEL 

Kapitel aus der sabbatlanischen Politik. Wenn Sab- 
batai auch mit dem äußeren Erfolg seiner Erstürmung 
der Synagoge zufrieden sein kann, so hat ihn hernach 
doch wohl das Gefühl dafür beschlichen, daß zum 
mindesten die vulgäre Beschimpfung seiner Gegner 
mit der Würde eines Messias nicht zu vereinbaren 
sei. Er möchte da ein wenig ausgleichen, und findet 
Gelegenheit dazu, wie seine Freunde ihn fragen, 
warum er einen so angesehenen und gelehrten Mann 
als ein Kamel, als ein Gamal beschimpft habe. Mit 
einer Behendigkeit, die nur eine Zeit begreift und gut- 
heißt, der aus Mangel an lebendigen Eindrücken das 
Jonglieren und geistige Spielen mit Worten zu einem 
Inhalt werden mußte, erklärt Sabbatai: seine Freunde 
legten seine Worte wieder einmal falsch aus. Nicht 
Gamal habe er gemeint, sondern Ge'mul, das Ver- 
dienst, die Vergeltung . Es ist eine Anspielung auf den 
dem Juden geläufigen Begriff Ge^miluth chassadim für 
einen, der Gutes tut, Gutes vergilt. 
Es versteht sich, daß seine Freunde diese gewaltsame 
Auslegung willig und vielleicht sogar etwas beschämt 
wegen ihrer engen Auffassungsgabe entgegennehmen . 
Erstaunlicher ist schon, daß auch Benveniste sich ent- 
schließt, den ihm angetanen Schimpf zu vergessen 
und sich bei dieser Interpretation zu beruhigen. 
Zwischen ihm und Sabbatai haben Verhandlungen 
stattgefunden. Man kennt den Inhalt nicht. Aber 
im Ergebnis bezeugen sie erneut die erstaunliche 
Fähigkeit Sabbatais, Menschen zu behandeln und für 
sich zu gewinnen. Anderen Tages steht Benveniste 
auf der Gasse, und wie der tägliche pomphafte Auf- 
zug mit Sabbatai an der Spitze daher kommt, ruft er 
aus: »Brüder, dieses ist der wahre Messias!« Und 
der Messias erntet den vielfachen Lohn seiner Diplo- 



TUMULT 193 

matie: ein großer Gegner ist als Freund gewonnen, 
das Volk jubelt vor Freude darüber, daß dieser gei- 
stige Führer jetzt zu ihnen gehört und der Friede in 
der Gemeinde hergestellt ist. Die Stadt ist völlig in 
seiner Hand. Wer jetzt noch Gegner ist, wagt sich 
nicht zu rühren . Er setzt Benveniste öffentlich und 
feierlich in sein Amt ein , eine sinnfällige Bekundung 
seiner unbeschränkten Autorität. 
Wie alles ihm zufällt - nicht, weil er Anspruch darauf 
hat, sondern weil Zeit und Menschen mit Bereit- 
schaften überladen sind - so fällt ihm auch noch der 
Triumph zu, seinen erbitterten Feind Chaim Pegna 
auf seiner Seite zu sehen. Was Drohungen und An- 
griffe und Verfolgungen bei diesem hartnäckigen 
Manne nicht haben bewirken können, bringt ein 
erschütterndes Erlebnis zustande . Wie er auf der 
Flucht aus der Synagoge in sein Haus zurückkommt, 
findet er dort seine beiden Töchter auf der Erde 
liegen, zitternd, sich windend, Schaum vor dem 
Munde. Und während er noch an Krankheit, gar 
an Vergiftung glaubt, muß er wahrnehmen, daß eine 
religiöseEkstase sie befallen hat, und daß sie weissagen 
wie die Menschen einer aufgeschlosseneren Zeit. 
Deutlich ist die Verkündung der einen : »Ich sehe 
den weisen Sabbatai Zewi auf einem Thron hoch oben 
im Himmel sitzen , mit einer Krone auf seinem 
Haupte!« 

Vor solchem Ausbruch des Unbewußten streckt 
Pegna die Waffen . Was so tief aus Gemüt und Wesen 
eines Menschen kommt, kann nicht anderem dienen 
als der Ausrufung der Wahrheit . Er geht am anderen 
Tage in das Haus Sabbatais, und vor ihm stehend, 
ruft er aus: »Sabbatai Zewi ist der wahre Messias!« 
Sie schließen Frieden miteinander. Durch das Volk 

13 Kastein Zewi 



194 ACHTES KAPITEL 

geht eine tiefe Welle der Erregung, daß gerade die 
Töchter des Leugners es gewesen sind, die ihn zur 
Umkehr brachten . Späterhin und auf dem Wege der 
schmückenden Berichterstattung wird dieser Vor- 
gang zu einer Wundergeschichte, die das Gewicht zu 
Unrecht auf Sabbatai verlegt: ein jüdischer Kauf- 
mann aus Livorno, Joseph Pynas, habe ein Gespräch 
von Türken belauscht, in dem sie verabredeten, sich 
die Stimmung der Juden zunutze zu machen und sie 
auszuplündern . Pynas sei darauf zu seinen Schuld- 
nern gegangen und habe auf Zahlung gedrängt, da- 
mit er zu seinem Gelde komme, ehe die Türken alles 
nähmen. Sabbatai habe es verdrossen, daß dieser 
Mann so wenig Zutrauen zum Messias habe. Er be- 
fiehlt seinen Leuten, den Mann kräftig zu verprü- 
geln und ihn zu überzeugen , daß der Messias vor den 
Türken keine Furcht habe. Wie nun Pynas die Men- 
schenmenge sieht, die gegen sein Haus anstürmt, 
übermannen ihn Furcht und Erregung, und er fällt 
wie ein Toter zu Boden. Die Menschen halten ihn 
für tot und berichten es Sabbatai . Dem ist inzwischen 
sein Auftrag leid geworden, und er begibt sich in Pynas 
Wohnung. Mit einer Berührung seines silbernen 
Fächers bringt er ihn wieder zum Bewußtsein, oder 
- wie das Volk weiß - zum Leben . Auch wenn dieser 
Vorgang sich nicht auf Pegna beziehen soll, bestätigt 
er doch die Art, in der Gegner erledigt und Anhänger 
gewonnen wurden. 

Die religiöse Ekstase, in die Pegnas Töchter verfallen 
sind, bleibt kein vereinzelter Fall. Es geschieht, was 
geschehen muß, wenn Menschen unter ungewöhnlich 
schweren Lebensbedingungen ihre materielle und ihre 
religiöse Existenz als eine unvollendete Einheit zu 
leben gezwungen sind, wenn der unablässig fühlbare 



TUMULT 195 

Druck eines Jahrtausends sich aus dem umhegten und 
umworbenen Bezirk ihres Glaubens her zu lösen ver- 
spricht, und wenn eine besondere innere Begabung 
für das Erfassen und Erleben religiöser Tatbestände 
durch den blendenden Schein einer Wirklichkeit und 
Erfüllung auf das äußerste erregt wird. Männer, 
Frauen und selbst Kinder verfallen dem Zustand 
der Verzückung . Man spricht von vierhundert Ein- 
zelnen, die zu dieser Zeit in Ismir prophezeit und 
ge weissagt haben . Mag sein ,daß darunter viele waren , 
bei denen ein hysterischer Wille zum sensationellen 
Verhalten ausschlaggebender für ihre Demonstration 
war als ein wirkliches, von innen wirkendes Über- 
rannt werden . Für den Rest bleibt es noch bei einem 
seelischen Phänomen, das sie selbst und ihre Zeit- 
genossen ungewöhnlich erregte und erschreckte . Da- 
rum sind die Berichte darüber sehr zahlreich. Es 
scheint zweckmäßig, einige zu zitieren. 
Es berichtet Ricaut, der derzeit englischer Konsul in 
Ismir war: »Es waren mehr als vierhundert Männer 
und Frauen, die das herannahende Reich des Sab- 
batai verkündeten. Selbst die noch kaum lallenden 
Kinder sprachen mit aller Deutlichkeit den Namen 
des Sabbatai, des Messias und des Gottessohnes aus. 
Die im fortgeschritteneren Alter stehenden sanken 
ohnmächtig hin, worauf sie mit überschäumendem 
Munde die Befreiung und das kommende Heil der 
Israeliten kündeten und von den Visionen sprachen, 
in denen sich ihnen Zion und der Triumph des Sab- 
batai offenbart hätte.« 

Sodann, in auffallender Ähnlichkeit, nur mit Wert- 
urteilen durchsetzt, eine anonyme zeitgenössische 
deutsche Quelle: »Ja die Kinder selbsten, die kaum 
noch ein Wort lallen kunten, haben den Namen des 

13* 



196 ACHTES KAPITEL 

Sabbatai, des Messiae und Sohnes Gottes, gantz deut- 
lich ausgesprochen. Wie denn auch der Höchste ver- 
hängt und dem Teufel so große Gewalt gegeben, die- 
ses Volk zu betriegen, daß ihre Kinder eine Zeitlang 
besessen worden und man in ihren Leibern unter- 
schiedene Stimmen gehört : diejenige aber, die schon 
etwas erwachsen gewesen, seynd Anfangs ohnmäch- 
tig zu Boden gefallen , nachgehends einen Schaum vor 
dem Munde ausgeworffen, und von der Erlösung und 
künftiger Glückseligkeit der Israeliten geredet, wie 
auch, daß sie Gesichter von dem Eöwen Juda und 
des Sabbatai Ze wi Triumph gesehen hätten , ver- 
meldet; und ob zwar dieses sich alles wirklich und in 
der Tat also zugetragen, so kann es doch nur allein 
des Teufels Betriegereyen^ wie die Juden hernach es 
selbst gestanden, zugeschrieben werden. . .« 
Auch Coenen, der interessierte Augenzeuge aller Vor- 
gänge in Ismir, kann nur feststellen, daß hier sich 
begibt, was er, der evangelische Theologe, als eine 
Erfüllung der Verheißung aus dem Propheten Joel 
betrachtet : »Und darnach soll es geschehen , daß ich 
meinen Geist ausgießen werde über alles Fleisch, und 
ihre Söhne und Töchter sollen prophezeien.« So weit 
ihm die Ekstasen echt scheinen , sagt er von ihnen : 
»Inder daet es is dit werck niet anders geweest dan of 
een konst des Duyvels.« Wo er seine Bedenken hat, 
meint er: »men koster genoegsaem een gemaecktheyt 
in mercken, gelijk in de Quakers van England.« 
Es ist von Baruch de Arezzo eine solche Prophe- 
zeiung überliefert worden, die er einem Manne 
namens Jeschurun zuschreibt, eine stammelnde, zuk- 
kende Folge von Worten, immer wie aus neuem in- 
neren Krampf wiederholt, durchsetzt mit Zitaten 
aus den täglichen Gebeten: »Gott, ich hörte deinen 



TUMULT 197 

Ruf: König, König der Könige wird herrschen in 
Ewigkeit. Höre Israel, Gott unser Herr, Gott ist 
einzig. Der König ist gekrönt worden mit der Krone. 
Unser König Sabbatai Zewi. Gott schütze Israel. 
Unsere Bitten sind erhört. Von den Tiefen habe ich 
geschrien. Eine große Freude. Es sei gelobt, der 
schon lebt. Bringt die Krone unseres Königs. Wehe 
dem^ der nicht glaubt, daß er erwählt sei* Gnade 
dem, der die Gnade hat, in dieser Zeit zu leben. 
Göttliches Lied der Gnade jedem Gottesgläubigen. 
Höre uns Gott und erlöse uns. Schon gab man ihm 
die Krone. Sein Königreich ist ein Königreich der 
Ewigkeit. Danket Gott, denn gut ist er. Gott der 
Wahrheit. Messias der Wahrheit. Sabbatai Zewi 
der Wahrheit . Große Freude sei über euch . Öffne 
deine Hände. Gott ist ein Herr. Da Gott zurück- 
kehrt aus der Gefangenschaft Zions, sei große Freude 
den Juden. Danket dem Herrn des Himmels, denn 
einen König gab er uns . Wehe dem, der nicht an ihn 
glaubt I Der göttliche Stern unseres Königreiches ist 
aufgegangen. Gott, ich und mein Leben stehen vor 
dir . Als ein Engel habe ich zu dir gerufen . Gelobt sei, 
der in seinem Namen kommt. Gott wird es dir ver- 
gelten am Tage der Sorge. Wahrheit, Wahrheit, 
Wahrheit! Hilf uns, o Gott, wie deine Barmherzig- 
keit ist . Es gibt keinen bösen Trieb . Gott erhörte 
meine Bitte . . . « Und so fort bis in die Erschöpfung 
hinein, alles vier, fünf Mal wiederholt, in den präg- 
nanten, zusammerigerissenen Wendungen der he- 
bräischen Sprache. 

Die Juden leben in diesen Tumulttagen von Ismir so 
völlig auf sich gestellt, so ganz verloren in der Be- 
trachtung dessen, was ihnen wichtig war, daß sie 
ihren gewohnten Alltag darüber mit großzügiger 



198 ACHTES KAPITEL 

Gleichgültigkeit vernachlässigen. In aller Begeiste- 
rungvergessen sie nicht, daß der Anbruch der messi- 
anischen Zeit an die seelische Vorbereitung der Men- 
schen besondere und erhebliche Anforderungen stellt. 
Da es ihnen mit ihrem Glauben Ernst ist, widmen sie 
sich auch mit einem erschütternden Eifer der Er- 
füllung der religiösen Gebote . Sie begreifen : Sünde 
von Mensch gegen Gott, von Mensch gegen Mensch, 
von Mensch gegen die Gesamtheit, Sünde als Inr 
begriff alles dessen, was einer in kleinlicher Selbst- 
befangeriheit an Würde und Wohlwollen und Liebe 
zum anderen, zum Du, zum Außen verfehlt, ist 
Quell und Ursache alles Unfriedens, alles Unglücks, 
aller Erduldungen. Damit muß ein Ende gemacht 
werden . Das muß abgegolten und abgebüßt werden . 
Was in dem heiligen Feste ihres Jahres verankert 
liegt: Versöhnung, was - wenn auch nur als Idee - 
begriffen zu haben, diesem Volke in der Geschichte 
des Seelenlebens einen besonderen Platz zuweist, wird 
jetzt in die Wirklichkeit übersetzt. Sie tun es mit den 
Mitteln, die sie aus ihrer Tradition kennen: durch 
Buße in jeder Form. Männer, Frauen und Kinder 
beten; sie fasten, zuweilen in einem Übermaß, daß 
der Körper darunter zusammenbricht und der Büßer 
stirbt; sie legen sich alle Arten von Kasteiungen und 
Entbehrungen auf; sie nehmen das symbolische 
Tauchbad jeden Tag, selbst mitten im Winter, in 
den kalten Wassern des Meeres . Um auch den Rest 
der Seelen, die noch nicht geboren sind, in die Kör- 
perhaftigkeit eingehen zu lassen, werden in großer 
Anzahl schon die Kinder mit einander verheiratet 
und damit das letzte Hindernis für den Beginn der 
Erlösungszeit beseitigt. Sie geben von ihrem Ge- 
ringen oder von ihrem Überfluß dem, der weniger hat 



TUMULT 199 

als sie, oder sie geben es dem Messiass, oder schicken 
es nach Jerusalem. Sie vernachlässigen ihren Beruf 
und ihre Geschäfte. Sie wollen kein Geld mehr ver- 
dienen, denn in der zukünftigen Zeit hat alles Ma- 
terielle keinen Sinn und Wert mehr. Sie beginnen, 
ihre Häuser und die Einrichtungen zu verkaufen, da 
sie sie doch auf dem Zuge nach Jerusalem nicht mit 
sich schleppen können . 

Sie ringen mit allen Mitteln um ihre innere Erlösung, 
und von Zeit zu Zeit fühlen diese und jene, daß sie 
freigeworden sind und daß man ihnen verziehen hat . 
Ihre Freude ist übergroß . Sie sind jetzt in einen neuen 
Zustand eingegangen und stehen an der Schwelle 
jener Welt, in der die bisherigen Begriffe von Gut 
und Böse keine Geltung mehr haben. Was sie jetzt 
tun, ist ohne Beziehung zur Sünde, ihr Gesang so 
gut wie ihr Tanz, ihre üppigen Gastereien so gut wie 
die Unbedenklichkeit ihrer erotischen Betätigung, die 
bis dahin von der Klammer des Gesetzes zu einem 
Akt von religiöser Prägung zusammengehalten wurde . 
Sie sind ohne Gesetz und folglich zügellos. Die Er- 
lösung führt sie zu der gleichen Haltung, wie später- 
hin, beim Zusammenbruch der Bewegung, es das Ex- 
trem, die Verzweiflung tat. Auch da wurden sie 
zügellos und ausschweifend, weil sie überlegten, daß 
nur aus dem tiefsten Abgrund der Sünde die Befrei- 
ung kommen könne. 

Die Einwohner von Ismir und die europäischen Kauf- 
leute sind interessierte, aber im allgemeinen unbe- 
teiligte Zuschauer dieser Vorgänge. Ihr religiöses 
Mitverstehen legt ihnen Reserve auf. Sie sind an- 
fangs auch noch nicht davon überzeugt, daß diese 
Bewegung ernsthaftere Formen annehmen und sich 
auf längere Dauer auswirken werde . Aber es kommt 



200 ACHTES KAPITEL 

ein Augenblick, in dem ihr eigenes Interesse recht 
empfindlich berührt wird. Ihre Geschäfte leiden un- 
ter, der Bewegung. Die Makler, die Dolmetscher, 
die Arbeiter, Händler, Ruderknechte, Fischer und 
Handwerker arbeiten nicht mehr. Sie legen Handel 
und Wandel einfach lahm . Und da man sie nicht mit 
Gewalt zur Arbeit zwingen kann, muß ein Weg ge- 
funden werden, ihnen die Ursache ihres Faulen- 
zens zu nehmen . Die Türken insbesondere befürch- 
ten, daß es zu größeren Unruhen kommen werde, 
zumal das Gerede von der bevorstehenden Ent- 
thronung des Su)|ans schon Gassengespräch gewor- 
den ist. 

Eine Abordnung der angesehensten Einwohner be- 
gibt sich endlich zum Kadi der Stadt und fordert ihn 
auf, irgend etwas zu unternehmen, damit der Han- 
del seinen Gang gehe und die Unruhen vermieden 
würden. Dem Kadi sind die Vorgänge in der Stadt 
wohl bekannt; er mißbilligt sie zwar, aber er duldet 
sie dennoch, da er nicht weiß, was er gegen sie unter- 
nehmen soll. Ihm ist die Situation recht unbehaglich. 
Er kann doch nicht die ganze jüdische Bevölkerung in 
Haft setzen lassen, und wenn er ihren Messias in 
Haft setzt, werden die Juden ihm das Gefängnis 
stürmen. Immerhin verspricht er, sich die Rabbiner 
der Gemeinde am anderen Tage kommen zu lassen . 
Sie erscheinen, Benveniste an der Spitze,, ein wenig 
erregt und beunruhigt, aber doch in dem sicheren 
Gefühl, es bei dem Stand der Dinge auf eine Kraft-r 
probe ankommen lassen zu können. Das entgeht dem 
Kadi nicht und trägt nicht dazu bei, ihm die Un- 
behaglichkeit seiner Rolle zu erleichtern . Er hält den 
Rabbinern eine große Ansprache, in der er alle seine 
Bedenken über die Volksbewegung zum Ausdruck 



TUMULT 201 

bringt. Vielleicht ist es eine begründete Bewegung, 
vielleicht auch nicht . Er selbst ist jedenfalls auch noch 
nicht davon überzeugt, daß Sabbatai Zewi der Mes- 
sias sei. Er will aber auch nicht ohne weiteres an ihm 
zweifeln. Schließlich sind die Türken doch auch ein 
gläubiges Volk, und sie haben mit den Juden gemein- 
same Erzväter und Propheten. Er sagt: »Wir sind 
nicht unfolgsam gegen Gottes Gebote. Wir wissen, 
daß am Ende der Welt ein Messias kommen muß, 
dem wir uns beugen werden. Beweist uns, daß es der 
ist, den Ihr erwählt habt. Dann werden wir bereit 
sein, ihn anzuerkennen. Bringt ihn hierher. Ich 
will ihn prüfen. Ich will ihn selbst auf den Thron 
setzen. Aber wenn ihr mich nicht überzeugt. . . << 
Und nun folgen einige flügellahme Drohungen, mit 
denen es ihm nicht sehr ernst ist. 
Er rechnet auch kaum damit, daß Sabbatai vor ihm 
erscheinen wird, so wenig, wie es Sabbatai in den 
Sinn kommt, sich dieser Aufforderung des Kadi zu 
fügen. Die Rabbiner sind etwas betreten über den 
Auftrag, den sie ihrem Messias auszurichten haben. 
Dagegen ist das Volk in heller Begeisterung, weil es 
hier eine Gelegenheit wittert, Zeugen unerhörter 
Wundertaten zu sein . Mit ihm freuen sich die heim- 
lichen Gegner, wenn auch aus anderer Begründung. 
Helle Haufen sammeln sich vor Sabbatais Hause * 
Es sind wieder die Unentwegten darunter, die ihm 
mit dem Herzen nicht weniger dienen als mit ihrer 
Arbeitsfaust. Sabbatai hätte in dieser Situation be- 
stimmen können, was er wollte* Aber er löst die Si^ 
tuation auf eine schlichte und im Ergebnis sehr nach- 
haltige Weise . Statt dem Kadi zu gehorchen und vor 
ihm Wunder zu wiederholen, die er ja gemäß der 
Legende längst vollbracht hat, hält er an das Volk eine 



202 ACHTES KAPITEL 

Ansprache und sagt> es gäbe da irgendwo einen hung- 
rigen Satan, der ihn verfolge. Man müsse diesen 
Satan satt machen, damit er Ruhe gebe. 
Eine solche Äußerung ist ein deutlicher Wink für 
die Reichen unter seinen Anhängern, den sie wohl 
verstehen, und dem sie eiligst nachkommen . Statt des 
Messias bringen sie dem Kadi Geld . Und er nimmt 
es an. 

Wie das ruchbar wird, sind die Türken sehr erbost. 
Sie begeben sich erneut zum Kadi und stellen ihm 
ein Ultimatum zum Einschreiten gegen die Juden. 
Er verteidigt sich damit, daß die Annahme des Gel- 
des an sich ja kein Grund sei, nicht doch etwas gegen 
die Juden zu unternehmen . Aber er lehnt es ab , gegen 
sie Gewalt anzuwenden . Er will die Verantwortung 
dafür nicht übernehmen . Da die Juden in der Stadt 
die Majorität haben, fürchtet er, einen Aufstand her- 
vorzurufen, von dem er weiß, daß er ihm nicht ge- 
wachsen i^st. Er beruhigt sich bei dem Gedanken, 
daß er die Juden einstweilen ein wenig eingeschüch- 
tert habe. Dagegen verspricht er den Türken, so- 
gleich Bericht nach Konstantinopel zu geben und An- 
weisungen einzuholen , was er endgültig unternehmen 
solle. Um noch ein übriges zu tun und zugleich jede 
Verantwortung von sich abzuwälzen, läßt er Sab- 
batai den Befehl zustellen, sich binnen drei Tagen 
nach Konstantinopel zu begeben, um sich dort vor 
dem Großvezier zu verantworten . 
Sabbatäi kümmert sich um diesen Befehl nicht im 
mindesten. Seine Stellung gegenüber dem Kadi ist 
inzwischen endgültig und eindeutig bestimmt durch 
neue Wunderberichte, die durch die Stadt gehen. 
Darnach sind in diesen Tagen, da der Kadi gegen den 
Messias etwas unternehmen wollte, in der Nacht der 



TUMULT 203 

Erzvater Abraham, der Prophet Elijahu und Mar- 
dochai, der Pflegevater der Königin Esther, beim 
Kadi erschienen . Der Prophet Elijahu schwebte auf 
einer feurigen Säule. Der Kadi erhob sich sofort von 
seinem Lager und bat die Drei, sich zu setzen. Sie 
taten es, und die feurige Säule stellte sich zwischen 
den Kadi und seine Besucher. Die Säule strahlte eine 
solche Glut aus, daß sie den Kadi zu verbrennen 
drohte. Er bat flehentlich, der Prophet möge diese 
Glut mildern. Elijahu tat es sogleich, aber er warnte 
den Kadi ernsthaft, irgend etwas gegen die Juden zu 
unternehmen, oder Beleidigungen anderer gegen sie 
zu dulden . Der Kadi versprach es . Und er hielt sein 
Versprechen. - 

So erfüllt ist die Gegenwart des Volkes vom Gesche- 
hen des Wunderbaren, daß sie überall Mirakel sehen. 
Es geschieht ihnen immer irgend ein Gesicht oder 
eine Begegnung . Da sieht einer mitten ani Tage auf 
einem Felde eine feurige Säule. Ein anderer hat 
sie in der Nacht gesehen . Ein dritter sah den Mond 
aus den Wolken kommen, und er war ganz feurig. 
Andere haben gesehen , daß der Himmel sich öffnete 
und ein feuriges Tor zeigte . Darin stand ein Mensch 
mit einer Krone auf dem Haupte, und seine Züge 
waren die des Sabbatai Zewi. Einem anderen, der 
am Strande entlang ging, begegnete es, daß er einen 
Stern vom Himmel in das Meer fallen sah, und vom 
Meere stieg der Stern wieder zum Himmel hinauf. 
Und es ist ihnen alles, was da geschieht, ganz ver- 
traut. Es sind ihnen nur Illustrationen zu den Vor- 
aussagungen des Joel: »Und ich werde Wunder- 
zeichen am Himmel und auf der Erde geben, Blut 
und Feuer und Rauchsäulen. Die Sonne soll sich 
in Dunkelheit verwandeln und der Mond in Blut, 



204 ACHTES KAPITEL 

ehe der große. und schreckliche Tag des Herrn 
kommt.« 

Bei dieser Aufgeschlossenheit für das Wunder und 
bei dieser Süchtigkeit nach dem Erleben des Wunder- 
baren kann es endlich auch nicht ausbleiben, daß 
ihnen eine: Gestalt erscheint, die so liebevoll wie selten 
eine von der Tradition bedacht und von der zärtli- 
chen Phantasie des Volkes umhegt worden ist: eben 
die des berühmten Propheten Elijahu aus der Zeit 
des Königs Ahab. Dieser Prophet ist ihnen nicht ge- 
storben . Er ist nur von der Erde weggenommen wor- 
den . Auf einem feurigen Wagen ist er zum Himmel 
hinaufgefahren % Von dort aus entfaltet er nun seit 
Jahrhunderten seine unsichtbare Allgegenwärtigkeit . 
Es ist noch heute dem jüdischen Kinde ein märchen- 
haftes Gleichnis, daß an den beiden ersten Abenden 
des Passahfestes an der Tafel ein Platz frei gelassen 
ist. Ein Glas Wein steht da. und während die Li- 
turgien gesungen werden, öffnet man an einer be- 
stimmten Stelle der Vorlesung die Türe, damit Eli- 
jahu eintreten kann . Er kommt, trinkt unmerkbar von 
dem Wein und segnet den Sinn des Festes durch seine 
Gegenwart, so wie er auch immer gegenwärtig ist, 
wenn ein jüdischer Knabe durch das Rituale der Be- 
schneidung in den Bund aufgenommen wird. Das 
Passah dient, dem Andenken an die Befreiung aus 
Ägypten, zugleich der Hoffnung auf eine neue Heim- 
kehr, .zusammengedrängt in den Schlußruf der Vor- 
lesung: I^e*schahah habah bi'jeruschalaim, im kom- 
menden Jahre in Jerusalem ! Und so ist für diese 
erneute Befreiung, die große messianische, Elijahu 
nach der Tradition der Vorbote. Wenn er sich zeigt, 
ist die entscheidende Zeit gekommen . 
Folglich zeigt er sich jetzt. Immer wieder melden 



TUMULT . 205 

sich Menschen j die ihm begegnet sind; Eine Frau 
sieht ihn im Traume. Eine andere trifft am Freitag 
einen unbekannten alten Mann, der sie um ein Al- 
mosen angeht. Es ist Elijahu. Er tritt in jederlei Ge- 
stalt auf 5 oft noch unsichtbar und sich nur durch sein 
Verhalten andeutend . Aber da man weiß: er ist da, 
läßt man an jeder Tafel einen Platz für ihn frei und 
stellt ihm Speisen hin, von denen er nimmt, ohne 
daß sie sich vermindern. Da war ein Mann, den diese 
unmerkbare Gegenwart betrübte, und er ordnete an , 
daß der Tisch über Nacht gedeckt bleibe . Am ande- 
ren Morgen ist seiner Erwartung Genüge geschehen: 
der Wein ist ausgetrunken. Elijahu hat den Becher 
zum Dank mit Olivenöl gefüllt . Weit umher berich- 
tet wird der Vorgang, der sich im Hause des Salomo 
Carmona abspielte . Carmona hat Freunde, zum Mit- 
tagessen geladen, und wie einer während des Mahles 
die Wand hinaufblickt, an der die schönen blanken 
Zinnteller zur Zierde befestigt sind, beginnt er selig 
zu lächeln, erhebt sich und verneigt sich tief zur 
Wand hin. Denn dort, in dem metallenen Schein, 
steht Elijahu. Die anderen erheben sich ebenfalls und 
verneigen sich mit ihm . 

Die Nachwirkung solcher Vorgänge in den Gemütern 
der Gläubigen ist ungewöhnlich groß und wird ver- 
mehrt durch ein gleich wunderbares Ereignis, das 
aus Konstantinopel ihnen berichtet wird und das greif- 
bare und praktische Folgen hat: da geht ein Jude 
durch die Straßen und trifft einen Mann, den er dem 
Ansehen nach für einen Türken hält. Per Mann 
spricht ihn an, und da erkennt der Jude, daß es Eli- 
jahu ist. Der Prophet ermahnt ihn, die Gesetze der 
Thora schärfer zu beachten. Er weist ihn auf das 
Gesetz hin, das in dem Buche ,Er rief verzeichnet 



206 ACHTES ICAPITEL 

Steht: »Abrunde nicht die Ecke eures Haupthaares , 
verdirb nicht die Ecke deines Bartes.« Das ist eines 
der Gesetze, durch das der Jude an der Nachahmung 
der Sitten seiner Umgebung gehindert werden soll. 
Er ruft ihm weiter ins Gedächtnis zurück, was in dem 
Buche ,In der Wüste* Gott dem Mosche als Anwei- 
sung an das Volk gibt : » Sie sollen sich ein Fransen- 
geblätter macheh an die Zipfel ihrer Kleider für ihre 
Geschlechter, und sie sollen aii das Zipfelgeblätter 
einen hyazinthnen Faden geben ; so seis euch zu ei- 
nem Blattmal . . .« Die Zipfel, die vier Ecken des 
Kleides, die Arba kanfoth, haben diesem Gewand- 
stück, dessen Anblick sie ständig an Gott und seinen 
Bund erinnern soll, den Namen gegeben. Nun geht 
der Jude heim und berichtet sogleich in einem Briefe 
nach Ismir von dieser Begegnung. Der Brief geht in 
Abschriften weiter durch das Land. Er bekommt 
durch die Person seines geistigen Urhebers ohne wei- 
teres verpflichtende Gesetzeskraft . Die Folgen be- 
schreibt eine zeitgenössische Quelle sehr verständ- 
lich : » . . . denn weil sie ihre Häupter auf türkische 
Weise ganz geschoren hatten , so schien es sowohl be- 
schwerlich als auch der Gesundheit schädlich zu sein, 
wenn sie das Haar' wollten wachsen lassen . So ließen 
sie zu beiden Seiten des Hauptes eine lange Haar- 
locke wachsen, die ihnen unter der Hauben hervor- 
gehangen und wodurch nachgehends die Gläubigen 
von den Kpphrim (das heißt; ungläubigen Gegnern) 
erkannt wurden.« 

Jetzt verfolgt Elijahu das Volk bis in jede Einzelheit 
ihres Alltags. Am Ausgang des Sabbath wird Wein 
im Hause ausgegossen, weil der Prophet Freude dar- 
an hat und imstande ist, den Wohlstand des Hauses 
zu mehren . Es soll hier und da Menschen gegeben 



TUMULT 107 

haben, die sich heimlich einige Tropfen dieses Wei- 
nes in den Geldbeutel schütteten. Die Rabbinern be- 
fehlen der Gemeinde, als Vorbereitung auf das Ein- 
treffen des Propheten schon jetzt die Häuser zu rei- 
nigen und die hebräischen Bücher geöffnet hinzu- 
legen. Es war da einer, der einen sehr schönen Hund 
hatte, an dem er sehr hing. Er verjagte ihn, weil er 
bei der Ankunft des Elijahu kein unreines Tier im 
Hause haben wollte. Als Sabbatai, wie es derzeit der 
Brauch war, zu einer Beschneidung als Gast gebeten 
wurde, bat er beim Eintritt in das Haus, noch mit 
dem Beginn der Zeremonie zu warten, bis er ihnen 
Anweisung gebe. Man wartete folgsam eine halbe 
Stunde. Da gab Sabbatai das Zeichen zum Anfang. 
Als man ihn späterhin nach dem Grunde fragte, er- 
klärte er, bei seinem Eintritt in das Haus sei Elijahu 
noch nicht zugegen gewesen . Erst nach einer halben 
Stunde sei er erschienen . 

Die andersgläubigen Berichterstatter von damals und 
von später haben Kübel voll Hohn über diese Men- 
schen und ihren Glauben an Elijahu ausgegossen. 
Sie hätten es besser nicht tun sollen. Diese Men- 
schen haben so in tieferer Wirklichkeit ihren Pro- 
pheten gesehen, wie anderthalb Jahrtausende vorher 
die Menschen auf der Hochzeit zu Kana Wein getrun- 
ken haben. Nur Hochmut oder belangloser Intellekt 
werten oder erklären Wunder. Am inneren Gesche- 
hen können sie nichts verbiegen. 
Was bisher hier in Ismir geschehen ist, drängt sich auf 
den Zeitraum einer einzigen Woche zusammen und 
dient, wenn von bewußtem Zwecke noch gesprochen 
werden kann, der offiziellen Errichtung des messi- 
anischen Königtums. Es kommt der 10. Tewet her- 
an, der alte, traditionelle Fasttag zum Andenken an 



2o8 ACHTES KAPITEL 

die Belagerung Jerusalems durch die Babylonier . Da 
setzt Sabbatai mit einer großen und dem Volk ver- 
ständlichen Idee ein; in der Stunde der Wiederge- 
burt des jüdischen Volkes ist kein Raum mehr für 
die Trauer über die Zerstörung Jerusalems. Das 
Volk wird es wieder aufbauen. Darum wird der 
Fasttag des lo. Tewet hiermit für alle Zeiten abge- 
schafft. 

Zu dieser königlichen Verfügung treten als Ergän- 
zung die Dekrete und Edikte, die Primo, Sabbatais 
, Sekretär*, in die Welt hinaus sendet. An alle Ge- 
meinden in Asien , Afrika und Europa gibt er Nach- 
richt von dem Beginn der Erlösungszeit. Er weist 
sie an, was sie zu tun haben, um sich für die Zeit vor- 
zubereiten ► Er organisiert die Devotion, wie Ercole 
von Ferrara sie zu Savonarolas Zeiten für seine Stadt 
organisiert hat. Nur daß Primos Edikte Neuerungen, 
treffen, die das Gewohnte berühren: er ändert die 
herkömmliche Gebetsordnung . Er leitet damit ihr 
tägliches Verhalten schon in den neuen Zustand über. 
Ein lo. Tewet ist nur einmal im Jahre. Aber Gebete 
sagen sie dreimal am Tage . Zum Pathos des Messias 
fügt er das, was wichtiger ist und dauernder: die 
Realität des kleinen Alltags . 

Aber auch diese Änderung wird, insbesondere in Is- 
mir selbst, so willig und schnell hingenommen, daß 
das Volk beinahe anderen Tages schon wieder bereit 
ist für neue Ereignisse . Sie ertragen keinen Stillstand . 
Sie kennen keine Wartezeit. Was jetzt so glühend be- 
gonnen hat, muß sich feurig ausbreiten und voll- 
enden . Unter ihnen lebt der König der Könige . Er 
muß das Königlichste tun, das Wunderbarste, das 
Unerhörteste. Jedes Mirakel in seinen bekannten und 
schon vertrauten Ausmaßen ist zu schwach. Es muß. 




Die Krönung Sabbatai Zewis 



8 



TUMULT 209 

um ihnen zu genügen, geschehen, was in ihrer Ge- 
schichte einzigartig ist. Und es geschieht. Zwischen 
dem 1 1, und dem 22'. Tewet, dem 19 . und dem 30. 
Dezember 1665 teilt Sabbatai Zewi die Welt auf ! Er 
vergibt Kronen und Königreiche an seine Brüder und 
seine engsten Freunde. Isaak Silveira, den, der heim- 
lich Antwort gab bei der ersten Anrufung des heiligen 
Namens , ernennt er zum König David . Abraham 
Jachini, seinen großen Förderer, dem er die Auffin- 
dung der schriftlichen Verheißung verdankt, setzt er 
für diese königliche Weisheit in das Amt des Salomo 
ein. Sein früher Freund und großer Wohltäter Jo- 
seph Raphael Chelebi wird zum König Joas ernannt. 
Salomo Carmona, bei dessen Gastmahl sich der Pro- 
phet Elijahu zeigte, wird zum König Achab ernannt:. 
Sein Sendbote Matathia Aschkenasi wird König Assa, 
sein Gegner von einst, Chaim Pegna, wird gewürdigt 
König Jerobeam zu heißen . Seinen Bruder Elias er- 
hebt er zum König des Königs der Könige, das be- 
deutet: zum König der Türken. Seinen Bruder Jo- 
seph heißt er König der Könige in Juda, und sein Bei- 
name ist: Kaiser der Römer. 

Die Zuweisung der einzelnen Kronen ist von Sabba- 
tai nicht als eine willkürliche gedacht. Jedem erklärt 
er vielmehr, welche Seele im Verlauf ihrer Wanden 
rungen in ihn eingegangen sei und welche Person er 
mithin verkörpere. Sechsundzwanzig Könige und 
Fürsten ernennt er insgesamt, und da ist keiner, der 
an der Ernsthaftigkeit des Beginnens und an der bal- 
digen Wirksamkeit der Amtserhebung auch nur den 
geringsten Zweifel hat. Die die Verwirklichung nicht 
erwarten können, fügen ihrem Namen schon jetzt den 
verliehenen Ehrentitel bei. Sie lassen sich über ihre 
Ernennung Dokumente ausstellen und Siegel anfer- 

■ 14 Kastein Zewi 



210 ACHTES KAPITEL 

tigen, die sie unter ihre Briefe setzen. Da ist ein ar- 
mer Schlucker, Abraham Rubio, ein Mann, der von 
Almosen lebt, und den Sabbatai für seine treue An- 
hängerschaft zum König Josia ernannt hat. Freunde 
und Bekannte des Rubio erwägen, daß solchem Mann 
doch mit Geld besser gedient sei als mit einer zukünf- 
tigen Krone. Siedrängen ihn und bieten ihm große 
Summen an, daß er ihnen sein Königtum verkaufe. 
Aber Rubio lehnt dieses Angebot lächelnd ab. Wer 
wird denn auch eine gewisse und nähe und glorreiche 
Zukunft um einiger Goldstücke wegen verspielen 
wollen? 

Aber auch diese Aufteilung der Welt, ein Vorgang 
sondergleichen, wird vom Volke nicht als ein ab- 
schließender Akt begriffen , sondern nur als eine vor- 
bereitende Handlung. Die Verteilung von Kronen 
ist die Hergabe ebensovieler Versprechen. Sie müs-. 
sen eingelöst werden , wenn nicht alles sich als Trug 
und Märchen und leere Gebärde erweisen soll . Noch 
stehen die anderen, von der jetzt beendeten Zeit auf 
ihre Throne erhobenen Könige mitten in ihrer Ge- 
walt. Sie muß ihnen genommen werden, damit 
Raum geschaffen werde für ihre Könige von morgen . 
So wie der Prophet Nathan Ghazati es verheißen 
hat, muß es geschehen. Darum muß als erster Sab- 
batai Zewi nach Konstantinopel gehen und den Sultan 
entthronen. Anders ist der Lauf ihrer Geschichte 
nicht denkbar. 

Dieses ist der Augenblick schicksalschwerster Ent- 
scheidung im Leben des Messias . Es gibt keine Mög^ 
lichkeit für ihn, weder eine innere noch eine äußere, 
sich diesem Anfordern des Volkes und der Logik im 
Ablauf der Dinge zu entziehen . Er hat Nathan und 
seine Prophezeiung aufgenommen, er hat das Volk 



TUMULT 211 

und seinen leidenschaftlichen Willen zu Wunder und 
Erlösung nicht von sich gewiesen, sondern sich zu 
ihrem Mittelpunkt gemacht. Da sind Geister, die er 
gerufen hat, und denen er jetzt gehorchen muß. Sein 
Schicksal ist eigenlebig geworden, zwangsläufig. Es 
verlangt Handlung von ihm, nicht Entschließung. 
Die Entschließung ist ihm vorgeschrieben. Die 
Handlung bleibt als die Quelle tiefster Gefahren seine 
eigentliche Verpflichtung. In Ismir lebt er getragen 
von einer Masse Menschen. Konstantinopel ist 
Ferne, Fremde, feindlicher Bezirk. Hier wird er 
gedrängt, dort muß er bedrängen. Hier wird ihm 
Macht angeboten und zugewiesen . Dort muß er sie 
aus Eigenem erringen. 

Aber Gefahr oder nicht : die Wahl liegt nicht mehr 
bei ihm. Er verkündet also, was er verkünden muß: 
er wird sich mit dem Ablauf des Monats nach Kon- 
stantinopel begeben . Es ist der letzte mögliche 
Augenblick. Das Jahr 1665 ist zu Ende. Das von 
ihm selbst angenommene messianische Jahr 1666 
bricht an. Die Zeit, die er selber angerufen hat, steht 
vor ihm und verlangt seine entscheidende Aktion . 
Das Volk vernimmt diese Botschaft mit tiefster Zu- 
friedenheit und Gläubigkeit. Aber sie jubeln nicht 
mehr. Sie halten im Übermaß der Erwartung den 
Atem an, wie Sabbatai Zewi am 22. Tewet, dem 30. 
Dezember 1665, eine Saycke, ein kleines Segelschiff 
besteigt, um nach Konstahtinopel zu fahren. 



14* 



NEUNTES KAPITEL 

ECHO 



NEUNTES KAPITEL 215 

DIE NACHRICHTEN VON DEN EREIGNISSEN IN ISMIR 
beginnen sich auszubreiten, gleichmäßig nach allen 
Seiten hin wie Schallwellen. Und die Verbreitung 
hat durchaus nicht jene mittelalterliche Langsamkeit, 
an die man für die damaligen Verhältnisse denken 
möchte. Juden sind immer irgendwo auf Wander- 
schaft und tragen Briefe und Botschaften n>it sich. Und 
während der Bote sich in einer Gemeinde ausruht, 
geht schon ein anderer mit der Abschrift seiner Be- 
richte zur nächsten weiter. Es waren ja auch durch 
Primos Fürsorge die beiden offiziellen Sendboten in 
die Welt hinaus geschickt worden , die als wandelnde 
Stationen für die Aufnahme und Verbreitung von 
Nachrichten sorgten . Ihnen kamen die zahllosen Pri- 
vatbriefe zur Hilfe, die vom Orient nach Europa gin- 
gen, und die in sich wieder durch mündliche und ab- 
schriftliche Wiedergabe zu einer neuen Quelle der 
Berichterstattung wurden. Und in dem Maße, in 
dem der jüdische Orient nicht nur von den Nach- 
richten, sondern in aller Tatsächlichkeit von der Be- 
wegung selbst ergriffen wird, setzt eine neue und sehr 
wichtige Reihe von authentischen Berichten ein : die 
der europäischen Kauf leute und der politischen Ver- 
treter auswärtiger Staaten, die auch wohl im wesent- 
lichen die wirtschaftlichen Interessen ihrer Nationen 
wahrzunehmen hatten . 

Zu Anfang hatten sie sich um die Bewegung nicht 
viel gekümmert. Aber in überraschend kurzer Zeit 
berühren die Ereignisse schon den Nerv ihrer In- 
teressen. Nicht nur, daß - wie schon dargestellt - 
ein Mangel an Arbeitskräften eintritt; auch die jüdi- 
schen Kaufleute werden zurückhaltend. Sie gehen 
keine neuen Verbindlichkeiten mehr ein. Sie treiben 



/ 
/ 



21 6 NEUNTES KAPITEL / 

ihre Außenstände ein und beginnen mit der Auflösung 
ihrer Geschäfte. Auch diejenigen orientalischen Ju^ 
den, die nicht an den Messias glauben, tragen doch 
der Stoßkraft dieser Bewegung Rechnung und legen 
sich in ihren Geschäften äußerste Zurückhaltung auf. 
Im Ergebnis wird also der europäische Handel im 
Orient erheblich betroffen, und die Kaufleute und ' 
diplomatischen Vertreter beginnen, die Bewegung 
zu verfolgen und zu erforschen, Einzelheiten zu er- 
mitteln und sie nach Europa zu berichten . Ein Herr 
Plettenberg, als »Resident des Kaisers in Dresden« 
bezeichnet, vermerkt: »Der Grund, warum unsere 
Kaufleute in Ismir nicht über diesen König bis jetzt 
berichtet haben, ist der, daß er sich wegen der Un- 
gläubigkeit der Juden, sowohl in Ismir wie in Kon- 
stantinopel, solange zurückhielt. Er wird jetzt nach 
Konstantinopel gehen , und im nächsten Juni wird die 
Erlösung Israels in der ganzen Welt bekannt gegeben 
werden. Es sind jetzt noch mehr Nachrichten aus 
Venedig und Wien gekommen, daß Sabbatai Zewi 
schon in Konstantinopel eingetroffen und dort ehrer- 
bietig empfangen worden sei.« 
Auch der französische Gesandte, Monsieur de Chau- 
mont, berichtet seiner Regierung von der ». . . Auf- 
regung über den Messias, der in Kürze erwartet 
wird. Es wird gesagt, daß der Sultan damit einver- 
standen ist, ihm die Herrschaft über ganz Palästina 
abzutreten . Der größte Teil der Juden treibt seine 
Geschäfte nicht mehr, sondern bereitet die Über- 
siedlung nach Jerusalem vor . Erst haben wir uns dar- 
über lustig gemacht. Aber allem Anschein nach droht 
die Sache jetzt Ernst zu werden.« Im gleichen Sinne 
berichtet der französische Konsul in Ismir an Sir 
Rosano in Livorno von dem Messias: » ... vor dem 



ECHO 217 

die Türken großen Respekt haben. Unsere Nation 
bleibt in einiger Besorgnis. Gott möge geben, daß 
die Sache uns nicht schadet.« Die Signoria von Vene- 
dig läßt sich von ihrem diplomatischen Vertreter Bel- 
lario ausführlich berichten . Der Großherzog von Tos- 
cana und der Herzog von Savoyen werden weiter 
unter denen genannt, die sich schriftliche Aufklärung 
geben lassen. Im weiteren Verlauf der Dinge wach- 
sen dann die Berichte über die kurze Form eines Brie- 
fes hinaus und werden Abhandlungen, die kleinere 
Schriften und größere Bücher füllen . 
Stoff zu solchen Werken bietet die Zeit schon jetzt 
in Fülle, allein durch das Übergreifen der sabbati- 
anischen Bewegung auf die türkische Judenheit. 
W^achsend mit der Entfernung vom Zentrum der Be- 
wegung steigert sich die Unkontrollierbarkeit d6r Be- 
richte, ohne aber der Intensität des Glaubens Ab- 
bruch zu tun. Aber auch die Gegnerschaften werden 
im gleichen Maße heftiger, weil sie nicht gleich zu 
Beginn von einer erdrückenden Mehrheit der An- 
hänger erstickt werden . Zu einer Neutralität konnte 
es bei der heftigen Erregung der Gemüter aber nicht 
kommen. Die türkische Judenheit spaltet sich in 
Anhänger und Gegner, in Meaminim und Kofrim. 
Zwischen ihnen werden erbitterte Kämpfe ausge- 
tragen, bei denen jedes Mitte! erlaubt ist. Von Jakob 
Aschkenasi, dessen Nachkommen später erbitterte 
Antisabbatianer sind, wird berichtet, daß er über die 
Gegner des Messias sogar die Todesstrafe verhängt 
habe. Was aber auf die Länge den Sabbatianern das 
entscheidende Übergewicht gibt und die Kofrim min- 
destens in das Schweigen der Angst und Vorsicht 
drängt, ist der Umstand, daß sie etwas Positives zu 
verteidigen haben und mit der Vorbereitung ihres 



21 8 NEUNTES KAPITEL 

Schicksals auf die ernsthafteste, oft erschreckende 
Weise beginnen . 

Im Vordergrunde ihres Tuns steht die Buße, Buße 
in ihrer besonderen Form und dem besonderen Sinne, 
den die hebräische Sprache diesem Worte zuweist. 
Sie hat für Buße und Rückkehr und Antwort das glei- 
che Wort zur Verfügung: Te*schuwah. Was sie tun, ' 
ist also Antwort geben auf den Anruf des Gewissens, 
Rückkehr in den Zustand der Sündenlosigkeit. Ge- 
treu uralten Vorstellungen greifen sie daher zur Ka- 
steiung. Was von den Juden der Stadt Saloniki be- 
richtet wird, wiederholt sich überall und mag als 
Paradigma berichtet werden. Die Juden hier sind 
in ihrer Mehrzahl schon seit langem mit der kabbali- 
stischen Lehre und insbesondere mit Art und Anfor- 
derungen der praktischen Kabbala vertraut. Sie sind 
weniger enthusiastisch als die Leute von Ismir, aber 
sie sind härter, strenger, fanatischer. Es ist ihnen un- 
heimlich ernst mit ihrer Buße. Sie drängen sich zu 
ihren Gelehrten hin und tragen ihnen vor, was sie 
an Sünden begangen haben. Vier Chachamim sind 
ständig damit beschäftigt, diese Beichten entgegen- 
zunehmen und zu bestimmen, was einer als Buße da- 
für zu leisten habe . Aber meistens genügt es den Buß- 
fertigen nicht. Sie gehen weit über das auferlegte Maß 
hinaus. Die Fasten werden bis zur letzten Grenze 
körperlicher Erschöpfung ausgedehnt. Sie lassen 
sich mit Schnee und mit Eisstücken bedecken. Sie 
steigen in das Meer und stehen im kalten Wasser bis 
zum Umsinken. Sie gießen sich heißes Wachs über 
den Körper. Sie lassen sich bis zum Halse in die Erde 
eingraben und verharren dort bis zur Ohnmacht. In 
dunkler, flagellantischer Sucht schlagen sie sich ge- 
genseitig mit Geißeln und mit Nesseln . Bündel von 



ECHO 219 

Nesseln tragen sie unter ihrer Kleidung auf der nack- 
ten Haut. Es ist ein solcher Bedarf an diesem Züch- 
tigungsmittel, daß weitum in den Feldern vor det 
Stadt nichts mehr davon gefunden wird, und daß es 
von weither für teures Geld beschafft werden muß . 
Immer dunkler, immer freudloser werden die Buß- 
übungen. Da sind Menschen, die sich schwere Steine 
auf den Leib wälzen lassen und darunter verharren . 
Andere lassen sich mit Steinen bewerfen, zum Zeichen 
dessen, daß sie wert seien, gesteinigt zu werden. 
In hundert Symbolen von erschreckender Erfin- 
dungskraft drücken sie den Jammer über ein sünd- 
haftes Leben und die Hoffnung oai>f ein. Dasein in 
Reinheit aus. 

Und immer wieder geben sie Almosen und liefern 
sich freiwillig einer immer wachsenden Armut aus. 
Sie halten die Läden geschlossen, und wenn sie doch 
geöffnet sind, so nur zu dem Zweck, die Waren und 
den überflüssigen Häusrat um jeden Preis zu ver- 
schleudern i Sie haben unter sich ein strenges Gesetz 
aufgestellt, daß niemand von Juden kauft, oder an 
Juden verkauft. Sie wollen nicht, daß der Besitz 
nur unter ihnen den Herrn wechsle. Bei Androhung 
des Bannes, verschärft um Geld- und Leibesstrafen, 
war das verboten, weil es doch nur bekunden würde, 
daß einer nicht ah den Messias glaubt und sich heim- 
lich für ruhigere Zeiten Reichtum zusammenscharren 
will. Sie verheiraten auch ihre Kinder in großer An- 
zahl. Von sieben bis acht Hundert solcher Ehen wird 
berichtet. Die Bevölkerung von Saloniki steht, wie 
die Bewegung gerade ihren Höhepunkt erreicht hat, 
in einer ausgesprochenen Verarniung und in der letz- 
ten seelischen Bereitschaft. 
Nicht in dieser düsteren Form, aber doch mit ange- 



220 NEUNTES KAPITEL 

spannter Aufmerksamkeit und mit einem sehr berei- 
ten Willen antwortet als nächste die italienische Ju- 
denheit auf die aufflammende Bewegung. Die Stadt 
Livorno geht voran. Sie bestätigt/ als Durchgangs- 
punkt der Juden aus dem Orient und insbesondere 
der palästinensischen Spendensammler von neuem 
ihre Wichtigkeit. Sie mißt sich auch als dem Orte/ 
von dem aus Sarah zur Königin berufen wurde, be^ 
sondere Bedeutung zu. Die Sabbatianer bekommen 
hier ohne weiteres die Oberhand. 
Nicht so still erledigen sich die Dinge in Venedig. 
Hier ist intelligenter Boden, wo viel geforscht und 
viel gezweifelt wird. Hier ist kein phantasiebegabter 
'Orifnte;^m^hr. Bis 1649 hat hier noch Leon Modena 
gewirkt, in seiner Jugend ein Wunderkind, als Mann 
ein Polyhistor, den sein Amt als Rabbiner nicht 
hinderte, mit geistiger Betätigung jeder Art Geld zu 
verdienen, um es dann im Kartenspiel und bei rollen- 
den Würfeln lebensfreudig zu vertun . Darum war er 
auch ein Gegner der Kabbala. Sehr aufgeklärt und 
seinen eigenen Volksgenossen sehr kritisch gegen- 
überstehend, war auch sein Freund und Amtsgenosse 
Luzzatto . Aber im Augenblick wird die Geistigkeit der 
Stadt von einem überzeugten Anhänger der Kabbala 
beherrscht, von Moses Zacuto, der einmal Mitschü- 
ler des Baruch Spinoza gewesen ist. Er hat Amster- 
dam verlassen mit dem Ziele, nach Palästina auszu- 
wandern, aber er ist in Venedig haften geblieben. 
Sein Interesse für die sabbatianische Bewegung ist 
groß, aber die Führer der Gemeinde wollen die Ver- 
antwortung eines blinden Glaubens nicht tragen . Sie 
besehließen, in Konstantinopel anzufragen, wo man 
inzwischen doch zuverlässige Einzelheiten festge- 
stellt haben wird. Der Briefwechsel, wie ihn Baruch 



ECHO 221 

de Arezzo mitteilt, ist ein anschauliches Dokument 
der Zeit. 

»Wenn in unseren Tagen die Welt aufgespalten ist 
von allen vier Enden her, vom Osten und vom We- 
sten, vom Norden und vom Meer, und wenn sie in 
Teile und Parteien zerfällt und großes Geschrei er- 
tönt wegen der Botschaft, die zu uns kommt und von 
unserer Erlösung spricht, und die Menschen sich tei- 
len in solche, die glauben und solche, die nicht glau- 
ben : warum sollten wir da nicht kommen und von 
dem, der sie weiß, die Wahrheit erfahren ? Er möge 
uns sagen, ob es da nicht um eine schlechte und wert- 
lose Sache geht. Es steht doch die ganze Welt jetzt 
in Sorge und großer Furcht und Bedrängnis. Und 
damit nicht, Gott behüte, ein Unheil entstehe, haben 
wir uns entsprechend der Aufforderung unserer Ge- 
meinde und ihrer großen Anführer entschlossen , diese 
unsere armseligen Worte in das Lager Eurer Heilig- 
keitzuschicken, um zu erfahren, ob man uns einen Tag 
der guten Botschaft bereiten wird, um von der Krone 
bis zur Wurzel alles zu hören . Wenn die Stimmen , die 
wir hörten, nur wie ein schwebender Turm in der 
Luft sind, werden wir wissen , wie gut es ist, die Leute 
unserer Gemeinde zu beruhigen und sie in ihrer Trauer 
zu- trösten, wenn ihr Traum ihnen wie Schuppen 
von den Augen fällt. Wenn Er es ist, aber wenn er 
sich nicht beeilen wird, so werden wir auf ihn mit 
Zuversicht warten, denn so ist unser Los, und darin 
wird unsere Erlösung sein. Wenn es aber zweifel- 
haft ist, so sagt uns, wohin Eure Ansicht geht. Die 
Augen von ganz Israel sind auf Euch nach Konstanti- 
nopel gerichtet. Dieses sind die Worte der Schüler 
der Heiligen Schule in Venedig, am 8. Adar 426.« 
Konstantinopel antwortet, und zwar in einer kauf- 



222 NEUNTES KAPITEL 

männischen Einkleidung, die sie aus Vorsicht wäh- 
len, weil der Kurier von den Türken abgefangen wer- 
den könnte; »Die schönen Worte von Euren Händen, 
die die Thora und das Gesetz gerichtet haben, die 
heiligen Seiten kamen zu uns und fragen und verlan- 
gen Auskunft über Nozath haisim, über die Ziegen- 
felle, die Rabbi Israel aus Jerusalem gekauft hat. Da 
fiel der Widersacher unter seine Brüder und sagte, 
daß er eine große Sünde begangen habe, daß daher 
sein Geschäft schlecht ausgeheii und er seine Ware 
nicht an den Käufer bringen würde, und daß er schon 
das Vermögen seiner ganzen Familie verschleudert 
habe. Da haben wir die Angelegenheit geprüft und 
uns das angesehen, was der Rabbi Israel, hier gekauft 
hat, denn hier ist seine Ware ausgestellt. Wir haben 
sie als sehr wertvoll befunden . In jedem Lande nimmt 
man sie auf , und wer ihn verleumdet, wird es noch 
vor dem Gericht verantworten müssen. Und wie 
gute und erfahrene Händler es nach Art und Güte der 
Ware beurteilen, wird noch ein großer Gewinn dabei 
sein. Aber man muß abwarten, bis der große Jahr- 
markt kommt. Mit Hilfe Gottes wird er im nächsten 
Jahr sein, und dann wird für teures Blut verkauft wer- 
den. Denn die Hand Gottes ist darüber. Die höch- 
sten Gründe und die Ursache der Ursachen haben 
wir untersucht und sie erforscht und sie geprüft, und 
die Wahrheit ist mit Rabbi Israel. Das hat die Un- 
tersuchung mit aller Bestimmtheit ergeben . Und für 
Euch, die Priester, besteht die Pflicht, diese Wahr- 
heit zu erfüllen, wie es sich gebührt, und Gott wird 
den Frieden richten zwischen den Streitenden, daß 
ihre Taten gut gedeihen, und sie nicht mehr an jener 
Sache zweifeln, denn Rabbi Israel ist gottergeben. 
Damit (}ie Wahrheit allen kund sei, haben wir diesen 



ECHO 223 

Brief geschrieben und unterschrieben, und ist alles 
richtig und wahr und fest und sicher : 
Jomtow Chananjah Ninjakar, Mosche Sagis, Mo- 
sche Galante, Abraham Jachini, Kelew Schemuel.« 
Mit dem Eintreffen dieses Briefes beginnen auch in 
Venedig die Kämpfe für und wider Sabbatai Zewi. 
Sie sind heftig, aber kurz. Soweit nicht Zacuto mit 
seiner Autorität den Gläubigen hilft, erledigen die 
Anhänger den Rest der Gegner unter Anwendung 
von Gewalt . Wie Sabbatai von diesen Vorgängen er- 
fährt, gibt er Primo auf, der Gemeinde seinen Dank 
auszusprechen . Beide, der Messias und sein Sekretär, 
begrüßen die Brachialgewalt als Argument für die Be- 
wegung mit erstaunlicher Offenheit . Dem Sendboten 
Venedigs, Rabbi Mosche ben Nehemias, gibt Primo 
eine Antwort mit, in der es heißt: »Ich hörte von den 
Enden der Welt Gesänge, als jener Mann zu mir 
kam und mir von den Ein wohnern Venezias erzählte, 
wie stark und zuverlässig sie sind, und wie ihr Herz 
glühend wurde . . . « Einen Gegner haben sie sogar 
am heiligen Sabbath geschlagen . Dafür spricht Primo 
ein besonderes Lob aus : »Da komme ich, sie zu loben, 
weil sie das Gute getan haben, denn das sind die 
Worte Sabbatais : es gibt keine größere Heiligung des 
Sabbaths als jene, die diese Leute vornehmen.« Und 
Sabbatai vermerkt in einer Nachschrift zu diesem 
Briefe: »Ihr habt Euch würdig gezeigt. Eure Kraft 
möge wachsen, denn Ihr habt den Grund Eures Glau- 
bens bekräftigt. Ich werde Euch Euren Lohn zahlen, 
der ich ihn an alle Gläubigen mit vollem Maße zahle . 
Bezahlt bekommen werdet Ihr von deni Herrn des 
Friedens und von mir, Israel, Euerm Vater, dem 
Bräutigam, der unter dem Trauhimmel herkommt, 
dem Gemahl der Thora.« Und die Unterschrift: 



224 NEUNTES KAPITEL 

»Der Mann, der der göttliche Messias ist, wie ein 
Löwe, stark wie ein Bär, der auserwählte Sabbatai 
Zewi.« 

Sabbatai darf sich so unterzeichnen. Er darf so spre^ 
chen, ohne die Wirklichkeit verzerrt zu sehen. Die 
Bewegung hat eine Tragfähigkeit erreicht, die sie zur 
Durchführung jedes Experimentes befähigt. Ein'^e 
planvolle Zusammenfassung und Leitung der Mas- 
sen hätte einen Zustand von historischer Dauer ge- 
schaffen. Man braucht für die werbende Kraft der 
Idee nur die Auswirkung unter den polnischen Juden 
betrachten. Allerdings geht sie diese Bewegung im 
erhöhten Maße an. Sie sind am äußeren Leid der 
Zeit und darum am Willen zur Befreiung am meisten 
beteiligt. Dennoch sagt die Spontanität, mit der sie 
antworten. Entscheidendes über die suggestive Macht 
der Bewegung aus . Sie befinden sich noch mitten in 
einer schweren Atempause nach einem Martyrium 
sondergleichen. Sie sind kaum mit dem nackten Le- 
ben davon gekommen und recken doch plötzlich den 
Kopf ganz hoch auf. Sie verkünden mit solcher 
Sicherheit und Unbekümmertheit die Wendung in 
ihrem Schicksal, daß davon die christliche Bevöl- 
kerung betroffen wird und nicht nur an den baldigen 
Eintritt dieses Wandels glaubt, sondern auch in 
Sorge darüber gerät, was denn nun mit ihrem, dem 
christlichen Messias geschehen werde. Wesentlich 
um diese Zweifel zu beseitigen, verfaßt Goljatowsky, 
Theologe in Kiew, ein Buch, »Der wahre Mes- 
sias « , in dem er ungewollt zum Chronisten der da- 
maligen Zustände wird: »Sie verließen Haus und 
Herd, ließen ihr Tagewerk im Stich und faselten da- 
von, daß der Messias sie bald auf einer Wolke nach 
Jerusalem führen würde. Manche fasteten ganze 



ECHO 225 

Tage hindurch, entzogen selbst den kleinen Kindern 
jegliche Nahrung und badeten bei grimmigster Win- 
terkälte in den Flüssen, wobei sie irgend ein neu ver- 
faßtes Gebet zu sprechen pflegten. Auf die Christen 
blickten die Juden voll Hochmut und drohten mit 
ihrem Messias, indem sie sprachen: wartet nur, bald 
werden wir Eure Herreh sein . « Nicht ihre talmu- 
dische Gelehrsamkeit, nicht ihr Deuteln an Wort und 
Sinn und nicht ihre generationenalte Entfremdung 
von der Ursprünglichkeit der Bibel bewahrte sie vor 
dem Schicksal, zu gläubigen Empfängern jedweder 
Nachricht über den Messias zu werden. Vielleicht 
hat auch die Übersteigerung des formalen Intellekts 
sie schon wieder auf die andere Seite und zu einem 
Begreifen tief aus dem Gemüt her gebracht, wie denn 
auch die Gegenbewegung gegen überspitzten Kab- 
balismus und überkonsequenten Sabbatianismus unter 
ihnen und mit den Mitteln des Chassidismus lebendig 
wurde. 

Auch Frankreich, das eine verhältnismäßig geringe 
Judenschaft hat, nimmt die sabbatianische Idee auf. 
In Avignon, wo die Juden von den Päpsten und ihren 
Beamten ständig und mit einer stumpfsinnigen Ge- 
hässigkeit gequält werden, zieht die Gemeinde still 
und unauffällig die Folgerungen aus dem, was ihnen 
berichtet wird. Im Frühjahr 1666 stehen sie mit 
Kind und Kegel bereit zur Abwanderung nach Jeru- 
salem . 

Paris ist in großer und andauernder Aufregung . Ein 
Bericht der Zeit verlautet von dort: »Sie sammeln 
sich unter einem Manne, der nicht, wie berichtet 
wird, sagt, daß er der Messias sei, sondern nur, daß 
er sich auf göttlichen Auftrag hin erhoben habe, die 
zerstreute Nation zu sammeln . . . Abraham Perena, 

15 Kästeln Zewi 



226 NEUNTES KAPITEL 

ein reicher Jude dieser Stadt, ist am letzten Mon- 
tag-mit seiner Familie nach Jerusalem abgereist, Man 
sagt, er habe ein Landhaus im Werte von 3000 £ zu 
viel weniger Geld zum Kauf angeboten, und zwar 
unter der Bedingung, daß der Käufer keinen Pfennig 
eher zu zahlen braucht, bis er sich davon überzeugt 
habe, daß die Juden einen König hätten.« 
In England reagieren Juden wie NichtJuden, die 
einen verhalten, die andern mit einem sportlich ge- 
färbten Interesse . Die Londoner Judenschaft ist noch 
neu und gering. Über die offizielle Zulassung ist 
noch nicht entschieden, aber sie sind trotzdem vor- 
handen und bilden eine Gemeinde, an deren Spitze 
Sasportas steht, von dem noch zu sprechen sein wird. 
Kaum seßhaft geworden, wird ihnen die Nachricht 
vom Ende ihrer Zerstreuung zu einer Quelle der 
Zwiespältigkeit. Ein Bericht der Zeit gibt die tref- 
fendste und kürzeste Formel für ihre innere Verfas- 
sung; »Es sind nur wenige, die daran glauben; doch 
wünschen es viele.« Die Puritaner sind ihnen in der 
Bestimmung des messianischen Jahres 1 666 ja voran 
gegangen, und darum besteht deren Interesse nur in 
der Abschätzung des Zeitraumes, den die Verwirk- 
lichung in Anspruch nehmen wird. Es werden offi- 
ziell Wetten mit der Quote 100:10 daraufhin abge- 
schlossen, daß Sabbatai Zewi spätestens binnen 2 Jah- 
ren als König von Jerusalem ausgerufen werden würde. 
Über den Abschluß solcher Wetten werden regelrech- 
te und rechtsverbindliche Urkunden ausgestellt. 
Keine Gemeinde und kein Land kann sich der Er- 
regung entziehen. In Wien, das Schutzjuden in ge- 
sicherter und wohlhabender Position hat, ist die Er- 
wartung und Bereitwilligkeit überaus groß. In Mäh- 
ren nehmen die Tumulte unter den Juden einen sol- 



ECHO 227 

chen Umfang an, daß der Landeshauptmann Graf 
von Dietrichstein öffentliche Manifeste zur Beruhi- 
gung der Bevölkerung verbreiten lassen muß. Von 
den Juden in Ungarn wird behauptet, daß sie schon 
begonnen hätten, die Dächer ihrer Häuser abzu- 
decken. Von Marokko kommt eine Meldung, daß 
der Emir eine Verfolgung der Juden angeordnet habe, 
weil sie sich allzu offen und nach Auswanderung be- 
gierig zu ihrem Messias bekannt hätten . 
Den lebhaftesten und aus seinen inneren Ursachen 
lebendigsten und wertvollsten Widerhall findet die 
messianische Botschaft in den beiden großen Juden- 
zentren Amsterdam und Hamburg. An beiden Orten 
wird das äußere und innere jüdische Leben durch die 
Menge der spanischen und portugiesischen Juden be- 
stimmt und beeinflußt. Sie haben, insbesondere in 
Amsterdam, keine materiellen Sorgen, sind sogar zum 
Teil recht wohlhabend. Sie genießen in Holland 
Rechte, die schon jetzt im Begriff sind, volle staats- 
bürgerliche Gleichheit darzustellen. In Hamburg 
sind sie davon noch weit entfernt und müssen noch 
Beschränkungen hinnehmen, deren einziger Sinn oft 
die Schikane ist. Aber die Hamburger sind Kaufleute 
und sitzen am Meere, zwei Vorbedingungen von 
Weitsichtigkeit und aus der Vernunft erwachsenden 
Duldsamkeit. So ist das Leben für die Juden also 
auch hier erträglich und für die Zukunft hoffnungs- 
reich. Dennoch beginnen sie zu zittern und zu fie- 
bern, wie die Nachrichten aus dem Orient kommen. 
Es ist das innere Leid des Marranentums, das hier 
angerufen wird, ein Leid, das nicht so brutal ist 
wie das der polnischen Juden, sondern ein sublimier- 
tes Leid, und darum vom Geistigen her mit seiner be- 
sonderen Wirkungskraft ausgestattet. Sie sind alle- 

15* 



228 NEUNTES KA.PITEL 

samt Rückkehrer in den heimatlichen Bezirk ihres 
Glaubens, und die Botschaft vom Messias ist folglich 
nur die Fortsetzung ihres Weges, logische Ergän- 
zung ihres Heimweges, Abschluß und Vollendung 
ihrer Sehnsucht nach einem Ausruhen im Umkreis 
ihres Volkes . Aber gemäß dem Wege, den siegegan- 
gen sind, nach ihrer Vorgeschichte und Entwicklung 
begreifen sie die messianische Idee zwar nicht ohne 
ihren mystischen Gehalt, aber doch weltlicher, sach- 
licher, politischer als das orientalische und polnische 
Judentum. Was den andern ein neuer Beginn ist, 
erleben sie als Fortsetzung auf einer höheren und 
klareren Ebene. Darum überwiegen in der Art, wie 
sie antworten, die leidenschaftliche Freude und der 
entfesselte Jubel über die dunklen und schmerzlichen 
Büß werke. 

Amsterdam ist schon seit langem der Ort, an dem 
gute Köpfe und offene Herzen sich um den letzten 
Sinn ihres jüdischen Inhaltes bemüht haben. Der 
Wille zu einem jüdischen Dasein ist dort in immer 
neuen Manifestationen ausgebrochen. Das Schick- 
sal des Uriel da Costa ist hier noch nicht vergessen . 
Er, Sprößling einer alten Marranenfamilie, dessen 
Vater ein strenger Katholik ist, erwacht eines Tages 
zur Erkenntnis seiner blutmäßigen und geistigen Zu- 
sammenhänge, tritt spontan wieder zum Judentum 
über und entflieht nach Amsterdam. In dieser Stadt, 
von der die Marranen heimlich, wie von einem Para- 
diese flüstern, hofft er jede Erfüllung zu finden. Aber 
was er sieht, enttäuscht und bekümmert ihn. Dieses 
rabbinische Gebäude soll das Judentum sein, das er 
sich aus dem Lesen der Bibel vorgestellt hat.? Er ver- 
neint es. Er ignoriert eine Entwicklung, die ihm 
falsch und widerspruchsvoll scheint. Er beginnt, so 



ECHO 229 

ZU leben, wie er es nach seiner Auslegung der Bibel 
für richtig hält. Aber unter dem Regime eines de 
Herrera ist das unmöglich. Es wird der Bann gegen 
ihn ausgesprochen . Da Costa erträgt diesen Ausschluß 
aus seiner Gemeinschaft nicht lange. Er kriecht zu 
Kreuze und wird wieder aufgenommen. Aber der 
Rebell in ihm lebt weiter. Er zweifelt an allem., auch 
an der Unsterblichkeit der Seele. Seine Schrift dar- 
über wird verurteilt und verbrannt. Wieder steht er 
an der Grenze des Ausschlusses . Er widerruft seine 
eigenen Gedanken, Trotz im Herzen. Und dieser 
Trotz eines Hebenden Kindes liefert ihn zum zweiten 
Male dem Bann aus. Wieder beugt er den Nacken, 
weil er, der Heimkehrer aus innerer Not, nicht wieder 
vor den Toren stehen kann. Erniedrigend und de- 
mütigend sind die Zeremonien, unter denen man 
seine Freisprechung zuläßt: er liegt auf der Schwelle 
der Synagoge, und die Frommen gehen Mann für 
Mann über ihn hinweg. Da hat es ihn zerbrochen. 
Er verewigt seih Schicksal, seinen Trotz und seinen 
Zweifel in der Schrift »Ein Beispiel des menschlichen 
Lebens«. Er wartet nicht ab, bis die anderen ihm 
beweisen, daß er ein Irrender und Lügner sei. Er 
erschießt sich im Jahre 1640. 
Sein Genosse und dennoch sein Widerpart im Zwei- 
fel und im Schicksal ist ein anderer Marranenspröß- 
ling, Baruch de Spinoza, Heimkehrer gleich ihm, der 
die Räume des väterlichen Hauses zu eng findet. 
Aber der sieht nicht auf sein persönliches Schicksal , 
sondern auf das des Menschen, der Wahrheit, des 
Geistes . Kein persönliches Sentiment biegt ihm den 
Nacken. Während noch immer Marranen eintreffen, 
um sich endlich zum Judentum bekennen zu dürfen, 
streift er es von sich ab, als zu eng, als in seiner Idee 



230 NEUNTES KAPITEL 

ZU wenig verpflichtend für die Menschheit. Während 
Sabbatai Zewi durch den Orient wandert, um sich 
auf eine Messianität aus letzter jüdischer Tradition 
vorzubereiten, verfällt Spinoza, 1656, dem großen 
Bann wegen seiner Irrlehren, die die jüdische Tra- 
dition in Gefahr bringen. Und während Sabbatais 
Ausrufung zum Messias in Amsterdam bekanntwird, 
sitzt er abseits, nur noch objektiver Beschauer der 
Vorgänge, und äußert nach eingehender Prüfung des 
Für und Wider, es bestehe sehr w^ohl die Möglich- 
keit, daß die Juden von dieser günstigen Konstella- 
tion Gebrauch machten und das jüdische Reich wie- 
der herstellten . 

Die Amsterdamer Juden sind diesmal mit ihm einer 
Meinung, aber aus Geschick und Temperament her 
verfügen sie nicht über diese kühle Objektivität . Zwar 
sind auch unter ihnen viele Gelehrte von Ruf und 
Ansehen, aber ein besonderes Kolorit des geistigen 
Lebens, eine wichtige Nuance der Empfindsamkeit, 
des Pathos , der Romantik und der Schwärmerei , eine 
besondere Phantasie für das Aufnehmen von Nach- 
richten und Situationen sind durch die große Anzahl 
marranischer Poeten gegeben und in Wirksamkeit ge- 
setzt. Es sind keine großen Schöpfer, aber das Dich- 
ten in jeder Gattung ist ihnen Lebensbedürfnis . Seit 
Manuel de Belmonte ihnen eine poetische Akademie 
gegründet hat, blühen sie im wahren Sinne des Wor- 
tes auf. Es sind interessante und lebendige Menschen 
unter ihnen, so Fray Vicente de Roqamora, ein Mönch 
aus Valencia, ehemals Beichtvater der Infantin Maria , 
die später Kaiserin von Deutschland und überzeugte 
Judenfeindin ist. Jetzt ist er Arzt, Gemeindevor- 
steher und zufriedener Hausherr in Amsterdam. Da 
ist der spanische Offizier Enrique Enriquez de Paz, 



ECHO 231 

dessen Bild man verbrannte, da man seiner selbst 
nicht habhaft werden konnte . Jetzt ist er wieder Jude 
und schreibt in Amsterdam Komödien. So gibt es 
ihrer viele, und es ist verständlich, daß sie aus vollem 
Überschwang auf das Erscheinen des Messias reagie- 
ren. Ihre Freude ist wie die eines David, der vor der 
Bundeslade tanzt. Sasportas, der große Gegner, be- 
richtet: »Amsterdam wogte und brauste. Durch die 
Plätze und Straßen bewegten sich im tanzenden 
Schritt unter Trommelschlag große Haufen von Men- 
schen. Auch die Synagogen waren voll von Tanzen- 
den, die die Thorarollen in den schön bestickten 
Überzügen aus dem Schrein hoben, um sie auf die 
Straße hinaus zu tragen. Der Mißgunst und der 
Feindseligkeit der christlichen Bevölkerung wurde 
nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt, viel- 
mehr verkündete man überall mit lauter Stimme die 
neu eintreffenden Nachrichten, ohne sich durch den 
Spott der Christen irgendwie beirren zu lassen.« 
Amsterdam wird, schon wegen seiner weiten Han- 
delsbeziehungen, zu einer Nachrichtenzentrale. Der 
Ort, an dem sie bekannt gegeben werden, ist nicht 
nur die Synagoge, sondern vor allem auch die täg- 
liche Börse. Dort laufen insbesondere die Briefe der 
Handelskorrespondenten ein. Bedenkliche, die ihre 
Vertreter im Orient noch einmal um besondere Aus- 
kunft ersucht haben, ob Sabbatai Zewi wirklich der 
Messias sei, bekommen die lakonische Antwort: 
»Huh, welo acher; er und kein anderer.« Der Brief 
geht auf der Börse von Hand zu Hand. Ein Kauf- 
mann ist unter ihnen, Anatia, der Wasser in ihren 
Wein gießen will. Er versucht, den anderen aus dem 
Talmud zu beweisen, daß der Messias nicht kommen 
könne, da nicht einmal seine Vorgeschichte erfüllt 



232 NEUNTES KAPITEL 

sei. Sie sehen ihn scheel und abweisend an. Wie sie 
zum Mittagessen heimgehen, erfahren sie, daß den 
Anatia während der Mahlzeit der Schlag getroffen 
habe. Das ist ein eindrucksvoller Vorgang, weil ihnen 
der Zusammenhang völlig klar ist. Es gibt von da an 
nicht mehr sehr viele offene Gegner. 
Die Nachrichten und ihre Urheber sind nicht immer 
sehr zuverlässig, und mancher Wunsch wird als Tat- 
sache berichtet. Aber das verschlägt bei dem Zu- 
stand der Gemüter nichts . Es genügt etwa ein Brief 
der Rabbiner von Jerusalem, in dem sie ihrem Glau- 
ben Ausdruck geben, daß der Tempel nun bald wie- 
der hergestellt würde. Das ruft unmäßige Freude 
hervor. Sie veranstalten große Illuminationen .. Die 
Synagogen und jeder Winkel ihres Hauses sind voll 
von Lichtern. 

Sie machen in ihrer Weise auch völlig Ernst mit den 
Ereignissen und ihrer Bereitschaft. Es werden beson- 
dere Festtage veranstaltet, die mit Lichtern und Psal- 
mensingen und in Anwesenheit vieler NichtJuden in 
den Synagogen gefeiert werden . Die Druckereien sind: 
überlastet mit der Herstellung eines kleinen Buches in 
hebräischer, spanischer und portugiesischer Sprache, 
in dem Anweisungen für die innere Vorbereitung auf 
die Messiaszeit gegeben werden , Beschreibungen von 
Bußübungen und Gebete und Anrufungsformeln . Es 
taucht auch ein kleines Buch auf, 4n dem schon die 
Feierlichkeiten und Zeremonien verzeichnet stehen , 
mit denen der Messias empfangen und gekrönt wer- 
den soll . Es setzen Änderungen der Gebetsordnungen 
ein. Während der große Priestersegen sonst nur an 
den hohen Feiertagen gesprochen wird, sagt man ihn 
jetzt an jedem Sabbath, weil die Zeit der Erfüllung 
doch so nahe ist. Schon beginnt man hier und da, 



ECHO 233 

wie an anderen Orten, mit dem Verkauf der Häuser . 
Alles das geschieht von sehr klugen, aufgeklärten und 
nachdenklichen Menschen. Sie erhalten ihre beson- 
dere Legitimation dadurch, daß sich die angesehensten 
Vertreter der Gemeinde und Gelehrte wie Abraham 
Pereyra, Isaak Naar, Benjamin Mussafia, de Gastro 
und andere der Bewegung anschließen. So wird die 
Stadt der »Gelehrten und Dichter« zu einem lauten 
Echo auf den Anrufeines Menschen und einer Idee. 
Die Anwesenheit von Marranen in Hamburg bedingt 
es, daß sie in ähnlicher Weise wie ihre Schwester- 
gemeinde Amsterdam antwortet. Sie stehen auch in 
einem ständigen Austausch der Nachrichten mitein- 
ander . Ihre Freude über die Ereignisse bekommt noch 
eine besondere Note dadurch, daß sie daraus eine be- 
wußte Demonstration gegen die Schikanen ihrer Um- 
gebung machen. Die Anhänger Sabbatais, die Sefar- 
dim, sind auch hier in der Überzahl. Unabhängig 
von ihrer Gemeinde besteht die jüngere, aschkena- 
sische Gemeinde, die aus polnischen und deutschen 
Juden besteht. Bei denen ist aus Temperament und 
Entwicklung die Begeisterung weniger stürmisch, 
aber die allgemeine Freude können sie darum nicht 
verkümmern. In den Memoiren der Glückel von 
Hameln spiegeln sich diese Zustände. »Was für Freu- 
de herrschte, wenn man Briefe (aus der Türkei) be- 
kam, ist nicht zu beschreiben. Die meisten Briefe 
haben die Sefardim bekommen. Sie sind immer da- 
mit in ihre Synagoge gegangen und haben sie dort 
vorgelesen. Auch Deutsche, Jung und Alt, pflegten 
sich dann dort einzufinden . Die jungen Portugiesen 
haben allemal ihre besten Kleider angetan und sich 
grüne, breite Seidenbänder umgebunden , - das war 
dieLivree von Sabbatai Zewi . So sind sie alle»mitPau- 



234 NEUNTES KAPITEL 

ken und Reigentänzen« in ihre Synagoge gegangen 
und haben mit einer Freude »gleich der Freude beim 
Wasserschöpfen« die Schreiben vorgelesen. Manche 
haben Haus und Hof und alles ihrige verkauft und 
erwarteten jeden Tag die Erlösung. Mein seliger 
Schwiegervater, der in Hameln wohnte, ist von 
dort weggezogen, hat sein Haus und seinen Hof und 
alle guten Hausgeräte stehen lassen und seine Woh- 
nung nach Hildesheim verlegt.« Der Schwiegervater 
der Glückel ist ein sehr sorgsamer Mann. Er schickt 
an seine Kinder nach Hamburg einige Fässer mit 
Leinenzeug und getrockneten Lebensmitteln, da er 
annimmt, mian werde von Hamburg aus auf dem di- 
rekten Wege nach Palästina fahren . Nach langen Mo- 
naten, wie alles vorüber ist, packt man die Fässer end- 
lich aus, damit die Sachen nicht verderben. 
Man hat in Hamburg das Schicksal Sabbatais schon 
seit längerer Zeit aufmerksam verfolgt, und es ist im- 
mer ein Zweifel geblieben, als welcher der erwarteten 
Messiasse er sich erklären werde, als der endgültige, 
als der Messias aus dem Stamme David, oder als sein 
dem Untergang geweihter Vorläufer und Wegberei- 
ter, als der Messias aus dem Hause Benjamin, Die 
Selbstausrufung Sabbatais in Ismir im Dezember 
1665 beseitigt diese Zweifel. Er ist nach seinen eige- 
nen Erklärungen der endgültige Messias aus dem 
Hause David . Diese Nachricht wird mit Zufrieden- 
heit und Jubel empfangen . Leute von gewichtigem 
Ansehen entscheiden sich für den Anschluß an die 
Bewegung, so Manuel Texeira, der Resident und 
Bankier der Königin Christine von Schweden, ebenso 
ihr Leibarzt, der angesehene und befähigte Benedikt 
de Castro. Nur Sasportas, der unentwegte Gegner, 
bleibt der Bewegung fern. In ohnmächtigem Zorn 



ECHO 235 

muß er feststellen, daß er der einzige Nüchterne in 
einem Kreise von Trunkenen ist. Er klagt: »Und als 
ich dies alles mit ansah, vergoß ich ob dieses Schau- 
spiels, wiewohl es des Gelächters würdig wäre, stille 
Tränen, voller Kummer über die Leichtgläubigkeit 
dieser Menschen, aus deren Geiste jede Erinnerung 
an unsere wahren Propheten und an unsere Über- 
lieferung geschwunden war . « 

Sasportas klagt vielleicht zu Recht über die Leicht- 
gläubigkeit dieser Menschen, aber er trifft damit nicht 
den Kern der Sache. Entscheidend ist, daß alle Nach- 
richten einer generationenalten , stets lebendigen und 
überzüchteten Erwartung immer neue Nahrung ga- 
ben, und daß bei solcher inneren Situation die Kon- 
trolle der Vernunft eine theoretische Forderung 
bleibt. Gewiß kommen neben authentischen auch 
falsche, übersteigerte, phantastische Berichte, aber 
schon daß sie solche Verbreitung erfahren, beweist, 
daß auch nach den Wunderberichten und Legenden 
ein Bedürfnis besteht. Und sie entstehen in immer 
neuen Varianten, und zwar zumeist aus nichtjüdi- 
schen Quellen . Sie lassen Sabbatai neue Wunder tun . 
Er hat den Tod von Verschiedenen vorausgesagt, die 
unmittelbar darauf gestorben sind . Er hat auf einem 
öffentlichen Platz ein Feuer anzünden lassen und ist 
mehrmals hindurchgegangen, ohne Schaden zu neh- 
men. Er ist eines Nachts, als er seiner Gewohnheit 
gemäß ausging, um das Tauchbad zu nehmen, der 
türkischen Wache begegnet, die ihn festnehmen will. 
Der Anführer will ihm eins mit der Hellebarde ver- 
setzen. Da erstarrt er plötzlich und sein rechter Arm 
ist verkrüppelt. Und in Jerusalem, wo gestern noch 
Sabbatais Gegner saßen, ereignen sich große Wun- 
der. Langsam beginnt der versunkene und zerstörte 



236 NEUNTES KAPITEL 

Tempel aus der Erde zu steigen . Schon heben sich 
die Mauern; Räume, die sonst unter Schutt lagen, 
beginnen sichtbar zu werden . Das hat den türkischen 
Gouverneur verdrossen, und er hat Soldaten ausge- 
schickt, die auch noch die Reste des salomonischen 
Bauwerkes niederreißen sollten. Aber wie sie an die 
Mauer kommen, werden sie von einer unsichtbaren 
Hand erschlagen . Er schickt neue Soldaten . Es wider- 
fährt ihnen das gleiche Schicksal . Ihn packt der Zorn 
und er bewaffnet sich selber mit einem Hammer. Wie 
er auf die Mauer einschlagen will, wird er plötz- 
lich gelähmt. Aus Mitleid heilt ihn ein Rabbiner 
durch sein Gebet. 

Auch die Nachricht von den zehn verlorenen Stäm- 
men taucht in vielfacher Form wieder auf. Es kommt 
über Jerusalem eine Meldung, »daß in Persien auf 
der Seite von Susa fast 8000 besondere Haufen, in 
der Barbarey aber und in den Wüsten von Tafilette 
mehr als 100.000 Juden bereit wären, ihm als ihren 
König und Propheten zu folgen . . . « Andere wissen, 
daß ein Mann namens Jerobeam die Juden >>in der 
ansehnlichen Stadt Aden und im glücklichen Arabien 
in dem Königreich Elal« zu einem Aufstand bewogen 
habe. Sie hätten sich bereits mit bewaffneter Hand 
der Städte Sidon und Mekka bemächtigt, Moham- 
meds Grab gestürmt und 30.000 Türken dabei nie- 
dergesäbelt. Es vermerkt dazu ein Chronist, daß die 
Türken auf die Zerstörung von Meldca mindestens 
mit großen Geldstrafen für die Juden, wenn nicht 
mit ihrer Ausrottung antworten müßten . Und da sol^ 
ches noch nicht berichtet sei, könne die Zerstörung 
der Stadt nicht als bewiesen gelten . 
Der Orient ist in dieser Zeit überhaupt mit Wun- 
dern gesegnet. Gelehrte und heilige Männer, die 



ECHO 237 

schon vor mehr als hundert Jahren gestorben sind, 
beginnen aus ihren Gräbern zu reden. Der Prophet 
Zacharjah ist wieder auferstanden, um seinen Teil 
an Vergebung für die Sünden der Juden auszuspre- 
chen. Ständig steht ein geheimnisvolles Licht über 
Jerusalem. 

Bei allen Antworten, die die Juden auf die Nachricht 
von ihrer baldigen Befreiung geben , vermißt man eine : 
die Dichtung . Sie singen , sie tanzen , sie jubeln ; aber 
sie dichten nicht. Was hier geschah, war schon eine 
Dichtung. Es blieb bei der engen Folge der Ereig- 
nisse auch keine Zeit für das Ausreifen von Dicht- 
werken. Und als sie Zeit hatten, nachzudenken und 
erneut Vergangenheit in sich zu bilden, verschloß 
ihnen die Scham den Mund. Von Litaneien abge- 
sehen, die den Charakter von Gebeten tragen, ist 
nur ein, einziges, unbeholfenes, schlichtgläubiges Lied 
überliefert. Es hat einer von jenen geschrieben, die 
schon alles Erdulden hinter sich hatten und die darum 
ganz unbeschwert und hofFnungsfreudig sein konn- 
ten , einer aus dem Osten . Jakob Taussk ist der Ver- 
fasser . Er ist kein Dichter, und sein Lied ist zudem 
aus dritter Hand überliefert, wie der Titel lehrt: »Ein 
schön neu Lied vom Messia, anfangs dem vermein- 
ten jüngsten Messiaeim Morgendland Schabbasi Zeb- 
bi von Jakob Taussk von Prag zu Ehren aufgesetzt 
und im Jahr 1 666 in Amsterdam mit jüdischer Schrift 
gedruckt; jetzo aber, damit der Juden blinde Tor- 
heit unter den Christen bekanter werde. Auhs dem 
holländischen Jüdischen Exemplar, mit behaltenem 
Dialecto, nachgedruckt in Breslau, Im Jahre unseres 
wahren Messias 1670«. 

Taussk dichtet ungelenk, so wie schlichte Menschen 
aus dem Volke dichten, wenn ihnen das Herz über- 



238 NEUNTES KAPITEL 

geht und ihre Alltagssprache nicht mehr hinreichen 
will, ihnen ein Ausdruck zu sein. Er glaubt alles, 
was er an Nachrichten gehört hat. Er knüpft daran 
bewegliche Mahnungen an seine Brüder, das alte 
Leben von sich zu tun. Was sollen jetzt noch Ge- 
schäft und Verdienst und Ansammeln von Geld ? 

Thut eich nit säumen, Brider mein. 
Kein Geld solt ihr nit sparen . 
Wenn wir kummen in heiligen Land, 
sein mir nei geboren : 
Weil uns wil geben der libe Gott 
was er uns versprochen hot ... 

Er spricht ihnen Mut zu: habt keine Angst, liebe 
Brüder. Die Türken werden unsere Knechte sein» 
Sie werden uns die Gläser ausschwenken, aus denen 
wir auf das Wohl unseres Messias trinken . Wir wer- 
den nicht mehr arbeiten . Wir werden nur noch Thora 
lesen. Gott wird uns dabei behüten, und wir brau- 
chen keine Furcht mehr zu haben . - Und cjaiin be- 
ginnt er, der Mensch des abgeschlossenen Raumes, 
des Buches, des Lernens, des Grübelns, plötzlich die 
Sonne und den Mond und die Sterne anzurufen, hat 
plötzlich wieder Beziehung zu einem Ding in der 
Natur: 

Nun scheine Sonn und zieh dich aus, 

und schein uns wakker f leissig . 

Josua hast Du ach gedint, 

da er hat der schlagen Mlochim (Könige) ein und 

dreißig ... 
Lebhanah (Mond) kum du ach einher 
leicht mit all die Steren . 



ECHO 239 

Da unser Eltern aus Golus Mizrajim (ägyptische 

Zerstreuung) gingen, 
leicht du ihn ach gar geren . 
Du bist eitel derbarmkeit, 
derlihs uns ach mit gruhser Freid , * . 

Wenn ein solches Gedicht auch nichts für die poeti- 
sche Qualität der Zeit bedeutet, so besagt es doch 
viel für die geistige Verfassung der Zeit. Menschen, 
die so denken und empfinden, sind für Gegenargu- 
mente sehr unzugänglich . Die Gegnerschaft erreicht 
sie einfach nicht. Zudem ist die Zahl derer, die Sab- 
batai ablehnen, recht gering. Hier und da zeigt sich 
Widerstand bei den Orthodoxen im strengeren Sinne . 
Sie zweifeln nicht einmal an Sabbatai oder dem Ein- 
tritt der niessianischen Zeit noch in ihren Tagen . 
Aber die verpflichtende Heiligkeit von Gesetz und 
Tradition ist für sie so übermächtig, daß sie es nicht 
ertragen, sie angetastet zu sehen. Sie wissen genau, 
daß mit dem Anbruch der verheißenen Zeit die Ge- 
setze hinfällig werden. Aber nun es so weit ist, 
schrecken sie davor zurück. Sie haben sich, um bis 
zur Befreiung ihres Volkes nicht unterzugehen, mit 
so starken Sicherungen umgeben, daß sie daran zu- 
grunde gegangen wären, auch wenn die Zeit ihnen 
die wirkliche Befreiung gegeben hätte . So hat nicht 
ihre Gläubigkeit und nicht ihr Instinkt sie gerettet, 
sondern nur ihre Beharrung. Allerdings gibt ihnen 
. im Augenblick diese Beharrung keine wirksame Waffe 
gegen die Sabbatianer. Sie werden so befehdet und 
verfolgt und angegriffen, daß sie sich nur in das 
Schweigen hinein retten können. Auch die Gegner 
aus anderen Gründen müssen schweigen, da Ver- 
nunft und Zweifel keine Waffen gegen Gläubigkeit 



240 NEUNTES KAPITEL 

und Begeisterung sind* Sie sichern sich inzwischen 
für die Katastrophe, die sie als gewiß voraussehen, 
dadurch, daß sie heimlich Ersparnisse zurücklegen 
und ihre Sachen, die sie doch im Glauben an die bal- 
dige Auswanderung hätten verkaufen sollen, ver- 
stecken. ■ y 
Nur ein Mann ist in der Zeit, der es sich zur Aufgabe 
macht, Gegner des Sabbatai Zewi zu sein, ihn mit 
allen Mitteln zu bekämpfen und die Juden immer von 
neuem vor der Bewegung zji warnen: Jakob Sas- 
portas. Er ist 1610 in Oran geboren und amtiert 
schon mit 24 Jahren in seiner Heimat als Rabbiner. 
Fälsche Anklagen bringen ihn auf einige Zeit in das 
Gefängnis , Er bricht von dort aus und entflieht nach 
Amsterdam . Dort lernt er Manasse ben Israel kennen 
und begleitet ihn nach London, um ihn bei den Ver- 
handlungen über die Zulassung der Juden zu unter- 
stützen. Er bleibt in dieser neuen, inoffiziellen Hei- 
mat als Rabbiner, bis ihn 1665 die Pest aus London 
vertreibt. Er begibt sich nach Hamburg. Dort er- 
reichen ihn die ersten Nachrichten von den Vorgän- 
gen in Ismir. Spontan lehnt er sich gegen alles auf, 
was dort ist und was dort geschieht: gegen Sabbatai, 
gegen sein Messias tum, gegen die Anhänger und die 
Wundergläubigen, gegen den Propheten Nathan, ge- 
gen Primo, gegen Sarah, gegen jede Äußerung und 
jeden Vorgang. Er ist an sich keine kämpferische Na- 
tur, sondern ein wohlwollender und gütiger Mensch. 
Er, erkennt auch die Grundlagen der Kabbala an, 
wohl schon aus dem Grunde, weil es in der Zeit keine 
anderen Möglichkeiten gibt, religiös-mystische Be- 
dürfnisse zu befriedigen . Aber daneben ist er nicht 
nur ein ausgezeichneter Kenner des Talmud, sondern 
auch ein geschulter Rationalist. Vor allem aber ver- 




Bußübungen der Sabbatianer in Saloniki 



ECHO 241 

fügt er über zwei Eigenschaften, die ihn notwendig 
zum Gegner machen : er ist im Orient aufgewachsen , 
kennt die Menschen und ihre Art, auf Worte und 
Vorgänge zu reagieren, weiß, mit welchem Ausmaß 
an Phantasie sie die Dinge erleben, und welche Vor- 
sicht demnach geboten ist, wenn man ihnen glauben 
soll, und sodann; er hat einen guten Instinkt für 
Menschen und einen besonderen, aus der wachsen- 
den Feindschaft gestärkten Instinkt für den Men- 
schen, der sich da in Ismir aus eigener Machtvoll- 
kommenheit zum Messias aufgeworfen hat. Jede sei- 
ner Handlungen wertet er kritisch, wie mit Recht 
anjedem Menschen, der das Ungewöhnliche für sich 
in Anspruch nimmt, doppelte Kritik zu legen ist. 
Und da verbleibt fast nichts, was vor seinem abr 
wägenden Verstand bestehen kann. Da begreift er 
als Ergebnis nur eine ungeheure seelische und poli^ 
tische Gefahr für die gesamte Judenheit. Diese Er- 
kenntnis legt ihm Verantwortung auf, und er beginnt, 
an die Rabbiner in der ganzen Welt Briefe zu schrei- 
ben, daß sie als Führer ihrer Gemeinden in ihrem 
Kreise die Bewegung aufhalten sollten. 
Es ist für den Augenblick eine nutzlose Bemühung. 
Er bekommt ausweichende Antworten. Andere be- 
kennen sich offen und ausdrücklich zu Sabbatai und 
zur Bewegung. Andere beschimpfen ihn als eineh 
Ungläubigen. Er muß Drohungen über sich ergehen 
lassen. Er wird verfeindet und verachtet Und isoliert. 
Es hat endlich keinen Zweck mehr, daß er den Mund 
auftut. Es hört ihm niemand mehr zu, geschweige 
denn, daß man ihm antwortet. So verstummt er ohn- 
mächtig, wird Zuschauer, wird ein eifriger, beharr- 
licher Sammler aller Nachrichten und Dokumente 
über Sabbatai Zewi und seine Anhängerschaft, und 

16 Kastetn Zewi 



242 NEUNTES KAPITEL 

vollendet in Hamburg im Jahre 1673 seine große An- 
tisabbatiana, einen Vorwurf zu einer Tragödie, in der 
Ruf und Antwort sich verfehlen . 
Soweit Sasportas in dieser Schrift nicht nur Tat- 
sachen mitteilt, sondern sich mit der religiös-mysti- 
schen Idee, mit der Glaubenslehre, mit dem System 
des Sabbatianismus auseinandersetzt, leistet er zwar 
wichtige religionshistorische Arbeit, kann aber da- 
mit in der Zeit selbst nichts bewirken . Es mag einst- 
weilen dahingestellt bleiben, ob Sabbatai über- 
haupt ein eigenes religiöses System geschaffen hat, und 
ob es nicht vielmehr die geistigsten seiner Anhänger 
waren, die ihm Worte in den Mund legten, Gedan- 
ken zuschrieben und Konsequenzen zumuteten, die 
ihre eigenen waren . Die große Masse war weder wil- 
lens noch imstande^ den theoretischen Teil der Be- 
wegung zu begreifen, Paß hier die kabbalistische 
Welt an ihrem Krisenpunkt stand und die leiden- 
schaftliche Konsequenz eines Abraham Cardoza im 
Begriff war, ihr den Todesstoß zu versetzen, moch- 
ten sie ahnen; aber sie sahen es nicht. Was sie in die- 
sem Augenblick begreifen, ist nicht der religiöse Dis- 
put, sondern die Heilsidee. Der Bezirk ihres Glau- 
bens ist voll davon. Sie haben nie ihren Propheten 
Hosea vergessen, der von dem »Tage von Jesreel« 
spricht. Das ist nicht die Stadt der Blutschuld Jehus, 
sondern ein Wort, das bedeutet: Gott worfelt, Gott 
zerstreut. In ganz frühen Zeiten ihrer religiösen Exir- 
stenz ist ihnen eine strahlende Zukunft schlechthin 
verheißen worden, eine Zukunft, die ihnen von sel- 
ber zufallen und zuwachsen mußte, wenn sie nur der 
Idee ihres Volkes und ihres Gottes treu blieben. Ihre 
Treulosigkeit hat diesen organischen Ablauf zerrissen . 
Was sie jetzt erwarten können, ist Gnadengeschenk, 



ECHO 243 

auf das sie eine Hoffnung, aber keinen Anspruch ha- 
ben. Ob das, was Sabbatai Zewi ihnen anbietet, aus 
diesem Gnadengeschenk kommt, kann nur im ganzen 
bejaht oder im ganzen verneint werden . Disputieren 
läßt sich darüber nicht. Darum ist ihr Haß und ihre 
Verachtung groß gegen alles, was in diesem Augen- 
blick, statt zu glauben, Argumente gegeneinander ab- 
wägt. 

Eine bei aller ErnstH'aftigkeit ergötzliche Situation 
verdeutlicht solche Einstellung recht lebhaft. Tomas 
Coenen, der protestantische Geistliche in Ismir, sehr 
um Klärung und Aufklärung bemüht, begibt sich 
eines Tages, während Sabbatai Zewi schon in Kon- 
stantinopel ist, zu seinem jüngsten Bruder in dessen 
Haus, unterhält sich einiges mit ihm, und beginnt 
dann einen theologischen Disput . Zewi hört sich seine 
Argumente stillschweigend an und antwortet end- 
lich: das wäre nicht sein Gebiet, aber Tuche und 
Gewebe kenne er gut. - Coenen muß von der Theo- 
rie ablassen und fragt den Zewi nach dem Messias. 
Zu seinem Verdruß beschränkt sich der Bruder dar- 
auf, den Messias sehr zu loben . Darum führt er ihm 
eine Reihe von Gründen an,, mit denen er beweisen 
will, daß Sabbatai nicht der Messias sein könne. 
Da antwortet ihm Zewi : »Wenn Gott den Bruder 
auserwählt hat, wird er sich schon durch ihn bewei- 
sen«, und beendet das Gespräch. 
Einer besonderen Gegnerschaft in dieser Zeit muß 
noch gedacht werden : der der nichtjüdischen Bericht- 
erstatter, insbesondere der Theologen unter ihnen. 
Sie sind sehr zahlreich . Sie greifen begierig diesen 
unerhörten Stoff auf und verarbeiten ihn, wenn sie 
auch meistens die tatsächlichen Vorgänge skrupellos 
/ bis zur seitenweise wörtlichen Übereinstimmung 

- 16* 



244 NEUNTES KAPITEL 

einer vom anderen abschreiben . Sehr oft entstellen 
und verfälschen sie ihn auch und geben ihm Form 
und Wendungen, die auf das höhnische Gelächter der 
Leser spekulieren. Das ist, wenn auch nicht zu bil- 
ligen, so doch sehr wohl zu verstehen, denn es geht 
ihnen garnicht darum, ehrliche Historiker zu seinT, 
sondern es geht um die Dinge des Glaubens, die 
dahinter stehen. Und die werden mit einer erstaun- 
lichen Gehässigkeit und Verächtlichkeit vorge- 
tragen . Einige Zitate mögen das deutlich machen. 
» . . . was länger denn vor tausend Jahren von 
den Juden geschrieben Augustinus, tractat. 113 
in Johannem: sie verlassen das Himmlische, be- 
gehren das Irdische; das ist und bleibt noch zur 
Zeit wahr an den heutigen fleischlichen Israeliten . . . 
Der Christengeist bekennt, daß Jesus Christus in das 
Fleisch gekommen sei. Darum ist der Christ Geist 
von Gott. Hingegen der heutige Judengeist bekennt 
nicht, daß Jesus (als Christus oder Messias) in das 
Fleisch gekommen sei. Folglich ist der Judengeist 
nicht von Gott«. »Es werden heutigen Tages etliche 
Christen gefunden, die mit allem Fleiß von der neuen 
Juden-Messias- Zeitung erdichten, schreiben, druk- 
ken lassen und als lauter messianische und propheti- 
sche Wahrheiten den ohne das verdüsterten Messias- 
begierigen Juden vorlesen, erklären. . .« Und ein 
anderer: »warum nimmt man unseres wahren Mes- 
sias Wunder nicht an.'* ... daß nicht etliche Juden- 
genossen in der ersten Hitze sollten gewonnen wor- 
den sein, wollen wir nicht leugnen . . . Das ärgste ist, 
daß sie lebendige Höllenbrände sind. Dessen unge- 
achtet wollen sie doch lieber elende Juden als vor- 
nehme Christen sein . Das macht's : das Alterum und 
der ewige Bund stecken ihnen zu sehr im Kopfe.« 



ECHO 245 

Alles das bedeutet: die theoretische Zustimmung der 
NichtJuden zu dem jüdischen Erlösungsproblem hat 
in dem Augenblick eine erhebliche Verminderung er- 
litten, als die Sache Ernst zu werden begann. Es 
wird jetzt nicht mehr ein jüdisches , sondern ein christ- 
liches Problem aufgedeckt, nämlich das bittere Ein- 
geständnis von dem Scheitern aller bisherigen Be- 
kehrungsversuche, das Fiasko dieser für den jüdi- 
schen Geist so unverständlichen Anschauung, man 
müsse und könne einen anderen Menschen durch 
Überredung oder Gewalt zu einem anderen Glauben 
bringen. Die verschiedenartigen Auffassungen über 
das, was Glaube ist, werden noch einmal in ihrer Un- 
vereinbarkeit an das Licht gehoben. Es unterläuft 
den Gegnern dabei jene blinde Ungerechtigkeit, die 
das Verständnis und den Ausgleich von vornherein 
ausschließen: die verschiedenartige Bewertung der 
Wunder, je nachdem sie hüben oder drüben gesche- 
hen. Hüben sind sie Wahrheiten, drüben gemeiner 
Betrug. So muß der mangelnde Respekt vor dem Er- 
lebnisbezirk des anderen notwendig zu der Zahl der 
Feindschaften und Widerstände eine neue hinzu- 
fügen . 

Derzeit haben die Juden solche Einstellung über- 
sehen. Sie hatten es nicht nötig, sich um Feindschaf- 
ten zu kümmern. Ihre Augen und Ohren, ihre Her- 
zen und Gedanken waren in Konstantinopel, wo ihr 
Messias die Geschicke der Welt zur Entscheidung 
bringen will . 



ZEHNTES KAPITEL 

MIGDAL OS 



ZEHNTES KAPiTEL 249 

IM FEBRUAR DES JAHRES 1666, WÄHREND DIE 
Winterstürme das Meer aufjagen , fahren die kleinen 
Segelschiffe mühsam die Küste hinauf, von Ismir 
kreuzend in Richtung auf den Bosporus. Es sind 
die kleinen Kauffahrteischiffe, die keiner Beachtung 
wert sind. Der große Handels weg, den die fracht- 
schweren, wertbeladenen Schiffe fahren, geht an- 
deren Weg. 

Es ist aber unter diesen kleinen Seglern ein Schiff, 
das, wenn die Strömung der Seele meßbare Körper- 
kraft hätte, vom Schwung, der anstößt, und vom Wi- 
derstand, der zurückreißt, bis in die letzte Fuge der 
Planken erbeben würde. Dieses Schiff trägt den Mes- 
sias Sabbatai Zewi . 

Er hockt auf dem Deck, gegen den Sturm durch Zelt- 
laken geschützt, und es ist zu ermessen, daß er nicht 
nach vorne blickt und nicht nach rückwärts . Er würde 
rückwärts blicken, wenn er wüßte, daß da hinter ihm 
eine geschlossene, in ihrer Dichte und Gläubigkeit 
erschütternde Masse stände, eine lebendige Mauer, 
die je und je, Pulsschlag auf Pulsschlag, Kraft gegen 
ihn und für ihn aussendete. Er weiß, daß dem nicht 
so ist. Seine Anhänger sind zahllos, aber wer unter 
seinen Gegnern ist, verfügt über die gefährliche Waffe 
des Geistes und der Beharrung. Wie die Zeit dahin- 
läuft, und wie kleine, zuckende Handlungen, Be- 
kenntnisse und Worte aus Sabbatai sich bekunden, 
geht ein Zug zur Entscheidung und Sonderung durch 
das Volk. Da sind viele, die gerne an ihn glauben 
möchten. Aber sie ertragen es nicht, daß man ihre 
Tradition antastet. Sie haben seit je mit dem über- 
kommenen Gut des Glaubens gelebt. Mehr noch: 
sie haben rund über die ganze Erde eine übermensch- 
/ 



250 ZEHNTES KAPITEL 

liehe Form gefunden , dafür zu sterben. Leid bindet, 
macht ehrfürchtig und demütig. Blut ^ nach außen 
vergossen oder nach innen schmerzhaft aufgewallt, 
gibt eine fanatische Verkettung zum Gestern, da 
einem doch das Morgen in jedem Augenblick aus der 
Hand geschlagen werden kann . Wenn sie zu wählen 
haben zwischen dem traurigen Gedenktag von ge- 
stern und dem verzückten Freudentag von morgen, 
so wählen sie das Gedenken als das Gewisse, Seiende, 
oft und tief Durchlebte. Sie mißtrauen dem Morgen 
und der Freude, weil beide für sie^ noch kein endgül- 
tiges Erlebnis geworden sind. Es müßte denn ein 
Bekenntnis, eine Verheißung, eine Offenbarung kom- 
men, die mit letzter Eindeutigkeit den leidvollen 
Wandel ihres Daseins abschließt. 
Nichts dergleichen ist geschehen. Sabbatai hat ihre 
Gesetze und ihre Gedenktage, diese Augenblicke der 
fruchtbaren Trauer, mit einem Federstrich aufge- 
hoben . Er hat sie angewiesen , sich zu freuen . Freude 
untersteht keinem Gebot . Die Stimme, die hinter 
diesem Gebot steht, zwingt nicht. Sie hat nicht den 
Klang des Absoluten , des Unausweichlichein . Darum 
hat er immer noch Gegner. 

Andere hingegen denken mehr an die Wirklichkeiten 
des Alltags. Sie haben sich alle, von Generationen 
her, an den Gedanken gewöhnt, daß sie auf einem 
Vulkan leben. Zum Teil leben sie recht gut dabei. 
Aber sie vergessen darüber nicht, daß es unklug ist, 
den Spaten des Wollens zu tief in dieses trügerische 
Erdreich zu stoßen und der Lava einen Weg über ihre 
eigenen Häuser zu bahnen . Sie leben in einem Lande , 
unter einer Religion, einer Herrschaft, die ihnen 
aus dem Glauben her und wegen ihres Glaubens zu- 
tiefst feindlich sind. Es gilt nichts, daß sie auf Raum 



MI GOAL OS 251 

und Dasein und Erde seit Jahrtausenden ein ange- 
stammtes Recht haben. Über ihnen steht fremde 
Macht. Gott hat sie ihren Feinden überliefert. Und 
so lange dem so ist, ist es Yermessenheit und Tor- 
heit, den Feind zu reizen. Das aber geschieht in 
diesem Augenblick. Da hat sich einer auf die Fahrt 
begeben, der aus dem Zweck der Reise keinen Hehl 
gemacht hat: er will den Sultan, den Beherrscher des 
Reiches, in dem sie leben, von seinem Thron stür- 
zen . Göttliche Sendung und die Erfüllung göttlichen 
Anrufes sind recht und gut. Aber zunächst einmal 
ist das, was hier geplant ist, Hochverrat. Möglich, 
daß das Unternehmen gelingt. Wer würde sich nicht 
freuen, wenn das gelänge, was aus tiefem Glauben 
Inhalt ihres Betens ist, Inhalt auch ihres Lebens, da 
sie noch nicht gelernt haben, nur mit den Lippen zu 
beten. Möglich also, daß dieser es vollbringt, den 
Anbruch des neuen Reiches wirklich zu machen. 
Aber wahrscheinlich ist, daß es mißlingt. Zweifeln 
jene an der Wucht und Unentrinnbarkeit der gött- 
lichen Stimme, so bezweifeln diese die Gewichtig- 
keit der realen Dinge, der Macht und Möglichkeit, 
den Sultan zu entthronen. Und wenn dieses Unter- 
nehmen mißlingt, so wird daraus eine Katastrophe 
für alle Juden, die im türkischen Reich wohnen. 
Ein altes Gesetz, in dem sich der Widerstand einer 
Starkengegen eine schwache Gruppe auslebt, verläuft 
so: die Tat des einen, falls sie als böse betrachtet 
wird, geht zu Lasten aller. Die Tat des einen, wenn 
sie gut ist, wird nur ihm alleine angerechnet. Miß- 
lingt die Tat des Sabbatai, so sind im gleichen Augen- 
blick alle Juden des Landes Hochverräter. Eine neue 
Kette des Leidens wird da für sie geschmiedet. Und 
darum sind sie seine Gegner, 



252 ZEHNTES KAPITEL 

Sabbatai weiß das. Darum kann er nicht rückwärts 
blicken und aus der Masse der, Anhänger das Ge- 
fühl letzter Sicherheit schöpfen. Aber es ist auch 
unersprießlich, vorauszublicken und die Vorstellung 
an dem zu berauschen, was als Tat und Entschlie- 
ßung vor ihm steht. Denn auch das versagt sich an 
Bildhaftigkeit und Eindringlichkeit. Er weiß doch 
nicht, was er in Konstantinopel tun wird. Alle Tat 
und Entschließung haben sich zu eben dieser Reipe 
verdichtet. Aber damit haben sie sich auch er- 
schöpft. Er fährt: ja. Er nähert sich dem Ort und 
Boden, auf dem das Geschehen, der Erfüllung zu, 
sich weiter ausladen muß: ja. Aber er kann nicht be- 
greifen, nicht bestimmen, nicht voraussagen, was , 
da sein wird, was er dort tun wird. Er schwimmt im 
Strom, er treibt mit dem Wind. Es wird sich schon 
etwas ereignen, das ihm den Weg, weist j das Wort 
eingibt, die Waffe in die Hand legt. 
Was tut nun ein Mensch, der so in den Winter- 
stürmen des Februar auf einem kleinen Segelschiff 
sich selber ausgeliefert ist, und der nach gestern urid 
morgen, nach rückwärts und nach vorne hin ohne 
festen Ausgang und ohne festes Ziel ist ? Er wird die 
geheimnisvolle Mittelebene zu erspähen trachten, 
auf der nichts wirklich ist, und auf der doch alles ge- 
schieht , da , wo Märchen , Legende , . Dichtung ihr 
Zwischenreich aufgeschlagen haben, und von wo sie 
doch eines Tages mit aller Gewalt der Wirklichkeit 
in das Leben hineinstoßen : Traumland . 
Er träumt auf dieser Fahrt, und er kommt, wenn er 
hin und wieder vor dem übermächtigen Sturm nacht-^ 
über einen kleinen Hafen anlaufen muß, wohl zur 
festen Erde, aber nicht zur festen Wirklichkeit, Der 
Wind steht dauernd gegen ihn und will ihn von 



MIGDAL OS 253 

seinem Ziel abdrängen . Das ist ein schlechtes Zeichen, 
und seine Begleiter, vier Gelehrte aus seiner engsten 
Umgebung, neigen dazu, ihm die Fortsetzung der 
Fahrt abzuraten . Aber in den kleinen Zufluchtshäfen 
erfährt er Dinge, die ihm eine Rückkehr unmöglich 
machen. Legenden sind ihm längst voran gelaufen. 
Da weiß man, daß Sabbatai das Fahrzeug nicht mit 
vier Gelehrten betreten hat, sondern mit einer Schar 
von 400 Propheten. Kein Matrose und kein Kapitän 
befinden sich auf dem Schiffe . Es hat die Segel ge- 
spreizt und sich auf die Fahrt gemacht. Eine Wolke 
oder eine Feuersäule ist daher gekommen und hat es 
eingehüllt . Aber da ist der Sturm aufgestanden und 
wollte das Schiff zum Bersten bringen . Da hat Sab- 
batai sich erhoben und hat den Fuß gegen den Mast 
gesetzt, und in einem Nu ist das Schiff in Kohstanti- 
nopel gewesen. 

Es beruhigt Sabbatai, daß die Menschen das glauben, 
denn er hat, im Vertrauen auf eine Macht, die sich 
ihm bisher nicht versagt hat, seine Ankunft in Kon^ 
stantinoper auf den Tag genau vorhergesagt. Man 
wird nicht zur Kenntnis nehmen oder es bald verges- 
sen, daß der Wind ihm einen Strich durch seine selbst- 
herrliche Rechnung gemacht hat. Und daß er jetzt 
gezwungen ist, mit seiner Nußschale immer wieder 
Zuflucht zu suchen, ist längst von der Gutgläubigkeit 
seiner Freunde erklärt worden: um die schnelle 
Fahrt zu mindern, hat der Messias befohlen, Häfen 
anzulaufen, da er nicht vor dem 21 .Januar in Kön^ 
stantinopel sein will. 

Aber er erfährt bei seinen Landungen auch eine Tat- 
sache, die jede Rückkehr ausschließt: auf die Nach- 
richt hin, daß der Messias die Fahrt nach Konstan- 
tinopel angetreten habe , sind viele Juden spontan 



254 ZEHNTES KAPITEL 

aufgebrochen und wandern jetzt von allen Richtun- 
gen her der Hauptstadt zu, um Zeugen der großen 
Dinge zu sein, die sich dort ereignen werden. Das 
befestigt auch seinen Mut. Er wird dann in dieser 
Stadt, die für ihn voll Gefahren sein kann, nicht ganz 
verlassen und ohne Freunde sein. Im übrigen hat er 
vorgesorgt und einen getreuen Anhänger, den Rabbi 
Bune, nach Konstantinopel vorausgeschickt, um dort 
die für seine Ankunft und seinen Empfang nötigen 
Vorbereitungen zu treffen . 
Also fährt er weiter und träumt er weiter. 
In dieser Traumebene gibt es Haltepunkte von merk- 
würdiger Eindringlichkeit. Vom Kreis um Sabbatai 
gehen nicht nur Gerüchte und Legenden aus; sie lan- 
den auch dort . Und gerade jetzt kommt aus den Nie- 
derlanden, von Seeleuten weiter getragen, ein selt- 
samer Bericht. Im Norden von Schottland ist ein 
Schiff erschienen . Es hatte seidene Segel und seide- 
nes Tau werk. Es war mit Seeleuten bemannt, die 
alle hebräisch sprachen. Eine große Flagge wehte 
vom Fock . Darauf stand geschrieben : die zwölf Stäm- 
me Jsraels . 

Über solche Wunder und Erscheinungen ^ über solche 
Wirklichkeiten, an denen kein Gläubiger zwei- 
feln kann, läßt sich gut träumen und der langsame, 
mühselige Ablauf der Fahrt verkürzen. Es werden 
damit auch kleine Kraftreserven geschaffen für den 
Zusammenstoß mit der Wirklichkeit, der unfehlbar 
erfolgen muß . 

Sabbatais Gegner haben dafür gesorgt, daß dieser Zu- 
sammenstoß von allem Anfang an erfolgt. Sie haben 
das Für und Wider, das Mögliche und das Wahr- 
scheinliche gegeneinander abgewogen und sind zu 
der Erkenntnis gekommen , daß hier nichts an Hoff- 



MIGDAL OS 255 

nung, aber alles an Gefahr zu finden ist. Die Not- 
wendigkeit, diese Gefahr von der Gemeinschaft ab- 
zuwenden, ist gebieterisch. Sie müssen sich recht- 
zeitig vor jedem Verdacht schützen, daß sie an die- 
sem geplanten Hochverrat beteiligt sind . Darum , 
noch ehe das Schiff die Dardanellen erreicht, begeben 
sich die Repräsentanten der Gemeinde Konstanti- 
nopel zu dem Großvezir Achmed Köprili und erklä- 
ren: »Es wird in aller Bälde, von Ismir kommend, 
ein Schiff eintreffen. Auf diesem Schiff wird ein Mann 
sein, der sich als der Messias des jüdischen Volkes 
ausgibt. Er will dem Sultan die Krone vom Haupt 
nehmen und sie sich selber aufsetzen . Wir glauben 
nicht, daß er der Messias ist. Wir glauben, daß er 
ein Geblendeter oder ein Betrüger sei.« Nachdem sie 
diese Pflicht erfüllt haben, gehen sie fort. Vielleicht 
tragen sie sich im Stillen mit dem Gedanken: wenn 
er doch der Messias ist, so wird Gott ihm schon hel- 
fen. Bist du Gottes Sohn, so hilf dir selber. 
Es hätte dieser Denunziation nicht unbedingt be- 
durft, denn schon einige Wochen vorher ist bei Köp- 
rili der Bericht des Kadi von Ismir eingegangen, in 
dem er um Verhaltungsmaßregeln gegen den Führer 
der neuen religiösen Bewegung bittet. Dem Köprili 
wird von einem Kenner, dem französischen Gesand- 
ten an der Pforte de la Croix, das Zeugnis ausgestellt, 
daß er nicht gerade blutdürstig sei. Aber er gilt als 
großer Politiker, der di^ Lehren der jüngsten Ver- 
igangenheit erfaßt hat und von der Pforte schonungs- 
los jeden entfernt, der ihm auch nur verdächtig ist. 
Sonst ist er in seiner Justiz unparteiisch und unbe- 
stechlich. 

Auf den Bericht des Kadi hin hat er eine Maßregel 
angeordnet, die unschädlich' ist und doch eine ge- 



256 ZEHNTES KAPITEL 

wisse Sicherheit gewährt: Verhaftung des Sabbatai 
Zewi. Aber ehe es noch zur Ausführung kommt, 
wird ihm zugetragen, daß der neue Messias sich 
schon auf den Weg gemacht hat, um seine Drohung 
auszuführen. Die Juden hier bestätigen es ihm. Da 
muß also gegenüber dieser unmittelbaren Gefahr 
kräftiger zugegriffen werden. Mag Sabbatai Zewi 
sein, wer er will: seine Absicht stempelt ihn zum 
Hochverräter. Also muß man ihn beseitigen, ehe er 
auch nur Unruhen stiften kann . Köprili , zugleich 
selbstherrlicher Richter des Reiches, verurteilt 
Sabbatai Zewi noch vor seiner Ankunft zum Tode 
durch den Pfahl. Das Urteil wird einem Kaimakam 
zur weiteren Veranlassung übergeben . Der Tod, 
der Sabbatai so vielfach zugedacht wird, steht wieder 
vor ihm, ohne daß er es weiß. Er fährt und träumt. 
Das Schiff ist etwa vierzig Tage unterwegs, eine selbst 
für die Winterzeit unmäßig lange Fahrt. Aber schon 
wie es sich der Küste nähert, sind die Häscher des 
Kaimakam unter wegs ,um die Insassen mit dem Augen- 
blick der Landung festzunehmen . Sabbatai weiß , 
was er zu gewärtigen hat, und vielleicht wird er aus 
diesem Grunde versuchen , an einer; leeren , unbeach- 
teten Stelle der Dardanellen zu landen, um dann un- 
versehens in Konstantinopel aufzutauchen. Das soll 
um der Ruhe in der Stadt willen verhindert werden. 
Darum streifen die Wachen die Küste entlang. 
Sie sehen endlich ein Schiff, das mit den Stürmen so 
hart zu kämpfen hat, daß es sich in flügellahmer Fahrt 
und schutzsuchend der Küste nähert. Über die aus- 
geworfenen Stege schwanken Menschen auf das feste 
Land . Offensichtlich sind es Juden . Der Anführer 
der Wache fragt nach Namen, Ausgang und Ziel. 
Er hört: Sabbatai Zewi - Ismir - Konstantinopel. 




Abordnungen jüdischer Gemeinden vor Sabbatai Zewi 
im Schuldgefängnis zu Konstantinopel 



10 



MIGDAL OS 257 

Er nickt. Es schließt sich ein Ring von Bewaffneten 
um die kleine Gruppe , alles still und gewaltlos und 
ohne Erklärung. 

Ohne Widerstreben besteigen Sabbatai und die Seinen 
die Pferde, die man ihnen anbietet. Sie reiten bis 
zum Abend, bis sie nach Chekmese Rutschuk, einem 
Ort in der Nähe von Konstantinopel kommen . Dort 
wird bis zum übernächsten Tag gerastet, denn es 
wird Sabbath, und der Kaimakam achtet den Wunsch 
der Gefangenen, diesen Tag nicht durch eine Reise 
zu entweihen 

Aber inzwischen hat irgend einer von diesen Vorgän- 
gen erfahren. Er oder seine Nachricht sind schneller 
als die Pferde . Schon am Freitag Abend sind Anhän- 
ger Sabbatais da* Sie kommen zu Fuß, auf Wagen, zu 
Pferde. Sie liegen die Nacht über auf dem Pflaster 
vor dem Gebäude, in das man den Messias gesperrt 
hat, damit sie ihn gleich am anderen Morgen sehen 
können. Wie sie endlich zu ihm gelassen werden, er- 
heben sie ein großes Jammern über sein Schicksal 
und klagen: wie einer sie befreien könne, wenn er sel- 
ber gefesselt sei. Aber Sabbatai ist völllig ruhig und 
überlegen. Er bedeutet ihnen , daß sie ihn nicht frei 
sehen könnten, wenn sie ihn nicht zuvor gefesselt ge- 
sehen hät;ten. Auch Joseph sei als Gefangener nach 
Ägypten geführt worden und sei dann doch zur 
Macht aufstiegen. Es sei alles ein Geheimnis Gottes, 
das sie nicht verständen . 

Vielleicht beruhigen sich die Gläubigen dabei, Sie 
tun jedenfalls im Augenblick alles, was möglich ist, 
um seine Lage zu erleichtern und sie seiner würdig 
zu gestalten. Der Kaimakam bekommt Geld in die 
Hand gedrückt. Dafür werden den Gefangenen die 
Fesseln abgenommen. Die Juden errichten für den 

17 Kastein Zewi 



258 ZEHNTES KAPITEL 

Messias 'einen erhöhten Sitz, der einem Thronegleicht, 
setzen ihm die Rabbinen zur Seite und feiern mit ihm 
bedrückt und erregt zugleich den Säbbath. 
Inzwischen ist ganz Konstantinopel von der Nach- 
richt erfüllt: der Messias der Juden kommt! Die 
Türken begreifen die Tragweite dieser Nachricht nicht 
ganz, aber es liegt etwas Unheimliches, Bedrohliches, 
Aufreizendes darin, das zu Widerstand und Abwehr 
herausfordert. Ehe sie noch um den Sinn ihres Tuns 
wissen, haben sie sich zu Haufen und Scharen auf 
den Weg gemacht, ziehen dem fremden Messias ent- 
gegen und wollen ihn erledigen. Aber die Behörden 
wünschen keine Unruhe und kein Aufsehen . Der 
Transport mit den Gefangenen wird auf Nebenwege 
geleitet, verbirgt sich bei Tage in einem Zollhaus 
in der Nähe des Meeres und trifft auf Schleichpfaden 
bei Nacht und Nebel in der Stadt ein. Der Messias 
wird in dem Gefängnis für Schuldner abgeliefert und 
dort verwahrt. Er hat seinen Einzug in die Haupt- 
stadt gehalten. Anders, als er ihn sich gedacht hat. 
Wieder nehmen die Ereignisse ihn an die Hand und 
führen ihn . 

Obgleich weder er noch einer der Seinigen ein Wort 
zu einem der Anhänger hat sprechen können, ob- 
gleich zwischen Landung und Verwahrsam geringste 
Spanne Zeit lag und nichts an Lärm und Aufsehen 
dabei entstand, weiß dennoch schon am gleichen 
Tage die ganze Stadt: der Messias ist angekommen . 
Der Messias ist im Gefängnis. 
Es geht ein stilles bedrücktes Atemholen durch Gläu- 
bige und Gegner. Auf den Gassen sorgen sich die 
einen und spotten die andern. Gheldi mi? Kommt 
er? rufen die Mohammedaner höhnisch und verjagen 
die Juden mit einem Hagel von Steinen. Aber die 



MIGDAL OS 259 

Verjagten kommen wieder. Es drängen sich die Mas- 
sen vor dem Gefängnis. Sie warten auf ein Geschehen 
oder auch nur auf den Anblick dessen, der, Betrüger 
oder nicht, die Welt, ihre Welt erregt. Aber sie war- 
ten vergebens , Nicht einmal die Behörden wissen , was 
ist und was sein wird, denn noch ist Sabbatai nicht ver- 
nommen worden . Erst nach zwei Tagen findet die Ver- 
nehmung statt, und sie spielt sich in einer Szene ab, 
die das Volk zu Sabbatais Lebzeiten nicht erfährt: 
Es erscheint ein Unterpascha des Achmed Köprili, 
beileibe nicht er selbst. Das würde der Sache zu viel 
Ehre antun und ihr zu große Wichtigkeit beimessen, 
wenn er selbst erscheinen würde. Gleichwohl weiß 
der Unterpascha genau, um was es sich handelt. 
Wenn er es nicht aus der Anweisung des Großvezirs 
weiß, so muß er es aus dem Gerede wissen, das durch 
Land und Leute geht; die Juden erwarten einen Mes- 
sias. Das läßt auch einen Anhänger Muhammeds 
nicht gleichgültig. Alle Gläubigkeiten verankern sich 
in dem Einstmals, in der endgültigen Beschließung, in 
dem trostreichen Ende einer Zukunft, die ihnen ein 
Messias herbeibringt, damit endlich einmal die ewige 
Kette von Zeugung und Wiederkehr zur Ruhe und 
Beschließung komme. Und immer in Abständen ent- 
stehen Aussagen über das Nahen eines solchen Mes- 
sias, und es kann keiner sagen, woher. So wie keiner 
den Wind kennt, der ein Samenkorn auf den schma- 
len Streifen Erde im Felsen warf . 
Also ergeht die Frage an Sabbatai Ze wi : »Wer eigent- 
lich bist du? Bist du der Messias der Juden.»*« Es ist 
wie ein untergründiges Anklingen an die Frage, die 
Jahrhunderte zuvor der Gouverneur von Judäa stellte . 
Aber jener fragte unlustig, unbeteiligt und nur 
mit dem unbehaglichen Nebengedanken, daß der Be- 

17* 



26o ZEHNTES KAPITEL 

schuldigte und die, die Anklage erhoben, ihm Unge- 
legenheiten bereiten könnten, weil auf Capri ein gich- 
tiger, mißtrauischer Greis sitzt, der bereit ist, ihn für 
jede Unruhe verantwortlich zu machen. Hier aber 
fragt einer mit weniger Verantwortung, dennoch mit 
mehr Teilnahme und Erwartung. \ 

Die Antworten aber, so verschieden sie auch aus- 
fallen , haben eines gemeinsam : sie tragen nicht den 
großen Freimut des Bekennens. Es mag einer vor 
sich und in der Stille und vor seinem Gott wieder und 
wieder das Ja aussprechen , das ihn in sich und seinem 
Glauben an die Berufung bestätigt. Vor dem Anruf 
des Unbeteiligten, vor der verärgerten oder teilneh- 
menden Neugier, die nicht fragt, um glauben zu kön- 
nen, sondern die prüft, um urteilen zu können , reckt 
sich das Gefühl der Unwiderruflichkeit zu einer 
schweren, stumpfen Wand des Hindernisses auf. 
So rettet der Messias aus Galiläa sich in die zweideu- 
tige Formel hinein, mit der er bekennt und mit der er 
doch die Entscheidung in die Hände des Schicksals 
überliefert: »Du sagst es.« Aber der Mesisias von Is- 
mir greift mit beiden Händen nach einen! Anker, der 
Sicherheit für sein Schicksal bedeuten kann . Er leug- 
net. Er sagt; »Ich bin ein Gelehrter aus Jerusalem, 
ausgesandt, um. für die Armen Palästinas Spenden ein- 
zusammeln.« 

Er leugnet. Er ist keine trotzige Natur. Wie er vor 
dem Bann der Rabbiner von Ismir und der Drohung 
der Rabbiner von Saloniki das Feld geräumt hat, ohne 
sich zur Wehr zu setzen, weicht er auch jetzt einer 
Gewalt aus, die ihn greifen will und die ihm gefähr- 
lich werden kann. Er kannte aber doch seine Gegner- 
schaft und müßte folglich mit der Möglichkeit rech- 
nen, daß solcher Angriff auf ihn erfolgen werde. Sich 



MIGDAL OS 26i 

darauf einzustellen, Zug und Gegenzug zu überlegen, 
hatte er Zeit genug gehabt. Aber so wie sich ihm im- 
mer von neuem die erfüllende Wirklichkeit versagt, 
so versagt er selbst vor der Wirklichkeit, wenn sie 
sich ihm darbietet. Er kann seinen Glauben an 'sich 
und seine Sendung nur umsetzen, wenn etwas außer 
ihm ihn trägt. Tritt etwas ihm entgegen, und er hat 
nicht die Gewalt klar auf seiner Seite, dann weicht 
er zurück. 

So begibt er sich auch hier auf die kleine menschliche 
Ebene des Leugnens, und aus dem kleinen mensch- 
lichen Bezirk her reagiert der Unterpascha auf diese 
Antwort: er holt zu einer mächtigen Ohrfeige gegen 
Sabbatai aus. Gegen Sabbatai, nicht gegen den Mes- 
sias. Es ist die ausstrahlende, befreiende Reflexbe- 
wegung, mit der sich einer die Erlösung von einer 
dumpfen Angst triebhaft bestätigt. Ansonsten ist er 
von dem Augenblick an mit einer gewissen Zuneigung 
für Sabbatai erfüllt, für diesen Menschen, den er 
nicht mehr zu fürchten braucht, da er doch nicht der 
Messias ist, der nur mit seltener Geistesgegenwart 
ein fremdes, viel gepredigtes und nie befolgtes Gebot 
erfüllt: der dem Türken gutwillig und mit anspruchs- 
loser Demut auch noch die andere Wange hinhält . 
Und das rührt den Unterpascha . Er äußert späterhin 
in Gesprächen, es hätten die Juden offenbar den Sab- 
batai gegen seinen Willen zum Messias proklamiert. 
Und der Schlag, den er dem Sabbatai versetzte, habe 
den Juden gegolten, die ihn in diese Stelle gedrängt 
hätten. 

Nach dieser kurzen Befragung geschieht nichts mehr. 
Es ist kein Anlaß, etwas zu unternehmen, denn wenn 
einer selbst so mit dürren Worten seinen wahren Be- 
ruf bekennt, ist kein Grund vorhanden, sich weiter 



262 ZEHNTES KAPITEL 

ZU beunruhigen. Aber immerhin ist er ein Mensch, 
an dem die Unruhe und die Erregung von vielen Tau- 
senden sich entzündet. Darum ist es geboten, ihn im 
Gefängnis zu lassen und zu verhindern, daß er hier- 
hin und dorthin treibt und eine Messiasbewegung 
wachsen läßt, die doch keinen Messias. hat. Und das 
wieder ist ein Grund, ihn nicht mit der Härte zu be- 
handeln, mit der man gefangene Missetäter behan- 
delt. Er ist ja nur das Werkzeug einer Missetat, nicht 
Urheber. ^ 

Ein anderer Vorgang aber dringt nach außen, ein Be- 
richt, dbr weitergegeben wird, und der, als sei es in 
unseren Tagen geschehen, mit der Würde des amtli- 
chen Dokumentes in die Welt gesandt wird. Ein küh- 
ler diplomatischer Kopf, der »Bailo« Giambattista 
Ballarino, Großkanzler der Venetianischen Botschaft 
an der Pforte, hat ihn am 1 8 . März 1666, sechs Wo- 
chen nach der Gefangennahme des Messias, von Pera 
aus an seine Regierung geschickt. Der Bericht ist un- 
pathetisch und ist doch in dem, was er sagt, mit den 
Un Wahrscheinlichkeiten angefüllt, die das ständige 
Kolorit dieser ungleichmäßig schimmernden Gestalt 
abgeben. Der Gesandte fühlt das und bricht dem 
Einwand des Märchens die Spitze ab: » Chiudo quest 
humilissima lettera con racconto forse nelFapparenza 
vano e sowerchio, da me perciö pretermesso nei pas- 
sati dispacci, ma altrettanto essentiale nel riflesso a 
vantaggi che van ricavando questi Barbari da qualun- 
que nuovo emergente.« 

Er weiß alsdann zu berichten, woher die Bewegung 
kommt, wohin sie zielt und wie sie die Menschen 
durcheinander wirft, die sich ihr hingeben. Ihm ist 
auch bekannt, daß schon vor Sabbatais Landung der 
Stab über den Messias gebrochen und das Todesur- 



MI GOAL OS 263 

teil gegen ihn verhängt worden ist. Und nun erhebt 
sich die Frage : warum ist das Urteil nicht vollstreckt 
worden? Alle zeitgenössischen Berichte bestätigen 
doch, und Köprilis Politik für die Sicherheit der 
Pforte macht es wahrscheinlich, daß mit gefähr- 
lichen, bedrohlichen oder auch nur verdächtigen 
Menschen wenig Aufhebens gemacht wurde . Man 
beseitigte sie und war eine Sorge los. Was war ge- 
schehen, daß man Sabbatai Zewi nichts tat? 
Nichts war geschehen, als daß Sabbatai Zewi eine 
Audienz bei Achmed Köprili nachgesucht und er- 
halten hatte. Er hatte eingesetzt, was er einzusetzen 
hatte: seine Erscheinung, seine Stimme, seine er- 
staunliche Beherrschung der arabischen Sprache, die 
Suggestibilität seines ganzen Wesens . Und der Groß- 
vezir ließ ihn am Leben, vollstreckte ein fertiges Ur- 
teil nicht, ließ es bei der Freiheitsbeschränkung be- 
wenden und machte außerdem eine Ehrenhaft daraus. 
Aber seltsam, daß nichts über den Inhalt dieser Un- 
terredung verlautbart wird. Hat Sabbatai um sein 
Leben gebettelt ? Erwies er sich als so harmlos, daß es 
nicht nötig schien, das Urteil zu vollstrecken? Hat er 
den Großvezir überredet oder überzeugt? Ein Zeit- 
genosse vermerkt: »Was Sevy dar proponiret, will 
ich nicht berühren, weil es sehr ungewiß . . .« 
Ballarino weist einen Ausweg, um das Unwahrschein- 
liche dieses Ausgangs glaubhaft zu machen. Er sagt: 
die türkischen Staatsmänner haben die Bewegung 
letztlich geduldet, um von den Anhängern eben dieser 
Bewegung Geld zu erpressen. Gewiß, sie haben sich 
an der Bewegung bereichert. An welcher Bewegung 
oder an welcher Bewegungslosigkeit vogelfreier Men- 
schen hätte sich der Machthabende nicht bereichert ? 
Es zeigt aber hier der weitere Lauf der Dinge, daß im 



264 ZEHNTES KAPITEL 

Anfang die Sorglosigkeit und im weiteren Verlauf 
die Furcht ihre Hände nachlässig und dann unsicher 
machte . Aber vielleicht Hegt die ganze Lösung des 
Rätsels nur in persönlichen Dingen, die sich zwischen 
dem Vezir und Sabbatai Zewi abspielten. Indiskrete 
Quellen verraten ausdrücklich Achmed Köprilis Vor- 
liebe für schöne Männer. 

So sitzt also Sabbatai im Gefängnis von Konstanti- 
nopel . Es werden ihm viele Vergünstigungen einge- 
räumt. Er wird nicht in Ketten gelegt. Er wird in 
einen Raum gebracht, der wohnlich ist und mehr 
nach Ehrenhaft als nach Zelle aussieht. Sein. Freund 
und Sekretär Primo erhält einen Nebenraum ange- 
wiesen. Sabbatai darf bestimmen, wen noch aus dem 
engeren Kreise seiner Freunde er ständig neben sich 
zu haben wünscht. Bis auf die mangelnde Freiheit 
mangelt ihm nichts. Es ist vielmehr so, daß er in 
dieser erzwungenen Ruhe, in der Isolierung wider. 
Willen die Kraft findet, sich zu einem neuen, ge- 
waltigen Vorstoß zum Kampf mit Gott zu rüsten. 
Er verbringt seine Zeit mit härtesten Kasteiungen . 
Gebete wechseln ab mit Fasten, immer erneut, oft 
bis zu drei Tagen ausgedehnt . Er stemmt sich , wie- 
der einmal tief gläubig, gegen die Stunde der Erlö- 
sung und will sie mit Gewalt heraufführen . Und im- 
merhin gelingt es ihm, die Vorboten zu erzwingen. 
Feurige Erscheinungen lösen je und je die Verzük- 
kung oder die Verkrampfung seines Büß Werkes. Ne- 
ben ihm steht Primo, begabt mit scharfen Augen für 
jede Wandlung in der Haltung und im Ausdruck des 
Messias, begabt mit beredten Worten, um sogleich 
den Menschen, die draußen warten, zu berichten, 
wie die Bereitschaft des Himmels sich unerschöpflich 
in neuen Wunderzeichen geäußert habe. 



MIGDAL OS 265 

Zum Büß werk, wie es die praktische Kabbala vor- 
schreibt, gehört das Tauchbad. Sabbatai erbittet von 
den Behörden die Erlaubnis, täglich an den Strand 
des Meeres zu gehen und dort, vor den Augen seiner 
Anhänger, die rituelle Handlung zu vollziehen. Sei- 
ner Bitte wird nachgegeben. Und nun beginnt ein 
seltsames Schauspiel. Vom Gefängnis aus setzt sich 
ein kleiner Zug Menschen in Bewegung: Sabbatai 
und seine engsten Freunde . Aber der Zug wächst mit 
der Länge der Straßen . Gläubige jubeln hinter ihm 
her. Ungläubige fluchen hinter ihm drein, die Gasse 
wirft Spott und Hohn und Beleidigung auf beide. 
Ein Tumult wälzt sich täglich bis an das Meer. Aber 
unbeirrt von allen Vorgängen steigt Sabbatai zu lan- 
gem, atemraubendem Tauchen in das winterlich 
kalte Wasser, jetzt ganz Mensch, der um der Wir^ 
kung willen und weil Tausende ihm zusehen ^ aus- 
führt, was der wieder aufbrechende Fanatismus sei- 
nes Willens sich vorgesetzt hat. Aber die Tumulte 
steigern sich . Die Leidenschaften werden bei diesem 
Zug an das Meer gegeneinander ausgetragen . Die 
Ideen gleichen sich in Prügeleien aus . Da gehen Sab- 
batais Anhänger zu Achmed Köprili und bitten um 
militärischen Schutz für die tägliche Prozession. 
Der Großvezir ist bereit , diesen Schutz zu gewähren . 
Allerdings beträgt der Preis dafür 60000 Realen. 
Aber welche Rolle spielt das Geld in diesem Zustand 
der Gemüter? Es sind doch im eigenen Lande, ganz 
abgesehen von Auslande, überreichlich Menschen, 
die ihr Hab und Gut verkauft haben, da sie es bei der 
Rückkehr in das heilige Land nicht mit sich schleppen 
können . Und nichts ist selbstverständlicher und be- 
glückender, als das erlöste Geld dem zu opfern, der 
sie auf der entscheidenden Wanderung führen wird. 



266 ZEHNTES KAPITEL 

Die 60000 Realen werden sofort bezahlt, und fortan 
begleiten die Soldaten des Sultans schützend den 
Mann, der auf eben diesen Wegen sich für die gött- 
liche Mission stärkt, die Macht von diesem Sultan 
abzunehmen und sie auf sich zu übertrage^. 
Da es den Menschen nicht mehr genügt, ihren Messias 
nur auf der Straße und im Tuniult zu sehen, gehen 
sie von neuem zu Achmed Köprili und erkaufen ge- 
gen Zahlung von weiteren 40000 Realen das Recht 
des Sabbatai, jederzeit jedisrmann als Besucher zu 
empfangen . Sogleich drängen sich die Gläubigen und 
die Neugierigen, Juden und Mohammedaner, und 
wollen den Messias sehen . Sabbatai weist niemanden 
ab. Mit der Sekunde, in der die Menschen vor ihn 
hin treten und willens sind, aufzunehmen, was er 
sagt, zu glauben, was er verheißt und anzuerkennen, 
was er sich an Bedeutung und Würde zumißt, ist der 
gelehrte Spendensammler aus Jerusalem endgültig; 
versunken, steht wieder da der Auserwählte, den es 
aus dem Übermaß zwang, den heiligen Namen aus- 
zusprechen, um sich zu bekennen. Auch ohne die 
äußere Freiheit, und schon, weil er für den nächsten 
Augenblick keine unmittelbare Gefahr drohen sieht, 
kehrt ihm die alte Sicherheit zurück, geht von, ihm 
das Bezwingende aus, das ihm Anhänger verschafft: 
die schattenhafte Tiefe seiner Auslegungen und Er- 
klärungen, das Tönende der Stimme, das Fluidum 
aus Haltung und Ausdruck des Gesichtes und dem 
ver'sch wärmten Glanz dunkler Augen. Und was 
nicht aus ihm kommt, wird in ihn hineingetragen: 
Berichte von Wundern, die keiner gesehen hat, die 
aber jeder bezeugt, da er sie aus sicherer und gewisser 
Quelle erfahren hat. Wären es kleine Wunder, so 
möchte sich wohl der Zweifel regen. Da es aber die 



MIGDAL OS 267 

großen, erstaunlichen , unfaßbaren und darum un- 
trüglichen Wunder sind, kann man sie nicht bezwei- 
feln, man müßte sie denn widerlegen können. Es 
widerlegt sie niemand. Es nehmen sie vielmehr auch 
die NichtJuden gläubig hin, und da sie doch keinen 
Anlaß haben, einen fremden Messias sehr zu lieben, 
zumal sie auf einen eigenen Messias hoffen, ist um so 
mehr zu beachten und als Wahrheit hinzunehmen, 
was sie selbst darüber berichten. Es sind teils sehr 
konfuse Dinge, aber sie haben alle einen Kern, der 
das Zentrum ihrer Phantasie trifft: die Tempel- 
mauer, die aus der Erde wächst, die Hunderttausende 
der verlorenen Stämme, die aus dem Nichts wie- 
der auftauchen, die feurigen Säulen, die Stimmen aus 
den Gräbern, das Lallen und Prophezeien von Kin- 
dern. Und schon längst sind die Vorgänge bei der 
Verhaftung Sabbatais in den Bezirk des Wunder- 
baren eingegangen . Sabbatai ist nicht verhaftet wor- 
den . Er ist nach Konstantinopel geikommen und hat 
dem Sultan durch den Groß vezir mitteilen lassen, 
er wünsche Audienz bei ihm . Der Sultan hat den 
Vezir statt einer Gewährung angewiesen, Sabbatai 
Zewi festnehmen zu lassen . Ein Aga mit 50 Jani- 
tscharen erscheint zu diesem Zweck, aber wie er den 
Messias sieht, wagt er nicht, ihn zu berühren. Er 
kommt zum Groß vezir zurück, klagend, das sei kein 
Mensch, das sei ein Engel, dessen Anblick er nicht 
ertrage. Selbst bei Verlust seines Lebens könne er 
den Auftrag nicht ausführen. Der Vezir sendet einen 
anderen Aga und läßt ihn von 200 Janitscharen beglei- 
ten. Dem geht es nicht besser als dem ersten. Da be- 
gibt sich Sabbatai, nachdem er diese Probe seiner 
Macht abgelegt hat, freiwillig in die Gefangenschaft. 
Die Juden ziehen von diesen Berichten ab, was ihnen 



268 ZEHNTES KAPITEL 

Ergebnis der Angst und Erschütterung bei den An- 
dersgläubigen erscheint. Denn sie sehen schon ein 
wenig hochmütig Und überlegen auf die anderen her- 
ab, die durch sie und durch ihren Messias der Erlö- 
sung teilhaftig werden sollen . Und wenn ihnen einer 
entgegnet, daß er noch keines der Wunder gesehen 
habe, das vom Messias ausgegangen sei, so haben sie 
ein Argument, dem jeder Vernünftige zustimmen 
muß: »Ist es nicht schon ein Wunder, daß Sabbatai 
noch lebt ? Daß man ihn nicht kurzerhand beseitigt 
hat? Der Sultan ist sonst nicht zaghaft, wenn es sich 
um die Entfernung bedenklicher Menschen handelt.« 
Darauf ist nur zu erwidern, daß Sabbatai dann wohl 
dem Sultan nicht als Messias bekannt sein müsse . 
Aber gegen diesen Einwand steht die Gewichtigkeit 
von Tatsachen. Es ist nicht mehr zu übersehen , we- 
der in der Massenhaftigkeit noch dem Sinne nach, 
daß der Andrang von Menschen zu Sabbatai Zewi un- 
heimlich wächst und was er zu bedeuten hat. Mög- 
lich, daß Sabbatai, zum andren Male befragt, auch 
heute noch antworten würde: »Ich bin ein Sammler 
von Spenden.« Das ändert nichts daran, daß die Be- 
wegung um ihn und zu ihm hin wächst, daß er nichts 
tut, sie einzuschränken, daß er alles tut^ sie am Leben 
zu erhalten. Sein Verhalten widerruft und wider- 
legt seine Erklärung. Ist er aber doch der Messias, 
dann haftet an ihm die Prophezeiung des Nathan 
Ghazati, der er nie widersprochen hat: er werde 
dem Sultan die Krone vom Haupte nehmen und sie 
sich selber aufsetzen . 

Wenn man ihm dennoch nichts tut, so heißt das, daß 
man nicht wagt, ihm etwas zu tun. Man legt nichl: 
Hand an einen Menschen, der vielleicht doch der 
Messias ist. Das Beispiel der Vielen, die ihren Glaü- 



MI GOAL OS 269 

ben an ihn bekunden, macht unsicher und schwan- 
kend. Es kommen, um den Messias zu sehen, selbst 
die ganz Armen, die ihr letztes Stückchen Habe ver- 
kaufen müssen, um nur den Zehrpfennig für die Rei- 
se zu haben. Sabbatai gibt ihnen gnädig Trost und 
sagt ihnen voraus, daß sie für diese Tat einmal beson- 
deren Reichtum erwerben würden. Es kommen an- 
gesehene Juden zu ihm ins Gefängnis, stehen da einen 
ganzen Tag lang vor ihm, den Kopf gebeugt, die Ar- 
me über der Brust. gefaltet, ohne-ein Wort zu sagen, 
ohne sich zu rühren, unbeweglich in der Andacht. 
Und Sabbatai nimmt das an. Er läßt das geschehen. 
Er erträgt das, weil es ihm zukommt. Schon fangen 
in der. Stadt Menschen gleich denen in Ismir an, in 
Verzückungen zu geraten und vom Messias Sabba- 
tai Ze wi zu künden . In der einstmals feindlichen 
Stadt neigt sich unwiderstehlich alles ihm zu. Bis in 
den Alltag hinein lassen sie den Messias und seinen 
Einfluß wirken. Da sind viele, die sich der Buße hin- 
geben und ihre Geschäfte.im Stich lassen. Darunter 
leiden manche Handelsbeziehungen ; darunter leiden 
vor allem viele englische Kaufleute, die mit den Juden 
Geschäfte treiben . Sie können ihr Geld nicht bekom- 
men, weil die Läden geschlossen sind und nichts ver- 
kauft wird. Da wenden sie sich in ihrer Not an den, 
dem sie Einfluß und Autorität zuschreiben : an den ge- 
fangenen Messias. Er sieht die Berechtigung ihrer 
Klagen ein. Er beweist ihnen, über welche Macht er 
verfügt. Sogleich läßt er durch Primo ein Rundschrei- 
ben verfassen und verbreiten: 
»Euch von dem Geschlechte Israels, die Ihr die Zu- 
kunft des Messias und das Heil Israels erwartet, sei 
ewiger Friede ! -- Ich habe in Erfahrung gebracht, daß 
Ihr noch einigen Engländern Geld schuldig seid. So 



270 ZEHNTES KAPITEL 

erachte ich es für billig, Euch hiermit zu befehlen, 
diese Schulden abzutragen. Weigert Ihr Euch, sol- 
ches zu tun und meine;n Befehl nachzukonimen, so 
wisset, daß Ihr nicht in unsere Freude und in unser 
Reich eingehen werdet.« 

Solchem Befehl widersetzt sich keiner . Sie zahlen ihre 
Schulden. 

Daß ein Mensch, obgleich er im Gefängnis sitzt, noch 
solche Macht entfalten kann, gibt ein unbehagliches 
Gefühl. Vielleicht ist es doch geraten, ihn zu besei- 
tigen. Vielleicht ist es gefährlich. Es ist nicht abzu- 
sehen. Darum entschließt sich Köprili nur zu einer 
ausweichenden, Schwäche und Unsicherheit verra- 
tenden Maßnahme: er läßt Sabbatai in eine Festung, 
in das SchlossAbydos auf Gallipoli, überführen . Dort, 
hofft er, wird man ihn besser überwachen und leich- 
ter von dem wachsenden Stroni der Besucher und An- 
hänger abschließen können . 

Er hat vor allem, wenn es hier einer Rechtfertigung 
bedarf, einen äußeren Grund für diese Maßnahme. 
Er ist im Begriff, zum Kandiotischen Krieg auszu- 
ziehen, wird einige Zeit fernbleiben und fürchtet, die 
wachsende Unruhe unter den Juden möchte inzwi- 
schen die Sicherheit der Stadt gefährden. 
Es hätte noch eine andere Möglichkeit gegeben, bei- 
nahe eine endgültige, die ganze Problematik mit ei- 
nem Schlage aufzulösen . Die Juden selbst haben sie 
Köprili angeboten. Sie haben weitere 100.000 Re- 
alen aufgetrieben und bieten sie dem Großvezir an für 
die Enthaftung Sabbatais. Köprili ist einverstanden. 
Aber Sabbatai ist nicht einverstanden . Mit einer gro- 
ßen Gebärde stemmt er sich gegen diesen Plan. Er 
will nicht, daß auch nur ein Heller für seine Befrei- 
ung ausgegeben werde. Er weiß und verkündet, daß 



MIGDAL OS 271 

, es nur noch wenige Tage bis zum Eintritt großer, of- 
fenbarer Wunder sei. Er verkündet und die Men- 
schen glauben noch inniger. Er spielt einen großen 
Trumpf aus und überdenkt um der augenblicklichen 
Wirkung willen nicht, ob es nicht doch die allerletzte 
Karte sei, die er in diesem Spiel mit der weltlichen 
Macht zu vergeben habe. Er gewinnt Anhänger und 
verliert die letzte Chance seines Lebens, wenn auch 
zunächst alles ihn zu bestätigen scheint. Am Rüsttag 
des Passahfestes, am 14. Nissan, wird er nach Aby- 
dos gebracht, am Vorabend des Festes, an dem die 
Befreiung aus Ägypten gefeiert wird. 
Auch der Großvezier muß einsehen lernen, daß zum 
mindestens für ihn und für die Interessen, die er zu 
wahren hat, mit der Verschickung nach Abydos nichts 
gewönnen ist. Auch nach Gallipoli hin finden die An- 
hänger des Sabbatai ihren Weg. Sie finden ihn sogar 
leichter und weit zahlreicher, denn sie haben jetzt ein 
Hindernis zu überwinden . Mag auch ein Messias vor 
dem drohenden Gesicht der Tatsachen immer wieder 
ausweichen und später erneut vorstoßen : eine gläu- 
bige Masse von Menschen kennt diese Pendelbewe- 
gung der Kraft nicht. Der Richtungssinn ihres Wol- 
lens, vom Gefühl übermäßig genährt, ist eindeutig. 
Er ist auf das Ziel als das letzte erlösende Erlebnis ge- 
richtet. Widerstände schwächen nicht, sondern fal- 
len der seelischen Energie als Ansporn und Nahrung 
zu. So wird auch dieses Hindernis spielend über- 
wunden. Es muß doch im Plan Gottes beschlossen 
liegen, daß der Feind jetzt erneut seine Hand an den 
Messias legt . Im großen Zusammenhang aber ist alle 
Demütigung nur dazu gegeben, um den Aufstieg her- 
nach um so großartiger erscheinen zu lassen. So wie 
Gott das Herz des Pharaonen in Ägypten immer wie- 



272 ZEHNTES KAPITEL 

der und immer grausamer verhärtete, um dann die 
endliche Befreiung zum äußersten Triumph des gött- 
lichen Willens zu steigern. Darum wird, was heute 
Festung und Gefängnis ist, morgen schon eine Burg 
sein, in der der Messias residiert und die Huldigun- 
gen einer Welt entgegennimmt; eine Burg, in^der er 
seine Macht offenbart. Und so sagen die Gläubigen 
nicht mehr Abydos, sondern Migdal Os, Machtburg. 
Was sie so in dem Glauben und aus der bildnerischen 
Vorstellung vorwegnehmen, findet von einem Tage 
zum anderen \n der Wirklichkeit seine erschütternde 
Bestätigung. Es setzt ein Strom von Besuchern ein, 
den Gallipoli nie zuyor und hernach gesehen hat. Der 
Ort der Isolierung wird ein Pilgerort. Der Komman- 
dant der Festung, erst fassungslos vor diesem An- 
drang fremder und seltsamer Menschen, findet recht 
schnell die Form, sich damit abzufinden : er gestattet, 
um gerecht zu sein, jedem Besucher gegen einen be- 
' stimmten Geldbetrag den Eintritt zu Sabbatai. Er 
nimmt acht bis zehn Taler von jedem Besucher ; zum 
Teil auch mehr. Er wird dabei ein reicher Mann und 
hat nichts zu bereuen . Die Einwohner von Gallipoli 
sehen die vielen Besucher gerne, denn sie bringen 
Geld in den Ort und beleben Handel und Hand werk . 
Die Dardanellenstraße weist eine ungewöhnliche Fre- 
quenz auf. Die Schiffahrtspreise erhöhen sich täglich . 
Konjunktur. . . 

Denn es kommen nicht nur die armen und gedrückten 
Juden aus Konstantinopel ^ind den anderen Städten 
der Türkei . Eine Welt hat sich in Bewegung gesetzt 
und hat ihre Boten zu Sabbatai Zewi gesandt. Tag- 
täglich kommen Reisende zu Lande von weither . Tag- 
täglich kommen Schiffe, von Venedig, Livorno, Ham- 
burg, Amsterdam. Es kommen mit den Worten und 



MIGDAL OS ^73 

Grüßen demütiger Huldigung zugleich die Gaben, 
die man dem Auserwählten des Volkes schuldet. Geld 
in überreicher Fülle wird nach Gallipoli gebracht. Es 
langen Ladungen von Tischen, Stühlen, vergoldeten 
Sesseln, Teppichen erlesenster Art, Gewandungen, 
Schmuckstücken und Gefäßen an. Die kahlen Räume 
der Festung beleben sich feierlich und prunkvoll 
zu fürstlichen Gemächern . Aus den Gefangenen Wär- 
tern wird eine Ehrengarde. Alle Räume dienen nur 
noch dazu, Sabbatai Zewi und seinen Freunden und 
seinem Anhang als Residenz zu dienen . Nichts wagen 
die türkischen Behörden gegen diese Vorgänge zu un- 
ternehmen . Es vollzieht sich alles zu unwahrschein- 
lich, zu großartig, zu pomphaft und zu plötzlich. 
Über dem Staunen und über der ängstlichen Befan- 
genheit lassen sie die Pinge treiben und gewähren. 
Die Juden frohlocken: man hat den Messias in eine 
Grube werfen wollen. Statt dessen wurde ihm ein 
Thron bereitet. 

Und so wird über Nacht und gegen alle vernünftige 
Voraussicht dicht neben der Residenz des Sultans eine 
andere errichtet, aus dem Glauben, nicht aus der 
Macht her, und die nahenden Wochen und Monate 
müssen entscheiden, wie ihre Kraft zu einander steht 
und sich auswirkt. 



18 Kastein Zewi 



ELFTES KAPITEL 

KATASTROPHE 



18* 



ELFTES KAPITEL 277 

IN DER ,MACHTBURG* HAT DAS LEBEN EINES RESI- 
denten begonnen . Nichts fehlt von den Dingen und 
Vorgängen, die das Leben eines Herrschers im alten, 
romantischen Sinne begleiten . Es kommen diejenigen, 
über die der Herrscher gebietet, und die ihm ihre 
Treue und Ergebenheit bekunden wollen. Das sind 
nicht nur die einzelnen unter seinen Anhängern, es 
sind vor allem die offiziellen Vertreter der Gemein- 
den von weit her . Allerdings haben diese Abordnun- 
gen einen doppelten Sinn. Sie sollen, ehe sie huldigen 
und anerkennen, zugleich Klarheit in das Übermaß 
der Gerüchte bringen und den Behauptungen der Geg- 
ner nachgehen, daß hier nicht ein Messias am Werke 
sei, sondern ein ungewöhnlich geschickter Betrüger. 
Es ist kaum ein Land, daß nicht seinen Vertreter ent- 
sendet. 

Und es ist seltsam: keine der Abordnungen, die nach 
Abydos kommt, verläßt diesen Ort, ohne auf das 
tiefste geblendet und ergriffen zu sein . Dabei sind es 
zumeist Männer, die mit allen Feinheiten des Tal- 
muds wie der Kabbala vertraut sind, die zu denken ver- 
stehen, die nicht zu blindem Vertrauen neigen, und 
die aus der Fülle der Enttäuschungen, die ihr Volk 
zu tragen hatte, an Zweifel gewöhnt sind. Es er- 
weist sich, daß nicht nur das Volk mit seiner schlich- 
ten Bildung oder gar seiner Unbildung an ihm hängt, 
sondern daß fast alle bedeutenden Gelehrten, insbe- 
sondere Rabbiner von Asien, Afrika, Deutschland, 
Polen, Italien und Holland mit ganz geringen Aus- 
nahmen Anhänger des Sabbatai sind. Sie legen damit 
das erschütternde Bekenntnis von der ständigen Ge- 
genwärtigkeit und Bereitschaft der messianischen Idee 
ab. Da der Glaube an einen Messias und an eine mes- 



278 ELFTES KAPITEL 

sianische Zeit eine unlösbare Verbindung mit ihrem 
Alltag eingegangen ist, steht ihnen die Verwirk- 
lichung jenseits des- Wunderbaren . Und steht sie 
ihnen im Wunderbaren, so ist eben für sie das Wun- 
der kein Ausnahmezustand im Bild der Welt, sondern 
nur eine Manifestation des Göttlichen, mit der sie 
ehrfürchtig vertraut sind. Sie brauchen nicht den 
unfruchtbaren, kümmerlichen, in seiner Rationalität 
so armseligen Umweg des modernen Menschen, alle 
Wunder und Wunderberichte auf das kleine Maß des 
logisch Deutbaren und Ab wägbaren zurückzuführen. 
Der undeutbare Rest, aus dem immer das Leben be- 
steht, und in dem sich das Leben immer wieder aus- 
drückt, ist ihnen die gelebte, die unabweisbare, die 
letzte Wirklichkeit . 

Es hätte allerdings keine noch so lebendige innere Be- 
reitschaft vermocht, ihnen den Glauben zu erhalten, 
oder gar noch zu stärken, wenn nicht von dem, der 
Mittelpunkt eben dieses Glaubens war, eine Sugge- 
stion von ungewöhnlicher Gewalt ausgegangen wäre . 
Nie ist diese seine Kraft größer und wirksamer, nie 
imponierender und erfolgreicher gewesen als in die- 
sen Monaten, da er als. ein Gefangener zu Abydos 
sitzt, zwar in prunkvollen Räumen, aber doch in ei- 
ner Festung ; zwar ständig von Menschen umgeben , 
die ihm huldigen, aber doch von solchen, die dem 
Gefängniswärter erst die Erlaubnis abkaufen müssen ; 
zwar in der freien Haltung eines. Königs, aber doch 
durch den Zwang einer fremden Gerichtsbarkeit an 
seinen Ort gebunden. Nichts kann den Hellsichtigen 
darüber täuschen, daß man es hier mit einem politi- 
schen Gefangenen zu tun hat, dem man eben aus po- 
litischen Gründen ein großes Maß persönlicher Frei- 
heit zugesteht, der aber im übrigen ein Gefangener 



KATASTROPHE 279 

ist und bleibt, in vorsichtiger Entfernung von Wa- 
chen und Soldaten umgeben, in allem blendenden 
Schein doch zur Ohnmacht verurteilt. 
Alles das fegt Sabbatai Zewi mit einer großen Gebärde 
zur Seite. Er sieht es nicht; will es nicht sehen. Und 
wenn er es doch sieht, macht er es für die anderen un- 
sichtbar. Vor ihre prüfenden Blicke, die sicher oft 
von einem stillen Argwohn geschärft sind, drängt er 
sich, seine Erscheinung, seine Worte, seine Edikte, 
seine Hofhaltung, seine Gläubigen, daß sie blind 
werden wie er selbst, berauscht wie er selbst, und 
daß sie nichts spüren als die ungeheuer tragfähige 
Gewalt der Bewegung. Sie übersehen dabei, daß die 
Tragkraft der Bewegung jenseits der Festung Abydos 
liegt und nicht drinnen ; daß die Tausende sie dar- 
stellen und nicht Sabbatai Zewi; daß sie selbst sich 
willig als neue Stütze in das Gebäude einordnen, 
während auf dem First nur einer steht, der eksta- 
tisch eine Flagge schwingt. 

In immer neuen Manifestationen entlädt Sabbatai 
Zewi sein Ichgefühl. Der 9. Ab kommt heran, der 
Tag der Zerstörung des zweiten Tempels . Aber die- 
ser Tag ist zugleich der Geburtstag Sabbatais. Er 
schickt Boten nach Ismir und läßt Sarah, die Königin 
holen . Und kurz vor dem dunklen , schweren Erin- 
nerungstage geht ein Edikt Primos an die Judenheit 
der Welt hinaus : 

»Der erstgeborene Sohn Gottes, Sabbatai Zewi, der 
Messias und der Befreier der Juden, entbietet allen 
Kindern Israels seinen Frieden ! 
Nachdem Ihr gewürdigt worden seid, den großen Tag 
der Erlösung zu erleben und die Erfüllung des Wor- 
tes Gottes, das er durch die Propheten und unsere 
Väter gegeben hat, müssen Eure Klagen und Sorgen 



28o ELFTES KAPITEL 

in Freuden verwandelt werden, o meine Kinder Is- 
raels. Erfreut euch mit Gesang und Lied, weil Gott 
Euch Trost gegeben hat, und wandelt den Tag, den 
Ihr einst in Trauer und Sorge verbracht habt, in einen 
Jubeltag, weil ich erschienen bin. Ihr sollt euch nicht 
fürchten , denn Ihr werdet die Herrschaft bekommen 
über alle Völker, und nicht allein über die, die auf der 
Erde sind, sondern auch über die Kreaturen, die in 
der Tiefe des Meeres verborgen liegen . . . « 
Und aus Eigenem fügt Sabbajai hinzu : »Höret auf 
mich und eßt gut und freuet Euch und kommt zu 
mir. Höret auf mich und sorgt nicht um eure Seele, 
denn ich werde den ewigen Bund schließen zwischen 
Euch und derWelt. So sagt David ben Isai, der größte 
unter den Königen der Erde, der erhaben ist über 
jeden Segen und jeden Lobspruch, der Löwe, stark 
wie ein Bär, Sabbatai Zewi.« 

Aber Primo kennt die Bedeutung von Segen und Lob- 
spruch besser. Er verfaßt und verordnet für die Feier 
des 9 .Ab dieses Gebet: »Gib uns, Gott unser König, 
in Liebe Feste zum Freuen und Feiertage und Gezei- 
ten zur Freude, den Tag des Trostes, den Tag, an dem 
unser König, unser Messias Sabbatai Zewi geboren 
wurde, dein Knecht und dein ältester Sohn, in Liebe, 
zum Gedenken an den Auszug aus Ägypten .<( 
Er gibt ferner für die Feier des Geburtstages des Mes- 
sias folgende Anweisungen an die Juden : sie dürfen an 
diesem Tage mit keinem NichtJuden umgehen . Sie 
dürfen keine Arbeit verrichten, es sei denn die, Mu- 
sik in der Synagoge zu machen . Sie haben besondere 
Stellen aus dem Buche der Schöpfung »Im Anfang« 
zu lesen, besondere Psalmen und das Gebet, das er 
ihnen verfaßt hat. Und im besonderen: sie sollen sich 
freuen und gut essen . 



KATASTROPHE 28 1 

Was Sabbatai Zewi da unternimmt, dieser Angriff auf 
den großen, heiligen, unendlich tief in den Herzen 
aller Juden verankerten Tischa be'Ab, ist eine Kraft- 
probe. Sie ist für den Gläubigen und den Wider- 
strebenden eine unerhörte Provokation. Aber die 
Probe wird bestanden . Das Volk besteht die Probe. 
Das neue Element, das in ihr Leben getreten ist, 
bricht die heiligsten Fesseln und begehrt endlich zu 
seinem Recht zu kommen : die Freude am Dasein . 
Wer bräche nicht die schwerste Fessel, die um einen 
Menschen liegt, wenn er ihm Freude gäbe.? 
Der Jubel in Konstantinopel ist ungewöhnlich groß. 
Wörtlich wird alles befolgt, was Primo vorschreibt. 
Niemand bezweifelt, daß Sabbatai Zewi die Quelle 
neuer religiöser Gesetzgebung darstellt. Mit tiefster 
Teilnahme und Ehrerbietung wird auch die Verheis- 
sung empfangen, die er in einem Briefe an seine Ge- 
meinde nach Ismir zum Ausdruck bringt: jeder, der 
an das Grab seiner Mutter geht und die Hand darauf 
legt, soll so viel Verdienst vor Gott dadurch erwer- 
ben , als ob er den heiligen Tempel zu Jerusalem be- 
sucht habe . So macht er das Grab seiner Mutter zu 
einem heiligen Ort und legt ihm die historische Be- 
deutung bei, die das Grab der Urmutter Sarah in der 
Höhle zu Machpelah bei Hebron hatte. 
Im weiteren Verlauf hebt Sabbatai auch den Fasttag 
des 17. Tammus auf, den Tag, der dem Andenken 
an die Einnahme der Stadt Jerusalem dient. Aber da- 
für bestimmt er einen neuen Festtag, den 23. Tam- 
mus, der zuerst auf den 26. Juli 1666 fällt. Es ist 
dieser Tag, sagt er, sieben Tage nach seinem Er- 
wachen zur messianischen Berufung. Darum muß er 
wie der heiligste Sabbath gefeiert werden . 4000 Ju- 
den befinden sich an diesem Tage in Abydos . Sie ge- 



282 ELFTES KAPITEL 

horchen stumm und freudig und feiern einen Sabbath, 
der auf einen Wochentag fällt. 
Von außen her strömen ihm Bestätigungen zu . Nicht- 
juden verfallen der Suggestion, die von der jüdischen 
Umgebung ausgeht, und treten zum Judentum über. 
Ein Derwisch, weiß gekleidet, tritt auf, predigt und 
verkündet den Messias Sabbatai Zewi. Die Türken 
nehmen Ärgernis daran und verprügeln den Der- 
wisch. Er predigt weiter. Sie sperren ihn in das Irren- 
haus, aber er läßt nicht von ^seinen Verkündigungen. 
Sie entlassen ihn, und er predigt weiter von Sabbatai 
Zewi. 

Da ist ein Jude, Moses Suriel, der in ekstatischen An- 
fällen durch die Gassen schreit, die Erlösungszeit 
ankündigt und die Menschen zur Buße aufruft. Er 
hat großen Zulauf. Wo er erscheint, gibt es erregte 
Szenen, wilde Zusammenstöße. Die Türken be- 
schweren sich darüber beim Großvezier . Der weiß , 
nicht, was er solchen Erscheinungen gegenüber tun 
soll, und gibt den Vorständen der Gemeinde auf, sel- 
ber für Ordnung zu sorgen. Aber was können die 
noch an Ordnung befehlen? Sie wenden sich an Sabr 
batai, und der befiehlt Suriel, vor ihm zu erscheinen . 
Er kommt . Sie haben ein Gespräch unter vier Augen . 
Dann geht Suriel wieder wie sonst durch die Gassen 
und schreit ekstatisch nach Erlösung und Buße . 
Wer unter den Gläubigen und Anhängern noch den 
letzten Zweifel hat und meint, es könne nicht immer 
so weiter gehen mit Hofhaltung und Edikten und 
Wunderzeichen , sondern es müsse etwas Neues und 
Entscheidendes geschehen, der wird beruhigt durch 
einen Brief Nathans aus Gaza, der jetzt in Abydos 
eintrifft. Darin wird verkündet, daß Sabbatai Zewi 
noch vor dem Ende dieses Jahres gekrönt werden 



KATASTROPHE 283 

Würde. Weithin wird der Brief verbreitet . Sabbatai 
entschließt sich zu einer vorsorgenden , königlichen 
Maßnahme. Er ernennt drei Personen, die er nach 
Amsterdam, Venedig und Livorno absenden will. 
Sie sollen in diesen drei Städten als seine königlichen 
Gesandten residieren . Die Ernennung ist erfolgt, aber 
Primo hat die Abreise der Gesandten verhindert. Er 
ist immer der klügere Diener gewesen. 
Was sich jetzt noch gelegentlich als Gegner zu be- 
kunden wagt, verfällt einer schnellen Justiz. Da ist 
in Konstantinopel ein wohlhabender Kaufmann , dem 
bei der Sache nicht geheuer ist. Er begibt sich - ein 
Tatbestand von ewiger Aktualität - zum Großvezier 
und erklärt, er persönlich sei mit der Bewegung nicht 
einverstanden . Für alle Fälle wolle er hier zu Proto- 
koll erklären, daß er an allen Vorgängen unbeteiligt 
sei und sie mißbillige . Das Volk erteilt ihm die Quit- 
tung für sein Verhalten . Es kauft sich einige Zeugen , 
die vor Gericht bekunden, daß dieser Kaufmann 
Hochverrat getrieben habe. Er wird zur Galeeren- 
strafe verurteilt. Von Ismir aus beklagen sich einige 
Leute, wahrscheinlich auf Betreiben la Papas, über 
den irreligiösen Lebenswandel Sabbatais . Aber das 
Konstantinopel von heute ist nicht mehr das Kon- 
stantinopel von einst. Als Antwort erhalten sie, von 
über zwanzig Gelehrten unterschrieben, einen Nidui, 
eine Ausstoßung zugestellt, eine Form des Bannes. 
»Alles Schlechte soll an Euch haften, wie es in der 
Thora geschrieben steht, bis Ihr Euch bekehrt habt ! « 
Alle diese Vorgänge erhellen den Tatbestand dahin: 
der Messias ist kein Gefangener. Er ist der Allge- 
waltige, dessen Macht täglich und stündlich wächst, 
und für den die Krone schon bereit gehalten ist. 
Es ist darum nicht sonderbar, daß viele Gemeinden, 



284 ELFTES KAPITEL 

in denen kluge, kritische, philosophisch geschulte 
und sehr aufgeklärte Köpfe sitzen und beschließen, 
von jeder Prüfung des Messias absehen und sich be- 
dingungslos der Huldigung anschließen . Aus Amster- 
dam machen sich die Führer der sabbatianischen Par- 
tei, Pereyra und Naar, auf den Weg, weil sie zusam- 
men mit Sabbatai von Konstantinopel nach, dem hei- 
ligen Lande ziehen wollen . Wie sie auf dem Wege 
sind, wird ihnen ein Schreiben der Notabein der 
Amsterdamer Gemeinde nachgesandt, das sie in Aby- 
dos übergeben sollen. Es ist die bescheidene Frage 
des Nachfolgers an den Herrn, was er tun solle. »Sag* 
an, unser König und Gebieter,« heißt es darin, »wel- 
chen Weg wir einschlagen und was wir tun sollen: 
sollen wir uns unverzüglich rüsten und in das Gottes- 
haus ziehen, um uns Deiner Heiligkeit zu Füßen zu 
werfen, oder aber der Gnade Gottes bis zu dem Tage 
harren, da alle unsere Zerstreuten versammelt wer- 
den?« Die besten Männer der großen Gemeinde ha- 
ben diesen Brief unterschrieben. Die erste Unter- 
schrift leistete der angesehene Philosoph und Frei- 
denker Benjamin Mussafia . 

Auch die portugiesische Judengemeinde in Hamburg 
hatte sich zu einer gleichen Huldigung entschlossen . 
Es vermerkt das Protokollbuch : »Angesichts der gu- 
ten Nachrichten, welche uns durch Berichte aus Is- 
mir und anderen Gemeinden geworden waren und un- 
sere Hoffnungen auf das ersehnte Heil bestätigen, hat- 
te der Präsident . . . von Eifer beseelt« eine Versamm- 
lung einberufen. »In jener Versammlung wurde be- 
schlossen, Gesandte abseiten dieser Gemeinde nach 
Konstantinopel zu schicken, um unserem König Sa- 
betay Seby, dem Gesalbten des Gottes Jaakobs (des- 
sen Herrschaft sich entfalten möge und dessen Name 



KATASTROPHE 285 

verewigt werde), die schuldige Huldigung darzu- 
bringen.« Nachträglich gibt man allerdings diesen 
Plan auf, einmal, weil man befürchtet, der Brief 
könne in fremde Hände fallen; sodann aber - und 
hier wird die Unbedingtheit des Zutrauens offenbar 
- wird der Brief zu spät nach Konstantinopel 
kommen, denn bis der Bote den Weg zurückgelegt 
hat, ist Sabbatai längst in Jerusalem. »Wir hoffen 
aber und halten es für ganz sicher, daß nosso Rey^ 
unser König, vor Ablauf dieser Zeit in Erez Israel 
sein wird . . . der Gott Israels erfreue uns mit den 
ersehnten Nachrichten und gebe, daß wir bald diese 
große Zeit erschauen, zu Ehren seines heiligen 
Dienstes . « 

Hier dringt die Gegenwärtigkeit ihrer Beziehung noch 
bis in die ganz kleinen Ordnungen ihres Alltages 
hinein. So erweist es sich für sie als nötig, ein Gesetz 
über Majestätsbeleidigung zu schaffen. Sie belegen 
mit einer Strafe von fünf Reichstalern zugunsten der 
Armenkasse jeden, der über den Messias oder über 
seinen Propheten Ungünstiges sagt, und mit der glei- 
chen Strafe den, der solche Lästerungen von anderen 
hört und ihn nicht dem Vorstand der Gemeinde an- 
zeigt. Sodann wurde, unter Androhung dergleichen 
Strafe, von der Kanzel der Synagoge der Beschluß 
verkündet, »daß alle Wetten auf das Eintreffen un- 
seres Heils (dessen uns Gott bald teilhaftig werden 
lasse) fortan verboten seien. Wer mit NichtJuden 
eine derartige Wette abschließt, verfällt einer Buße 
von zehn Reichstalern.« 

Wir wissen, daß Gesetze immer einem Tatbestand 
nachhinken , wenn er bedrohlich geworden ist . 
Da Sabbatai Gehorsam findet, wächst ihm der Mut 
zu königlichen Erklärungen, Es lautet ein Schreiben, 



286 ELFTES KAPITEL 

das er an die Rabbiner von Konstantinopel richtet, 
wie folgt: »So spricht der große König, unser Herr; 
meinen Gruß an alle gläubigen Völker, die mich lie- 
ben, damit ich sie mache zu Freunden durch Erb- 
schaft, zu besitzen das Gute, und ich ihre Schätze 
fülle mit Segen, so geistig wie leiblich, auch daß meine 
Sanftmütigen mit Güte gesegnet werden mögen, 
spricht der Herr: also seien auch gesegnet alle Men- 
schen meines Glaubens, so Männer als Weiber, Brü- 
der und Schwestern, Söhne und Töchter. Gesegnet 
seien sie, sage ich, aus dem Munde des großen Got- 
tes, und aus dem Munde seines Knechtes, seines 
Auserwähiten . Es sei Euch hiermit kund und offen- 
bar, daß an dem Sabbath, an welchem dieser Ab- 
scimitt des Gesetzes gelesen wird, welcher beginnt: 
Werdet Ihr in meinen Satzungen gehn . . . (,Er rief 
26, 3), Gott mein Elend und aufrichtiges Gemüt an- 
gesehen und mich mit großer Freude überschattet und 
erfüllt, woraus ich sah und klar merken konnte, daß 
die lange begehrte und ersehnte Zeit der Hoffnung 
Israels nunmehr gekommen sei. Damit sei Euch für 
dieses Mal genug gesagt . . . « 
Sogeben Könige ihre Verheißung: mit sicherer Stim- 
me und unbestimmten, klangvollen Worten. Und da 
er daran denkt, wie sehr die Menschen noch der un- 
bestimmten Verheißung glauben, liebt er sie um des 
Vertrauens willen, von dem er lebt, und wird milde, 
herzlich, teilnehmend: »Der Allerhöchste gebe nach 
seiner Wahrheit und Barmherzigkeit, daß dieser 
Trost, den ich bei mir empfunden, als ich die Worte 
las: Ich gebe meine Wohnung in eure Mitte, meine 
Seele schleudert euch nicht weg, ich ergehe mich in 
eurer Mitte und bin euch Gott - immerwährend sein 
und sich vermehren möge.« 



KATASTROPHE 287 

Denkbar, wahrscheinlich sogar, daß nicht Sabbatai 
diese Dekrete und Briefe abgefaßt habe, daß er nur 
unterschrieb, was Primo ihm vorlegte. Wer so hem- 
mungslos sprechen, singen, weinen und jubeln kann 
wie Sabbatai, dem steht nicht die Hand mit dem Fe- 
derkiel darin zu der ruhigen, in schwerem Pathos 
gleitenden Geste des geschriebenen Wortes . Wir ken- 
nen aus dieser Zeit mit Sicherheit nur einen Brief von 
seiner Hand, und der ist kurz, stoßweise und zuckend 
im Ausdruck, konvulsivisch geladen wie das, womit 
er seine Anhänger und Besucher anspricht. 
Aber für die Wirkung nach außen hat diese Frage kei-. 
ne Bedeutung. Für die Welt sind dieses Dokumente 
von höchster Einmaligkeit. Darum wirken sie, und 
wie ihr messianischer Glaube in ihren Alltag einge- 
woben ist, dringen die Wirkungen bis in die Funk- 
tionen ihres Alltags . Sie stehen in aller Wirklichkeit 
am Vorabend der großen Ereignisse. Folglich wird 
es hohe Zeit, daß sie mit den Vorbereitungen begin- 
nen. In sehr vielen Synagogen werden die Initialen 
Sabbatai Zewi's angebracht, ein Kranz von Blumen 
darum, eine Krone darüber mit den Worten: die 
Krone des Sabbatai Ze wi , Die Gebete werden ergänzt, 
und Gott wird angesprochen ; »Segne unseren Herrn 
und König, den heiligen und gerechten Sabbatai Ze- 
wi, den Messias des Gottes Jaakobs. »Und da es hier 
und dort noch Ungläubige gab, die sich weigern, die- 
sen Segen auszusprechen, zwingt man sie mindestens , 
in der Synagoge zu bleiben, den Segen stehend an- 
zuhören und ihn durch ein lautes Amen zu bekräf- 
tigen . In den Gebetbüchern kommt das Bildnis Sab- 
. batais neben dem des Königs David zur Darstellung. 
Einem Bericht aus Siena entnimmt man, daß die Kin- 
der, die in Italien geboren werden, den Vornamen 



288 ELFTES KAPITEL 

Sabbatai bekommen. Man erfährt aus Livorno, daß 
viele Juden sich mitsamt ihren Familien nach Ale- 
xandrien begeben, um näher an Jerusalem zu sein, 
und daß sich täglich viele andere zu gleichem Begin- 
nen rüsten . Menschen sitzen da mit gepackten Bün- 
deln voll Kleidung und getrockneten Lebensmitteln , 
damit sie Wegzehrung auf der langen Reise haben . 
Es schimpft und spottet der Pfarrer und Superinten- 
dent Michael Buchenroedern aus Heldburgk, ein 
cholerischer Ketzerriecher: >>ßie (die Juden) horchen , 
und hören, lauern und lauschen Tag und Nacht nur 
auf Messias-Zeitung, treiben ihre Schulden ein, neh- 
men mit Schaden quid pro quo, verschleudern ihre 
Ware . . . Noch lächerlicher aber ist es, daß heutigen 
Tages etliche Juden sich die Haare abscheeren lassen, 
desto leichter und leiser das Blasen des neuen Mes- 
sias-Düthorn zu vernehmen. Wie bald könnte ein 
Schalk bei der Nacht auf einem Berg stehend gegen 
eine Stadt oder Dorf, darinnen Juden wohnen, mit 
einem Hörn blasen, die Juden aufwischend machen 
und ihnen Hörner mit dem Hörn aufsetzen?« 
Und er vermerkt weiter mit Unlust: »Weil. . . das 
mit Mund und Feder erschollene ausgebrochene Ge- 
schrei von dem neuen Messias und seinem Propheten 
Nathan die Juden noch mehr irre und stutzig macht, 
daß etliche nicht mehr wollen heiraten, die anderen 
nicht mehr wie vorhin so stark den Handel mit Kau- 
fen und Verkaufen betreiben, die dritten sich großer 
Dinge vernehmen lassen, gleich als wenn in der Chri- 
sten Länder auf viele Staffeln sie höher steigen wür- 
den, die vierten behaupten und ausgeben, es seien 
schon etliche Christen ihrer, der Juden Meinung . . . « 
Es ist diese väterliche Besorgnis, die da aus den 
letzten Zeilen mit kindlicher Schlichtheit spricht, nur 



KATASTROPHE 289 

eine der Stimmen, wie sie damals sonst noch, nur 
ernsthafter und tiefer begründet, aus vielen Christen 
angesichts dieser Entwicklung der Dinge sprachen. 
Wir wissen, daß in Hamburg christliche Kaufleute 
sehr bestürzt zu ihrem Prediger Edzardi kamen und 
ihn fragten, was denn aus der christlichen Lehre vom 
Messias werden solle, wenn die Berichte, die sie von 
ihren Korrespondenten aus der Türkei empfingen, 
auf Wahrheit beruhten . Es schreibt ein anderer Kauf- 
mann im Juli dieses Jahres aus Amsterdam: 
» . . . Aber nun muß man außer allem Zweifel stellen, 
daß Sabathai Sebi'een herlich Instrument Godes is' 
und daß kein Zweifel an der Erlösung Israels mehr 
obwaltet.« 

Es ist schon früher dargestellt, welche innere Be- 
ziehung die christliche Welt jener Zeit zu dem apo- 
kalyptischen Jahr 1666 hatte. Es haben aber nur 
wenige sich darüber Gedanken gemacht, wie die Ur- 
sprünglichkeit des Eindrucks und die Tiefe der Aus- 
wirkung bei den Juden zu rechtfertigen sei. Nur der 
Pfarrer Buchenroedern , schimpfend und wetternd, 
zählt eine Reihe wahrer und plump erfundener fal- 
scher Messiasse der Juden auf und schließt zürnend : 
»Also ist es abermals garnichts Neues, wenn die Ju- 
den in diesem 1666. Jahr so große Lust und Begierde 
haben, den vermeinten neuen Messias anzunehmen 
und nach dem alten Vaterland fortzu wallen . Es ist 
ihnen solches nicht angeflogen, sondern angeboren, 
von Vätern gleichsam ererbt und mit der Mutter- 
Milch eingeflößt und gesogen . « 
Wie recht der Pfarrer Buchenroedern hat! Es geht 
hier um Erbteil , um Bestandteil des lebendigen We- 
sens. Darum gab sich alles Geschehen schlicht und 
im Grunde selbstverständlich. Hier war Zweifel eine 

19 Kastein Zewi 



290 ELFTES KAPITEL 

sinnlose Haltung. Es wurde geglaubt, was die Brü- 
der des Messias, Elias und Joseph, an Legenden in 
die Welt trugen. Es wurde geglaubt, was die Ver- 
treter der italienischen Gemeinden und die Abgeord- 
neten aus Aleppo berichteten . Es war eigentlich schon 
nicht mehr wichtig, was an Einzelheiten da gesagt 
und übertragen wurde. Es kam einzig noch darauf 
an, daß der Messias sich zu einer entscheidenden Tat 
erhebe. 

Aber außer Dekreten, Anweisungen, Verkündigun- 
gen und Sendschreiben kommt keine Tat aus der Fe- 
stung Abydos. Sabbatai sitzt da, Wochen und Mo- 
nate, hält Empfänge ab, wirbt und lockt und ver- 
schwendet, treibt in einem geschlossenen Kreise mit 
immer neuen, erstaunlich aufzuckenden Akzenten, 
und doch für den Beschauer mit einer bedrückenden, 
quälenden Einförmigkeit. Seine Kraft reicht nur dazu, 
die Ekstase am Leben zu erhalten . Um diesen Ring 
zu durchbrechen und zur Tat zu schreiten, hätte es 
wieder einer Kraft von außen bedurft. Aber die wirkt 
jetzt nicht. Vor ihm liegen lauter Bereitschaften . Sie 
anzurufen, wäre seine Mission gewesen. Es waren 
schon damals etliche der Meinung, es müsse ihm 
ein Leichtes sein, aus seinen zahlreichen Anhängern 
20000 Menschen auszuwählen, sie mit der Unsumme 
Gelder, die ihm zur Verfügung stand, zu bewaffnen, 
und den Sultan, der genug mit seinem Lande und sei- 
nen Nachbarn zu schaffen hatte, zur Abtretung des 
heiligen Landes zu zwingen. Aber solche Realpoliti- 
ker übersahen, daß die messianische Idee den Ge- 
danken an Gewalt nicht kennt, daß gerade die Ge- 
waltlosigkeit ihr Signum ist, weil dann doch die Ent- 
scheidung von oben gegeben und nicht auf der Erde 
mit Blut erkauft wird. Es ist nicht abzusehen, was 



KATASTROPHE 291 

geschehen wäre, wenn Sabbatai sich v/irklich der 
Macht bedient hätte, die ihm zur Verfügung stand. 
Er hätte immerhin ein historisches Faktum von nach- 
haltigster Bedeutung geschaffen. Aber dazu konnte 
es nicht kommen, da noch niemals Sabbatai sich zu 
anderer Tat als der des Wortes oder des Symbols ent- 
schlossen hatte . Sein Wirken erschöpfte sich immer 
darin, Bereitwillige zum Handeln aufzustacheln. 
Es kann nicht der Zweifel an dem Maß der Bereit- 
schaft gewesen sein, der Sabbatai hin vierte, in dieser 
einzigartigen Situation seines Lebens das entscheiden- 
de Wort zu sprechen . Es muß der Zweifel gewesen 
sein, ob dieses Wort, wenn er es aussprach, genug 
tragende und zündende Gewalt hatte. Es muß der 
immer wache Rest des schwankenden, unsicheren Ge- 
wissens gewesen sein, der ihn auf der Höhe seines 
Ruhmes noch einmal ausspähen läßt nach einer an- 
dersgearteten Bestätigung seiner selbst, nach einem 
anderen Propheten als Nathan Ghazati, nach einem 
Verkünder, dem man nicht wie dem Ekstatiker aus 
Gaza den Vorwurf der Unklarheit machen konnte, 
dem vielmehr die W^elt Klugheit, Nüchternheit und 
Autorität der Gelehrsamkeit zubilligte . Er späht nach 
einem solchen Propheten aus, er findet ihn, er ruft 
ihn . . . und ruft seinen Henker . . . tiefer, tragischer 
noch: er ruft seinen Judas Ischariot. 
Es sind im Sommer des Jahres 1666 zwei Vertreter 
der polnischen Judenheit zu ihm gekommen, um Bot- 
schaft und Huldigung darzubringen. Der eine Loeb- 
Herz, der andere Jesaja, Sohn des Lemberger Rab- 
biners David Halevi. Sabbatai weiß sehr wohl, wel- 
che Bedeutung die polnischen Juden für die Bewegung 
haben, wenn auch nicht mehr dem Vermögen und 
der Masse nach, so doch vermehrt um ihres Martyri- 

19* 



292 ELFTES KAPITEL 

ums willen, das sie in den Augen der ganzen jüdischen 
Welt zu lebendigen Zeugen des Elends macht, das 
der Erlösung vorangehen mußte. Wenn es ihm ge- 
lingt, auch diese beiden Abgesandten für sich zu ge- 
winnen, so gibt er damit der Bewegung vielleicht die 
entscheidende Anhängerschaft. Und um sie zu ge- 
winnen, verläßt er sich nicht auf die Kraft, mit der er 
sonst Menschen gläubig und gefügig gemacht hat. Er 
läßt vielmehr die ganze Pracht, den ganzen komödien- 
haften Apparat eines Herrschers spielen, entfaltet die 
letzte ausgeklügelte Regie, um seines Erfolges ganz 
sicher zu gehen . 

Sie werden nicht sogleich vorgelassen . Man verweist 
sie zunächst an Abraham Jachini und den Kreis sei- 
ner Verkünder, der sich um ihn gesammelt hat. Zu 
diesem Zwecke müssen sie sich zunächst von Abydos 
nach Konstantinopel begeben. Dort wird ihnen die 
wunderbare Auffindung der schriftlichen Prophezei- 
ung bestätigt. Dort werden sie getränkt und über- 
schwemmt mit den Berichten göttlicher Verkündi- 
gungen, Offenbarungen, Wunder und Zeichen. Was 
bleibt ihnen da anders als zu glauben ? Von Jächini 
aus werden sie an Primo weitergegeben. Sie müssen 
also zurück nach Abydos. Sie treffen dort am 23. 
Tammus ein , dem von Sabbatai heu geschaffenen 
Sabbath. Sie haben davon noch nichts gehört und 
schicken arglos einen Diener aus, um Lebensmittel 
einkaufen zu lassen. Dafür müssen sie eine strenge 
Strafpredigt Primos über sich ergehen lassen . 
Von Primo erfahren sie dann eine weitere, entschei- 
dende Vorbereitung. Wenn die Bewegung von Sab- 
batai jeweils die verführerische Unmittelbarkeitvxies 
Eindrucks, den momentanen Impuls und das ge^- 
fühlsgeladene, stammelnde Wort erfährt, so erhält 



KATASTROPHE 293 

sie von Primo die große, dekorative, repräsentative 
Geste des Tonfalles, des pathetisch schreitenden Wor- 
tes . Er ist der Redakteur der Ekstase. Er ist der ge- 
niale, fast dämonische Journalist dieser Ideen, die er 
mit einer eigenartigen Fern Wirkung versieht. Von 
ihm stammen die Fassungen der Dekrete. Seine Äuße- 
rungen stehen gegen die eines Jachini und eines 
Nathan Ghazati wie ein Kristall gegen einen bunten 
Tuchknäuel. Er verdichtet das Unwägbare des 
Augenblicks zu der weithin sichtbaren und erkennbaren 
Präzision einer Verkündigung. Er kennt Note, Art 
und Weise, wie sie den Gehirnen und Herzen der 
Glauben -Wollenden eingehen. Aber mehr noch: er 
gibt allen Vorgängen, halben Entschließungen, unbe- 
stimmten Andeutungen, unverbürgten Gerüchten die 
gefährliche Note der Un widerruf barkeit, indem er 
sie mit dem schweren Rhythmus des geschriebenen 
Wortes fixiert. Er gibt der Sekunde samt ihrem In- 
halt die Dauer, versieht sie mit der Eigenschaft, er- 
innert zu werden, lauert auf jede Äußerung des Mes- 
sias, um sie festzuhalten, sie zu materialisieren, und 
häuft so hinter ihm einen Berg von Tatsachen auf, 
den der Messias nie mehr wird ableugnen können, 
der mit seinem Eigengewicht immer hinter seiner 
Furcht vor der letzten Entscheidung stehen wird. 
Und darum ist er sein Dämon. Er erlaubt ihm kein 
Vergessen. Zwar kann auch er ihn nicht zwingen, 
sich zur Tat zu entscheiden, aber er sammelt um ihn 
her die Zeugnisse von gestern und vorgestern, aus 
deren Massenhaftigkeit die Tat eines Tages mit Not- 
wendigkeit von selbst, von der inneren Triebkraft her 
geboren werden muß . 

Zu diesem selbstgewählten Amt gehört auch, daß er 
zuvor die Abordnungen der Gemeinden empfängt 



294 ELFTES KAPITEL 

und iti ihnen den Boden der Empfänglichkeit vorbe- 
reitet. Er bindet nicht nur den Messias an seine eige- 
nen Worte, sondern er belädt ihn ständig von neufem 
mit der verpflichtenden Last des Vertrauens, das von 
weither ihm zugetragen wird. Eines Tages wiM eben 
doch der Messais unter dem Druck von innen und 
außen nachgeben müssen . 

Aber woher kommt diese Tiefe, diese stille Heftig- 
keit der Verknüpfung ? Hängt er an dem Menschen 
Sabbatai Zfewi? Hängt er, wie Tausende, an der Idee ? 
Oder gar an dem verlockenden Amt, der nächste zum 
Throne des Messias zu sein ? Oder treibt hier nur die 
Dämonie seines V/esens ihr Spiel und sorgt sich nicht, 
wem nun gerade sie dient ? Dieser Dienst war so aus- 
schließlich, und er selbst trat so sehr hinter der Auf- 
gabe zurück, die er übernommen hatte, daß über ihn 
als Mensch und einzelnen nichts als unbestimmte 
Legenden verblieben sind. Nur für den Rest seines 
Lebens notiert die Chronik mit hartem Griffel Tat- 
sachen von schwerem inneren Gewicht : wie alles 
längst vorüber ist, der Messias gestürzt und die große 
Bewegung verdammt zur Unfruchtbarkeit der Sekte, 
finden wir Primo, reumütig dem Irrtuni einer bren- 
nenden Jugendzeit entsagend, als Rabbiner in Adria- 
nopel. Er ist es, der gegen den größten, schöpferi- 
schen geistigen Vollender der sabbatianischen Ideen, 
den leidenschaftlichen Abraham Cardozo, den Che- 
rem, den großen Bann ausspricht! 
Aber in diesem Augenblick sorgt Primo noch für sei- 
nen Messias und für die Idee. Wohl vorbereitet ent- 
läßt er die polnischen Gesandten endlich zur Audienz 
vor Sabbatai . . ^ 

Sie kommen zu ihm wie Kinder zu einem Vater . Sie 
wollen ihm die ganze grauenhafte Not und das Elend 



KATASTROPHE 295 

klagen, das über sie und die ihrigen in Polen herein- 
gebrochen ist und noch bis auf diesen Tag nachwirkt. 
Aber Sabbatai ist kein liebender Vater. Er läßt sie 
nicht zu Ende erzählen . Er kennt ja auch diese Tat- 
sachen alle. Es gibt genug Schriften darüber, und 
eine davon, »Unter dem Druck der Zeiten«, Zok 
ha' ittim, liegt ihm vor. Es ist ein Bericht in gereim- 
ter Prosa, angefüllt mit allem Grauen der Einzelhei- 
ten und durchweht von einem an Haß grenzenden 
Gefühl der Empörung. Die zeigt ihnen Sabbatai als 
Beleg seiner Sachkunde und als Beweis für die Ent- 
behrlichkeit ihres Berichts. Denn es liegt ihm nicht 
daran, daß man zu ihm redet. Er will reden. Auf ihn 
und seine Wirkung kommt es ihm im Augenblick allein 
an. Und er entfaltet die große Regie. Er trägt ein 
rotes Gewand und hat die Thorarolle, die in seinem 
Zimmer steht, mit einem roten Mantel versehen las- 
sen . Er weist auf beide und fragt: »Wißt Ihr, warum 
mein Kleid und dieser Mantel rot sind?« Und da sie 
in ehrfürchtiger Erwartung schweigen, erläutert er 
mit dem Spruch aus Jesaja: »Denn ein Tag der Ahn- 
dungen ist in meinemHerzen angebrochen, und das 
Jahr meiner Erlosten ist gekommen.« 
Das verstehen die Gesandten, verstehen es sogar fei- 
ner als er, der im Augenblick der nahenden Erlösung 
und Befriedung der Welt von Rache spricht. Sie ent- 
gegnen ihm, daß sich gerade die Juden in Polen durch 
die Tiefe ihres Martyriums alles Anrecht auf Er- 
lösung verdient hätten. 

Aber er läßt ihnen nicht den Trost der Klage . Er ist 
schon wieder mit vollem Schwung bei sich, bei seiner 
Sendung und seiner Geltung. Ergibtihnen einen Bibel- 
vers : »Ich will meinePfeile mit Blut trunken machen . « 
Und da er immer der Suggestion seiner eigenen Worte 



296 ELFTES KAPITEL 



ZU unterliegen, bereit ist, wird er von Augenblick zu 
Augenblick trunkener, und so kann wieder von ihm 
die Wirkung ausgehen, der schon so viele erlegen 
sind. Er beginnt zu reden, zu verheißen, zu trösten. 
Er zieht Schriften der Kabbala heran, erzäiilt und 
deutet dunkle Stellen, begeistert sich und seine Hörer, 
schlägt unvermittelt in tiefe Trauer um und singt mit 
klangvoller Stimme den Vers aus den Klageliedern: 
»Gedenke Herr, wie es uns geht.« Es übermannt ihn 
der Inhalt dieser schmerzlichen Bekenntnisse, und 
die Tränen der wirklichen Ergriffenheit brechen aus 
ihm hervor. Auch die Gesandten weinen, aus dem 
Augenblick und der Erinnerung doppelt aufgewühlt. 
Dann reißt er sie und sich mit einem jähen Übergang 
aus dieser Trauer zu ekstatischer Heiterkeit hinauf. 
Er tanzt wie in Verzückungen durch den Raum und 
singt, darunter sein Lieblingslied: »Die Rechte des 
Herrn behält den Sieg . « Er folgt aber nicht dem Text 
in seiner unantastbaren Überlieferung, sondern 
nimmt eine kleine Änderung vor, die gleichwohl den 
gelehrten und hellhörigen Gesandten wie die große 
Kühnheit einer Verkündigung erscheinen muß / Er 
singt: »Die Rechte des Herrn behielt den Sieg.« Er 
nimmt eine große Verheißung unbekümmert und 
selbstsicher vornweg. Und wo es in dem folgenden 
Verse heißt: »Ich werde nicht sterben, sondern 
leben«, sagt er: achaje, ich werde lebendig machen. 
Ich werde die Toten auferwecken ! Die beiden Ge- 
sandten senken demütig und ergriffen das Haupt. 
Er sieht, diese beiden hat er gewonnen. Er wird 
menschlicher und persönlicher zu ihnen. Er fragt sie 
aus und läßt sie erzählen. Den Vater des Jesaja, den 
Lemberger Rabbi, kennt er schon aus Berichten und 
erkundigt sich nach ihm; da er hört, er sei krank, gibt 



KATASTROPHE 297 

er dem Sohn ein goldgewebtes Halstuch für den 
Kranken. Wenn er es umlegt, wird er geheilt sein. 
Aber noch ein anderes erfährt er bei dieser Gelegen- 
heit. Es lebt in Polen ein bekannter und sehr weiser 
Kabbaiist, Nehemia ha* Kohen. Auch er hat ver- 
kündet, daß bald, in dieser Zeit, der Messias kom- 
men werde. Er hat in einer Vision gesehen, daß Gott 
selbst im Jahre 5408 einem Messias die Krone auf 
das Haupt gesetzt hat. Allerdings hat er den Namen 
des Messias nicht genannt. Aber darauf legt Sabbatai 
kein Gewicht. Ihm genügt , daß da einer sein Mes- 
siastum verkündet hat, und daß ein neues Zeugnis für 
ihn gewonnen werden kann. Und wird Nehemia erst 
in Abydos sein, so kann es nicht ausbleiben, daß er 
den allein wahren und echten Namen findet, 
Sabbatai gibt dem Jesaja, wie die Gesandten sich ver- 
abschieden, einen Brief für seinen Vater mit. Es 
heißt darin: »Bald werde ich Euch rächen und Euch 
wie eine Mutter ihrem Kinde Trost spenden . Zwie- 
fach soll der Trost sein, denn in meinem Herzen ist 
der Tag der Rache angebrochen, und das Jahr meiner 
Erlösten ist gekommen.« Er unterschreibt mit der 
Wucht seiner Überzeugung: »David ben Isai, der 
über die irdischen Könige eingesetzte Gesalbte des 
Gottes Jaakobs und Israels, Sabbatai Zewi.« Und 
als wolle er nicht den eigentlichen Sinn seiner Be- 
mühung allzu deutlich betont sehen, setzt er in der 
Nachschrift des Briefes hinzu, er wünsche so bald 
wie möglich »den Propheten Nehemias« bei sich zu 
sehen. 

Die Gesandten machen sich auf den Heimweg, und 
wohin sie kommen, werden sie zu begeisterten Ver- 
kündern des unerhörten Eindruckes, den sie mitge- 
nommen haben. Die Wirkung des Briefes, den sie 



298 ELFTES KAPITEL 

vorzeigen, und der ausgeschmückten Berichte ist 
stärker, als Sabbatai sie je erwartet haben mag. Es 
bleibt ein Taumel der Erregung hinter ihnen auf dem 
ganzen Reisewege, besonders in den deutschen Ge- 
meinden. 

Wieder daheim, übergeben sie die Aufforderung des 
Messias an Nehemia ha' Kohen . Ohne ein Wort des 
Widerspruches, ohne eine Sekunde desZögerns macht 
der »Prophet« sich auf den Weg. Er ist kein Jüngling 
mehr und die Strapazen einer Reise nicht gerade ge- 
wohnt. Aber er ist mit einem stillen, selbstverständ- 
lichen Eifer drei Monate unterwegs, um dem Befehl 
zu gehorchen . Daneben ist er zugleich Träger eines 
Auftrages, denn verschiedene Gemeinden in Polen, 
die ihm das Geld zur Reise verschafft haben, erwar- 
ten von ihm als Gegenleistung genauen Bericht über 
das, was es mit dem Messias auf sich habe. Der Geist 
des polnischen Juden, nicht minder zum Glauben 
und Hoffen geneigt und nicht minder in Erwartung 
einer verheißenen Erlösung, hat gleichwohl durch 
seine ausschließliche Beschäftigung mit dem Talmud 
sich weiter als alle anderen von der bibelnahen Ur- 
sprünglichkeit entfernt. Er gefällt sich sehr in der 
Erwägung von Möglichkeiten und folglich im Zwei- 
fel. Glauben ist gut, aber Wissen ist besser. Wenn 
auch das Herz ja sagt, so muß doch noch das Gehirn 
seine Autorisation erteilen. Und einer, der so von 
innen her aufgebaut ist, ist Nehemia ha* Kohen. 
Anfang Septemder 1666 trifft er in Abydos ein und 
wird mit den größten Ehren empfangen. Es wird 
seiner möglichen Bedeutung als neuen Propheten des 
Messias von vornherein Rechnung getragen. Aber 
das Weltliche und Äußerliche hat für ihn zu wenig 
Gewicht, um Eindruck auf ihn zu machen. Er sieht 



KATASTROPHE 2()() 

diesen ganzen Pomp und diesen übermäßigen Reich- 
tum mit verhaltenem Mißtrauen. Gewiß: dem Mes- 
sias gebührt ein glanzvolles Auftreten, und mit dem 
Begriff des Königs ist die Vorstellung von Reichtum 
und Pracht unlösbar verbunden . Aber Nehemia lebt 
nicht nur für sich in einer bedürfnislosen Armut. Er 
kommt zudem aus einem Bezirk, in dem das Sterben 
der Hunderttausende und die grenzenlose Not ihres 
Alltags noch allzunahe und eindringlich sind. Der 
Kontrast ist von störender Deutlichkeit. 
Vor der Erlösung kommt das Leiden. Das Leiden, 
weiß und hofft Nehemia, hat sein Volk hinter sich 
gebracht. Aber welcher Mensch findet aus solchem 
Absturz über Nacht die sorglose, etwas lärmende und 
ungebundene Freude, wie sie Sabbatai ihm vorführt ? 
Wer noch so nahe diesem massen weisen Sterben steht, 
für den ist der Gedanke an die Erlösung mit den 
schweren, unheimlichen Tönen des Schofar-Hornes 
verbunden, nicht mit Tänzen und Liedern und fest- 
lichen Mahlzeiten . Es ist ihm alles zu unruhig und 
zu laut und zu wenig ernsthaft . Es verletzt ihn , den 
weltfremden Einsiedler, den sinnenfeindlichen Men- 
schen zu sehr diese orientalische Üppigkeit und Fülle. 
Gegen sein Schamgefühl steht die aufreizende Er- 
scheinung einer Sarah, wie sie neben dem Messias 
Hof hält, wie sie mit ihrer Schönheit um Gefolg- 
schaft wirbt und sich in Dinge mischt, die nur Männer 
angehen . Er möchte das alles mit einer großen Hand- 
bewegung forträumen, er möchte den Raum klar 
und durchsichtig machen für den Zweck, um dessen 
willen er zugleich gerufen und gesandt ist. Und un- 
gleich den Gesandten aus Polen vor ihm, wehrt er 
sich gegen das Getöne und den Uberschwall der Ge- 
fühle und den Nebel der Worte, die auf ihn eindrin- 



300 ELFTES KAPITEL 

gen, erzwingt es, daß aus dem unruhigen Monolog 
ein klarer Dialog werde, und beginnt hart und uner- 
bittlich zu fragen . 

In dem liiessianischen Gebäude, das sich da vor ihm 
enthüllt j sind zwei Lücken, die ihm schon von wei- 
tem, sichtbar sind. Sabbatai Zewi nennt sich den 
Messias ben David. Gut, dagegen hat auchvder große 
Kabbaiist nichts einzuwenden, denn er weiß so gut 
oder besser noch als die anderen, daß ein solcher Mes- 
sias kommen muß und daß die Zeit dafür überreif ist. 
Er ist sogar bereit, anzuerkennen, daß dieses Jahr, 
das im Abrollen ist, das entscheidende Jahr darstellt, 
obgleich es nach dem Sohar 1 648 und nicht 1666 sein 
müßte. Wer weiß, ob da nicht Gott eine Verzögerung 
eingeschaltet hat ? Aber darum ist er doch noch nicht 
bereit, auch nur ein Jota dessen aufzugeben, was ge- 
schrieben steht, und was folglich unumstößlich richtig 
ist. 

Es steht nun geschrieben, daß der Messias der leid- 
erfüllte Mensch sei . Er ist der Mensch der Verfolgun- 
gen, der Erduldungen, der Erniedrigungen und des 
Elends. Er muß es sein, weil er das Böse, das die 
Welt getan hat, durch sein Erleiden abtragen und 
tilgen muß. Abtragen nicht durch den Tod, sondern 
durch das Leben. Nicht sein Opfertod befreit die 
Menschen, sondern sein opfervolles Leben. 
Wie ist es da mit Sabbatai Zewi bestellt ? Was hat er 
gelitten, erduldet und ertragen? Nehemia ha*Kohen 
berührt da eine Stelle, die auch von Nathan Ghazati 
schon als schwach erkannt wurde, und die er in jeder 
Bekundung hat verdecken wollen durch den Hinweis 
auf die 18 Jahre ruheloser Wanderschaft des Mes- 
sias. Auch Sabbatai Zewi weist darauf hin. Jeden 
Widerstand, den er gefunden hat, jede Ablehnung, 



KATASTROPHE 301 

die ihm begegnete, jedes Ereignis, über das er sich 
bekümmern mußte, sind ihm eben so viele Stationen 
seines Leidens. Aber Nehemia ha' Kohen sieht darin 
recht wenig Anlaß, sich als Märtyrer zu fühlen. Sab- 
batai hat doch nie Not gelitten. Schon von seiner 
Jünglingszeit an ist er ein Kind aus reichem Hause 
gewesen . Immer konnte er Pomp entfalten . Immer 
waren Feste für ihn gerichtet, wenn er sie nur haben 
wollte. Und daß Menschen ihm gegnerisch gesinnt 
waren, hat ihn nie um seine Ruhe und Selbstsicher- 
heit gebracht. Was er als Flucht im tragischen Sinne 
bezeichnet, scheint Nehemia ha* Kohen nur ein ruhm- 
loses Ausweichen , ein unheroischer Mangel an Mut . 
Aber er will anerkennen, daß in Sabbatai innere Vor- 
gänge, Seelenkämpfe, Mitleiden, Zweifel und Er- 
schütterungen die Summe dessen ausgemacht haben, 
was man Leid nennt. Dann bleibt die andere Er- 
wägung : es steht doch geschrieben , daß vor dem Mes- 
sias ben David, der die endgültige Erlösung bringen 
wird, sein Vorläufer kommen wird, der Messias ben 
Joseph. Dem ist in den Schriften ein besonderes Ge- 
schick bestimmt: er wird mit allen Feinden seines 
Volkes kämpfen müssen, mit denen, die in der Bibel 
Gog und Magog genannt werden, er wird darin un- 
terliegen, und vor den Toren Jerusalems wird er fal- 
len. Aber mit diesem Tode, der den Sinn eines Opfer- 
todes trägt, wird er seinem Nachfolger, dem Messias 
ben David, den Weg ebnen und ihm die letzte Wir- 
kung ermöglichen . 

Darum ergeht an Sabbatai die Frage: »Du weißt, daß 
vor Dir der Messias aus dem Stamme Benjamin kom- 
men muß.« 

Sabbatai weiß es. Also weiter die Frage: »Wenn Du 
der Messias aus dem Geschlechte Isai bist, so muß 



30Ä ELFTES KAPITEL 

folglich der Messias ben Joseph schon dagewesen 
sein.« Und er erhält die Antwort: »Ja. Er ist dage- 
wesen.« Nehemia ist durchaus bereit, ihm das zu 
glauben . Er ist bereit, alles zu glauben, was man ihm 
beweist. Aber eben ohne diesen Beweis glaubt er 
nicht den Bruchteil eines Buchstabens. Wenn der 
eine ein Fanatiker des Herzens ist, ist der andere ein 
Fanatiker des Gehirns. Beide sind entbrannt, aber 
beide von anderen Ebenen her. Beide sind bereit, zu 
dem gleichen Ergebnis des Glaubens ohne Vorbehalt 
zu kommen, aber ihre Wege verlaufen in jener ver- 
zweifelten Parallelität, die einen Schnittpunkt nur im 
Unendlichen kennt, es sei denn, es lege sich eine 
dritte, beiden gemeinsame Gerade über ihre Wege 
und stelle die starre, unlösbare Verbindung her. Die- 
se Verbindung heißt: der Beweis. Sabbatai soll ihm 
beweisen, daß, wann und wo der Messias ben Joseph 
erschienen ist . Sabbatai ist aus vielen ähnlichen 
Vorwürfen auf dieses Argument vorbereitet und um 
eine Antwort nicht verlegen . Und so wiederholt er, 
ausgeschmückt vielleicht, aber mit jener Sicherheit, 
mit der die Wiederholung eines Phantasiebildes zur 
starren, subjektiven Wahrheit wird, diese Geschichte: 
während der Gemetzel hat in Polen ein unschein- 
barer, armer unbekannter Jude mit Namen Joseph 
gelebt. Er hat das Martyrium auf sich genommen, 
er ist um der Heiligung des Namens willen gestorben, 
er hat erfüllt, was seine Aufgabe war; sterben als 
Opfer, als Wegbereiter des Messias nach ihm. 
Noch niemand hat sich der Eindringlichkeit und Le- 
bensechtheit entzogen, mit der Sabbatai solchen Be- 
richt zu erzählen vermag. Nehemia ha'Kohen bleibt 
unbewegt und ungerührt. Er ist bereit, auch das zu 
glauben. Aber es fehlt wieder die Verbindung: der 



KATASTROPHE 303 

Beweis. Was ist daran Sonderbares und Einmaliges^ 
daß ein unbekannter polnischer Jude gestorben ist, 
weil er den Namen seines Gottes heiligen wollte? 
Tausende, Zehntausende haben das getan. Sie haben 
sich mit einer Schlichtheit und übermenschlichen 
Selbstverständlichkeit zerhacken und verbrennen las- 
sen, daß jeder von ihnen ein Anrecht darauf hat, 
Messias ben Joseph genannt zu werden. Alle glaub- 
ten sie zutiefst, daß sie dem großen Zweck und end- 
gültigen Ziel dienen. Aber nicht darauf kommt es 
an . Es kann nur einen einzigen Messias ben Joseph 
geben. Also möge ihm Sabbatai genau diesen einen 
bezeichnen, den aus der wirren Masse Gott zum 
Träger gerade dieses Amtes ausersehen hat. Drei- 
hunderttausend Opfer: ja. Aber nur einer, dessen 
Opfertod das Erlösungs werk um den entscheidenden 
Schritt förderte . Wer also ? 

Sabbatai kommt in Bedrängnis . Dieser Mann da vor 
ihm ist eine beklemmende Erscheinung . Welche tiefe 
Grausamkeit liegt darin, den Tod von dreihundert- 
tausend Menschen mit einer Handbewegung zu ver- 
werfen, weil nicht der eine daraus benannt werden 
kann , dessen Sterben das Schicksal der messianischen 
Bewegung entschied! Alle anderen waren bereit, zu 
glauben, daß einer von den Vielen es schon gewesen 
sein müsse, der da unerkannt seine Mission erledigte. 
Aber dieser Mann, der selbst das Kommen des Mes- 
sias als Prophezeihung ausgesprochen hat, verlangt 
Beweise, weil der Weg zum Glauben über sein Ge- 
hirn führt. 

Aber Sabbatai hat auch die Fähigkeit, sich anzu- 
schmiegen . Da er nicht Beweise anders als aus seiner 
Selbstüberzeugung erbringen kann, lenkt er ein und 
begibt sich auf das Gebiet, auf dem er den Kabbali- 



304 ELFTES KAPITEL 

sten hofft, besiegen zu können .Er beginnt zu dispu- 
tieren , von der heiklen Frage des Messias ben Joseph 
abzulenken, den allgemeinen Beweis zu führen, daß 
die Zeit gekommen sei und daß er, Sabbatai, in der 
Zeit berufen sei. 

Das ist ein gefährliches Unternehmen, denn an 
Kenntnissen gibt ihm Nehemia ha'Kohen nichts nach 
und an Unstörbarkeit des klaren Verstandes durch 
Ekstasen und Affekte ist er ihm weit überlegen. So 
gehen die Fragen und Antworten, die Gründe und 
Gegengründe, Behauptungen und Widerlegungen 
Stunde um Stunde in hartnäckigem Fluß dahin . Es 
wird Abend. Keiner ist müde, keiner ist überzeugt. 
Es wird Nacht, und sie stehen immer noch um Welten, 
getrennt einander gegenüber. Nehemia ist Prophet, 
aber er will nicht der Prophet dieses Messias sein. 
Wenn jener ihm nicht den Beweis gibt, wird ihm 
ewig das Recht auf den Anspruch fehlen . Sabbatai 
empfindet das mit brennender Angst. Heftiger wird 
sein Bemühen um diesen Menschen , und bald nicht 
mehr um diesen Menschen, sondern um die Recht- 
fertigung vor sich selbst. 

Es vergeht die Nacht . Sie disputieren in den folgen- 
den Tag hinein, und langsam vollzieht sich ein ver- 
hängnisvoller Tausch der Rollen. Je leidenschaft- 
licher Sabbatai um seine Anerkennung kämpft, desto 
vergrämter zieht Nehemia sich in Abwehr und wach- 
sendem Mißtrauen zurück. Die schweren, massiven 
Belege aus Talmud, Midrasch und Sohar dienen 
schon nicht mehr dem allgemeinen Nachweis der 
Möglichkeit, daß hier und jetzt der Messias erschei- 
nen könne, oder daß er noch nicht erschienen sei . Sie 
dienen schon der Nachprüfung, ob dieser Prätendent, 
Sabbatai Zewi, nach allem, was er sagt, weiß, ver- 










V 4 m 






11 



N- 



KATASTROPHE 305 

kündet, nach den Umständen seiner Geburt, nach 
dem Ablauf seines Lebens, dem Gewicht seiner Ta- 
ten, Drekrete und Sendschreiben und nach der selt- 
samen Lebensweise auf Abydos überhaupt das Recht 
habe, sich als Messias der Juden zu bezeichnen. Und 
wie dieser zweite Tag verläuft und nichts ungeprüft 
und unbez weifelt vor Nehemia bestehen kann , geht er 
von der Prüfung langsam zum Angriff über , rettet sich 
Sabbatai mühsam und doch leidenschaftlich in die Ver- 
teidigung hinein , stehen seine Anhänger atemlos und 
schon beunruhigt im Hintergrunde, wird die Kata- 
strophe geboren : Gehirn gegen Herz, Beweis gegen 
Gläubigkeit, göttliche Bestimmung gegen menschli- 
chen Anspruch, Klarheit des Wortes gegen die gefähr- 
liche Dämmerung des Selbstbetruges . Der zweite Tag 
geht zu Ende . Durch den überschnell gewachsenen 
Bau der messianischen Erfüllunggeht ein bedrohliches , 
aus den Tiefen der Erde kommendes Zittern . 
Am dritten Tage hat der Wechsel der Rollen sich in 
seiner letzten Tragweite offenbart. Aus dem schritt- 
weisen Nachprüfen und Verwerfen, aus dem unbe- 
irrbaren Urteil über das, was er gesehen und gehört 
hat, hat sich in Nehemia eine endgültige Überzeu- 
gung, ein fanatisches Wissen um den Menschen vor 
ihm verdichtet. Sein Amt als Prophet fällt ihm aus 
den Händen. Ein anderes wird" ihm vom Gewissen 
und dem Gefühl der Verantwortung für das gesamte 
jüdische Volk aufgenötigt. Er wird zum Ankläger, 
Sabbatai zum Angeklagten. Übermächtig reckt Ne- 
hemia ha'Kohen sich auf und spricht das Urteil: 
»Du bist ein falscher Messias. Du hast das Volk be- 
logen und es auf Irrwege geleitet . Deine göttliche Be- 
rufung ist eine Fälschung . Nach unserem Gesetz gibt 
es für Dich nur eine Strafe; den Tod!« 

20 Kastein Zewi 



3o6 ELFTES KAPITEL 

Unter dieser vernichtenden Anklage zieht Sabbatai 
sich in das Schweigen der Erschöpfung zurück. Er 
gibt sich noch nicht geschlagen, aber er ist zum ersten 
Male in seinem Leben wehrlos gemacht. Gegen das, 
was sonst an Angriffen ihn traf, fand er als Waffe im- 
mer noch das Ausweichen, das Abbiegen, oder selbst 
die Flucht. Gegen diesen Schlag kann er sich nicht 
wehren. Hier ist der Teil seines Wesens getroffen, 
aus dem er immer wieder die Anwandlung von Zwei- 
feln besiegt, aus der ihm die Unbedenklichkeit kommt, 
selbst die auch ihm erkennbare Fälschung eines Ja- 
chini sich als Geglaubtes und als Wahrheit einzuver- 
leiben: die Uberdeckung der Wirklichkeit mit den 
Gestaltungen einer überaus erregbaren Vorstellungs- 
kraft. Und soweit diese Seite seines Wesens in Frage 
kommt, hat die Anklage des Nehemia die Wirkung 
einer Entlarvung. Denn die Bilder der eigenen Phan- 
tasie mit dem Willen zur Geltung ausrüsten, sie mit 
der Fluoreszenz seiner Persönlichkeit versehen und 
sie den Menschen als erlebte und gültige Wirklich- 
keit in dem Augenblick geben , wo sie als Antwort auf 
uralte Fragen eine Wirklichkeit erwarten, ist selbst 
dann Betrug, wenn die Täuschung in ihrer Plastik 
auf den Erfinder zurückwirkt und in ihm die Über- 
zeugung der Wahrhaftigkeit entstehen läßt. 
Die Anhänger des Sabbatai, die, atemlose, bedrückte 
Zeugen dieses dreitägigen Disputes und seines Aus- 
ganges gewesen sind, verstehen von solchen Erwä- 
gungen vielleicht nichts . Dagegen begreifen sie eines 
mit äußerster Klarheit: wenn Nehemia, der Eiferer, 
jetzt diese Festung verläßt, wird er, wie er einmal das 
Kommen des Messias verkündet hat, jetzt die Kunde 
von der Entlarvung eines falschen Messias verbrei- 
ten. Er wird es mit der Eindringlichkeit tun, mit 



KATASTROPHE 307 

der er in dieser dreitägigen Schlacht vom Erforschen 
bis zum Zweifel und bis zum Urteil sich durchge- 
rungen hat. Er wird es mit der ganzen Autorität sei- 
nes Wissens tun. Was einem Sasportas mit seinen 
Episteln nicht gelungen ist, wird diesem Fanatiker 
des Wissens und des Gehirns gelingen: er wird die 
Bewegung spalten , sie lähmen . Er wird es in der ent- 
scheidenden Stunde der Bewegung tun, jetzt, wo alle 
Kräfte sich willig zu einem gemeinsamen Vorstoß 
zur Verfügung stellen . 

Das darf nitht sein. Die Bewegung darf jetzt nicht 
gestört, der Glaube der Anhänger jetzt nicht er- 
schüttert oder auch nur auf eine Probe gestellt wer- 
den . Es ist auch der Gefahr vorzubeugen , daß Nehe- 
mia sich an die türkischen Behörden wendet und vom 
falschen Messias berichtet. Es ist doch allen offenbar, 
daß man an Sabbatai Zewi eben nicht die Hand zu 
legen wagt, weil man in ihrri trotz seiner anfäng- 
lichen Leugnung den Messias sieht. Aber in der Se- 
kunde, in der dieser Glaube erschüttert wird, wird 
nichts ihn vor dem Schicksal eines gewöhnlichen Re- 
bellen schützen . 

Diese Erwägungen, in den Zeitraum von Minuten 
zusammengedrängt, ergeben den harten Schluß : Ne- 
hemia muß zum Schweigen gebracht werden . Nehe- 
mia darf die Festung nicht lebendig verlassen ! Um 
der Sache willen muß dieser eine geopfert werden. 
Nehemia spürt die Stille, die seiner Anklage folgt, 
mit überwacher Aufmerksamkeit. Er hört dieses 
Raunen und Flüstern im Hintergrunde, er sieht plötz- 
lich diese Gesichter voll böser Entschlossenheit und 
die Bewegungen j die gegen ihn andrängen. Er ver- 
steht sofort: Todesgefahr! Mit einem Sprung ist er 
auf den Beinen. Jäh durchbricht er den noch utivoll- 



308 ELFTES KAPITEL 

kommenen Ring der Sabbatianer und erreicht die 
Türe des Raumes . Hinter ihm her über die Gänge 
und Treppen hasten und jagen und johlen die Ver- 
folger, Aber die Todesangst oder der fanatische Wil- 
le, noch vor dem Tode seine Botschaft in die Welt 
zu schleudern 5 geben ihm Kräfte. Er erreicht das Tor. 
Er ist im Freien. Dicht hinter ihm Menschen, die 
ihn erschlagen wollen . Vor ihm die Menschenmassen 
die, wie gewöhnlich, den freien Platz vor der Festung 
belagern, Juden und Mohammedaner durcheinander. 
Eine ungeheure Entschließung explodiert in ihm. Er 
wirft seine pelzbesetzte Mütze zu Boden, stürzt sich 
auf den nächsten Muselmanen, reißt ihm den grünen 
Turban vom Kopfe und setzt ihn sich selber auf. Der 
Kabbaiist Nehemia ha'Kohen, der das Kommen des 
Messias ben David für das jüdische Volk angesagt 
hat, tritt mit dieser symbolischen Handlung in voll- 
endeter und ausreichender Form zum Islam über. 
Seine Verfolger weichen entsetzt zurück . Einen Mo- 
hammedaner dürfen sie nicht berühren . Sie können 
auch nicht mehr an ihn heran , denn schon steht er in 
einem dichten Keil von Menschen, die sogleich be- 
griffen haben, daß hier ein Jude auf der Flucht vor 
den Seinigen sich zu ihnen und dem allein wahren 
Glauben gerettet hat. Die Sabbatianer müssen den 
Dingen ihren Lauf lassen, und schon hören sie, wie 
Nehemia, hoch aufgerichtet und ganz starr im Aus- 
druck, mit lauter Stimme über den Platz hin verlangt, 
daß man ihn nach Adrianopel zum Sultan bringe, da- 
mit er ihm Aufklärung gebe über den falschen Mes- 
sias Sabbatai Zewi .. . 

Man entspricht seinem Wunsche mit verständlicher 
Eile . Während in der »Machtburg« das bange Schwei- 
gen und Horchen lastet, steht der Mohammedaner 



KATASTROPHE 309 

Nehemia vor dem Vertreter Mehmeds IV.und de- 
nunziert mit klaren, kalten Argumenten den, an den 
zu glauben er gekommen war, als Lügner, Betrüger, 
Hochstapler und Rebellen . 
Die Katastrophe ist geboren 

EINE ERWÄGUNG UND EIN BERICHT SEIEN HIER 
eingefügt: Entsprang der Übertritt Nehemias zum Is- 
lam nur jener Spontanität, aus der einer handelt, der 
sein Leben bedroht weiß und es schützen will ? Er war 
doch ein Mensch, den die Nähe des Sterbens nicht 
mehr schrecken konnte . Er selbst erklärte späterhin , 
als er die Türkei verlassen hatte und wieder zum 
Judentum zurückgekehrt war, er habe den Turban 
genommen, um den falschen Messias entlarven und 
sein Volk vor einer großen Enttäuschung retten zu 
können. - Es liegt aber, scheint mir, in diesem un- 
gewöhnlichen Entschluß zugleich ein Unterton von 
Resignation und Verzweiflung, die Gebärde eines 
Menschen, der im Herzen doch Kind geblieben ist, 
und der auf die Zerstörung einer insgeheim unsag- 
bar geliebten Hoffnung mit der Aufgabe, dem Hin- 
werfen seiner selbst, triebhaft antwortet. 
Aber er ist dieser Rettung niemals froh geworden. 
Dieselbe Kraft, die ihn zwang, in sich den Glauben 
an den Messias zu zerstören, hat auch zugleich sein 
ganzes Dasein, seine innere Existenz bis in den Grund 
hinein zerstört. Denn wie die Zeit dahin geht, wie 
Sabbatai längst als peinliche, zweideutige Gestalt zum 
Führer einer Sekte herabgesunken ist, überrennt aus 
der unaufhörlichen Wiederholung des Geschehens 
das starke Herz das Nehemia doch endlich sein Ge- 
hirn, und der Vernichter des Messias bekennt sich 
plötzlich als einer seiner glühendsten Anhänger. Er 



310 ELFTES KAPITEL 

erzählt, verkündet und schwärmt von Sabbatai Zewi. 
Er berichtet von Wundern, die er nie gesehen und 
erlebt hat. Er beseitigt selbst aus seinem brennenden 
Herzen her den großen Einwand, mit dem er den 
Messias einmal zur Strecke brachte: das Fehlen des 
Messias ben Joseph, »denn ich selbst«, erklärt er, 
»bin der Messias ben Joseph. Ich werde vor den 
Toren Jerusalems sterben und meinem Messias den 
Weg bereiten . « 

Aber niemand glaubt ihm mehr. Wohin er sich in 
den polnischen Gemeinden mit dieser Offenbarung 
wendet, wird er scheel angesehen und verstoßen. Er 
muß weiter und weitergehen, unstet und flüchtig, 
mit einem geheimen Kainszeichen auf der Stirne . Er 
durchwandert Polen, Deutschland, Holland. Viel- 
leicht ist er wirklich auf dem Wege nach Jerusalerri, 
um vor den Toren zu sterben. Aber das Übermaß 
der inneren Kämpfe hat seinen Geist und seine Ent- 
schlußkraft zermürbt . Wie eine legendäre Figur zieht 
er umher, läßt das Volk in seinen Berichten ihn um- 
herziehen. Man sagt, er sei ein Bettler geworden, 
der sich Jakob Namirow nannte, ein großer Kenner 
und Erklärer des Talmuds, und doch ein Irrsinniger. 
Man weiß nicht einmal genau das Jahr seines Todes 
(1682 sagen die einen, 1696 die andern), noch wo er 
gestorben ist. Er ist verschollen. 
Aber das weiß man, daß er sich in den letzten Jahren 
seines Daseins so nannte, wie der Messias Sabbatai 
Zewi ihn einmal in aufkeimender Hoffnung gerufen 
hatte : Prophet Nehemia . 



ZWÖLFTES KAPITEL 

DER RENEGAT 



ZWÖLFTES KAPITEL 3x3 

IN ADRIANOPEL SITZT DFR SULTAN MEHMED IV. 
und fürchtet sich. Es ist nicht die Furcht, wie ein 
Monarch seiner Art sie zu kennen pflegt: die vor 
einem äußeren Feinde, oder die vor der kleinen Hin- 
terhältigkeit, die durch die eigenen Räume schleicht. 
Das sind Befürchtungen, die man beseitigen kann, 
indem man sich gegen sie wehrte Ein Heer gegen die 
Feinde von außen und ein krummer Säbel oder ein 
Strick gegen die Feinde von innen geben der Seele 
den Gleichmut wieder. Und über das Leben der 
Menschen, die er beseitigt, schuldet er niemandem 
Rechenschaft. 

Aber die Furcht, die er jetzt empfindet, bekommt ihr 
Gewicht, weil er nicht weiß, was er tun soll, um sie 
zu beseitigen . Gewaltlose Dinge haben ihre böse Hart- 
näckigkeit. Sie weichen aus, und der Schlag, der 
gegen sie geführt wird, trifft sie nicht. Ein Volk in 
Revolte und offenem Aufruhr ist zu fassen. Man 
wirft es mit Gewalt nieder. Aber ein Volk im Zu- 
stand des Entbrennens wird aus unterirdischen Quel- 
len genährt. Es ist auch nicht abzusehen, ob diese 
Masse, die jetzt noch klein und übersehbar ist, nicht 
in das Maßlose wächst. Schon jetzt ist sie bedroh- 
lich, wenn man bedenkt, welche und wie viele Ge- 
genden der ihm bekannten Welt ihre Vertreter schon 
nach Gallipoli in Bewegung gesetzt haben. Er hat 
sich Bericht erstatten lassen und hört die Namen von 
Orten: Lemberg, Krakau, Warschau, Hamburg, 
Frankfurt, Amsterdam, Livorno, Venedig, Kairo, Je- 
rusalem , Ismir , Saloniki , Aleppo , Ispahan , Teheran . 
Da ist eine Welt am Vorabend ihrer Wanderschaft. 
Die Spitzenreiter sind schon eingetroffen. In den 
Heimaten ihrer Zwischenzeit rüsten sie sich. Es ist 



314 ZWÖLFTES KAPITEL 

ein Kreuzzug ohne Waffen, der sich in Bewegung 
setzen will . Damals wie jetzt geht es um ein Land, das 
seiner Herrschaft untersteht. Er soll es abgeben. Da- 
mals drohte das nackte Schwert, und es ging nur um 
ein Stück Boden. Heute droht die Gewaltlosigkeit, 
und es geht gleichwohl um das Ganze : das ganze Land 
seiner Herrschaft, die ganze Autorität seines Thrones . 
Und als Ausdruck ihres Willens, ihn vom Thron zu 
stürzen, residiert dicht neben ihm ihr Messias Sab- 
batai Zewi. 

Es ist zu begreifen, daß Mehmed IV., an seinem 
Thron hängt. Er ist 23 Jahre alt. Mit 9 Jahren ist 
er zur Regierung gekommen, nachdem sein Vater 
Ibrahim auf Veranlassung der eigenen Mutter von 
den Janitscharen ermordet worden war. Und auch 
ihm trachtete die Großmutter nach dem Leben. Es 
steht noch die Nacht vor ihm,. in der er, ein hilfloses 
Kind, sich dem Anführer der Leibwache laut schrei- 
end vor Angst und Entsetzen in die Arme wirft, wäh- 
rend man auf den kostbaren Teppichen Menschen 
mit der Axt den Schädel spaltet, draußen im Garten 
eine wilde Soldateska die Intrigantin zu Tode würgt 
und die grüne Fahne von den Mauern des Serails 
zum heiligen Krieg gegen seine eigenen Soldaten auf- 
ruft. Es ist nicht sein Verdienst, daß alles zum Guten 
ausgegangen ist. Und viel Freude hat er nicht an sei- 
nem Amt gehabt. 

Jetzt soll ihm dieses Amt genommen werden. Das 
würde er gelten lassen, wenn der, vor dem er sich in 
das Nichts, in die Bedeutungslosigkeit zurückziehen 
soll, wenigstens ein Türke gewesen wäre. Er weiß 
doch, daß ^ines Tages ein Messias kommt und daß er 
die Kronen der Welt einsammeln wird . Aber daß der 
Messias ein Jude ist, will ihm nicht behagen. 



DER RENEGAT 315 

Er läßt sich den Kaimakam Mustapha Pascha kom- 
men und tobt den Zorn seiner Unruhe an ihm aus. 
Warum läßt man überhaupt solche Sorge an ihn her- 
ankommen ? Warum wird dieses tolle Treiben in sei- 
ner Nähe noch geduldet ? Gerade jetzt ist der 9 . Ab 
gewesen, und statt der Klagen aus den kerzenstarren- 
den Synagogen tobte eine zügellose Festfreude, mit 
Gesang, Musik, Betrunkenheit und bunten Auf- 
zügen durch die Stadt, als gäbe es nichts anderes 
mehr zu bedenken . 

Mustapha Pascha ist bereit, dem Treiben ein Ende 
zu machen, wenn der Sultan es wünscht, und wenn 
er ihm den ausdrücklichen Befehl dazu erteilt. Aus 
eigenem Entschluß kann und will er hier nicht ein- 
greifen. Dieser Befehl wird ihm nicht erteilt. Die- 
ser Herrscher, dessen absolute Gewalt unbeschränkt 
ist und der den Beinamen des Monarchen führt, der 
alle Kronen der Welt verteilt, versagt und schweigt 
vor der ständig wiederkehrenden Erwägung; es könn- 
te doch sein, daß jener als Messias berufen ist. Und 
man legt nicht die Hand an einen Messias . Die Furcht 
bleibt und dauert. 

Aber Allah liebt seinen Gläubigen und schickt ihm 
eine Waffe gegen die Furcht, schickt ihm den pol- 
nischen Juden Nehemia ha' Kohen, nein: nicht den 
Juden, sondern den neuen Mohammedaner, diesen 
starren Mann mit der klaren Sprache und dem Tur- 
ban über den Schläfenlocken; diesen Mann, der mit 
allem aufräumt, was dem Sultan durch Monate die 
Hände gebunden hat. Ein Aufzucken der erlösenden 
Freude ist in ihm, eine befreiende Erkenntnis; kein 
Messias ! Nur ein Mensch . 

Er entläßt Nehemia ha' Kohen mit ungewöhnlich rei- 
chen Geschenken . Er belohnt damit den Bringer ei- 



31 6 ZWÖLFTES KAPITEL 

ner guten Botschaft und den Träger eines neuen 
Glaubens zugleich. Dann läßt er in aller Eile einen 
Kronrät einberufen . Er wagt sich nicht alleine an die 
Entscheidung dessen, was zu tun ist. Gewiß: es ist 
erwiesen, daß in Abydos kein Messias residiert . Aber 
das ist nicht alles . Es kommt nicht nur auf den Füh- 
rer dieser Bewegung an, sondern fast mehr noch auf 
die Geführten. Es gibt ein Gesetz der Gläubigkeit, 
das auch Sultan Mehmed versteht: in jeder religiö- 
sen Bewegung, sei sie eine Neuschöpfung oder ein 
neuer Anstoß, Hegen Größe, Wucht und Wirkung 
nicht im Führer, sondern in der erschütternden Gläu- 
bigkeit der Massen, die sich dem Führer, das heißt: 
der Idee hingeben . Von da her bekommt ihr Glaube 
ihre Eigenlebigkeit. Er ist, um weiter zu wirken, 
nicht mehr von der Existenz des Führers abhängig. 
Zu dem Kronrat finden sich ein: die Mutter des Sul- 
tans, die in seinen Kinderjahren mit dem Vater des 
jetzigen Großvezirs zusammen die Regentschaft ge- 
führt hat und auch heute noch über die wichtigsten po- 
litischen Entschließungen wacht (und über eine solche 
wird jetzt beraten) ; der Mufti Wanni, Oberhaupt und 
letzte Autorität für alles im Reiche, was religiöse 
Dinge betrifft; der Kaimakam Mustapha Pascha; der 
Großvezir Achmed Köprili, der politische Kopf die- 
ser Zeit, und der Leibarzt des Sultans, Guidon . 
Alle übersehen die Dinge so weit, daß über einen 
Punkt unbedingte Einigkeit herrscht: man darf Sab- 
batai Zewi unter keinen Umständen hinrichten las- 
sen, selbst wenn er sich statt eines Messias schlecht- 
hin als Rebell, als ein dem Tode verfallener Ver- 
brecher erwiesen hat. Man darf es nicht, weil zu 
befürchten steht, daß die Judenschaft zur offenen 
Revolte übergeht. Sie sind zahlreich und verfügen 



DER RENEGAT 317 

über Geldmittel, daß sie sich kaufen können, was sie 
wollen . Sie werden für einen getöteten Messias nicht 
weniger Geld hinwerfen wie für einen lebendigen . 
Und weiter: man muß unter allen Umständen ver-r 
meiden , einen Märtyrer zu schaffen . Der Märtyrer- 
tod erzeugt jenes Gefühl, das von allen die größte 
Dauer und das härteste Leben hat: Treue; erzeugt 
auch die Legende, und aus ihr kommt einer Gemein- 
schaft oft mehr Nahrung, als aus der Wirklichkeit. 
Es muß hier ein doppelter Weg gefunden werden, 
der den Messias am Leben laßt und ihn doch un- 
schädlich macht, und der im gleichen Lauf auch die 
Bewegung hinter dem Messias verbluten läßt. 
Der Mufti Wanni, Kenner religiöser Dinge, Fach- 
mann des Glaubens, findet die Formel: nicht Treue 
schaffen, sondern Untreue erzeugen. Versuchen, 
Sabbatai Zewi zum Islam zu bekehren. Das gibt ei- 
nen vielfachen Ertrag. Man nimmt der Bewegung 
den Führer. Man lähmt und erschlägt ihre Glaubens- 
seligkeit mit der vernichtenden Waffe, die man nicht 
einmal selbst in die Hand zu nehmen braucht, die 
der Führer von einst seinem Gefolge selbst entgegen- 
schleudert. Und endlich tut man ein gutes Werk für 
den Glauben, der allein der rechte ist. 
Es ist ein teuflischer Plan, und er gefällt allen über die 
Maßen. Seine Schwierigkeit besteht nur in der Aus- 
führung. Der Mufti weiß, daß er ihn selbst nicht aus- 
führen kann. Es ist auch nicht zweckmäßig. Ginge 
er selbst zu Sabbatai, dann würde es so aussehen, als 
ob der mächtige Sultan sein geistliches Oberhaupt ent- 
sendete, um zu verhandeln und zu markten. Das 
würde Sabbatai in seiner Sicherheit und seinem Hoch- 
mut nur bestärken und ihn sperrig machen. Diesen 
Plan muß einer ausführen, der sich Eingang zu den 



31 8 ZWÖLFTES KAPITEL 

letzten Trieben, den letzten Triebkräften des Mes- 
sias verschaffen kann . Wer weiß , wie es in der Seele 
eines solchen Juden aussieht ? Nur ein Jude . Oder 
einer, der Jude dem Blute nach ist, wenn er auch 
längst, wie beispielsweise der Leibarzt Guidon, den 
rechten Weg zum Islam gefunden hat. Vielleicht 
ist der Chekim Pascha Guidon bereit, aufs neue 
seine Anhänglichkeit an den neuen Glauben zu be- 
weisen und diese Mission zu übernehmen? 
Aller Augen sind auf den Renegaten Guidon ge- 
richtet. Wie die Dinge liegen, kann er diesem Auf- 
trag nicht ausweichen. Er will es auch nicht. Es ist 
eine Mission, um die er vielleicht gebeten haben wür- 
de, wenn man sie ihm nicht aus freien Stücken an- 
vertraut hätte. In jedem Renegaten liegt ein uner- 
ledigter Rest von Beziehungen zu dem alten Glau- 
ben. Ein. unerledigtes und unerlöstes Stück Liebe zu 
einem Ursprung, der nicht zu Ende gelebt ist, weil 
er sich versagt oder weil man sich ihm versagt hat . 
Aus solchen Rudimenten des Verstoßenseins kommt 
die Haltung des stillen Hasses , die Verneinung des 
Judas Ischariot, die Trotzhaltung des gestürzten 
Lichtengels Luciferos. Ein Renegat ist nur fortge- 
gangen von seinem Glauben. Nie ist er endgültig ent- 
lassen . Aus dem Gedanken an solche schicksalhafte 
Bindung zuckt ihm ständig die Hand, um zu einem 
Schlage auszuholen: Haltung der Notwehr. 
Hier bietet sich für Guidon die erregende Möglich- 
keit, an dem Einst Vergeltung zu üben, seinem Gott 
von gestern ein Schnippchen zu schlagen und dem 
Volke von ehemals die Hoffnung seines Messias zu 
nehmen. Ein Renegat hat Sabbatai Zewi angeklagt. 
Ein anderer vollzieht an ihm das Urteil . 
Achmed Köprili gibt Anordnung, daß Sabbatai nach 



DER RENEGAT 319 

Adrianopel überführt werde. Am 14. September, dem 
1 3 . Elul des Jahres 1666, nach einer überreichen und 
doch tatenlosen Fürstenzeit von sechs Monaten bre- 
chen die Soldaten des Großvezirs in die Prunkräume 
von Abydos ein . Sie haben jetzt keinen Respekt und 
keine Furcht mehr. Man hat ihnen gesagt; der Mann 
ist kein Messias. Wenn er kein Messias ist, ist dieser 
Ort auch keine Burg, sondern eine Festung, in der 
Besucher nichts zu schaffen haben . Darum verjagen 
sie die Sabbatianer, und da einige darunter sind, die 
sich nicht verjagen lassen, wie Primo, Sarah und die 
Freunde der nächsten Umgebung, werden sie kurzer- 
hand mit verhaftet und nach Adrianopel geschafft. 
Am 1 5 . Elul kommen sie in Adrianopel an . 
Die Aufregung unter den Juden ist gewaltig. Die 
einen sind entsetzt. Sie ahnen eine entscheidende 
Gefahr. Die andern sind ruhig. Sie sehen darin nur 
die notwendige Vollendung . Am ruhigsten von allen 
ist Sabbatai Ze wi . Obgleich er erst vor wenigen Tagen 
die entscheidende Niederlage durch Nehemia ha' 
Kohen erlitten hat, ist er längst zum Ich und zur 
Selbstsicherheit zurückgekehrt. Er versteht nicht, 
was hier gespielt wird. Er will es nicht verstehen. 
Wahrscheinlich kann er es auch nicht mehr ver- 
stehen, denn er lebt nicht auf die Wirklichkeit zu, 
sondern läßt sie zu sich herankommen, und da muß 
sie, ehe sie ihn erreichen kann, sich am Medium 
seines übersteigerten .Ichbewußtseins brechen. Also 
ist diese Verbringung nach Adrianopel nur die Vor- 
bereitung einer Audienz mit dem Sultan. Was er da 
sagen und tun muß, wird ihm schon eingegeben wer- 
den. Ihn beschäftigt viel mehr die Frage, in welchen 
Formen und mit welchen Zeremonien er dem Sultan 
begegnen muß, denn schließlich ist er ein Mächtiger 



320 ZWÖLFTES KAPITEL 

der Erde, dem man Respekt schuldet, selbst wenn 
Gott ihn in seine, Sabbatais Hand, gegeben hat. 
Darum, sobald er in Adrianopel angekommen und in 
abseitigen Gemächern des Serails untergebracht ist, 
wünscht er diese Frage des Zeremoniells zu klären . Er 
weiß, wie er als Fürst empfängt, aber nicht, wie jener 
als Sultan. Aber es kommt nicht zur Klärung dieser 
überaus wichtigen Frage. Als erster Besucher erscheint 
vor ihm der Chekim Pascha Guidon . Der hört sich 
Sabbatais Sorge um das Zeremoniell ernst und höflich 
an. Aber seine Erwiderung ist verhängnisvoll aus- 
weichend . Gewiß ist die Frage des Zeremoniells sehr 
wichtig, aber es ist vorab zu klären, wer sich darüber 
Gedanken machen muß: Sabbatai Zewi oder der Sul-' 
tan. Darnach erst bestimmt sich, welche Formen 
der Anrede und der Unterhaltung anzuwenden sind . 
Das heißt: es ist ja möglich, daß der Sultan als schlich- 
ter Monarch zu ihm, Sabbatai, dem über alle Mo- 
narchen eingesetzten Messias kommen muß , um ihm 
seine Ehrerbietung zu bezeugen. Es geziemt sich, 
daß der Geringere zu dem Größeren kommt . Für die^ 
sen Fall erbittet Guidon Anweisungen, wie Sabbatai 
das Verhalten des Sultans wünscht . 
Für diesen Fall. Das heißt: wenn Sabbatai der Mes- 
sias ist, und man von einem Sultan füglich verlangen 
kann, daß er zuerst seine Aufwartung macht. Aber 
da ist noch nicht alles klargestellt. Es ist eine unwi- 
derlegliche Tatsache, daß Mehmed IV. ein Sultan 
ist. Aber es steht noch nicht fest, ob Sabbatai Zewi 
ein Messias ist. Für den Sultan sprechen Augen- 
schein und historisch gewordene Tatsachen . pur den 
Messias spricht nur eine Selbstbehauptung, die noch 
des Beweises bedarf. Man spreche also nicht eher 
über das Zeremoniell, als bis Sabbatai den schlüssigen, 



DER RENEGAT 321 

bündigen j handgreiflichen Beweis geliefert habe, daß 
er wirklich der Messias ist! Beweise! 
Wie ein Albdruck rückt da die Wiederholung des Ge- 
schehens und der Frage gegen Sabbatai heran. So 
zweifelte und so forderte vor Tagen sein eigener 
Prophet. Aber der zweifelte aus der Bereitschaft des 
Glaubens, dieser da aus der Un Willigkeit des Ab- 
trünnigen. Darum ist das, was in diesem Augenblick 
geschieht, eine andersartige, brutalere Drohung. Bei- 
de Male ist Gefahr. Aber während es vor Tagen nur 
um Amt und Berufensein ging, ist hier und heute zu 
ahnen, daß es um das nackte Leben geht. So unver- 
mittelt, so durch nichts vorbereitet ist diese Erkennt- 
nis, daß Sabbatai fast darunter zusammenbricht. Er 
kann nur stammeln : wie soll man beweisen . . . ? 
Guidon zuckt kalt die Achseln. Das ist nicht seine 
Sache. Aber er hat im Serail davon sprechen hören, 
daß ein Messias, insbesondere ein Messias der Juden, 
in Gottes Hand stehe und daher unverletzlich sei. 
Es habe zum Beispiel der Sultan gemeint, man könne 
ihn in den Garten hinausführen und ihn dort nackt 
an einen Galgen hängen. Dann müsse man einige 
geschickte Bogenschützen aufstellen und drei ver- 
giftete Pfeile auf ihn abschießen lassen . Am Messias 
würden sie bestimmt abprallen. Dann wolle sogar der 
Sultan selbst ein Jude werden und Sabbatai als Messias 
anerkennen. Falls aber die Probe mißlingt. . . Nun, 
darüber ist nichts zu sagen. 

Nehemia verlangte vom Geiste her den Beweis, und 
er war nicht zu führen . Um wieviel weniger wird hier 
der plumpe Beweis aus der Ebene des Materiellen 
her zu führen sein. Die Pfeile oder eine andere 
Technik des Tötens werden für seine Gegner den 
Beweis führen . Es ist zu Ende . - 

21 Kastein Zewi • 



322 ZWÖLFTES KAPITEL 

Da regt sich etwas im Hintergrund des Raumes. 
Samuel Primo kommt aus dem Halbdunkel . Er sieht, 
wie der Messias schwach und hilflos, von Todesangst 
angeweht, in sich zusammensinkt. Er fühlt mit 
tödlichem Entsetzen, daß da keine Kraft mehr ist, 
die sich entscheiden kann. Da war ja nie Kraft, nie 
gerader und verantwortungsfreudiger Wille zu ent- 
scheidenden Handlungen . So viel man auch an ver- 
pflichtenden Wirklichkeiten hinter Sabbatai aufbaute, 
er sah sie im entscheidendenAugenblick einfach nicht. 
Und er wird sie jetzt völlig leugnen, um nur das 
nackte Leben zu retten . 

Das darf nicht sein . Es geht hier nicht-mehr um Sab- 
batai Zewi . Es geht um die Idee des Messias . Auch 
Nehemia ha'Kohen sollte geopfert werden um der 
Idee willen, nicht um dieses einen Trägers willen. So 
muß auch in diesem Augenblick abgewogen werden 
zwischen dem Einzelnen und dem Gedanken, zwi- 
schen Sabbatai Zewi und der messianischen Bewe- 
gung. Das Ewige des Gedankens muß dem Zeitlichen 
des Geschehens vorangestellt werden . Wenn Sabbatai 
nicht der Führer der Bewegung mehr sein kann, so 
muß er wenigstens ihr Märtyrer werden . Da er nicht 
beweisen kann, darf er auch nicht beweisen . In die- 
sem Stadium der Dinge ist der Idee mehr mit seinem 
Sterben gedient, als mit seinem Leben. 
Primo redet eindringlich auf ihn ein, um ihm das 
zu beweisen. Er deutet auf die großen Vorgänger 
hin, die für die »Heiligung des Namens« gestorben 
sind. Er zitiert ihm die Megillath Amrafel, das er- 
schütternde Werk des Rabbi Abraham ben Elieser 
Halewi über den Tod der Märtyfier. Er tröstet ihn: 
wenn einer im Augenblick des Todes den Namen aus- 
spricht, den er im Leben heiligen, aber nicht aus- 



DER RENEGAT 323 

Sprechen soll, kehrt er unbefleckt in den Mutterschoß 
der Seelen zurück und ist, im mystischen »Osten« 
wohnend, dem Gesetz der Wiedergeburt entrückt. 
Sabbatai ist sehr bereit, an diese neue Rolle, an diese 
neue Form seiner Bedeutsamkeit zu glauben. Aber 
es ist doch bedrückend, aus der lebendigen Nutz- 
nießung gestrichen zu werden, das Fortwirkende sei- 
ner Macht und seiner Machthandlungen eintauschen 
zu müssen gegen den einmaligen heroiiüehen Akt des 
Leidens: den Märtyrertod. Dennoch ISleibt es ver- 
lockend, weiterhin das Schicksal eines ganzen Volkes 
auf die Schultern zu nehmen Und sich im Sterben ein 
lebendiges Angedenken für alle Zeiten zu sichern . 
Gegen eine solche Entwicklung muß Guidon sich 
wehren. Seine Mission will den Renegaten, nicht den 
Märtyrer. Darum greift er härter zu. Er beharrt da- 
bei: es muß ein Beweis geliefert werden. Schon zu 
lange ist da eine Rolle mit einem ungewöhnlichen An- 
spruch gespielt worden, als daß sie fernerhin unbe- 
wiesen bleiben dürfte. Es muß nicht gerade der Be- 
weis durch die drei vergifteten Pfeile sein. Sabbatai 
mag sich auswählen, in welcher Form er den Beweis 
führen will . Das aber muß klar gesagt werden : ge- 
lingt der Beweis nicht, und - kalte, höhnische, selbst- 
sichere Drohung - er wird nicht gelingen, dann wird 
die Strafe, die der Sultan über ihn verhängt, so groß 
sein wie die Anmaßung, mit der Sabbatai seine Be- 
rufung vorgetäuscht hat. Man wird ihn durch die 
Straßen der Stadt führen, da er doch öffentliche Um- 
züge so sehr liebt. Und da er behauptet, der Er- 
leuchtete Gottes zu sein, wird man solche Erleuch- 
tunggreifbarer, sinnfälliger darstellen . Man wird eine 
brennende Fackel an jedes Glied seines Körpers binden . 
Man wird ihn in der Glut dieser Leuchten langsam 
21* 



324 ZWÖLFTES KAPITEL 

schmoren und rösten lassen . Wenn er den Hunden 
schmeckt, mögen sie sich mit dem Rest vergnügen . 
Gegen diese brutale Drohung ist Sabbatai ganz ohne 
Wehr und Waffe. So flach vor ein grauenhaftes Ster- 
ben gestellt, versinken alle Wünsche, Triebe, jeder 
Wille und jeder Ehrgeiz vor dem nackten, übermäch- 
tigen Gefühl der Selbsterhaltung. Er, der Asket, der 
dem Himmel Zugewandte, liebt doch das Leben über 
alle Maßen. Denn das ist ja die letzte Sehnsucht all 
seiner Bemühungen gewesen, auch wenn sie himmel- 
wärts gingen, daß sie ihm im Diesseits, in seinem Le- 
ben Ertrag bringen möchten. Und da das Leben im- 
mer noch etwas geben kann, auch wenn man nicht 
mehr Messias sein darf; da das Nichts so grauenhaft 
und nicht vorzustellen ist; und weil endlich Folter 
und Schmerzen schon im Gedanken ihn in den Wahn- 
sinn der Furcht hineintreiben, klammert er sich ver- 
zweifelt an das Leben, verwirft er jeden Gedanken an 
Märtyrertum , kann er nur noch betteln : gibt es keine 
Rettung? Er, ist ja bereit, seinem Messiastum abzu- 
sagen, auf jede Wirkung zu verzichten, alles zu wi- 
derrufen, was er je gesagt, gelehrt und verheißen hat. 
Nur soll man ihn am Leben lassen ., 
Er, zu Ekstasen von je geneigt, erlebt in diesem Au- 
genblick eine einzigartig neue : die Ekstase der Todes- 
furcht. Er sucht vor diesem Ausgeliefertsein Trost 
und Rettung bei seinem Bedränger. Der entthronte 
Messias wirft sich vor dem Abtrünnigen nieder und 
beschwört ihn um einen Ausweg. »So klammert sich 
der Schiffer endlieh noch am Felsen fest, an dem er 
scheitern sollte ...« 

Guidon neigt sich zu ihm und gibt ihm einen Rat: 
alles wird gut, nichts Böses wird geschehen, wenn 
Sabbatai seinen Verzicht auf das hohe Amt durch 



DER RENEGAT 325 

eine schlichte Handlung nach außen hin bekundet, 
wenn er zwischen sich und die Vergangenheit den 
sichtbaren Trennungsstrich zieht: wenn er in aller 
Form zum Islam übertritt . 

Eine Sekunde weicht Sabbatai vor dieser unvorstell- 
baren Entschließung zurück. Er ist ja schon inner- 
lich entschlossen, seine Mission und seine Anhänger 
zu verraten. Aber diese Form, in der es geschehen 
soll, ist zu grob, zu gemein und niedrig. Ein Renegat 
ist schlechthin etwas Verabscheuungs wertes . Wenn 
aber einer sich das Ziel setzt, den Glauben eines gan- 
zen Volkes zu seiner Befriedung zu führen, und am 
Ende dieses Weges zu den Gegnern übertritt, wird 
die Gemeinheit, deren ein Mensch fähig ist, fratzen- 
haft übersteigert. Davor zögert er noch. 
Und wieder aus dem Hintergrunde Primo: alles, 
nur das nicht I Nicht abtrünnig werden ! Das erträgt 
das Volk nicht 1 

Und Guidon, wohlwollend, vermittelnd, ein wenig 
aus der vertraulichen Geste des Mitverschwörers : 
besser der Übertritt als die Folter. Es ist ja nur eine 
Erklärung, eine Form. Niemand wird prüfen können, 
was Sabbatai sich dabei denkt, was er sich dabei vor- 
behält, ob er wirklich aus Überzeugung handelt oder 
. . . oder ob er eben nur zum Schein übertritt, um 
sein Leben zu retten. 

Damit hat er das Spiel gewonnen . Sabbatai springt 
auf und ist mit einem Male wieder lebendig. Er bittet 
den Chekim Pascha Guidon, er möge dem Sultan 
seine, Sabbatais, Bereitwilligkeit mitteilen, zum Is- 
lam überzutreten. Der Renegat entfernt sich mit ei- 
ner Verbeugung und einem tief zufriedenen Lächeln. 
Wie er fort ist, stürmen die Freunde auf Sabbatai ein 
mit Vorwürfen und Klagen und Überredungen . Aber 



326 ZWÖLFTES KAPITEL 

er ist keiner Vorstellung zugänglich. In der Sekun- 
de, in der er weiß, er wird leben bleiben, wächst die 
immer triebhafte Gestaltung des Lebens schon wieder 
über ihn hinaus, spielt mit ihm, wirft ihm Möglich- 
keiten zu, Bedeutsamkeiten, läßt seine Fähigkeit zu 
Anpassung und Verknüpfung aufwuchern . Und das 
ist nicht einmal verlogen und unehrlich . Was er den 
Freunden sagt, glaubt er wirklich zutiefst, da nichts 
ihn beirrt und kontrolliert : hier ist eine neue Prüfung 
über ihn verhängt, die er hinnehmen muß. Der Zorn 
des Sultans kannte sich gegen die gesamte Judenheit 
richten. Das muß er von seinem Volke abwenden. 
Und sich selbst! muß er am Leben erhalten, um sein 
Werk [fortsetzen zu können. Er ist ja dpch zum 
Messias berufen. War er eben noch bereit, diese Be- 
rufung zu verraten? Nein, das war nur ein Augen- 
blick der Verwirrung. Dämonisches hat da aus ihm 
gesprochen, und er hat keinen Anteil daran. So, wie 
das Schicksal sich jetzt gestalten wird, ist es richtig 
und gut und in der Vorsehung beschlossen. Was ist 
auch daran Ungewöhnliches ? Auch Moses mußte, ehe 
er sein Volk aus der Knechtschaft führen konnte, ei- 
nen Teil seines Lebens am Hofe des Pharaonen und 
in einem fremden Glauben verbringen . Und da hier 
die Erinnerung an Moses phantastische Möglichkeiten 
zu Vergleichen eröffnet, verkündet Sabbatai plötzlich : 
in dieser Unterdrückung des neuen Glaubens muß 
ich verharren, bis der Prophet Nathan kommt und 
mir den Stab bringt, den Moses getragen hat. Dann 
werde ich dieselben Wunder vollbringen wie er. 
Die Freunde schweigen und glauben. Auch Primo 
glaubt. Glaubt er wirklich oder will er glauben? 
Überredet er sich? Nein. Er ist der kalte Dämon, der 
andere überredet und der wieder das Wort lebendig 



DER RENEGAT 327 

macht, das den ständig nach allen Seiten ausbrechen- 
den Messias fesseln soll . Sofort verfaßt er ein Send- 
schreiben : Sabbatai Ze wi ist zum Islam übergetreten . 
Das istgöttliche Vorsehung . Es hat einen tiefen und hei- 
ligen Sinn . Wer als Messias die Sünden der Welt er- 
lösen will, muß auch die Sünden jedes Glaubens auf 
sich nehmen und darum in jede Form des Glaubens 
eintauchen. Alles ist nötig. Alles wird sich enthül- 
len. Verliert Euren Glauben nicht. 
Inzwischen erstattet Guidon dem Sultan Bericht. 
Der ist mit dem Ausgang des Unternehmens sehr zu- 
frieden und läßt gleich für den nächsten Tag, für den 
16. des Monats Elul, eine feierliche Zeremonie vor- 
bereiten, zu der alle Würdenträger des Hofes be- 
fohlen werden. Denn es bleibt ein w:ichtiger Vorgang. 
Messias oder Betrüger: immer doch ein Mann, von 
dem weitreichende und gefährliche Wirkung ausging. 
Ein triftiger Grund, ihm den Übertritt leicht zu ma- 
chen und ihn mit allen Ehren zu behandeln . 
Am nächsten Morgen wird Sabbatai in den Thron- 
saal des Sultans gebracht. Er trägt einen Anzug aus 
schwarzer Seide und eine hohe Judenmütze. Mit sei- 
nen fahrigen Bewegungen, denen die Endgültigkeit 
seines Entschlusses Zielstrebigkeit gibt, durchbricht 
er das feierlich gedachte Zeremoniell . Schon an der 
Schwelle des Saales nimmt er seine Mütze ab und 
wirft sie zu Boden . Das ist der Verzicht. In der Nähe 
sieht er einen Pagen stehen, der auf einem Kissen 
einen Turban hält. Sabbatai geht auf ihn zu, nimmt 
ihm den Turban ab und setzt ihn sich auf. Der Über- 
tritt ist aus seiner eigenen Entschließung und mit sei- 
nen eigenen freien, überstürzten Gebärden vollzogen. 
Der Sultan strahlt vor Zufriedenheit. Er begrüßt den 
neuen Gläubigen, von dessen geheimem Vorbehalt er 



328 ZWÖLFTES KAPITEL 

nicht weiß . Er belegt ihn mit einem neuen Namen 
und steht selber Pate dabei. Sabbatai Zewi wird fort- 
an Mehmed EfFendi heißen . Darüber hinaus will er 
ihn auch ehren und belohnen und überträgt ihm feier- 
lich das bedeutsame Amt eines Capigi Otorak, eines 
Türhüters des Serail . Mit diesem Amt ist nicht nur 
ein bedeutendes Einkommen verbunden, sondern auch 
eine besondere Art der Kleidung. Auch dieses Gewand, 
aus weißer Seide 5 läßt der Sultan dem Mehmed EfFendi 
überreichen. Wie Sabbatai hinter einem Wandschirm 
seine Kleider wechselt, findet man in den Beinklei- 
dern seines schwarzen Anzuges einige Pfund Zwie- 
back, vielleicht von einer Fastenzeit her oder zu neuem 
Fasten bestimmt . Eine peinliche Entdeckung . 
Um sein Bekenntnis zum neuen Glauben noch sicht- 
barer und glaubhafter zu machen, wird ihm nahege- 
legt, sich noch eine zweite Frau zu nehmen, eine 
mohammedanische Sklavin. Sabbatai gehorcht. Er 
tut ein übriges, läßt Sarah holen und bewirkt, daß 
auch sie zum Islam übertritt. Es wird ihr der Name 
Fatima Radini beigelegt. 

Dann kehrt Mehmed Effendi in die Räume zurück, 
die ihm im Serail angewiesen sind und die ihm jetzt 
in seinem Amt als Türhüter gebühren . Einige Tage 
herrscht da doch ein gedrücktes und bariges Schwei- 
gen . Dann geht als erste Äußerung des Konvertiten 
ein Brief an seine Brüder in Ismir ab, trotzig und 
doch mit einem Unterton von Schmerz und Resig- 
nation: »Jetzt laßt ab von mir, denn der Höchste hat 
mich zu einem Ismaeliten gemacht . . . Er sprach und 
es wurde ; er gebot und es geschah. Den 24. Elul, am 
neunten Tage meiner Erneuerung nach göttlichem 
Ratschluß . « 



DREIZEHNTES KAPITEL 

TODESZUCKUNGEN 



DREIZEHNTES KAPITEL 331 

DIE NACHRICHT, DASS DER MESSIAS SEIN AMT, SEIN 
Volk und seinen Glauben verraten habe, kriecht über 
die langsamen Wege mit einer breiten dunklen Spur . 
Die dem Ort dieser Tragödie am nächsten sitzen, 
wissen um zuverlässige Einzelheiten. Sie erfahren 
noch mehr: in dem Sultan hat sich doch der Rest 
von Angst oder die Nachwirkung der erduldeten Un- 
ruhe Luft gemacht und sich zu einem bösen Plan ver- 
dichtet. Er will sich davor schützen, daß in seinem 
Lande je wieder eine solche Bewegung entsteht. Er 
will alle erwachsenen Juden aus seinem Reiche aus- 
weisen, alle Kinder zwangsweise zum Islam bekehren 
und als abschreckendes Beispiel fünfzig der ange- 
sehensten Rabbiner hinrichten lassen. Aber dieses 
Unheil wird vermieden, weil seine Minister und 
seine kluge Mutter dringend abraten. Entscheidend 
ist Guidons kalt-zynische Begründung: warum Ge- 
walt anwenden und Kräfte wachmachen, die ge- 
fährlich sind, weil man sie nicht abschätzen kann? 
Dieses Volk ist von einer lächerlichen Glaubensse- 
ligkeit. Es ist zu wetten, daß sie den Übertritt nicht 
als Abfall ansehen werden, sondern als ein Beispiel, 
das ihr Führer ihnen gibt, und dem sie nachahmen 
müssen. So werden sie sich selber ausrotten. - Es 
hat den Anschein, als solle der Renegat recht behal- 
ten. Aus dem engeren Kreise um Sabbatai treten 
viele spontan zum Islam über. Sie leisten ohne Frage 
und Zweifel die unbedingte Gefolgschaft. Es^ ist 
nicht ihre Sache, nach dem Sinn zu fragen . Den Sinn 
weiß ihr Messias, und er wird ihn eines Tages ent- 
hüllen . 

Aber je weiter sich die Nachricht vom Orte ihrer Ent- 
stehung entfernt, desto ablehnender und ungläubiger 



332 DREIZEHNTES KAPITEL 

wird sie empfangen. Das sind doch alles nur Ge- 
rüchte, die von den Gegnern verbreitet werden, um 
die Bewegung zu spalten. Sie lächeln überlegen und 
glauben nicht. Aber wie sie mit den vermehrten, 
deutlicheren Nachrichten an der Tatsache nicht mehr 
zweifeln können, bauen sie aus der Tiefe ihres Her- 
zens sogleich an dem Sinn dieses Geschehens und er- 
zeugen die reinste Blüte williger Herzen : die Legen- 
de. In Livorno weiß man zu melden, daß der Turban, 
den Sabbatai Zewi sich auf das Haupt gesetzt habe, 
um eine Fürstenkrone geschlungen gewesen sei. Was 
also war geschehen ? Ihr Messias war gekrönt worden ! 
Darum auch habe der Sultan dem Messias sogleich 
an die Spitze eines großen Heeres gestellt. Mit die- 
sem Heere werde Sabbatai nach Polen ziehen und den 
Märtyrertod der Hunderttausende rächen. 
Es gibt Menschen, die das nicht glauben, weil sie 
etwas anderes wissen : nicht Sabbatai Zewi ist zum 
Islam übergetreten , sondern ein Schattenbild von 
ihm. Das geht jetzt als Türhüter Mehmed Effendi 
durch die Räume des Serail . Sabbatai selbst ist gleich 
dem Propheten Elijahu zum Himmel gefahren und 
wird zurückkommen, wenn Gott ihn zu neuen Wun- 
dern entläßt. 

Eine solche beglückende Selbsttäuschung kann nicht 
dauern. Es ist eine bittere, unwiderlegbare Tatsache, 
daß Sabbatai in aller Leiblichkeit und ohne versteckte 
Fürstenkrone durch den Serail geht, ein monatliches 
Gehalt von fünfzig Goldtalern bezieht und seiner 
Tage, seines geretteten Lebens recht froh zu sein 
scheint. Und nun zeigt sich deutlich, daß seine An- 
hänger doch viel größer sind als er selbst. Für sie hat 
die Lebendigkeit und Heiligkeit der Idee keine Un- 
terbrechung erlitten. Folglich muß erforscht werden. 



TODESZUCKUNGEN 333 

wie dieser ungeheure Vorgang sich ohne Zwang und 
Gewalt in die Idee, in den Glauben und in den wei- 
teren Ablauf der Dinge einfügen lassen. Das weiß 
doch das Volk schon aus dem Buch Esther her, daß 
das Verweilen in einem anderen Glauben Voraus- 
setzung eines Rettungs Werkes sein kann . Esther gab 
sich einem heidnischen König hin und lebte in seinen 
Sitten. In der Kabbala findet sich eine Sage, Moses 
habe, ehe er sein Volk befreite, unter den Äthiopiern 
und in deren Glauben gelebt. Also muß auch der Mes- 
sias, ehe er sein Erlösungswerk vollbringen kann, 
eine Zeit unter den Heiden verbringen. Es deuten ja 
auch die Propheten darauf hin , die Welt werde den 
Messias zu den Verbrechern zählen. Auch Sacharia 
sagt vom Messias , daß er arm sei und auf einem Esel 
reite . Diese Armut , die Nehemia ha' Kohen so schmerz- 
lich vermißt hat, kann - so deuten die Gläubigen - 
nur in einer, wenn auch zeitigen Armut des Geistes 
verstanden werden, und deren letzter Abgrund ist der 
Abfall vom Glauben . Es spielt auch das Buch Sohar 
darauf an, der Messias werde verkannt werden. In 
seiner Erscheinung sei er böse, aber in seinem Her- 
zen sei er gut. 

Immer tiefer, immer geistiger werden Begründung 
und Rechtfertigung. Sie nehmen Formen an^ wie sie 
wohl ein Messias, nie aber dieser Messias verdient. 
Aus dem Quell ihres tausendjährigen Leidens be- 
greifen sie, daß alles Leid nur vollendet werden kann 
durch seine Übersteigerung. Will der Messias das 
Leid der Welt auf seine Schultern nehmen, so muß er 
sich selbst tief darunter beugen, bis in die Abgründe, 
bis in den Sumpf hinein, bis in den Morast der Un- 
gläubigkeit. Es sind alles Vorstufen der Erlösung. 
Abraham Michael Cardoso, Arzt, Marrane, der zum 



334 DREIZEHNTES KAPITEL 

Judentum zurückkehrt, Abenteurer seines eigenen 
Lebens, Gestalter seiner eigenen Ekstase, der die flak- 
kernden Worte und Sinngebungen des Messias zu 
einem geschlossenen Lehrgebäude zusammendenkt 
und die Grundfesten der Kabbala erschüttert, dieser 
unerbittliche Denker findet auch die schlüssige, von 
allen Gläubigen angenommene Begründung für den 
Übertritt Sabbatais : es ist das Los jedes Erlösers, ver- 
kannt und verstoßen zu sein . »Wie denn uns allen im 
Galuth eben das gleiche Los beschieden ist, denn es 
steht geschrieben: Er läßt dich und deinen König, 
den du über dich stelltest, gehen zu einem Stamme, 
von dem du nicht wußtest, du und deine Väter, 
da dienest du anderen Göttern, Holz und Stein.« 
(,Reden', 28, 36.) 

So ist der Gläubigkeit der Massen vor ihrem Sterben 
noch eine Galgenfrist des Trostes gegeben . Fast ein 
Jahr lang bleibt alles, wenn auch bewegt, so doch un- 
verrückt. Noch wird der nächste 9. Ab, der große 
Trauertag des jüdischen Volkes, beinahe überall als 
Freudentag gefeiert. In Adrianopel müssen die Rab- 
biner zu einer List greifen, um zu verhindern, daß 
der 17. Tammus seiner Bedeutung als Fasttag ent- 
kleidet bleibe. Sie fälschen ein Sendschreiben, in dem 
Sabbatai ein Bekenntnis der Reue ablegt und ver- 
sichert, Nathan Ghazati und Abraham Jachini hätten 
ihn verführt. Aber es ist doth in allem Tun und Be- 
. kennen eine übermäßige Anspannung der Seelen fühl- 
bar, die jeden Moment zerbrechen und die Scharen 
der Gläubigen vor das Nichts, vor die vernichtende 
Leere stellen kann . Das Schwere dieses Augenblicks 
begreifen teilnehmend auch die, die Gegner Sabbatais 
von allem Anfang an geblieben sind. Überall bemü- 
hen sich die Gemeinden, einen leichten und milden 



TODESZUCKUNGEN 335 

Übergang zur Ruhe und zu den früheren Verhältnis- 
sen wieder herzustellen . In Konstantinopel , nahe dem 
Gefahrenherde, erlassen die Rabbiner ein Dekret und 
bedrohen mit den schärfsten Strafen, ja mit dem großen 
Bann denjenigen, der einen ehemaligen Sabbatianer 
mit Worten oder Taten verletzt oder bedroht. So be- 
zeugen sie auch noch einem Glauben , den sie für einen 
Irrtum halten, Achtung und Teilnahme. 
Viele wollen von solcher Teilnahme und Milde nichts 
wissen. Sie brauchen kein Mitleid, weil ihnen doch 
kein Unglück zugestoßen ist. Sie beten nach wie vor 
in den Synagogen mit letzter Hartnäckigkeit: »Er 
ist der Messias, und es ist kein anderer zu erwarten.« 
Das Rabbinat Konstantinopel, das sich seine Autori- 
tät von einst wieder genommen hat, muß unter dem 
5 . Schewat ein ernsthaftes Schreiben nach Ismir rich- 
ten und zur Ordnung mahnen. ». . . denn es sind 
unter Euch Leute, die sich in ihrem Irrtum noch be- 
stärken und sagen: dieser unser König lebt noch. Sie 
segnen ihn alle Sabbathtage in ihren Synagogen und 
bedienen sich der Psalmen und Gesänge, die er an- 
geordnet hat . . . Nun wißt Ihr wohl, in was für Ge- 
fahr unsere Seelen wegen seiner geraten sind. Wenn 
nicht die unendliche Barmherzigkeit Gottes und das 
Verdienst unserer Väter uns beigestanden hätte, so 
wäre der Fuß Israels von unseren Feinden abgehauen 
worden . . . Kehret darum wieder zurück, denn der 
Weg, darauf Ihr wandelt, ist nicht der rechte Weg. 
Gebt die Krone wieder dem alten Gebrauch, der 'alten 
Übung Eurer Väter und dem Gesetz, und Wendet 
Euch nicht weiter davon ab . . . « 
Nur langsam und widerwillig kommen die Menschen 
solcher Mahnung nach. Sie sind eher bereit, auf ihre 
äußere Haltung zu verzichten als auf ihre innere . 



336 DREIZEHNTES KAPITEL 

Denn es hat sich mindestens für den äußeren Schein, 
für die nichtgläubige Umwelt herausgestellt, daß Sab- 
batai Zewi nicht der Messias ist und daß folglich das, 
was er tun wollte, sich dem Sultan gegenüber als ein 
Verbrechen darstellt, für das auch sie zur Verant- 
wortung gezogen werden können . So kriecht die 
Angst wieder in ihr Leben hinein. 
Indessen sitzt Sabbatai Zewi im Serail und schweigt. 
Mit Juden kommt er nicht zusammen . Er ist zwar 
nicht von der Außenwelt abgeschnitten, aber er 
wird beobachtet. Man freut sich dieses neuen Mo- 
hammedaners, aber man traut ihm nicht sehr. Der 
Sultan hat den Mufti Wanni damit beauftragt, über 
Mehmed Effendi zu wachen und ihn in dem neuen 
Glauben zu unterrichten . So geht Sabbatai zum an- 
dern Male in die Schule, und Lehrer und Schüler 
lernen von einander. Aber dieses neue Studium macht 
ihn nicht taub für die Nachrichten, die von außen 
kommen. Draußen hat man zwar seinen Abfall zur 
Kenntnis genommen, triumphierend oder gläubig, 
aber keiner glaubt, daß es dabei sein Bewenden haben 
würde . Sie warten noch auf eine Tat von ihm ; die 
Anhänger aus der Hoffnung auf Wunder, die Gegner, 
weil sie von seinem unruhigen Geist nichts anderes 
erwarten .... 

Da aber nichts erfolgt, da sie nur erfahren, Sabbatai 
sitzt als Schüler vor Mufti .Wanni und lernt Koran, 
g^ht die Opposition zum Angriif über. Insbesondere 
Jakob Sasport'as rührt sich. Er hat aus seinen viel- 
fachen Korrespondenzen Beziehung zu aller Welt. 
Von überall her sammelt er Berichte und Tatsachen , 
und es ist zu verstehen, daß er den ungünstigen den 
Vorzug gibt. Jedes Detail, das er erwischen kann, 
schickt er in Sendschreiben über die ganze Welt. 



TODESZUCKUNGEN 337 

Überall unterhöhlt er die Gläubigkeit und das Ver- 
trauen . An vielen Orten braucht er dafür keine große 
geistige Begründung aufzubringen, denn er hat für 
seine Beweisführung einen starken, traurigen Ver- 
bündeten: die Not. Da sitzen überall, in der ganzen 
Welt, Menschen, die ihren Alltag beiseite geworfen 
haben, weil man ihnen gesagt hatte, daß er wertlos 
geworden sei. Geld und Gut haben sie dieser Über- 
zeugung geopfert. Die einen haben ihre Geschäfte auf- 
gelöst, ihren Handel aufgegeben, andere haben ihre 
Häuser verkauft , mit den Armen geteilt, ihr Geld nach 
Abydos geschickt . Menschen sind auf der Wanderung 
und stehen ohne Rat und Trost vor dem Richtungs- 
losen. Man hat sie alle fallen und in einen Tag zu- 
rücksinken lassen, den sie längst für tot erklärt haben . 
Nun haust neben der Not und der Trauer die Ver- 
bitterung enttäuschter Herzen . 
Aber daneben sind Menschen, die sich der Idee mit 
letzter Ausschließlichkeit verschrieben haben. Für 
sie haben die Dinge, die nach außen hin geschehen, 
kein reales Gewicht. Das wichtige Geschehen voll- 
zieht sich auf einer anderen , höheren Ebene . So zie- 
hen unentwegt und ungestört die Sendboten Sabba- 
tais durch die Lande, werben für einen Messias, der 
vom Schauplatz abgetreten ist, für eine Erfüllung, die 
vom lebendigen Geschehen nicht mehr genährt wird . 
Überall begegnen sie wachsenden Feindschaften. 
Aber das erschüttert sie nicht. Einer von ihnen, Sab- 
batai Raphael, scheint allerdings im Laufe dieser un- 
seligen und ergebnislosen Wanderschaft entartet zu 
sein. Er fand keinen Abschluß und keinen Rückweg. 
Er mußte notwendig zum Betrüger und Scharlatan 
werden, denn dem Sendboten ohne Sendung bleibt 
als Handwerk nur Erfindung und die Lüge. 

22 Kastein Zewi 



338 DREIZEHNTES KAPITEL 

Bis nach Hamburg entfaltet er seine Tätigkeit, von 
der man mehr nichts wissen will. Da vermerkt dasProto- 
kollbuch der portugiesischen Gemeinde : »In Anbe- 
tracht des Nachteils, der unserer Ruhe, unserem Ju- 
dentum und unserer Verwaltung aus dem hiesigen 
Aufenthalt des Bösewichts und Betrügers Raphael 
Sabatay erwachsen kann, welcher von Amsterdam 
hierhergekommen ist, von wo er, da er sich den Titel 
eines Propheten angemaßt hatte, mit Hilfe der Ge- 
richtsbehörden fortgeschafft worden war, wurde be- 
raten . . , wie man am besten dem Verkehr des p. 
Sabatay mit den Unsrigen vorbeugen könnte . . .es 
schien nicht angebracht, den Bann über ihn auszu- 
sprechen, da der genannte von denTedescos (d.h. 
deutschen Juden) in Schutz genommen werde, mit 
denen man zunächst Rücksprache nehmen müsse ... 
Gott halte das Böse von seinem Volke fern . . .« 
Nathan Ghazati hingegen spielt seinen Part in der 
großen Tragödie mit einem Heroismus zu Ende, der 
in der weltfremden Hartnäckigkeit des Verwirrten 
mündet. Während in Ismir das Volk in überschäu- 
mender Begeisterung das Königtum Sabbatais aus- 
rief, während sich in Abydos die kurze Blütezeit der 
messianischen Residenz allzu üppig entfaltete, saß 
er abseits in Gaza, umgeben von Schülern, aus denen 
er einen Nachwuchs von Propheten züchten wollte. 
Er brauchte nicht die bestrickende Nähe des Messias 
und nicht den Zauberkreis seiner Wirkungen, um 
aus seiner übererregten Gläubigkeit immer neue Ma- 
nifestationen und Bekundungen zu entlassen . Besser 
behagte ihm die Abseitigkeit, die unkontrollierte 
Heimlichkeit, in der sich seine Gesichte und Offen- 
barungen vollzogen . 
So fern vom Geschehen, trifft ihn die Nachricht vom 



TODESZUCKUNGEN 339 

Abfall Sabbatais völlig unvorbereitet. Er ist maßlos 
bestürzt. Aber das dauert nur eine Sekunde, dann 
steht seine Überzeugung mit vermehrter Kraft wie- 
der aufrecht. Er glaubt nicht an das Ende, sondern 
nur an einen Gefahrenpunkt der Bewegung. In die- 
sem kritischen Moment braucht die Bewegung ihn. 
Er bricht sogleich zur Reise nach Adrianopel auf. 
Ein pompöser Zug begleitet ihn . Sein reicher Schwie- 
gervater, der selbst die Reise mitmacht, leistet ihm 
eine Gefolgschaft von Juden und Türken, insge- 
samt etwa 40 Mann . Der Prophet sitzt zu Pferde und 
hat einen Säbel an der Seite hängen. 
Von unterwegs erläßt er zwei Schreiben , eines an 
Sabbatai Zewi, ein anderes an die Gemeinde von 
Aleppo, die den ersten Triumph des Messias feierte. 
Es sind Dokumente voll Gläubigkeit, voll hartnäcki- 
gem, trotzigem Glauben, voll von einer bewußt über- 
steigerten Demut, eine leidenschaftliche Kampfan- 
sage an alle Gegner und Zweifler. An Sabbatai 
schreibt er nach Adrianopel : 

»Dem Könige, unserem Könige und Herrn aller Her- 
ren, der die Verstreuten von Israel wieder sammelt, 
der uns aus unserer Gefangenschaft erlöst, dem über 
alles erhöhten Menschen, dem Messias des Gottes 
Jaakobs, dem wahrhaftigen Messias, dem himmli- 
schen Löwen Sabbatai Zewi, dessen Name verherr- 
licht, dessen Herrschaft in kurzer Zeit auf immer 
erhöht werden möge, Amen. 

Ich küsse dem König aller Könige pflichtschuldigst 
die Hände und wische den Staub von seinen Füßen . 
Dieser Brief soll Euch kund geben, daß mein Gesicht 
durch das Wort des Königs der Gesetze erleuchtet 
wurde . . . Die unangenehmen Nachrichten , die mir 
bisher zu Ohren gekommen sind, machen mich nicht 
22* 



340 DREIZEHNTES KAPITEL 

mutlos. Ich habe ein Löwenherz. Ich habe nicht 
nach der Ursache dessen zu fragen, was Ihr tut. 
Alles, was ich sehe, ist wunderbar. Meine Treue 
steht unbeweglich fest. Ich bin bereit, meine Seele 
Eurem heiligen Namen zu opfern. Jetzt bin ich in 
Damaskus und werde von da auf Euren Befehl nach 
Scanderona gehen, wo ich das Gesicht Gottes in sei- 
nem vollen Glänze zu sehen hoffe. Ich werde als 
Diener Eurer Diener den Staub von Euren Füßen wi- 
schen, und bitte nur, mich mit Eurer starken Hand 
und überlegenen Kraft zu unterstützen und mir den 
Weg, den ich vor mir habe, zu verkürzen. Meiine 
Augen sind auf Gott gerichtet, der uns schließlich 
helfen und erretten wird, daß uns die Kinder der 
Bosheit nicht schaden können . . . Dieses sind die 
Worte Deines Dieners, der sich unter Deine Füße 
wirft, Nathan Benjamin.« 

Dann beschwört er die treue Gemeinde Aleppo: 
»Den noch übrigen Israeliten sei ewiger Friede. 
Ich melde euch hierdurch, daß ich in Frieden zu Da- 
maskus angekommen bin und will jetzt vor das An- 
gesicht unseres Herrn treten. Er ist der König aller 
Könige, sein Reich möge ausgebreitet werden. Ich 
habe, wie er mir und den zwölf Stämmen befohlen, 
ihm zwölf Männer ausgesucht. Ich werde von hier 
auf seinen Befehl nach Scanderona gehen und mich 
nebst einigen vertrauten Freunden , die sich mit sei- 
ner Einwilligung hier versammeln, ihm darstellen. 
Einstweilen ermahne ich Euch, ob Ihr gleich er- 
staunliche Dinge von unserem Herren hören werdet. 
Euren Mut nicht sinken zu lassen. Fürchtet Euch 
nicht, seine Handlungen sind wunderbar und so ge- 
heimnisvoll, daß kein menschlicher Verstand sie zu 
begreifen hinreicht . Wer kann ihre Tiefe ergründen ? 



TODESZUCKUNGEN 34 1 

In kurzer Zeit werdet Ihr alles ganz klar einsehen . 
Er selbst wird es Euch entdecken und lehren und 
anweisen. Selig ist der Mensch, der das Heil des 
wahrhaftigen Messias in Geduld erwarten kann. In 
Kürze wird der Messias seine Gewalt und Herr- 
schaft über uns für jetzt und für alle Ewigkeit offen- 
baren. Nathan Benjamin.« 

Die Nachricht, daß der Prophet unterwegs sei und 
seinem Messias zur Hilfe kommen will, reißt doch 
mit einem Schwung wieder eine Flamme der Hoff- 
nung empor . Ismir zittert vor Erwartung . Sie drän- 
gen sich in die Synagoge und halten einen Dank- 
gottesdienst ab. Aber schon setzt eine gefährliche 
Gegenwirkung ein . Konstantinopel entfaltet eine fie- 
berhafte Tätigkeit, um dem Propheten jede Wirkung 
unmöglich zu machen. Nicht daß er predigt und 
wirbt, ist ihre Angst, sondern daß aus der Flugkraft 
des erneut belebten Glaubens sich wieder Wunder 
ereignen möchten. Sie haben selbst die Wunder hin- 
genommen, als sie es noch durften und als keine Hand 
sich zu erheben Wägte, dem König von Abydos die 
Wunder zu untersagen . Aber heute sind alle Wun- 
der, die den muselmanischen Türhüter Mehmed 
Effendi anrufen, verbotene Dinge, ganz einfach De- 
likte, kriminelle Akte. Jetzt wollen sie endlich 
Ruhe haben. Sie schreiben nach Ismir» . . . Jetzt er- 
fahren wir, daß dieser Mensch vor wenigen Tagen 
von Gaza abgereist und den Weg nach Scanderona 
genommen hat, von wo er zu Wasser nach Ismir 
gehen will und sofort nach Konstantihopel oder 
Adrianopel. Nun befremdet uns nicht wenig, daß 
ein Mensch sich selbst in das Feuer und die Flam- 
me des Verderbens stürzen will. Und doch müs- 
sen wir befürchten, daß es geschieht... Darum 



342 DREIZEHNTES KAPITEL 

befehlen die Unterzeichner dieses Schreibens Euch, 
daß, sobald er in Eurem Gebiet angekommen sein 
wird, Ihr ihn nicht weiter fort ziehen laßt, sondern 
in ihn drängt, daß er wieder zurückkehrt. Denn 
er wird nicht unterlassen, von neuem Unruhe zu 
erregen, und es sind derer schon genug durch 
Träume und phantastische Hoffnungen auf einen 
neuen König erweckt worden. Und erinnert Euch 
dabei, daß nicht alle Tage Wunder geschehen . . . 
So er Euch aber nicht folgt und nicht gehorsam 
sein will , so ist Euer Gesetz noch mächtig genug , 
daß er dadurch zum Gehorsam gebracht werden 
kann . Und das wird sowohl ihm wie ganz Israel 
ersprießlich und nützlich sein. . .« 
Was den Menschen an diesem Schreiben verständ- 
lich ist, ist das tiefe Bedürfnis nach Ruhe. Und den- 
noch: wäre Sabbatai selbst gekommen, sie hätten sich 
ihm aufs neue ausgeliefert. Aber da man von ihm 
kein Wort hört, will man auch seinen Verkünder 
nicht haben. Wie Nathan seine Reise fortsetzt, trifft 
er überall auf Spuren der Ablehnung und sogar auf 
offene Feindschaft. Er kommt nach Saloniki. Kaum 
verbreitet sich die Nachricht von seiner Ankunft, da 
drängen sich die erbitterten und enttäuschten Men- 
schen heran, denen er einmal geraten hat, ihren All- 
tag um der Ewigkeit willen zu vergessen . Sie wollen 
ihn, der zu ihrer inneren und äußeren Not mit einem 
pomphaften Gefolge von 40 Mann kommt, zur Ver- 
antwortung ziehen . Er muß heimlich bei Nacht und 
Nebel fliehen und begibt sich nach Brussa, der alten 
Residenzstadt. Da glauben die Menschen noch, daß 
sein Kommen nichts anderes bedeute, als daß er jetzt 
den Messias in sein Amt einführen werde . Sie neh- 
men ihn mit großer Begeisterung auf. Aber dann 



TODESZUCKUNGEN 343 

kommen Nachrichten und Warnungen aus Konstan- 
tinopel zu ihnen. Ihre Enttäuschung und Erbit- 
terung ist maßlos. Sie lassen Nathan im gleichen 
Augenblick fallen . Sie verbieten jedem, mit ihm auch 
nur zusammen zu sein , ihm Speisen zu verabfolgen 
und ihn in ihre Häuser aufzunehmen. Sie drohen ihm 
sogar mit einer Anzeige bei den türkischen Behörden. 
Da muß er den Ort verlassen. Er hat jetzt einen Vorge- 
schmack der Dinge bekommen, die ihn erwarten, be- 
greiftauch wohl, daß er so nicht mehr auftreten darf, 
ohne die Erbitterung zu steigern . Darum löst er sein 
Gefolge auf. Nur sechs Personen bleiben bei ihm . 
Ende Februar 1667 macht er sich auf den Weg nach 
Ismir. In Bonar Bagi macht er Rast. Wie das be- 
kannt wird, reisen ihm sogleich Freunde des Sab- 
batai entgegen, um sich mit ihm zu bereden. Aber 
die Stadt sendet ihm auch einen offiziellen Gesand- 
ten, Abraham Leon, entgegen. Der unterrichtet ihn 
über die Stimmung in der Stadt und warnt ihn drin- 
gend, Ismir zu betreten. Und noch einen anderen, 
seltsamen Besuch empfängt Nathan in Bönar Bagi. 
Da sind inzwischen, längst nach Sabbatais Abfall, 
Deputierte der italienischen Gemeinden in Ismir ein^ 
getroffen, die dem neuen Messias huldigen wollen 
und die den Auftrag haben , sich von seinem Prophe- 
ten Nathan Anweisungen für ihr ferneres Verhalten 
zu holen. Erst in Ismir erfahren sie, was geschehen 
ist. Es lähmt und erschüttert sie so, daß sie wochen- 
lang untätig dasitzen und nicht wissen, was sie be- 
ginnen sollen. Da hören sie: Nathan ist in der Nähe. 
In letzter Hoffnung reisen sie nach Bonar Bagi und 
verlangen Audienz bei Nathan . Aber der sitzt finster 
und vergrämt in einem Hause und will nichts sehen 
und hören . Die Gesandten mögen warten , oder ab- 



344 DREIZEHNTES KAPITEL 

reisen; wie sie wollen. Sie gehen endlich heim, keh- 
ren nach Italien zurück, Träger böser und dunkler 
Botschaft. Späterhin stößt Nathan immer wieder auf 
ihre Spur, immer wieder auf den Niederschlag der 
tiefen Enttäuschung, die er ihnen bereitet hat. 
Aber er kann jetzt nicht anders. Der Sinn seiner Exi- 
stenz steht auf dem Spiele . Er muß nach Ismir hin- 
ein, unter allen Umständen und trotz jeder Gefahr. 
Es wird mehr ein Einschleichen als ein Einzug. Gegen 
Nacht kommt er an und begibt sich in das Haus eines 
Sabbatianers . Seine Freunde besuchen ihn dort, und 
er wendet alle Kraft auf, ihren Glauben zu stärken. 
Aber zu einer breiteren Wirkung kann er nicht kom- 
men. Das Volk bedrängt ihn: er solle abreisen; man 
werde ihn sonst noch den türkischen Behörden aus- 
liefern. Alles, was man ihm vor seiner Abreise noch 
erlaubt, ist, daß er an das Grab von Sabbatais Mut- 
ter geht, die Hand darauf legt, dort sein Gebet ver- 
richtet und aus der Quelle trinkt, die neben diesem 
Grabe ist, und die von den Christen Sancta Veneran- 
da genannt wird. Dann begibt er sich auf den Rat 
seiner Freunde nach Chios . 

Dort in Chios entsteht ein Dokument voll schlichter 
und großer Treue, ein Bekenntnis zur Unbedingt- 
heit, durch das sich ein Unterton der weinenden 
Furcht zieht: der Trostbrief, den er an Joseph Zewi 
richtet. »Ich bekam Deinen Brief und verstand aus 
ihm dein Begehren, zu wissen, was mit unserem 
Herrn sei, auf den wir warten und nach dem wir 
suchen jeden Tag, jede Stunde und jede Minute, 
und von dem wir den großen Sabbath erwarten und 
der unser heiliger Sabbath ist, die Quelle unseres 
Wissens und unserer Heiligkeit, die Kraft der höch- 
sten Krone. So wisse denn: ich schwöre bei seiner 



TODES ZÜCKUNGEN 345 

Heiligkeit und bei der Größe und Stärke seiner Kraft, 
daß ^r es ist und kein anderer, und außer ihm gibt es 
keinen Erlöser. Und wenn er auch einen Turban auf 
seinen Kopf setzte, so tat er es nicht zur Entheiligung 
des Namens. Und obgleich ich keinen Hinweis in 
den Sätzen der Thora dafür finde, haben wir doch 
schon oft gesehen, daß unsere Weisen viel Wunder- 
bares taten, und wir konnten nicht verstehen , was das 
Ende ihrer Absichten war. So stehen wir auch in die- 
ser Stunde vor dem Unbegreiflichen . Alle, die Augen 
haben, um zu sehen und Ohren, um zu hören und 
ein Herz, um zu verstehen, können den Beweis fin- 
den. Und wenn nicht, so möchten doch ihre Lippen 
schweigen, daß sie nichts Böses über die Heiligkeit 
des Messias sagen ... Es ist doch schon im Sohar über 
den wahren Propheten aufgeführt, daß er ein Un- 
glücklicher und Verkannter sei, daß über ihn viel 
Leid kommen solle und daß er in den Augen der mei- 
sten wie ein stinkender Hund erscheinen wird. Die 
ihn nicht anerkennen, sind die Bösen, deren Seele 
verwirrt ist. Auch unter den Zadikim sind Böse. 
Darum stehen die geizigen Reichen hinter dieser 
Meinung. Er soll doch, sagt der Sohar, ein Armer 
sein und auf einem Esel reiten. Arm sein bedeutet 
hier: arm und befleckt in seineni Gewand, und das 
ist ja gerade der Turban . Nicht arm von Geld ist 
gemeint, denn er ist doch gekommen, um die Welt 
zu bereichern. Sondern: arm sein vor der Thora, 
arni vor ihren Gesetzen. Und es steht auch geschrie- 
ben: ich werde in Gott bestehen, und er wird uns aus 
unseren Sünden erlösen. Wer ein Herz hat, zu ver^ 
stehen , kann es verstehen . Und wenn man auch nichts 
beweisen kann, werde ich trotzdem nicht aufhören. 
Euch zu trösten, die Ihr in Eurer Heiligkeit besorgt 



346 DREIZEHNTES KAPITEL 

seid. Für mich und für Euch wird Gott sorgen, da- 
mit alle armen Juden und alle Bettler, die da in Angst 
und Sorge stehen, gesegnet werden, und wir werden 
in Freude erleben, daß alles bald erfüllt werde. . . « 
Es hält Nathan nicht lange in Chios. Er muß noch 
einmal einen Vorstoß nach Ismir wagen, denn es ist 
von größter Wichtigkeit, ehe er in das Zentrum des 
Geschehens kommt, hier im Hinterland die ermat- 
tende Bewegung wieder anzufachen . Aber die Stim- 
mung gegen ihn ist noch schlechter geworden. Er 
kann sich diesesmal nur zwei Tage in Ismir halten, 
versteckt bei Freunden Sabbatais. Er versichert ihnen 
immer wieder: bis zum Ende dieses Jahres, bis zum 
Monat Elul, werden alle Verheißungen sich erfüllt 
haben. »Wenn es nicht Wahrheit wird, gebe ich 
mich in Eure Hände. Ihr könnt mich dann töten.« 
Ehe er abreist, bekommt er den Besuch des Pfarrers 
Coenen . Dem läßt es keine Ruhe . Er möchte den 
befremdlichen Dingen, die da unter seinen Augen 
geschehen sind, auf den Grund kommen. Darum 
stellt er drei präzise Fragen an Nathan: auf welcher 
Grundlage seine Prophetie beruhe, wie der Geist der 
Prophetie über ihn gekonimen sei, und was mit Rück- 
sicht auf die abgelaufene Zeit denn noch von seinen 
Gesichten zu erwarten stünde. 
Nathan geht auf dieses Interview nicht ein . Er sitzt 
verdrossen da und erklärt, daß er darauf nicht ant-r 
Worten werde. Das empört den Fragesteller. Zu 
Unrecht. Die Beiden verstehen sich nicht, weil sie 
auf verschiedenen Ebenen hausen . Coenen treibt Kir- 
chengeschichte . Er sammelt Tatsachen . Nathan treibt 
Geschichte. Er sammelt Erlebnisse. Er hat auch 
seine Gedanken nicht für theoretische Diskussionen 
frei. 



TODESZUCKUNGEN 347 

Inzwischen hat er sich mit Sabbatai in Verbindung ge- 
setzt und mit ihm ein Zusammentreffen in Ipsola, nahe 
Adrianopel, verabredet. Es ist wahrscheinlich, daß 
dieses Treffen auch stattgefunden hat, denn nur aus 
dem Wiedersehen mit dem Propheten, der seinem 
Leben einen so entscheidenden Anstoß gegeben hat, 
können Sabbatai die Impulse für sein späteres Han- 
deln gekommen sein. Aber alles, was Nathan tut, 
wird von der jüdischen Welt mit Aufmerksamkeit 
und Mißtrauen beobachtet. Sie erkennen ganz rich- 
tig, daß in diesem Augenblick die Gefahr nicht von 
Sabbatai ausgeht, sondern von dem unentwegten 
Propheten, der abseits vom Geschehen sitzt und nichts 
zu verantworten und zu fürchteii hat. Sie aber haben 
zu fürchten, nach außen und nach innen. Was der 
Sultan geplant hat, ist noch nicht vergessen; und die 
Wunden der enttäuschten übermäßigen Liebe sind 
am Körper des Volkes noch nicht vernarbt. Sie 
brauchen Ruhe und Schonung, wie nach einer schwer 
ren Krankheit. Sie wollen dieses neue Übel von sich 
fern halten. Darum benachrichtigt die Gemeinde 
Adrianopel das Rabbinat in Konstantinopel von der 
Anwesenheit Nathan Ghazatis. 
Sofort begibt sich eine Abordnung von Rabbinern 
nach Ipsola, konstituiert dort ein Gericht und fordert 
Nathan auf, zu erscheinen. Er kommt. Es wird ihm 
bedeutet, daß es sich hier nicht um Sabbatai Zewi und 
den Messias handle, sondern um sein, Nathans, Auf- 
treten als Prophet. Die alten Propheten haben die 
Heiligkeit von Zeit und Geschehen für sich. Dieser 
neue Prophet, den niemand gerufen hat, und der sich 
doch berufen wähnt, möge seine Berufung beweisen, 
durch ein Wunder, oder wenn das Wunder sich ihm 
zur Zeit versagt, so doch durch theologische Gründe. 



348 DREIZEHNTES KAPITEL 

Auf theologische Gründe läßt Nathan Ghazati sich 
nicht ein. Er und die anderen sprechen ja doch eine 
verschiedene Sprache. Das Wunder hingegen wird 
geschehen. Zwar nicht in diesem Augenblick, denn 
er selbst kann keine Wunder herbeizwingen . Aber es 
ist ihm eine Oifenbarüng geworden, daß ein Wun- 
der sich noch in diesen Tagen des Schäbuoth, des 
Wöchenfestes, ereignen werde. Also möge man bis 
zum Ende dieser Festtage warten. Und sie warten, 
vielleicht in der überlegenen Gewißheit, daß nichts 
sich ereignen werde, vielleicht in der unbestimmten 
Erwartung, mit der ihnen das Wunderbare letztlich 
doch vertfaut ist. 

Wie das Wochenfest vergeht und nichts sich ereig- 
net, packen die Rabbiner hart zu . Sie zwingen ihm 
die Erklärung ab, daß er hinfort seiner Propaganda 
entsagen werde . Er stellt darüber eine Urkunde aus: 
»Eurer Aufforderung und der Eurer Gesandten Folge 
leistend, schwöre ich, den Ihr als eine Gefahr für 
Israel erachtet, mit dem von mir und den Gläubi- 
gen im Volke verherrlichten Meister künftighin in 
keinerlei schriftlichen Verkehr zu treten , keinerlei 
Versammlungen zu veranstalten und mich mindestens 
12 Tagereisen von Adrianopel entfernt zu halten.« 
Nach diesem Verzicht beginnt er seine Rechtferti- 
gung: »Zugleich muß ich aber wahrheitsgemäß er- 
klären, daß am 25. Elul 5425 (im September 1665) 
eine Stimme vom Himmel mir in der Tat verkündet 
hat, daß binnen einem Jahr und einigen Monaten das 
Reich deö Mäschiachben David sich offenbaren wer- 
de, wobei allerdings die° Stimme den Namen des Er- 
lösers und das genaue Datum nicht näher bezeichnet 
hat.« Und dann entfaltet sich die Hartnäckigkeit sei- 
ner Ideen ein letztes Mal mit sachlicher Gebärde und 



TODESZUCKUNGEN 349 

geheimem Vorbehalt . » So gilt es denn , die Angelegenr 
heit bis zum Monat Elul des laufenden Jahres 5427 
(September 1 6 6 7) , zu vertagen und die himmlische 
Stimme erst dann als gegenstandslos zu erachten, 
wenn auch diese Frist ohne Wunder verstrichen sein 
wird.« 

Die Rabbiner zucken darüber die Achsel , Ihnen ist 
schon damit gedient, daß ihnen der Prophet 1 2 Tage- 
reisen weit vom Leibe bleibt. Aber nicht einmal darr 
an hält sich Nathan . Das Versprechen ist erzwungen . 
Folglich hat es keinen Wert. Er bleibt in der Nähe 
von Adrianopel und trifft sich heimlich mit Sabbatai 
und seinen Anhängern . Und es gelingt ihm wirklich, 
die Bewegung zu einem letzten, wenn auch kurzen 
Aufflackern zu bringen .Es gelingt ihm gerade in Adri- 
anopel und durch die Impulse, die er Sabbatai bis in 
den Serail hinein zu geben vermag. 
Die Kraft, die in Sabbatai einmal aufgestanden war 
und ihn überschwemmte, ist noch nicht abgelaufen. 
Zwar ist sie in ihrer Wucht tödlich verletzt, aber wie 
auch der Erblindete sich noch dem Ort zuwendet, 
von dem her er die Sonne scheinen fühlt, so ist in Sab- 
batai der Richtungssinn seines Bemühens erhalten ge- 
blieben. Man hat ihn in das Dunkel der Wirkungs- 
losigkeit geworfen , Er hat Sehnsucht nach der Sonne, 
welche Bedeutung heißt. Aber das Beieinander von 
Un Wahrhaftigkeit und Gläubigkeit, das einmal Har- 
monie war und wirken konnte, ist jetzt belastet mit 
der unausgleichbaren Zweideutigkeit seiner Stellung. 
Er ist rettungslos auseinandergebrochen in jenem Au- 
genblick, da er sich aus der Todesangst in den Aus- 
weg rettete. Er mag diesen Bruch überdeckt haben 
mit der tiefen Überzeugung, dieses Schicksal sei nö- 
tig und diene dem göttlichen Zwecke . Es bleibt un- 



350 DREIZEHNTES KAPITEL 

austilgbar die Sekunde, da er nicht göttliches Walten 
und notwendiges Schicksal verspürte, wo die nackte 
Angst um das Leben die Mission verraten hat. Er ist 
ein Gezeichneter geworden . 

Darum dient alles, was er jetzt tut, der Rechtferti- 
gung seiner selbst. Alles ist Ich-bezogen . Durch die 
geheimen Kanäle, die bis zu ihm hingehen , erfährt 
er, wie Menschen- ihn zu rechtfertigen suchen, wie 
sie ihn gegen eine Welt von Zweifel und Hohn ver- 
teidigen, wie sie noch an ihn glauben und Wunder 
von ihm erwarten . Also lebt er noch . Also hat er in 
der Welt noch ein Amt und in seinem Tun noch eine 
Rechtfertigung. Da ihm das freie Wirken versagt ist, 
beginnt er zu konspirieren . Er trifft sich mit Nathan . 
Er kommt wieder heimlich mit Juden zusammen, er 
versichert wieder und wieder: ich bin der Messias; 
ich werde Euch erlösen . "^ 

Sie deuten auf das Bleigewicht, das er an den Füßen 
hat: den neuen, fremden Glauben. Wie kann einer 
sich zur Erlösung aufschwingen, der so belastet ist? 
In der Widerlegung dieses Zweifels stürzt er sich in 
nackten Größenwahn: er muß in diesem Glauben 
verharren, da er aus ihm zur Stunde der Erlösung das 
ganze mohammedanische Volk zum Judentum über- 
führen wird. Und sie glauben ihm. Sie glauben. 
Aus der kleinen Konspiration soll wieder eine große 
Volksbewegung gemacht werden. Er braucht wieder 
einen Sendboten. Dazu erbietet sich Nathan Gha- 
zati . Er will die beschauliche Ruhe seines Heimats- 
ortes gegen das Wandern von Stadt zu Stadt vertau- 
schen . Wir finden ihn noch im Laufe des Jahres 1667 
auf Chios, auf Korfu, predigend, verheißend. Er 
geht folgerichtig den Weg der schlechtesten Nach- 
richtenvermittlung, nach den ionischen Inseln, und 



TODESZUCKUNGEN 35 1 

von da nach Venedig, das seine normalen Beziehun- 
gen zu Konstantinopel noch nicht wieder aufgenom- 
men hat. Er erwartet große Unterstützung von den 
italienischen Kabbalisten. Aber man verweigert ihm 
schlechthin den Eintritt ins Ghetto. Die Gemeinde 
schickt ihm Samuel Aboab entgegen und läßt ihm ra- 
ten, wieder abzureisen. Nathan erwidert stolz: »Ich 
komme im Namen Gottes und trage Sorge für ganz 
Israel, un des wird niemandem Böses geschehen.« 
Wie solche Erklärung nichts nützt, verschafft er sich 
mit Hilfe eines Sabbatianers Beziehungen zur Stadt- 
verwaltung und erreicht, daß ihm der Aufenthalt ge- 
stattet werde. 

Nun sind die Juden gezwungen, ihm das Ghetto zu 
öffnen. Aber sogleich sitzen sie, wie die Rabbiner 
von Konstantinopel, zu Gericht. Aus verschiedenen 
Gegenden Italiens treten Rabbiner und Vertreter von 
Gemeinden zusammen . Man verlangt von ihm keine 
Wunder, sondern schlechthin Rechtfertigung. Er 
versucht es, da er die Enttäuschung der ausbleiben- 
den Wunder nicht wieder erleben will. Er berichtet, 
deduziert, prophezeit, beweist und versichert, bis er 
sich rettungslos verwirrt und verstrickt hat. Er steht 
allein gegen eine ganze Versammlung, die ihn mit 
Fragen, Argumenten und Gegenbeweisen in die Enge 
treibt. Sie sind nicht nur klug, sondern haben auch 
menschliches Verstehen. Sie kommen nach langen 
Disputen zu dem Ergebnis: Nathan ist von einem 
Wahn besessen. Nie hat er eine Offenbarung gehabt , 
nie haben göttliche Stimmen zu ihm gesprochen. Er 
nimmt nur die wirren Phantasiebilder seiner Träume 
als Wirklichkeit hin. Er ist kein Verbrecher, er ist 
ein Kranker. Darum ist er für das Unheil, das er über 
das jüdische Volk gebracht hat, nicht nach der Schwere 



352 DREIZEHNTES KAPITEL 

des Gesetzes zu bestrafen . Aber er soll wenigstens 
einsehen, was er getan hat. Er soll widerrufen. 
Und Nathan unterschreibt : »Nachdem die Rabbiner 
und Gaonen von Venedig meineBehauptung, ich hätte 
gleich dem Propheten Jecheskel den himmlischen 
Wagen erschaut, wie auch meine Weissagung, daß 
Sabbatai Zewi der Messias sei, als Irrtum und uner- 
wiesen erkannt haben, so habe ich Ihrer Ansicht bei- 
gestimmt und erklärt, daß alle meine Prophezeiun- 
gen in Bezug auf Sabbatai Zewi jeglicher Grundlage 
entbehren . Ich Nathan Ghazati . « 
Dieses beschämende Bekenntnis wird vielfach abge- 
schrieben und zusammen mit dem Bericht über die 
Vorgänge in Ipsola an die bedeutenden Gemeinden 
der Welt geschickt. Aber Nathan kümmert sich nicht 
darum. Er hat es nicht nötig. Er hat nämlich das 
strenge Gericht bei der Unterschrift unter diesen 
Widerruf überlistet. Das Wort ,ich% das im hebräi- 
schen ani heißt, wird gebräuchlich abgekürzt durch 
die Buchstaben a und n, Aleph und Nun . Nathan aber 
hat geschrieben: Aleph- Gimel, und nun bedeutet es 
die Abkürzung der Worte Oness gamur, das heißt: 
vollkommene Erpressung. Also ist er frei, zu tun, 
was ihm beliebt. Und im übrigen bestätigen ihm 
seine Freunde: was er hier verneint hat, bezieht sich 
doch nur auf die Welt der sichtbaren Dinge. Aber er 
mit seinem Seherblick schaut in die überwirkliche 
Ebene, in die allein gültige »Wesenhaftigkeit* . 
Er wird zwangsweise aus Venedig entfernt. Man 
bringt ihn auf ein Schiff, das ihn weiter südlich an 
einen Hafenplatz bringt, damit er nach Modena und 
von dort in Verwahrung nach Florenz gebracht werde . 
Aber Nathan geht nach der Landung seihe eige- 
nen Wege. Er ist in Bologna, Florenz, Livornö. 




Jacob Sasportas 



12 



TODESZUCKUNGEN 353 

Man will ihn dort nicht haben. Nirgends will man 
ihn mehr haben . Er wandert hartnäckig und unbe- 
rührt im Glauben an seine Sendung von Gemeinde 
zu Gemeinde, von gesperrten Straßen zu geschlosse- 
nen Türen . Er kommt nach Rom und will predigen . 
Man verjagt ihn sofort aus dem Ghetto, weil man 
nicht nur ihn fürchtet, sondern auch die immer wa- 
chen und argwöhnischen Späher der Inquisition . Sein 
Fortgehen aus Rom ist eine gehetzte Flucht. Aber 
er vermag es noch einzurichten , über den Tiber zu 
laufen und von der Brücke her einen Zettel in den 
Fluß zu werfen. Darauf steht die prophetische Dro- 
hung: »Ehe noch ein Jahr um sein wird, wird Rom 
der Zerstörung anheimfallen ! « 
Er wandert und wandert und wird müde. Aber er 
wird nicht verzagt. Er schleppt sich von Ort zu Ort 
in den türkischen Gemeinden . Er ist in Ragusa ge- 
wesen und in Saloniki . Endlich läßt er sich im bul- 
garischen Sofia nieder, um möglichst nahe zu sein, 
wenn die großen Wunder sich ereignen . Sitzt dort 
und wartet, seinem Messias getreu bis in das elende, 
verkommene Sterben, das diesen Sklaven seines Glau- 
bens endlich auslischt, das dieses übermäßig flackern- 
de Leben in seinem fünfunddreißigsten Jahre er- 
stickt (1680). Er hat noch in der letzten Sekunde 
nichts aufgegeben. Er sagt sterbend: »Ich will zu 
meinem Herrn gehen, denn der kennt den Weg ! « - 
Indessen hat auch Sabbatai seine Tätigkeit wieder 
aufgenommen . Es ist ihm gelungen , sich der strengen 
Aufsicht durch den Mufti Wanni zu entziehen . Heim- 
lich erst, dann immer offener zeigt sich der neue Mo- 
hammedaner in den Synagogen . Sein Verhalten ist 
jetzt drängend und werbend zugleich. Es geht immer 
nur um das eine, daß man ihn als Messias anerkennen 

23 Kastein Zewi 



354 DREIZEHNTES KAPITEL 

möge. Er ringt um die Seelen, und er gewinnt See- 
len. Der Zweck ist alles, das Mittel nichts. 
Darum, als dem Sultan diese heimliche Tätigkeit be- 
kannt wird, weiß er dessen Zorn mühelos die Spitze 
abzubrechen. Was denn ist verwerflich an seinem 
Tun? Es dient doch nur dazu, möglichst viele Juden 
zum Islam hinüberzuziehen . Es leuchtet dem Sultan 
ein, daß der ehemalige Messias der Juden besondere 
Eignung habe, Proselyten zu machen. Darum erteilt 
er ihm die offizielle Erlaubnis , in die Synagogen zu 
gehen und dort zu predigen. 
Sabbatai macht von dieser Befugnis ausgiebigen Ge- 
brauch, und sobald er nur einen Hauch von Freiheit 
verspürt, wirft er sich hemmungslos von neuem in 
das Geschehen hinein. Im März 1668 bricht das ge- 
hemmte Lebensgefühl wieder in überschwängliche 
Verkündigungen aus. Er hat wieder eine göttliche 
Offenbarung gehabt, und von neuem hat sie ihm be- 
stätigt, daß er auch jetzt noch, in diesem Stadium 
einer scheinbaren Ungläubigkeit, der wahre und er- 
wählte Messias sei . Er verkündet diese Botschaft mit 
einer Kraft und Eindringlichkeit, daß auch die Un- 
gläubigen aufhorchen, daß sie schwankend werden 
und daß endlich eine neue Wendung der Geister zu 
ihm hin beginnt. Enttäuscht zu werden sind diese 
Menschen gewohnt. Darum sind sie mit der Gnade 
begabt, daß ihre Glaubensfähigkeit nicht daran stirbt. 
Seine Anhänger erlassen Kundgebungen, in denen 
der Beginn einer sabbatianischen Theologie sich ver- 
hängnisvoll manifestiert. Von Gott, sagt die Kabba- 
la, gehen, Ausstrahlungen, Sephirot, aus, die sich in 
der Welt verkörperlichen. Eine von ihnen, Sephira 
Tipheret, die Ausstrahlung des Anfangs, ist nunmehr 
in Sabbatai Zewi eingegangen, hat sich in ihm ver- 



TODESZUCKUNGEN 355 

körpert. Gott selbst hat sich in tiefere Schichten des 
Unerreichbaren zurückgezogen. Den Menschen hat 
er seinen Messias gelassen . 

Auch diese Idee, gewiß nicht seinem Gehirn ent- 
sprungen, nimmt Sabbatai leidenschaftlich auf. Er 
steht auf den Kanzeln der Synagogen , umringt von 
Anhängern, und bekennt: »Gott ist ein Jüngling und 
gleicht mir ! « 

Der Sultan versteht nicht recht, welches Spiel hier 
getrieben wird . Er ist schon wieder mißtrauisch und 
möchte diesem öffentlichen Wirken ein Ende machen. 
Auch dieser Gefahr weiß Sabbatai zu begegnen . Er 
gibt das Versprechen ab, in aller Kürze den Erfolg 
seiner Bemühungen aufzuzeigen. Und es gelingt ihm 
wirklich. Er macht aus dem Zwang, unter dem er 
steht, eine Notwendigkeit. Er verlangt von denen, 
die an ihm hängen, daß sie seinem Beispiel folgen und 
zum Islam übertreten. Zum Schein, versteht sich. 
Er droht ihnen, sie nicht nach Jerusalem zu bringen, 
wenn sie ihm nicht nachfolgen. Man wirft ihm vor, 
er habe sich Widerspenstigen gegenüber der falschen 
Anschuldigung bedient, sie hätten den Islam ge- 
lästert, und daß er sie vor der Todesstrafe, die darauf 
stand, durch Bekehrung gerettet habe. Wie dem auch 
sei: hier brach die todgeweihte Bewegung in zwei 
Gruppen . Die einen glaubten an ihn , lehnten aber den 
Übertritt zum Islam als eine Handlung ab, die nur in 
der Einmaligkeit und Besonderheit der messianischen 
Person Sinn und Gültigkeit habe. Die sonderten sich 
ab. Aber andere folgten ihm ohne Besinnung. 
So konnte Sabbatai dem Sultan das Schauspiel vor- 
führen, daß vor seinen Augen viele Hunderte von 
Juden den Turban nahmen. Es war ein großer Erfolg 
für ihn. Während in holländischen und deutschen 

23* 



356 DREIZEHNTES KAPITEL 

Gemeinden Flüchtlinge aus Spanien und Portugal, 
die ein Leben unter dem Zwang der Inquisition als 
Scheinchristen (Marranen) verbracht hatten, in über- 
mächtigem Durchbruch altererbter Gottesgläubigkeit 
sich wieder zum Judentum bekannten, führte Sab- 
batai zur Erfüllung seiner Messianität die Juden in 
einen fremden Glauben hinein und schuf neue Marra- 
nen . Er verewigte dieses schwerste aller Glaubenspro- 
bleme . Seine Anhänger leben noch heute in der Sekte 
der Dönmeh fort, Mohammedaner mit vagen, mystisch 
abgedunkelten Erinnerungen an das Judentum . 
Dem Sultan und den Juden gegenüber beginnt 
Sabbatais Stellung sich wieder zu festigen . Aber er 
hat doch den Wunsch, seine Tätigkeit nicht so in der 
Nähe ständiger Kontrolle auszuüben . Also bittet er 
um die Erlaubnis, zu weiterem Wirken nach Kon- 
stantinopel zu gehen . Das wird ihm auf Grund seiner 
Erfolge bewilligt. Er triumphiert. Er hat Freiheit, 
ist in die Welt hinaus entlassen, dem weiteren Raum 
und der befreiten Phantasie überlassen . 
Er findet bei den Juden von Konstantinopel freund- 
liche Aufnahme . Sie haben die Glanzzeit von Abydos 
nicht vergessen . Wenn sie auch nichts Entscheiden- 
des, nichts Sichtbares an Erfolgen gebracht hat, so 
liegt sie doch in ihren gläubigen Herzen rriit sträh- 
lender Einmaligkeit aufgehoben . Noch aus dem Er- 
innern her hat solcher Liebesrausch die Kraft, zu 
wärmen und in den Winkeln die Hoffnung leben zu 
lassen. Diese Hoffnung regt sich jetzt. Warum sollte 
dieses nicht ein neuer Anfang sein ? Ist es nicht schon 
wieder ein Wunder, daß Sabbatai selbst von seinem 
natürlichen Feind, dem Sultan, so geehrt und so 
schonend behandelt wird? Ob nicht doch Gottes 
Wille da wirksam ist? 



TODESZUCKUNGEN 357 

Sabbatai ist jedenfalls bereit, hier einen neuen Beginn 
zu sehen . Als sei nichts geschehen , als habe sich nichts 
gewandelt, sitzt er in Konstantinopel und läßt die 
Gläubigen zu sich kommen . Er spricht mit ihnen, be- 
lehrt sie, weissagt ihnen, singt vor ihnen messiani- 
sche Hymnen und feiert mit ihnen die Freudenfeste, 
die sie ihm bereiten . Von neuem wird der 9 . Ab ein 
Tag des Jubels . Wieder wie zu allem Anfang gehen 
Züge in seiner Gefolgschaft auf die Straßen bis an das 
Ufer des Meeres, und im Angesicht seiner Jünger 
und Gläubigen taucht er vor ihnen in die Fluten ^ ein 
Messias, der sich auf die letzte Stunde der Erfüllung 
vorbereitet. Als ob nichts inzwischen geschehen und 
zerbrochen wäre. 

Die von je seine Gegner waren, sehen diese neue Ent- 
wicklung der Dinge mit Unbehagen . Sie wenden sich 
an den Großvezir in Adrianopel und erstatten Be- 
richt . Auch durch seine Agenten hat Achmed Köprili 
Nachricht bekommen. Er ist höchst unzufrieden, 
aber er ist so wenig wie je bereit, etwas Entscheiden- 
des gegen Sabbatai zu unternehmen. Immerhin tut 
er eines: er entzieht ihm die monatliche Rente, die 
Sabbatai als Mehmed EfFendi bezieht. Das soll eine 
Strafe sein und zugleich ein Mittel, ihm die Feste 
zu verleiden und das Verteilen von Almosen an arme 
Anhänger. Er möchte vermeiden, daß mit dem Gelde 
des Sultans Anhänger für Sabbatai gewonnen werden. 
Sabbatai kann den Verlust seines Einkommens ver- 
schmerzen . Von seinen Anhängern fließt ihm genü- 
gend Geld zu. Sie verdoppeln Feste und Feierlich- 
keiten. Sie sind bei dem neuen Anfang. Aber auch 
die Gegner verdoppeln ihr Bemühen, Sie lassen es 
sich ein gutes Stück Geld beim Großvezir kosten, um 
ihn davon zu überzeugen, daß es für den Sultan und 



358 DREIZEHNTES KAPITEL 

für die Juden nur ein Mittel gebe, endlich Ruhe zu 
haben : den Messias endgültig von seinen Anhängern 
zu trennen. Sie sollen dieses Argument mit 15000 
holländischen Gulden unterstützt haben . 
Köprili zögert. Endlich muß er einsehen, daß es wirk- 
lich keinen andern Weg gibt. Fünf Jahre schon dau- 
ert dieses Treiben, dieses verdeckte Spiel nach beiden 
Seiten, dieses kleine, unsaubere Konspirieren hüben 
und drüben . Wie Sabbatai eines Nachts sich mit meh- 
reren seiner Anhänger in dem kleinen Dorfe Courron 
Chesme am Schwarzen-Meer- Kanal aufhält und Psal- 
men und Hvmiien auf das Kommen das Messias mit 
ihnen singt, erscheinen die Soldaten des Kaimakam 
und verhaften ihn. Der Großvezir hat über ihn die 
Verbannung nach Dulcigno, einem entlegenen Kü- 
stendorf in Albanien in der Nähe von Skutari ange- 
ordnet (1673). 

Damit ist sein Leben abgeschlossen. Er wird streng 
bewacht. Nur wenige Menschen dürfen zu ihm kom- 
men . Gelegentlich erhält er einen Brief von Nathan 
Ghazati oder von Primo. Sonst ist nur seine vierte 
Frau bei ihm, die er nach dem Tode Sarahs in Adria- 
nopel geheiratet hat. Er liegt völlig abseits von jeder 
Straße, auf der Menschen gehen. Das ist der Tod für 
ihn. Um wirken zu können, um Messias zu sein, ja 
nur um am Leben zu bleiben, braucht er Menschen, 
Gesichter, Antworten, ewige Bestätigungen, un- 
mäßige Nahrung für sein Ichgefühl. Nimmt man ihm 
diese Stimulantien, muß er verkümmern. Dieses En- 
de seines Lebens, dieses Versagen vor der Einsam- 
keit, in der die stärkste schöpferische Gewalt eines 
religiösen Gemütes reifen kann , fällt das Todesurteil 
über sein Messias tum. 
Er ßcjiw^nkt zwischen Zeiten tiefer geistiger Ver- 



TODESZÜCKÜNGEN 359 

dunkelung und hilfsloser Selbstüberhebung. Er 
schreibt an seinen Schwiegervater Joseph Philosoph 
in Saloniki, sie würden die Erlösung und die Rüde- 
kehr der Juden nach Zion noch erleben. »Ich werde 
Euch einen Engel senden. Ich werde kommen und 
Eure Schätze füllen , denn Gott setzte mich zumHerrn 
ein für ganz Mizrajim . . . « 

Es ist das Stammeln eines zusammengebrochenen 
Menschen. Er lebt nur noch davon, daß hin und wie- 
der von seinen unentwegten Freunden neue Berichte 
zu ihm dringen, daß es immer noch Menschen gibt, 
die Legenden um ihn bilden. Aber sie sind klein im 
Format und dürftig im Inhalt geworden. Die Tür- 
ken wollen ihn töten und dringen mit Schwertern 
auf ihn ein . Er nimmt einen kleinen Stock und schlägt 
sie in die Flucht. Kümmerliche Nahrung für einen 
Menschen, zu dem einmal viele Hunderttausende 
als den Beschließer ihres Schicksals aufjubelten. 
Er erstickt an der Einsamkeit, verdorrt wie eine Pflan- 
ze, die man aus der Erde gerissen hat. Zwei Jahre 
lang wehrt er sich noch. Dann erliegt er. Er stirbt 
im Herbst 1675 nach einer kurzen Krankheit. 
Vor seinem Sterben hat er noch einen Wunsch ge- 
äußert : er will nicht auf dem muselmanischen Fried- 
hof beerdigt werden . Wenn er schon nicht unter de- 
nen seines Volkes ruhen kann, will er dort liegen, von 
wo aus so oft Menschen mit banger Seligkeit ihm zu- 
sahen, wenn er im Symbol die Reingung von aller 
Sünde vollzog: am Ufer des Meeres; da, wo die 
Weite ist, aus der er als Jüngling kam, in die er als 
Toter wieder einkehren will. 

Man erfüllt ihm seinen Wunsch. Am Jomkippur 
1675 wird er beerdigt, am Tage der großen Versöh- 
nung, an dem Gott für alle Menschen das Buch des 



360 DREIZEHNTES KAPITEL 

Lebens aufschlägt, abwägt, was an Gutem und an 
Bösem darin verzeichnet steht, abwägt . . . und doch 
verzeiht. 

Sein Grab ist vergessen . Nur zuweilen pilgerten Mo- 
hammedaner dorthin und beteten. Sie sagten, dort 
liege ein Heiliger begraben. 

Mit seinem Tode flammt noch einmal die gläubige 
Dichtung auf. Die Menschen haben ihn doch so tief 
geliebt, es ist doch so viel von ihrem Herzblut zu ihm 
hingeströmt, daß sie an seinen Tod nicht glauben 
mögen. Er ist, wie sein Verkünder, der Prophet 
Elijahu, nur entrückt worden. Er hat ja, wissen die 
Gläubigen, den Tag seines Todes vorausbestimmt. 
Er hat die Höhle bezeichnet, in der er begraben wer- 
den wollte, und hat seinem Bruder Elias befohlen, 
drei Tage nach seiner Beisetzung in die Höhle zukom- 
men. Elias tut das. Aber vor der Höhle liegt ein 
großer Drache, der ihm den Eintritt verwehrt. »Mein 
Bruder hat es befohlen«, sagt Elias. Da geht der Dra- 
che beiseite. Elias betritt die Höhle. Sie ist leer, aber 
ganz ausgefüllt mit einem hellen, strahlenden Licht. 
Da wußten die Menschen, daß er zu den zehn Stäm- 
men jenseits des Sabbation gegangen war. Und was 
dort geschieht, ist ja allen längst vertraut. Der Mes- 
sias lebt noch . Er wird wieder kommen . » . . . und 
wenn alles gelingt, wird er bald kommen, sieben Ta- 
ge nach seiner Hochzeit, um uns zu erlösen. Und er 
möge sich dort nicht zu lange aufhalten , bis Unglück 
über uns kommt , Er möge kommen, um uns zu rächen 
an unseren Feinden und Verleumdern . . . « 
So treffen sie, da der Messias doch noch lebt, Vor- 
sorge für den Tag, an dem er zurückkommen wird. 
Weil der König nur vorübergehend fort ist, muß für 
die Dauer seiner Abwesenheit eine Regentschaft da 



TODESZUCKUNGEN 36 1 

sein. Leibliche Nachkommen hat Sabbatai nicht. 
Aber seine letzte Frau hat einen minderjährigen Bru- 
der, Jakob Keredo. Von ihm verkündet die Witwe 
Sabbatais, aus dem Jenseits her sei ihr der Messias er- 
schienen und habe diesen Knaben als seinen Sohn 
adoptiert. Auf Grund dieser Erklärung erkennen die 
Sabbatianer ihn als Gilgul, als denjenigen an, in den 
Sabbatais Seele eingegangen sei, als seinen geistigen 
Doppelgänger . Als solchen nennen sie ihn JakobZewi. 
In sehr vielen Städten, besonders in den wichtigeren 
wie Saloniki, Ismir, Adrianopel und Konstantinopel, 
bestehen noch Konventikel der unbedingten Sabbati- 
aner weiter. Sie werden fortan geleitet von einer In- 
stitution, die man als Regentschaftsrat bezeichnen 
kann . Er besteht aus dem Vater und der Schwester 
des Jakob Zewi. Die Idee der Erlösung, wie sie sie 
begreifen, lebt weiter unter ihnen und sucht nach 
neuen Ausdrucksformen . Siebegreifen, daß die Er- 
lösung nur kommen kann für eine Zeit, die in voller 
Gerechtigkeit steht oder für eine Zeit, die ganz in 
Leiden und Verderbnis getaucht ist. Da sie die Ge- 
rechtigkeit nicht verwirklichen können, so steht es 
doch in ihrer Macht, das Maß der Sünde voll zu 
machen, um damit die Befreiung zu erzwingen. So 
machen sie aus der Sünde eine Notwendigkeit und 
holen sie dorther, wo ihnen sonst die stärkste Zu- 
rückhaltung Gebot war : aus dem Dasein der Sinne . 
Sie stürzen sich so unbedenklich in die Ausschwei- 
fung, daß endlich die Rabbiner sie bei den Behörden 
denunzieren. 

Es setzt eine Verfolgung durch die Türken ein, der 
die meisten dadurch entgehen, daß sie zum Islam 
übertreten, indem sie Sabbatais Beispiel folgen und 
ihre Handlung mit dem gleichen Sinn decken, den 



362 DREIZEHN'TES KAPITEL 

sie auch ihm unterstellt haben . So ist ihr Übergang 
zur Sekte vollkommen. Sie scheiden aus dem Ver- 
band des Judentums endgültig aus . Ihr Regent Jakob 
Zewi unternimmt eine Wallfahrt nach dem Grabe 
Mohammeds nach Mekka und stirbt auf der Rück- 
reise. Sein Sohn Berachja wird Regent des Messias. 
Bis über die Mitte des 1 8 . Jahrhunderts hinaus sind 
die Konventikel nachweisbar, bis nach Frankfurt und 
Prag hin. Die Dönmehs leben heute noch fort. 
So sieht die Erbschaft aus, die Sabbatai Zewi hinter- 
lassen hat : zwei Sekten, von denen eine dem Judentum 
verloren geht, und ein über die ganze Welt zerstreu- 
tes Volk von traurigen, enttäuschten Menschen, von 
Armgewordenen, Entwurzelten, Versprengten. Nur 
eines hat er ihnen nicht nehmen können: die Hoff- 
nung und die Selbstprüfung. Schon hebt wieder das 
Fragen an, ob nicht in ihnen selbst Schuld gelegen 
habe. Vielleicht haben sie zu wenig Buße getan . Ge- 
wiß war es das . Sie klagen sich selber an , es sei nur 
eine Versöhnung von Mensch zu Gott gewesen, die 
sie da vorgenommen haben; aber keine Versöhnung 
zwischen Mensch und Mensch. 
Um hier auszugleichen und den Strom ihres religiö- 
sen Lebens nicht versanden zu lassen , greifen sie von 
neuem demütig, bedrückt und hoffnungsvoll den Tag 
an. Es ist uns eine Klage erhalten, die die portugiesi- 
sche Gemeinde zu Hamburg in ihr Protokollbuch 
schrieb, eine traurige Abrechnung mit der vergange- 
nen Zeit: »Da nun die regelmäßigen Armenunter- 
stützungen so hoch angewachsen sind, und zwar in- 
folge der von den Herren des früheren Vorstandes ge- 
hegten, wenig begründeten Erwartung, daß noch zu 
ihrer Zeit unsere Wanderung und unser Exil ein 
Ende nehmen werde, diese aber, unserer Sünden 



TODESZUCKUNGEN 363 

wegen, noch weiter fortdauern, bis sich Gott seines 
Volkes erbarmt . . . « 

Die Späteren aber, die noch litten und nicht so ruhig 
abrechnen konnten, sprachen den Namen Sabbatais 
nicht aus, ohne hinzuzufügen: Jimach schemo! Ver- 
flucht sei sein Name ! 



VIERZEHNTES KAPITEL 

SINNGEBUNG DES GESCHEHENS 



VIERZEHNTES KAPITEL 367 

WENN BIS HIERHER MIT DER TREUE, ZU DER GE- 
schehen verpflichtet, berichtet wurde, so darf jetzt 
gewertet und geurteilt werden, muß geurteilt werden, 
um die Berechtigung darzutun , von der Gegenwart 
Aufmerksamkeit für ein Stück Vergangenheit zu ver- 
langen . 

Es ist hier, scheint uns, ein Stück Vergangenheit ge- 
geben, dessen Kernfragen sich in ewiger Wiederho- 
lung zu allen Zeiten zur Antwort stellen, zu einer 
Antwort, die die Menschen immer noch nicht erteilt 
haben. Daß aber eine Zeit sich darum bemüht, macht 
allein sie schon fruchtbar. 

In jeder Zeit - und heute mehr denn je - stehen 
Menschen auf, die von sich aussagen, sie seien zu 
Führerschaft und zu Wirkung berufen, zu Bedeut- 
samkeit und zu geistiger Vorherrschaft. Es sei nicht 
von denen gesprochen, die sich bei ihrem Tun dem 
Beruf viel zu tief verstricken , als daß sie sich einer 
Berufung ausliefern könnten. Über sie fällen Ver- 
geßlichkeit und Mode einer Zeit ihr Urteil . Es sei 
von denen gesprochen, die, gleich Sabbatai Zewi, 
sich einem Ziel und einer Idee hemmungslos aus- 
liefern, und die doch daran scheitern, deren Wirken 
doch nur ein Chaos zurückläßt und den Fluch derer, 
die ihnen Gefolgschaft geleistet haben . Wo liegt da 
der Bruch in der Kette zwischen Wollen und Wir- 
ken, zwischen Berufung und Ergebnis? 
Ein anderes ist es, Dinge der Technik, der Erfindung, 
der Wirtschaft bewirken zu wollen, und ein anderes ist 
es, in das lebendige Dasein der Menschen hineinwir- 
ken zu wollen . Beiden Wirkenden sind verschiedene 
Gesetze vorgeschrieben, obgleich beide etwas be- 
wirken wollen. Wir verstehen landläufig darunter 



368 VIERZEHNTES KAPITEL 

das Wirken im Sinne der Kausalität. Wir wissen 
aus Erfahrung um bestimmte Regelmäßigkeiten zwi- 
schen Ursache und Wirkung, und deren Gesamtheit 
nennen wir Kausalität. Das Wirken auf dieser Ebene 
bedeutet, daß ein Mensch sich in einen ihm bekann- 
ten Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung 
hineinstellt, sich hineinbegibt als Ursache, um Wir- 
kung zu erzielen. Jener darf das tun; diesem ist es 
verwehrt. Denn für ihn besteht gar keine Ebene, auf 
der es Ursache und Wirkung, auf der es diese Kau- 
salität gibt . Kausalität ist nur eine Hilfskonstruktion , 
mit der einer die Notwendigkeiten des praktischen, 
technischen Lebens übersichtlich machen kann , oder 
mit der er sich aus reinen Gründen der Bequemlichkeit 
die Zusammenhänge des Daseins klarstellt. Aber da, 
wo es um Leben und Dasein geht, in der wesenhaften 
Wirklichkeit, gibt es überhaupt keine Verknüpfung in 
Ursache und Wirkung . Da gibt es nur eine Folge von 
Begebenheiten, die miteinander verbunden sind in 
einer Weise, die wir nie zulänglich zu erkennen ver^ 
mögen. Wir sehen nur, daß Begebenheiten auf ein- 
ander folgen und daß sie in einem Zusammenhang 
miteinander stehen. Wer hier sagen will: ich setze 
mich selber zur Ursache, ich stelle mich in das Zen- 
trum des Geschehens und will, daß eine Wirkung 
daraus entstehe - der bleibt ein Techniker. In der 
wesenhaften Wirklichkeit kann kein Mensch Ursache 
einer Wirkung sein. Er kann nur mit etwas, was noch 
nicht geschehen ist, verbunden werden durch das, 
was er tut. Er darf nicht als Persönlichkeit auf eine 
Persönlichkeit, als Erscheinung auf eine Erscheinung 
wirken wollen. Er muß sich in das Wesen des Le- 
bens, des Daseins, der Dinge hineinbegeben, wirken 
wollen als das, was er wirklich ist (aber was er nicht 



SINNGEBUNG DES GESCHEHENS 369 

umschreibt und nicht umschreiben kann) auf das, 
was ist. Er muß den vollen Einsatz zahlen, ohne Ab- 
strich und ohne Abzug: seine volle Person. Mit sei- 
nem ganzen Wesen muß er eingehen in die Beziehung 
zu dem, worauf er nun in Wahrheit wirken will. Mit 
seinem ganzen Wesen muß er das Seiende anreden . 
Sonst wird er nie Antwort bekommen. Sonst wird 
nie eine wirkende Verbindung entstehen, nie eine 
Wirkung erzeugt werden. 

Aus solcher Unbedingtheit ist einmal vor Jahrtausen- 
den Kunst entstanden . Kein Wille, auf Menschen zu 
wirken, hat dem ägyptischen Bildhauer die Hand ge- 
führt. Sondern er wollte in das Herz der Welt hin- 
einstoßen. Wenn er die Felswand anging und einen 
König herausmeißelte, der auf seinem Throne saß, 
dann saß er dort, so, wie es kein andres Sitzen gibt, 
war da hingesetzt nicht für das Heute, sondern in die 
Jahrtausende hinein. Er schuf kein Porträt; er sah 
nicht sich als Ursache einer Wirkung. Er bannte 
die Seele dessen, den er meinte und in seinem Innern 
anredete, in den Stein und gab ihm die Dauer. Sein 
Glaube schuf, nicht sein Wille zur Wirkung. 
Noch kritischer, noch verantwortungsvoller wird die 
Position eines Menschen, wenn er sich in Beziehung 
zu einer Zeit begibt, die - wie die sabbatianische 
Zeit - stumme Hände nach einem Helfer und Heiler 
ausgestreckt hat . Da wird der eine zum Arzt als Tech- 
niker, der andere zum Arzt als Geschöpf. Jener will 
die Heilung bewirken, indem er die Krankheit isoliert 
begreift und angreift, indem er verschreibt und appli- 
ziert, indem er als Mensch, der bestimmte Fähigkeiten 
hat, auf den Körper des Kranken vor ihm einwirkt. 
Aber als helfender' Mensch rührt er nicht an den hilfs- 
bedürftigen Menschen . Nie wird er dieses empfinden 

24ä Kästeln Zewi 



370 VIERZEHNTES KAPITEL 

und anerkennen; wenn ein Kranker an ihn herantritt 
und Heilung von ihm begehrt, so sind sie beide, 
Kranker und Heilender, nicht mehr Subjekt und Ob- 
jekt, nicht mehr Handelnder und Erduldender. Sie 
sind eingestellt in eine Verbundenheit mit Dasein und 
Leben und dem Ursprung des Lebens . Wer da wir- 
ken will, muß auf den gemeinsamen Ursprung des 
Leidens einwirken . Den Quell des Lebens muß er da- 
bei angehen und sich mit dem verbinden, von wo der 
Prozeß ausging . 

Aus solchem Bilde begriffen , ist Sabbatai Ze wi weder 
ein Wirkender noch ein Heilender. Was hat er ein- 
gesetzt um zu wirken ? Wirklich seine Person , wirk- 
lich sein Wesen , das ganze Lebewesen ? Nein . Er 
hat immer nur die Kraft seines Geltungswillens ein- 
gesetzt . Von dieser meßbaren Kraft verlangte er die 
meßbare Wirkung. Und daran ist er gescheitert. 
Vom Wesen läßt sich nicht ausrechnen, welchen Teil 
des Wesens man hergeben muß. Man rede, will man 
Wirkender einer Zeit sein , das Geschehen mit seinem 
ganzen Wesen an ; oder man schweige. Echo ist noch 
keine Antwort. Das Echo, die Heimkehr der eige- 
nen Stimme, ist die Antwort für den, der den Ehr- 
geiz hat und zur Wirkung nur den Willen einbringt. 
Das wahre Wirken vollzieht sich durch das Nicht- 
mehr- wirken- wollen, durch das Zurückhalten dessen, 
was wir gewöhnlich Willen nennen. Über dem 
Wesen kann es nicht mehr den Willen geben . Darum, 
duldet die Einsetzung des Wesens kein Dominieren 
des Willens. Der Wille ist eingetan in die Hergabe. 
Es gibt ihn als solchen außerhalb der wahren Hin- 
gebung nicht mehr. 

Sabbatai Zewi ist nie ein Mensch gewesen, der wahr- 
haft aus der Tiefe seines Herzens her den Menschen 



SINNGEBUNG DES GESCHEHENS 371 

verbunden war. Er war noch, als eine Welt sich vor 
ihm verneigte, ein Einsamer, der vor tausend Ge- 
sichtern wie vor einem Spiegel stand und sich tau- 
sendfach selber erblickte. Wo aber der einsame 
Mensch dem Sein gegenüber steht, kann er es nur 
Fassen durch die Beschwörung in irgend einer Form . 
Und als Beschwörer muß er zeitlebens die Furcht mit 
sich herumschle|)pen, daß die Geister ihm eines Tages 
nicht mehr gehorchen. 

Um sich immer erneut in seinem Amt und seiner Be- 
rufung zu bestätigen, hat Sabbatai sich je und je auf 
die Propheten bezogen . Er konnte sie deklamieren , 
aber er konnte sie nicht begreifen. Er verstand nicht, 
was es bedeutete, daß sie mit so ungeheurem Protest 
gegen den Opferkult anrannten. Sie wehrten sich 
nicht gegen die sakramentale Handlung des Opfers . 
Aber sie verlangten, daß dieser leibhaftige Akt des 
Opfers, der Darbringung, geschehe unter Einsatz 
und Hergabe der Person und nicht als leere Formel, 
nicht als beschwörende, magische Handlung. Denn 
nicht sich einsetzen, sondern den Kaufpreis sparen 
wollen und nur beschwören , ist das Verbrechen des 
religiösen Menschen. Darum kann die Religion in 
den Händen des Magiers zu einer verhängnisvollen 
Macht werden. Nichts kann das Angesicht Gottes 
so sehr entstellen wie die Religion . 
Sabbatai Zewi hat sich einen König genannt und wollte 
ein König sein. Er hat nicht begriffen, aus welchem 
Sinn in seinem eigenen Volkstum einmal Könige er- 
wählt wurden. Einstmals hatte das jüdische Volk 
keine Könige . Es lebte in einer wirklichen Theokratie, 
unter der Herrschaft seines Gottes. Und immer, 
wenn es nötig war, daß etwas für das Volk geschehe, 
wurde für eben dieses Geschehen, für diesen beson- 

24i Kasteln. Zewi 



372 VIERZEHNTES KAPITEL 

deren Akt des Notwendigen, ein Richter aufgerufen, 
benannt, erwählt. War sein Auftrag beendet, dann 
sank er in die Bedeutungslosigkeit zurück. Aber das 
Volk versagte in der Theokratie . Es wollte irdische, 
leibliche Könige . Und es bekam sie . Ihre Ernennung 
ist immer eine Berufung, eine Erwählung, begleitet 
von dem sakramentalen Akt der Salbung . Mit dieser 
Salbung soll der Kraft, die sie erwählt hatte und die 
sich auf sie niederließ, Wirkung und Dauer verliehen 
werden, so wie der Auftrag, der an den König er- 
ging, nicht ein einmaliger, sondern ein dauernder 
war. Salbung bedeutet nicht einfach, daß hier zu den 
gegebenen Kräften eines Menschen eine neue hinzu- 
gefügt werde . Sondern sie reißt ihn los aus seinen bis- 
herigen kleinen Zusammenhängen. Sie wirft ihn um, 
gestaltet ihn um, wandelt ihn um, setzt mitten in sein 
Leben einen neuen Beginn, schafft ihn neu und zu 
größerem Beginnen media in vita. 
Sabbatai Zewi hat sich nie gewandelt. Der Chacham 
von 1 8 Jahren ist der gleiche Mensch wie der Fünf- 
zigjährige, der in der Verbannung zu Dulcigno stirbt. 
Nichts in seinem Wesen und in seinen Taten spricht 
dafür, daß er je in sich diesen großen Anruf vernom- 
men habe, der in das Dasein eines Menschen die 
entscheidende Wandlung wirft. Er war kein Erwähl- 
ter. Er war einer, der aus brennender Liebe zu sich 
und möglich auch aus brennender Liebe zu seinem 
Volke ein Erwählter sein wollte. Das kann man nicht 
wollen . Man muß berufen sein . Das zu entscheiden 
verlangt das tiefste, demütigste, völlig Ich-befreite 
Aufhorchen . So wollen , und so nicht berufen sein , 
gibt die großen Betrüger, auch wenn sie an sich selbst 
glauben. Er hat nie gehorcht. Er hat immer die Er- 
füllung bedrängt und ist gegen sie angerannt. Dann 



SINNGEBUNG DES GESCHEHENS 373 

begegnen sich Fordern und Versagen, wie der Lüg- 
ner und der Dichter sich treffen , der falsche und der 
wahre Schöpfer. Sie treffen sich in dem Punkte, der 
sich der rationalen Begründung entzieht, den man 
nur erfühlen kann: im Punkte der Wahrheit, die das 
Berufensein ist. 

Und hier beginnt ein Doppeltes: seine Tragik und 
seine Verantwortlichkeit. 

Jede Un Wahrhaftigkeit wird für den, der sich ihr 
einmal untergeordnet hat, zu einem unentrinnbaren 
Zwang, der sein Wesen durchsetzt, zu einer anderen 
Natur, zu einer, zu seiner Wirklichkeit, die er lebt, 
und zu seiner Wahrheit, an die er glaubt. So steht 
Sabbatai denn eines Tages vor uns als der tief 
Gläubige seiner Lüge. Vor seinem Gewissen, das 
in der entscheidenden Stunde nicht wach war, kann 
er zu Recht bestehen. Alles Gute geschieht ihm zu 
Recht, alles Böse zu Unrecht. Wenn das ewig ge- 
rechte Schicksal ihn straft, darf er anklagend die 
Hände zum Himmel hinaufheben. 
Doch mindert solche Tragik in nichts die Last der 
Verantwortung, die er auf sich genommen hat. Es 
sei hier nicht von der religiösen Verantwortung ge- 
sprochen, sondern von der gegenüber seinem Volke. 
Während es noch scheint, als ob der Ruf des Volkes 
und die Antwort des Angerufenen sich träfen , gehen 
sie unrettbar, in dem denkbar tiefsten Mißverstehen 
aneinander vorüber. Was wollen diese Menschen? 
Sie begehrten eine andere Wirklichkeit. Sie wollten 
mit ihrem Leben und mit ihrem Gott eine neue Zwie- 
sprache beginnen. Sie hatten aus einer maßlosen 
Häufung ihrer Geschicke endlich begriffen, daß ihre 
Stellung in der Welt und ihre Haltung im Dasein 
nicht ihrer Willkür unterlagen, daß sie vielmehr unter 

24i* 



374 VIERZEHNTES KAPITEL 

einem unentrinnbaren höheren Gesetz standen. Sie 
legten es verschieden aus, je nachdem sie ihre Erlö- 
sung als mystische oder als politische begriffen . Eines 
aber verstanden sie gemeinsam : im Anbeginn ihres 
Volkstums stand ein göttlicher Anruf. Bis auf ihre 
Tage hin war er noch nicht verstummt . Immer noch 
stand ihr Gott da und wartete schweigend auf eine 
Antwort von ihnen . Sie hatten so viele Irrwege durch- 
laufen, daß sie daraus endlich einen Weg begriffen; 
hatten die Antwort so oft verfehlt, daß sie aus dem 
Leid endlich in ihnen gereift war. Religiös gespro- 
chen : sie waren von Gott abgefallen . Soziologisch ge- 
sprochen: ihre lebendige Gemeinschaft war ausein- 
andergebrochen. 

Für diese Heimkehr zu ihrer Einheit suchten sie einen 
Führer. Und da riß der Abgrund eines Mißverste- 
hens auf, wie er in unserer Gegenwart noch aufge- 
rissen vor uns liegt. Sie riefen nach einem Führer, 
und es bot sich ihnen dar der Repräsentant. Den 
brauchten sie nicht. Sie waren noch in ihrer Zer- 
streuung und noch als Splitter für ihr Schicksal und 
für ihr Erlösungsbedürfnis repräsentativ genug. Wer 
einen Führer sucht, kommt daher mit Vertrauen be- 
laden und will die Fülle der Verantwortungen für 
den weiteren Weg dem Führer in die Hände legen . 
Er soll nicht ihr Ausdruck sein, sondern er soll vor- 
angehen, voranschreiten in das Ungewisse, in das 
Dunkel dessen, was noch nicht da ist, und was sich 
erst vor ihnen erheben soll. Sie kommen so zu ihm, 
wie die Menschen zu Ödipus kamen und ihn ver- 
trauensvoll anflehten, die Pest in der Stadt zu bannen. 
Und der wahre Führer wird und muß aus eben der 
Kraft handeln, die von der Masse ihm zugetragen 
wird . Er muß sie in sich einströmen lassen und daraus 



SINNGEBUNG DES GESCHEHENS 375 

wirken. Wenn er aber alle Kraft, die ihm so zu- 
strömt, nur dazu verwendet, sich bestätigt zu fühlen, 
sich als Mittelpunkt zu sehen und sein privates Schick- 
sal daraus zu gestalten , dann liegt der Todeskeim der 
Führerschaft in dem Mißbrauch des Vertrauens , dann 
wendet alle Verantwortung, die die Gläubigen ihm 
darbringen, sich als vielfache Schuld gegen ihn selbst. 
Das nicht abgewogen zu haben , macht Sabbatai Zewi 
zu einem im höchsten Sinne Schuldigen. Das Volk 
wollte eine Erlösung . Er gab ein Versprechen . Das 
Volk wollte eine Wirklichkeit . Er gab eine grandiose 
Schaustellung. Er begriff nicht, daß hier eine Welt 
sich wieder mit ihrem Gott und ihrem Dasein ver- 
söhnen wollte. Er begriff nur, daß er Messias sein 
müsse. Er tat, was die Heutigen tun, gleich, welchem 
Zwecke sie dienen: er ahmte eine historische Form 
des Führertums ohne zulängliche innere Mittel nach. 
Er trieb Mimikry. Was heute in der Zeit den Namen 
Führer in seiner besonderen und tiefen Bedeutung 
noch verdient, ist anonym . Es hat keinen Namen und 
keine Kontinuität. 

Die Geschichte der sabbatianischen Bewegung bis 
zum Zusammenbruch des Messias ist weder, wie 
die Historiker vorgeben, eine Geschichte der gelehr- 
ten religiösen Dinge, noch eine Geschichte der soziolo- 
gischen Zusammenhänge. Sie ist schlechthin eine 
Geschichte des Herzens, vom Einzelnen und von der 
Gemeinschaft aus gesehen, eine Geschichte, die über- 
all möglich ist, in jeder Religion, in jeder Gemein- 
schaft, vor Jahrtausenden und heute, akut oder la- 
tent, tumultarisch oder unter der Oberfläche eines 
Alltags . Die Besonderheit im Schicksal des jüdischen 
Volkes hat ihr nur die Kraft gegeben , mit einem sol- 
chen Versuch Ernst zu machen. Er stellt sich dar 



376 VIERZEHNTES KAPITEL 

als ein Kreuzzug ohne Waffen, ohne Haß und An- 
griff, mit den Mitteln des menschlichen Herzens . . . 
und ohne Erfolg. Aber nicht die Menschen haben 
versagt. Ihr Führer hat versagt. 
Wenn einer nicht Führer sein kann, versteht es sich, 
daß er keine Losung geben und kein wirkendes Ideal 
hinterlassen kann . Es gehört nicht zu den Aufgaben 
dieser Darstellung, das religiöse Lehrgebäude zu be- 
schreiben, das sich an Namen und Wirken des Sab- 
batai Zewi anknüpft . Wie es auch sei : es stammt nicht 
von ihm . Nachfolger haben ihn nur zu einem gefähr- 
lichen Grundstein benutzt. Und das jüdische Volk 
in seiner Masse hat die Lehre auch nicht aufgenom- 
men. Es hat seine Hoffnung eingesargt, hat hin und 
wieder ein Aufflackern erlebt und ist, wie, die Zeiten 
liefen, mehr und mehr zur Welt übergegangen. Un- 
tergründig ist weiter am Leben geblieben, was Erbteil 
in Wesen und Blut darstellt; eine Erlösungsidee. Im 
Chassidismus hat sie eine kurze, wundervoll farbige 
Blütezeit erlebt. In der Idee der sozialen Gerechtig- 
keit, wo Juden sie vertreten haben, schimmert sie 
unter allem Wust von Theorie und Dogmatik hervor . 
Im Zionismus hat sie als Versuch einer partiellen Lö- 
sung auf der Ebene der Wirklichkeit einen Nieder- 
schlag gefunden . Und in der Gegenwart keimt unter 
vielen zerstreuten Einzelnen, durch Wissen und Ah- 
nungen niiteinander Verbundenen ein neues Erleb- 
nis und eine neue Sinngebung. So etwa, wie Martin 
Buber es seinen Freunden in erregend unvergeßli- 
chen Stunden auf einem Hügel bei Ponte Tresa ge- 
sagt hat : 

»So wie jeder Mensch in Wahrheit nur von der Wirk- 
lichkeit des realen Verhältnisses leben kann und auch 
sein persönliches Leben nur daraus leben kann; wie 



SINNGEBUNG DES GESCHEHENS 377 

irgendwie das ganze persönliche Leben, sein Wirken, 
seine Produktivität, sein Sichselbstfinden , sein je 
und je den Weg des Lebens neu finden, sein Weg 
also zwischen Geburt und Tod verknüpft ist mit der 
Wirklichkeit, von der aus er geboren ist, so muß auch 
der Mensch die Perspektivik der Wirklichkeit be- 
wahren, daß dieses eben das Menschenleben sei, 
nicht nur sein Menschenleben. Was ihn trägt, trägt 
da und da in der Gestalt eines anderen realen Ver- 
hältnisses andere. Es geht also letztlich nicht um 
eine Skala auf der Ebene der Wahrheit, um wahr sein 
oder weniger wahr sein, sondern um die Verschieden- 
heit der realen Verhältnisse der Menschen zu der 
einen, von keinem Menschen als solche besitzbaren 
Wahrheit . Diese Verschiedenheit ist die vormessiani- 
sche Geschichte des Menschengeschlechtes . Die mes- 
sianische Welt bedeutet die Überwindung der Viel- 
heit der realen Verhältnisse, das Aufschließen der 
einen Wahrheit, die den Menschen sich zuteilt in der 
Gestalt seiner vielfältigen, brüchigen und doch wirk- 
lichen Verhältnisse . Messianismus ist keine Konzep- 
tion, die auf Christentum und Judentum beschränkt 
ist . Alles wirkliche Menschenleben sehnt sich nach 
Erlösung . Die Gestalten der Erlösung sind verschie- 
den nach der Verschiedenheit der Gestaltungen der 
Menschen, der Völker, der Gemeinschaften, vor 
allem der Religionen. Auch die Vielheit der Reli- 
gionen, der Konzeptionen, der realen Verhältnisse 
ist ein Weg, ein notwendiger Weg. Es ist der Weg 
in die Einheit, in die Erlösung durch allen Wider- 
spruch und Widerstreit und durch den Abgrund hin- 
durch . « 

So münden letztlich doch die Dinge, die unserem 
Alltag längst entrückt scheinen, wieder in unsere 



378 VIERZEHNTES KAPITEL 

Wirklichkeit ein . Man muß nur die Begriffe von ihrer 
engen dogmatischen Bindung befreien und sie wieder 
in das Leben hineinstellen als das, was sie sind: Be- 
standteile unserer moralischen Existenz, nicht un- 
wichtiger und nicht unwirksamer als alle psychischen 
Elemente, von denen jeder weiß, und deren er sich 
oft und liebevoll zur Umreißung und Erläuterung 
der eigenen Person bedient. Aber nach dem Gesetz 
von Gläubigkeit und Ungläubigkeit, nach den Wer- 
tungen von Gut und Böse, nach dem Erfahren von 
Sünde und Vergeltung und nach den! Erlebnis von 
Befreiung und Verfangenheit lebt der Mensch viel 
tiefer als nach dem Gesetz des Eros, der längst schon 
wieder in die Dunkelheit des Dogma herabgesunken ist. 



ENDE 



ANHANG 

7 

KATALOG DER KÖNIGE 

BIBLIOGRAPHIE 

INHALTSANGABE 



ANHANG 381 

KATALOG DER KÖNIGE 

Isaac Silveyra König David 

Abraham Jachini ; . . . König Salomo 

Salomo Lagnado . . Joahas 

Joseph Cohen Usia 

Mosche Galante Josaphat 

Daniel Pinto Hiskia 

Abraham Skandala Jotham 

Mokia Caspar Zedekia 

Abraham Leon Achas 

Ephraim Arditi Joram 

Salomo Carmona Achab 

Matathia Aschkenasi , Asa 

Meir Alcaire Rehabeam 

Jakob Loxas Ammon 

Mardochai Jessurun Jehpjakim 

Joseph Karillo Abia 

Conorte Nehemias Zerubbabel 

Joseph Caire Joas 

Eljakim Khaver . . ... Amasia 

Abrahm Rubio Josia 

Joseph Pernick Statthalter Sabbatais 

Ehas Zewi König des Königs der Könige 

Joseph Zewi König der Könige in Juda 

Elia Asar . . : , Vizekönig Sabbatais 



382 ANHANG 

BIBLIOGRAPHIE 

Meüräot Zewi . Libro di los akontisimentos di Schabtai Zewi . 
Saloniki 1871. < 

Moses Bensabat Amzalak: Shabbetai Sevi. Una Carta Em 
Portugues Do Secolo XVIII Em Que Se Testemunham 
Factos Relativos a Sua Vi da. Lisboa. 1926 . 
Freimann: Injane Schabtai Zewi. Berlin 191 2. Darin: 
Baruch de Arezzo: Sichron Tbne Jisrael, ferner Likkutim 
und Megilloth afoth . 

Wonderlyke Leevens-Loop van Sabatai-Zevi, Valsche Mes- 
sias der Joden, door J. de Rie. Te Leyde, By Cryn Visser. 

1739- 

Ydele verwachtinge der Joden, Getoont in den Persoon van 

Sabethai Zevi Haren laetsten vermeynden Messias, Ofte 
Historisch Verhael van't gene ten tijde sijner opwerpinge in't 
Ottomanisch Rijck onder de Joden aldaer voorgevallen is, en 
sijn Val. Door Thomas Coenen. t' Amsterdam Gedruckt by 
Joannes van den Bergh, 1669. 

A Nev/ Letter, Concerning the Jewess, Written by the French 
Ambassador at Constantinople, to his brother, the French 
Resident at Venice, Monsieur de Chaumont. London. 
Printed by A. Maxwell for Robert Boulter, at the Turks- 
Head in Cornhil 1666. 

Anabaptisticum et Enthusiasticum: Pantheon und Geistliches 
Rüst-Haus wider die Alten Quaeker und Neuen Frey-Geister. 
Cöthen 1702. Darin: 

Die Geschichte von dem großen Betrieger oder Falschen Ju- 
den Könige Sabbatai Sevi von Smirna. Der sich Anno 1666 
für einen König der Juden in der Türekey auffgeworffen, 
nachdem aber den Mahometanischen Glauben, angenommen 
und im i676sten Jahr zu Constantinopel als ein Türck ge- 
storben ist. Gedruckt im Jahr Christi MDCCII . 
Der Erzbetrüger Sabbatai Sevi, der letzte falsche Messias der 
Juden unter Leopolds I. Regierung. Im Jahre der Welt 5666, 



BIBLIOGRAPHIE 383 

und dem i666ten nach Christi Geburt. Halle, bey Christoph 
Peter Francken. 1760. 

Eilende Messias Juden-Post oder Gründliche Widerlegung 
des heutigen Gedichts von dem neuerstandenen Messia der 
Juden und seines Propheten Nathan. Von Michael Buchen- 
roedern, Pfarrer und Superintendent zu Heldburgk. 1666. 
Kurze Nachricht von dem falschen Messias Sabbathai Zebhi 
und den neulich seinetwegen in Hamburg und Altena ent- 
standenen Bewegungen zu besserer Beurteilung derer bisher 
in den Zeitungen und anderen Schriften davon bekandt ge- 
wordenen Erzählungen aufgesetzt von Carl Anton, Lectorn 
der Rabbinischen Sprache auf der Hochfürstl. Julius Carls 
Universität zu Helmstedt. Wolfenbüttel, Bey Johann Chri- 
stoph Meissner 1752. 

Ein Schön Neu Lied vom Messia, Anfangs Dem vermeinten 
jüngsten Messiae im Morgenland Schabbasi Zebhi von Jacob 
Taussk von Prag zu Ehren auffgesetzt, Und im Jahr 1666 in 
Amsterdam mit Jüdischer Schrifft gedruckt; jetzo aber, damit 
der Juden blinde Torheit unter den Christen bekanter werde, 
Auss dem Holländisch Jüdischen Exemplar, mit behaltenem 
Dialecto, nachgedruckt in Bresslau, Im Jahre unseres wahren 
Messias 1670. In der Baumannischen Erben Druckerey 
druckts Johann Christoph. 

Theatrum Europaeum. Band X. Darin: Bericht d. d. 2. April 
1 666 . Frankfurt 1677. 

David Kaufmann: Une piece diplomatique Venitienne sur 
Sabatai Zevi. Revue des Etudes Juifes. XXXIV. S. 305. 
Greuel der falschen Messien. Von Johann Christpoh Mül- 
lern. Cöthen 1702. In: Anabaptisticum et Enthusiasticum. 
Graetz: Geschichte der Juden. Band X. Kap. 7 und Note 4. 
Seltzamber und Unvermeinter wiewol Umständiger und für 
Gewiss eingelangter Bericht, was es mit deme schier Verges- 
senen nunmehr wider ojffenbahrn entstandenen Jüdischen 
König Sabathai Sebi Jetzt und vor eine Beschajffenheit habe. 
Auss Amsterdam vom 5. Augusti 1 666, 

Horschetzky: Sabbatai Zewi, eine biographische Skizze. In: 
Allgemeine Zeitung des Judentums. 1838. pp. 520 £F. 



384 ANHANG 

D. Kaufmann: Le rachat des juifs prisonniers durant la per- 
secution de Chmelnicki . Revue des Etudes juifes. XXV. 202. 
Aus dem Protokollbuch der portugiesischen Gemeinde Ham- 
burg. Frankfurter Jahrbuch der Jüdisch Literarischen Ge- 
sellschaft. XI. 5, 9, 29 f. 

Ricaut: Histoire de l'em^ire Ottoman, Paris 1709. 
De la Croix: Memoire contenant diverses relations de Pem- 
pire Ottoman. II. Paris 1684. 
Sasportas: Kizzur zizath nobel Zebi. Odessa 1867. 
Emden: Torathha'kannauth. Lemberg 1870. 
Balaban: Die Judenstadt von Lublin. Berlin 1920. 
Documents etTraditions sur Sabbatai Cevi et sa Secte. Revue 
des Etudes Juifes XXXVII. S. 103. 

Ernst Sellin: Die israelitisch-jüdische Heilserwartung. Berlin 
1909. 

Dubnow: Geschichte der Juden. Band VII. 
The Jewish Encyclopedia über Sabbatai Zewi. 
Gerhard Scholem: Theologie des Sabbatianismus. In: Der 
Jude, Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigsten Geburtstag. 
Rubaschow: R. Samuel Primo. In: Haschiloach XXIX. 

36-47. 



^ 



ANHANG 385 

INHALTSANGABE 

Erstes Kapitel: Sinngebung einer Zeit Seite 7 

Zweites Kapitel: Eine Jugend .. 19 

Drittes Kapitel : Gemetzel 43 

ViertesKapitel: Anrufung des Namens .. 65 

Fünftes Kapitel: Ackerboden 91 

Sechstes Kapitel: Der Prophet und die Dirne 113 

Siebentes Kapitel: Posaunen . .. .. 141 

Achtes Kapitel: Tumult 161 

Neuntes Kapitel: Echo .. 213 

Zehntes Kapitel: Migdal Os 247 

Elftes Kapitel: Katastrophe 275 

Zwölftes Kapitel: Der Renegat .. 311 

Dreizehntes Kapitel: Todeszuckungen. 329 

Vierzehntes Kapitel: Sinngebung des Geschehens . .. 365 

ANHANG 

Katalog der Könige , 38 1 

Bibliographie 382 



Die Wiedergabe 

der zwölf Kupfertiefdrucktafeln 

erfolgte fast ausschließlich nach zeitgenössischen Darstellungen . 

Die Vorlage für die Tafel I stellte uns freundlicherweise 

der Jüdische Verlag , Berlin , aus seinem Werk 

»Denkwürdigkeiten der Glückel 

von Hameln« zur 

Verfügung 



• Hergestellt 

von 

Jakob Hegner in Helleräu 

bei 

Dresden 



BM; 75| JSlatzensteiny 
• SSKlä Julius f 1890-1Ö46« 
Sabbatoki Zewi^ 

der Messias von 

Ismir 



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TY OF CH 



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22 579 888 



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BM 755 Katzenstein« 

• S5K1S Julius, 1890T-1946. 

Sabbatal Zewiy 
der Messias von, 

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THE UNIVERSITY OF CHICAGO LIBRARY 



BM 755 Katzensteinf 
.S6K19 Juliusf 1890-1&46« 
Sabbatai Zewif 

der Messias von 

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22 579 888 



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.S5K1S Julius, 1890-1946« 
SabbataJL Zewif 

der Messias von 

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